#44 Marisela: Von der Jägerin zur Gejagten
Shownotes
Diese Folge ist schon vor Monaten in der Podimo App veröffentlicht worden. In der Podimo App findet ihr schon jetzt 60 kostenlose Folgen, die ihr ganz ohne Anmeldung oder Abo hören könnt – Einfach nur die App öffnen und ‘12 Leben’ finden: https://podimo.de/12leben
Zusätzlich zu den 60 kostenlosen Folgen findet ihr dort auch die neueste Staffel im Premium-Bereich. _ Chihuahua, 16. Dezember 2010: Die 52-jährige Marisela hat seit 10 Tagen ein Protestcamp auf der anderen Straßenseite des Gouverneurspalastes aufgeschlagen. Aber ihre Proteste dauern schon viel länger an. Seit ihre Tochter Rubí verschwunden ist, organisiert Marisela Proteste im ganzen Land dafür, dass endlich etwas gegen die strukturelle Gewalt gegen Frauen in Mexiko getan wird. Rubí soll nicht nur eine weitere Zahl in einer schrecklichen Statistik sein. Marisela wird nicht aufgeben, für Gerechtigkeit zu kämpfen, das nimmt sie sich vor. Doch ein ganzes Kartell möchte das verhindern.
In dieser Folge sprechen wir mit Maja Liebing. Sie ist Expertin für Menschenrechtsverletzungen in Zentralamerika und arbeitet bei Amnesty International.
Außerdem kommt Marisela selbst zu Wort, in dem wir sie immer wieder aus Interviews und der Dokumentation “Die drei Tode der Marisela Escobedo” zitieren.
Triggerwarnung: Diese Folge behandelt explizite Schilderungen von körperlicher Gewalt. Bei Gewalterfahrungen findet ihr anonym und kostenfrei Unterstützung unter folgenden Nummern:
Hilfetelefon “Gewalt gegen Frauen”: 08000 116 016 (rund um die Uhr)
Telefonseelsorge: 0800 111 0 111 (rund um die Uhr)
Opfer-Telefon vom Weißen Ring: 116 006 (7-22h Uhr)
Mehr Infos bekommt Ihr auf der Homepage der Online Datenbank für Betroffene von Straftaten: www.odabs.org
Habt ihr Feedback oder wollt, dass wir einen Fall erzählen, der mehr Aufmerksamkeit verdient? Dann könnt ihr uns eine E-Mail schreiben: 12leben.podimo@gmail.com
"12 Leben – Verbrechen an Frauen" ist ein Podcast von Podimo. Hosts: Helen Schulte und Massimo Maio Autorin dieser Folge: Katharina Fräbel Schnitt und Sound: Frieder Maurer & Luca Sartori (hipitch) Ausführende Produzentin: Madeleine Petry
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00:00:04: Die Männer, die es gewohnt sind, Frauengewalt anzutun, die sollen lernen, dass Strafen nicht nur auf dem Papier stehen.
00:00:14: Es gibt kein Zurück.
00:00:17: In dieser Folge geht es um körperliche Gewalt.
00:00:20: Ihr findet Hilfsangebote in den Show-Nodes, zum Beispiel zum Nachlesen die Nummer vom Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen.
00:00:27: Die erreicht ihr unter der Nummer Nullachtausend, Eins, Sechs, Nullein, Sechs.
00:00:31: Alle Infos findet ihr auch in den Show-Nodes.
00:00:43: Die Zweiundfünfzigjährige Maricela blickt auf die anderen Frauen, die sich in Chihuahua versammelt haben.
00:00:48: Wie jedes Jahr an diesem Tag ist ein Zug an Demonstrantinnen zusammen durch die Stadt gezogen.
00:00:53: Denn der Zweiundfünfzigste November ist der internationale Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen.
00:00:59: Und wie jedes Jahr ist der Demonstrationszug vor dem Gouverneursgebäude stehen geblieben.
00:01:04: Bedrohlich und kalt, türmt sich die prächtig verzierte Fassade des Gebäudes vor der Gruppe auf.
00:01:09: Der Torbogen, der den Eingang bildet, ist verziert mit Schnörkeln und kolonialistischen Säulen.
00:01:14: Über der wuchtigen Tür steht geschrieben Palacio de Gobierno, Regierungspalast.
00:01:20: Unüberschaubar für alle, die durch den Torbogen des Palastes auf die Straße treten, steht auf der gegenüberliegenden Straßenseite des Gebäudes, dort, wo sich jetzt die Demonstrantinnen versammeln, ein Mahnmal.
00:01:31: Eine überlebensgroße, rechteckige Platte, gestützt von zwei Holzbalken.
00:01:35: Von der oberen linken Ecke bis in die untere Rechte wurde eine Metallkette angebracht, die das große, plattenförmige Konstrukt in zwei teilt.
00:01:44: Die linke Seite ist in einem hellen Pink gestrichen, die Rechte in einem dunklen Blau.
00:01:49: Auf dem blauen Teil hängt ein großes Holzkreuz, das auf der gesamten Platte von hunderten Eisennägeln, die in das Holz geschlagen wurden, umringt wird.
00:01:58: An den Nägeln hängen Bilder, Kleidung.
00:02:00: Schilder mit Namen von Frauen.
00:02:02: Jeden Tag erinnert dieses Mahnmal die Menschen in Chihuahua an die Gefahr, der Frauen in der Region und in ganz Mexiko tagtäglich ausgesetzt
00:02:19: sind.
00:02:31: Sie konnten sich nicht verabschieden und haben keine Grabstätte, die sie zum Trauern besuchen können.
00:02:37: Immerhin das hat Maricela in den letzten zwei Jahren, seitdem verschwinden ihrer Tochter Ruby erreicht.
00:02:43: Sie weiß, was Ruby angetan wurde.
00:02:46: Und sie weiß auch, wer der Täter ist.
00:02:48: Und trotzdem.
00:02:49: Seit zwei Jahren kämpft sie für Gerechtigkeit, für Ruby, für ihre Familie, für die Töchter der Frauen, mit denen sie heute hier in Chihuahua demonstriert und für Tausende andere Frauen in Mexiko.
00:03:05: Diese Folge dreht sich um Maricela.
00:03:07: Ihr Leben ist eines von zwölf, um die es in diesem Podcast geht.
00:03:32: Hi, ich bin Helen.
00:03:33: Hi, ich bin Massimo und in dieser Folge sprechen wir zum ersten Mal über einen Fall aus Zentralamerika.
00:03:39: Der heutige Fall hat sich in Ciudad Juarez und in Chihuahua in Mexiko zugetragen.
00:03:45: Das ist eine Region in Mexiko, die vor allem durch eine unglaublich hohe Rate an Femiziden bekannt geworden ist.
00:03:51: Auch heute verschwinden und sterben in Mexiko immer noch hunderte Frauen pro Jahr.
00:03:56: Wir erzählen in dieser Folge von Maricela und ihrer Tochter Ruby und davon, was die Kraft und der Wille einer Frau auslösen und bewegen kann.
00:04:04: Am Tag, an dem diese Folge veröffentlicht wird, dem XXV November, finden überall auf der Welt Proteste gegen Femizide und Gewalt an Frauen statt.
00:04:13: Denn wie ihr gerade schon gehört habt, der XXV November ist der internationale Tag zur Beseitigung gegen Gewalt an Frauen.
00:04:21: Und natürlich brauchen wir diese Proteste, um Aufmerksamkeit auf das Thema zu lenken, in Mexiko, aber auch international.
00:04:27: Das hier ist Maya Liebing.
00:04:28: Sie ist Amerika-Referentin bei Amnesty International und beschäftigt sich dort unter anderem mit Menschenrechtsverletzungen in Mexiko.
00:04:36: Sie hat uns erzählt, warum Proteste so wichtig sind und auch, warum es gerade in Mexiko so hohe Femizid-Raten gibt.
00:04:42: Denn wenn man die deutsche und mexikanische Kriminalstatistik aus dem Jahr-Zweitausend-Zweiundzwanzig vergleicht, gibt es in Mexiko mehr als dreißigmal so viele Femizide als in Deutschland.
00:04:53: Mit Maricellas Familie konnten wir leider nicht selbst sprechen, aber ihre Kinder, ihre Schwester und Wegbegleiterinnen haben in der Doku die drei Tode der Maricella Escobedo darüber gesprochen, was Maricella für ein Mensch war.
00:05:06: und darüber, wie wichtig es ihr war, sich für ihre Tochter Ruby und auch für die Rechte und den Schutz von Frauen einzusetzen.
00:05:13: Maricela selbst hat auch viele Interviews gegeben und vor Kameras gesprochen.
00:05:17: Sie kommt in der Dooku auch selbst zu Wort.
00:05:19: Diese Dokumentation war neben einigen Artikeln zu dem Fall ein wichtiger Teil unserer Recherche.
00:05:25: Aus ihr werden wir auch immer wieder Maricela selbst zitieren.
00:05:35: Maricela wird am zwölften Juni.
00:05:40: Während in Deutschland das Wirtschaftswunder im vollen Gange ist, gibt es in Südamerika in den Fünfzigern ein Rückgang der Wirtschaft.
00:05:48: Aber Mexiko reformiert trotz der wirtschaftlichen Lage in Südamerika weiter das Land.
00:05:53: Baut Straßen und Sozialleinrichtungen aus.
00:05:56: Pietras Negras, die Stadt, in der Maricela geboren wird, liegt im Norden Mexikos, an der Grenze zu Texas.
00:06:03: Dort wächst Maricela gemeinsam mit ihren Geschwistern auf.
00:06:07: Als Kind ist sie fröhlich.
00:06:09: Sie liebt es, sich zum Rhythmus der mexikanischen Musik zu bewegen und zu tanzen.
00:06:20: Ihre Kindheit und Jugend verläuft wie so viele andere auch zu der Zeit.
00:06:24: Maricela geht zur Schule, macht ihren Abschluss, lernt einen Mann kennen, den sie heiratet und beginnt eine Ausbildung zur Krankenpflegerin.
00:06:31: Als Maricela circa zwanzig Jahre alt ist, bringt sie ihren ersten Sohn zur Welt, Juan.
00:06:36: Sie und ihr Mann sind überglücklich und schnell folgen weitere Kinder.
00:06:40: Zunächst wohnt Maricela mit ihrer Familie in ihrer Heimatstadt Pietras Negras.
00:06:45: Aber dann bekommt sie ein Jobangebot.
00:06:47: In Ciudad Juarez wurde ein neues Krankenhaus gebaut.
00:06:51: Und nun ist man auf der Suche nach Personal.
00:06:53: Auch Krankenpflegerinnen werden gesucht.
00:06:55: Also beschließen Maricela und ihr Mann in die ca.
00:06:58: ein-tausend Kilometer entfernte Stadt Ciudad Juarez zu ziehen.
00:07:02: Genau wie Pietras Negras ist Ciudad Juarez eine Grenzstadt.
00:07:05: Sie liegt unmittelbar an der texanischen Stadt El Paso.
00:07:09: Viele Kinder dort, so auch die von Maricela, gehen im US-amerikanischen El Paso zur Schule.
00:07:14: In Ciudad wächst die Familie weiter.
00:07:16: Insgesamt vier Kinder hat Maricela zu dem Zeitpunkt.
00:07:20: Zu dem kleinen Juan sind noch Alejandro, Jessica und Pablo hinzugekommen.
00:07:24: Und Anfang der Neunziger bekommt Maricela schließlich ihr fünftes und letztes Kind, Ruby.
00:07:30: Ruby ist das Nestigchen der Familie.
00:07:33: In Maricelas Augen ist Ruby vorbildlich, klug und schön.
00:07:37: und auch ihre Geschwister lieben die kleine Ruby über
00:07:39: alles.
00:07:40: Weil Maricela und ihr Mann viel arbeiten müssen, kümmern sich ihre älteren Geschwister häufig um sie.
00:07:45: Wenn Maricela in der Nachtschicht ist, kocht Maricelas älteste Tochter Jessica.
00:07:50: Juan, das älteste Kind, nimmt Ruby oft mit, wenn er unterwegs ist.
00:07:54: Alle singen dem kleinen Mädchen Lieder vor, um sie aufzuheitern und zum Lachen zu bringen.
00:07:59: Als Ruby älter wird, singen sie dann wiederum Lieder, um Ruby zu ärgern und zu necken.
00:08:05: Ein typisches Verhalten von älteren Geschwistern, den jüngeren Gegenüber.
00:08:09: Mit Mitte vierzig beschließt Marie-Sella, dass sie genug davon hat, Krankenschwester in der Nachtschicht zu sein.
00:08:14: Sie möchte sich selbstständig machen.
00:08:16: Also eröffnet sie ein Geschäft für Holz und Möbel in Ciudad Juarez.
00:08:20: Oft nimmt sie Ruby mit zur Arbeit, die dann auch ab und zu im Geschäft ihrer Mutter aushilft.
00:08:37: Es ist circa Zwei-Tausend-Fünf.
00:08:39: Ruby ist um die dreizehn Jahre alt, als die Tür des Ladens aufgeht.
00:08:44: Durch den Eingang tritt ein junger Mann.
00:08:46: Er ist einige Jahre älter als Ruby, vielleicht Anfang zwanzig.
00:08:50: Er stellt sich als Sergio B vor, sagt, er habe eine Frau und ein Kind und sei auf der Suche nach einem Job.
00:08:56: Maricela schaut ihn an.
00:08:58: Eigentlich ist sie momentan nicht auf der Suche nach Mitarbeitenden, aber sie hat Mitleid mit dem jungen Mann vor ihr.
00:09:04: Also bietet sie Sergio B an, dass er zumindest einen Tag bei ihm Geschäft aushelfen kann.
00:09:09: Sergio B nimmt das Angebot an.
00:09:11: Den ganzen Tag verbringt er mit Maricela und Ruby im Geschäft.
00:09:15: Immer wieder wandern seine Augen zu Ruby.
00:09:18: Auch Ruby fällt der junge, gut aussehende Mann auf, der ihre Mutter aushilft.
00:09:22: Nach diesem Tag bleiben Ruby und Sergio B. in Kontakt.
00:09:26: Und die dreizehnjährige Ruby und der fast zehn Jahre ältere Sergio B. werden ein
00:09:30: Paar.
00:09:32: Ich war gegen die Beziehung.
00:09:34: Ich fürchtete, meine Tochter würde mich hassen, wenn ich mich zwischen sie und den Mann, den sie liebdestellte.
00:09:41: Also beschloss ich mich vor, es herauszuhalten.
00:09:46: Auch Maricela's Söhne, Juan und Alejandro sind nicht begeistert von der neuen Beziehung ihrer kleinen Schwester.
00:09:52: Sergio B ist immerhin über zwanzig Jahre alt und Ruby ist erst dreizehn.
00:09:57: Sie ist ein Kind.
00:09:58: Außerdem hat er keinen Job.
00:10:00: Aber auch sie wollen sich nicht in ihr Leben einmischen.
00:10:03: In den nächsten Tagen und Wochen verbringen Ruby und Sergio B immer mehr Zeit miteinander.
00:10:08: Dann sieht Ruby bei Maricela aus.
00:10:11: Ab jetzt wohnen sie mit Sergio B zusammen.
00:10:13: Maricela sieht Ruby jetzt immer seltener.
00:10:16: Obwohl Ruby schon vorher viel Zeit mit Sergio B. verbracht hat, hat sie zuvor wenigstens noch mit Maricela zusammengewohnt.
00:10:23: Aber jetzt, wo sie ausgezogen ist, bricht der Kontakt immer weiter ab.
00:10:27: Und auch Maricelas andere Kinder bekommen ihre Schwester immer weniger zu Gesicht.
00:10:31: Aber anders als Maricela besuchen sie Ruby in ihrem neuen Zuhause bei Sergio B. Und das wortwörtlich, denn laut Juan, dem ältesten der fünf Geschwister, darf Ruby, Sergio B.s Wohnung, nicht mehr verlassen.
00:10:44: Sergio B. isoliert Ruby von ihrem gewohnten Umfeld.
00:10:52: Zwei Jahre später.
00:10:54: Maricela sieht Ruby nur noch sehr selten.
00:10:57: Aber erst vor Kurzem können sie endlich mal wieder etwas mehr Zeit miteinander verbringen.
00:11:02: Zusammen mit der ganzen Familie sind sie nach Acapulco in den Urlaub gefahren.
00:11:07: Einem Badeort an der Pazifik-Küste Mexikos.
00:11:10: Dort haben sie gemeinsam als Familie endlich wieder Spaß gehabt.
00:11:14: Rubies Geschwister haben ihr wie gewohnt Lieder vorgesungen, um sie zu ärgern.
00:11:18: So wie früher, denkt Maricela.
00:11:21: Im Urlaub haben sie auch gemeinsam Rubies anstehenden fünftzehnten Geburtstag geplant, den sie zusammen verbringen wollen.
00:11:28: Hoffentlich kann Maricela auch nach der Zeit in Acapulco Rubi wieder öfter sehen.
00:11:33: Als der Urlaub vorbei ist und Rubi wieder bei Sergio B ist, bekommt Maricela eine überraschende Nachricht.
00:11:39: Ihre fünfzehnjährige Tochter ist schwanger.
00:11:42: Neun Monate später bekommen Maricela ein Enkelkind.
00:11:46: Ein kleines Mädchen.
00:11:47: Anders als erwartet, wird der Kontakt zwischen Maricela und Ruby in den Monaten nach der Geburt wieder intensiver.
00:11:53: Ruby besucht ihre Mutter regelmäßig.
00:11:55: Sie verbringt dann den ganzen Tag bei Maricela und bleibt auch bis spät abends.
00:12:00: Maricela wundert sich.
00:12:02: Vielleicht haben Ruby und Sergio B. Geld Probleme.
00:12:05: Immerhin ist Sergio B. arbeitslos.
00:12:07: Und weil die beiden sich nicht einmal eine Wohnung leisten können, hat Maricela ein Apartment, das sie als Lager benutzt, für die beiden frei geräumt, in dem Sergio B. und Ruby seit dem Leben.
00:12:18: Vielleicht besucht Ruby ihre Mutter so oft, um eine gute Mahlzeit zu bekommen.
00:12:22: Beim Abschied steckt Maricela ihrer Tochter immer ein paar mexikanische Pesos
00:12:26: zu.
00:12:30: Als Ruby's großer Bruder Juan, an einem Tag im August, aber dann das Apartment von Ruby und Sergio B. betritt, ist etwas anders als sonst.
00:12:40: Das ist still.
00:12:43: Keine Geräusche sind zu hören.
00:12:45: Nicht das Klappern von Geschirr in der Küche, nicht die Stimme seiner Schwester, noch das leise Gebrabe seiner Nichte.
00:12:51: Die Wohnung ist leer.
00:12:53: Ruby und ihre Tochter sind wie vom Erdboden verschluckt.
00:13:02: Als Maricela erfährt, dass Juan in dem Apartment niemanden getroffen hat, ist sie besorgt.
00:13:07: Wo könnte Ruby sein?
00:13:09: Normalerweise hält sich Ruby viel zu Hause auf, auch weil Sergio B. sie dort von der Umgebung abschottet.
00:13:15: sofort entschließt sie sich, mit ihrer Familie nach Ruby zu suchen.
00:13:19: Ihre erste Anlaufstelle, Sergio B. ist Mutter.
00:13:22: Maricela fährt in das Stadtviertel in Ciudad Juarez, in dem sie wohnt und klingelt.
00:13:28: Und tatsächlich, Sergio B. ist mit seiner und Ruby's Tochter hier.
00:13:32: Aber wo ist Ruby?
00:13:34: Ich fragte nach meiner Tochter.
00:13:36: Er sagte, sie sei mit einem Kerl weg.
00:13:39: Ich glaubte ihm nicht und fragte nach dem Namen.
00:13:43: Er wollte keinen nennen.
00:13:44: Das brachte nichts und deswegen sind wir gegangen.
00:13:48: Maricela und Juan bekommen ein schlechtes Gefühl.
00:13:51: Maricela kennt ihre Tochter.
00:13:52: Ruby würde niemals ihr Baby zurücklassen, um mit einem anderen Typen abzuraunen.
00:13:56: Als sie am nächsten Tag erneut bei Serjubes Mutter klingeln, ist dieser zusammen mit Maricelas Enkelin weg.
00:14:02: Am Tag zuvor hatte Maricela nur einen Verdacht.
00:14:05: Jetzt ist sie sich sicher.
00:14:09: Bei mir stand der Alarm auf Rot.
00:14:12: Ruby war etwas zugestoßen.
00:14:16: In den kommenden Monaten sucht Maricela gemeinsam mit ihrer Familie nach Ruby in der ganzen Stadt.
00:14:22: Sie beginnen ihre Suche in Bars und Bordellen im Zentrum der Stadt.
00:14:26: Ihre Theorie, vielleicht ist Ruby wie unzählige andere Frauen in Mexiko Opfer von Menschenhandel geworden und wird zur Prostitution gezwungen.
00:14:36: Sie wissen, Ciudad Juarez ist eine der kriminellsten Städte in Mexiko.
00:15:05: Einhalb Monate später möchte Maricela ihre Tochter als vermisst melden.
00:15:09: Es hat lange gedauert, bis sie sich dazu durchringen konnte, diesen Schritt zu gehen und sich einzugestehen, dass Ruby wirklich verschwunden ist.
00:15:16: Doch die Polizei sieht kein Anzeichen für ein Verbrechen.
00:15:19: Sie sagen, Maricela, dass Ruby wahrscheinlich einfach abgehauen sei, eine Vermisstenanzeige sei nicht nötig.
00:15:25: Laut Amnesty International wurden allein im Jahr two-tausend-dreiundzwanzig ca.
00:15:30: dreieinhalbtausend Frauen in Mexiko als vermisst gemeldet.
00:15:34: Maricela will sich damit nicht zufrieden geben, dass ihre Tochter angeblich nur abgehauen sei.
00:15:39: Sie will, dass die Behörden nach Ruby suchen.
00:15:42: Sie kennt ihre Tochter.
00:15:43: Und es sich sicher, Ruby würde nicht einfach so abhauen.
00:15:47: Ihr muss etwas passiert sein.
00:15:49: Also sammelt sie Beweise dafür, dass Ruby nicht einfach nur nicht zu finden ist.
00:15:53: Maricela klappert Krankenhäuser ab, stellt sich Befragungen und Durchsuchungen, putzt Klingen bei den wichtigen Leuten in den Behörden, Und schließlich, im Februar, zwei Tausendneuen, ca.
00:16:03: fünf Monate, nachdem Ruby verschwunden ist und dreieinhalb Monate, nachdem Maricela sich zum ersten Mal an die Polizei gewandt hatte, beginnt die vermissten Einheit der Polizei mit einer Suchaktion nach Ruby.
00:16:14: Die Staatsanwaltschaft Chihuahua, zu der die vermissten Einheit gehört, die nach Ruby suchen soll, hat zu dieser Zeit eine groß angelegte Flyer-Aktion geplant.
00:16:23: In der ganzen Region sollen Papiere verteilt werden, auf denen die Namen und Gesichter von Mädchen und Frauen zu erkennen sind.
00:16:29: Die vermisst werden.
00:16:31: Auch ein Bild von Ruby ist dabei.
00:16:33: Unter ihrem Bild ist auch eine Belohnung ausgeschrieben.
00:16:36: Für alle, die Hinweise zum Aufenthalt oder Verbleib der Vermissten haben.
00:16:40: Die Flyer hängen an Straßenlatern und Häuserwänden in ganz Ciudad Juarez.
00:16:45: Maricela's Sohn spricht dem Mut zu.
00:16:47: Wenn etwas mit Ruby passiert ist, dann wird sich jemand melden, der in die Sache involviert ist.
00:16:52: Da ist er sich sicher.
00:16:54: Und tatsächlich.
00:16:55: Eines Tages klingelt Maricelas Telefon.
00:16:58: Am anderen Ende der Leitung ist ein junger Mann.
00:17:01: Er sagt, er wisse, was mit Ruby passiert sei.
00:17:04: Er wolle sich mit Maricela persönlich treffen, um ihr zu erzählen, was Ruby zugestoßen ist.
00:17:10: Wir hatten Angst, ihn zu treffen.
00:17:12: Wir dachten, das sei gefährlich wegen der Belohnung, die wir ausgesetzt haben.
00:17:18: Er stieg in den Wagen und sagte, wir sollen wegfahren.
00:17:21: Und er sagte, was ich zu sagen habe, ist schrecklich.
00:17:27: Der Mann erzählt Maricela, dass er im August mit Freunden unter anderem auch Sergio B.s Bruder unterwegs gewesen sei, als Sergio B. aufgetaucht sei.
00:17:36: Er erzählt, dass Sergio B. außer sich gewesen sei und die Gruppe nach Hilfe gefragt hatte.
00:17:41: Angeblich habe er Hilfe beim Schleppen von Möbeln gebraucht.
00:17:44: Sergio B.s Bruder und ein weiterer Freund seien dann mitgegangen.
00:17:49: Dann seien einige Stunden vergangen, bis die Balben zurück kamen und erzählten, dass Sergio B. seine Freundin Ruby umgebracht habe.
00:18:05: Als wenig später auch Sergio B. selbst vorbeikam, habe er auf die Nachfrage der Gruppe zugegeben, Ruby umgebracht zu haben.
00:18:13: Laut dem Mann, der Maricela in ihrem Auto gegenüber sitzt, habe Sergio B. dann erzählt, wie sie Rubis Leiche auf der Müllkippe in eine Tonne gehoben und angezündet hätten.
00:18:23: Als Maricela die Geschichte hört, weiß sie, dass das, was sie nun seit fast einem halben Jahr vermutet hat, tatsächlich passiert ist.
00:18:31: Rubi wurde getötet.
00:18:32: Bei dem Täter handelt es sich um Rubis eigenen Partner.
00:18:38: Maricela weiß, dass sie nun ihren Kindern, Rubis Brüdern und ihrer Schwester erzählen muss, was passiert ist.
00:18:45: Mit Tränen in den Augen ruft sie ihre Familie zusammen und erzählt ihnen, was sie erfahren hat.
00:18:50: Maricelas Familie ist schockiert.
00:18:54: Nachdem der Zeuge seine Aussage bei der Polizei wiederholt hat, beginnt die Suche nach Rubis Leiche.
00:19:00: Obwohl nun ein offizielles Ermittlungsverfahren eröffnet worden ist und Beamtinnen auf den Fall angesetzt worden sind, hat Maricela den Eindruck, dass sie den Behörden nicht vertrauen kann.
00:19:10: Sie weiß, dass die Polizeibeamtinnen in Ciudad Juarez anfällig für Korruption sind und sich in vielen Fällen auch nicht genügend zur Aufklärung von Verschwinden und Gewalt gegen Frauen einsetzen.
00:19:21: Sie glaubt daher, dass nichts passiert, solange sie sich nicht selbst dafür einsetzt.
00:19:26: Die letzten Monate haben sie darin bestärkt.
00:19:28: Also beginnt sie selbst auf der Müllkippe nach Rubis Leiche zu suchen.
00:19:32: Obwohl Maricela in diesen Momenten weiß, wonach sie sucht, hat sie doch die Hoffnung, dass die Geschichte gelogen war und sie Rubi ganz woanders lebend wiederfinden und nicht tot auf einer Müllkippe.
00:19:44: Gemeinsam mit ihrer Familie, mit Freundinnen und freiwilligen Helferinnen dreht sie jeden Stein um, hebt jeden Knochen auf.
00:19:52: Aber außer Tierkadavern und Essensresten finden sie und ihre Helferinnen nichts.
00:19:57: Immer noch gibt es keine Spur von Ruby.
00:20:00: Maricela weiß, der einzige, der den Ort kennt, an dem sie Ruby finden kann, ist Sergio B. Also beschließt sie, nach ihm zu suchen.
00:20:07: In der Doku, aus der wir hier immer wieder zitieren, erzählt ihr Sohn Juan später, dass Maricela Informationen über Sergio Bs Aufenthalt gekauft habe.
00:20:16: Ob die Geschichte so stimmt und wie sie das genau geschafft haben könnte, das wissen wir nicht.
00:20:21: Allerdings ist Mexiko ein Land, das für seine Korruption und für organisiertes Verbrechen bekannt ist.
00:20:26: wie uns auch Amnesty International Referentin Maya Liebing bestätigt.
00:20:30: Aber fest steht, Maricela findet ohne die Hilfe der Polizei heraus, wo Ser Jobesich inzwischen auffällt, in Fresnillo.
00:20:38: Zwei Tage nachdem sie den Aufenthaltsort des mutmaßlichen Mörders ihrer Tochter herausgefunden hat, fährt sie zusammen mit ihrem Freund, ihrem Bruder und vier Beamtinnen nach Fresnillo.
00:20:48: Die Stadt liegt mehr als tausend Kilometer von Ciudad Roares entfernt, tief im Landesinneren von Mexiko.
00:20:55: Als Sergio B. aus Siodat Roares abgehauen ist, hatte er seine und Rubis Tochter mitgenommen.
00:21:01: Aber weil man Rubis Leichen noch nicht gefunden hatte, galt sie auch zu dem Zeitpunkt noch als lebend.
00:21:06: Und somit hätte Sergio B. Rubis Erlaubnis gebraucht, um die gemeinsame Tochter über die Grenzen des Staates Chihuahua ins entfernte Fresnio zu bringen.
00:21:16: Sergio B. wird in Fresnio wegen unerlaubten Grenzübertritt in Begleitung einer Minderjährigen festgenommen.
00:21:22: Obwohl er nicht wegen Rubis Verschwinden festgenommen wird und offiziell nichts von dem vermeintlichen Mord an Ruby wissen kann, beteuert Sergio B. sofort, dass er nichts mit ihrem Tod zu tun habe.
00:21:32: Sergio B. wird zurück nach Ciudad Juarez gebracht und auch zu Rubis Verschwinden verhört.
00:21:37: Dort gesteht er, dass er Ruby umgebracht habe.
00:21:41: Und er sagt den Beamten in, wo sie Rubis Leiche finden
00:21:44: können.
00:21:54: Wie genau Ruby's letzte Tage aussahen, wissen wir leider nicht.
00:21:58: Wir können nur vermuten, dass sie in den Wochen vor ihrem Tod klar geworden sein muss, dass der Mann, mit dem sie seit zwei Jahren zusammenlebt und eine sechs Monate alte Tochter hat, nicht der Mann ist, mit dem sie ihr Leben verbringen will.
00:22:11: Denn wie wir wissen, hat Sergio B. die minderjährige Ruby in den letzten Jahren isoliert und von ihrer Familie abgeschottet.
00:22:18: Außerdem war schon lange arbeitslos und nicht dazu bereit, sich einen Job zu suchen.
00:22:23: Also hatte Ruby sich entschlossen, sich endgültig von ihrem Freund Sergio B zu trennen.
00:22:28: Drei Tage verging, nachdem Ruby Sergio B mitgeteilt hat, dass es zwischen ihnen aus ist.
00:22:34: Wie wir aus anderen Folgen von zwölf Leben wissen, gibt es verschiedene Gründe, warum Täter ihre Ex-PartnerInnen umbringen.
00:22:40: Doch fast immer spielt in diesen Fällen ein verletztes Selbstwertgefühl eine Rolle.
00:22:44: Ob das auch Sergio Bs Motivation war, können wir nicht sagen.
00:22:48: Fest steht, dass Sergio B Ruby drei Tage, nachdem sie sich von ihm getrennt hat, umbringt.
00:22:53: Dann leiter sich das Auto seine Stiefvaters, um Rubis Leiche unter anderem mithilfe seines Bruders auf eine Müllkippe zu entsorgen.
00:23:02: Nach der Vernehmung von Sergio B. beginnt die Polizei erneut, nach Rubis Leiche zu suchen.
00:23:08: Aber diesmal wissen sie, wo sie suchen müssen.
00:23:11: Tatsächlich finden sie die Überreste von Rubis verbrannten Körper nur wenig später an dem Ort auf der Müllkippe, den Sergio B. der Polizei genannt hat.
00:23:19: Trotz der unermüdlichen Suche von Maricela, ihrer Familie und den HelferInnen.
00:23:25: Ohne das spezifische Täterwissen wäre Ruby vielleicht bis heute nicht gefunden worden.
00:23:30: Obwohl Maricela jetzt endlich die absolute Gewissheit darüber hat, was mit ihrer Tochter passiert ist, kann sie nicht aufhören, in den nächsten Tagen am Fundort nach weiteren Überresten von Ruby zu suchen.
00:23:41: Tagelang geht sie alleine über die Müllkippe, auf der Suche nach Knochenteilen.
00:23:45: Teilen von ihrer geliebten Tochter Ruby.
00:23:48: In dieser Zeit wird Maricela eins klar.
00:23:51: Während ihrer Suche nach Ruby hatte sie sich nicht auf die Polizei verlassen können.
00:23:55: Alle Fortschritte und wichtigen Hinweise waren aus ihrer eigenen Motivation entstanden, Ruby zu finden.
00:24:01: Auf die Polizei ist kein Verlass.
00:24:05: Das waren schreckliche Tage.
00:24:07: Mir war klar, wenn mir etwas passiert, dann würde dieser Mann wieder freigelassen.
00:24:21: Es ist zehn Uhr am Morgen, als Maricela sich auf den Stuhl gegenüber der Richterbank setzt.
00:24:26: Neben ihr sitzt das Team von Anwältinnen, das ihr dabei helfen soll, endlich Gerechtigkeit für Ruby zu bekommen.
00:24:32: Sergio B. soll wegen Mordes an ihrer Tochter verurteilt werden.
00:24:37: Vor einer Woche hat Maricela deshalb mit einem Protestmarsch angefangen.
00:24:41: Jeden Tag ist sie die zehn Kilometer vom Büro der Staatsanwaltschaft in Ciudad Juarez bis zum Gerichtsgebäude gelaufen.
00:24:48: Jeden Tag wird sie von Familie und Freundinnen begleitet.
00:24:52: Und jeden Tag hält sie ein übergroßes Bild von Ruby in den Händen, sodass für alle sichtbar ist, Maricela will Gerechtigkeit für ihre Tochter.
00:25:00: Schnell wird in Ciudad Juarez bekannt, dass Maricela auf die Straße geht und protestiert gegen die Gewalt, die ihrer Tochter angetan wurde.
00:25:08: Und so wird sie bei ihren Protestmärchen bald auch von der Presse begleitet.
00:25:12: Während sie durch die Stadt läuft und Plakate mit Parolen und das Foto von Ruby hochhält, gibt sie Interviews, in denen sie klar macht, warum sie auf die Straße geht.
00:25:21: Er hat nicht nur meine Tochter getötet, er zerstört die ganze Familie.
00:25:26: Er hat meine Enkelin die Mutter genommen und er hat meiner Tochter das Recht auf Leben genommen.
00:25:32: Jetzt an diesem Aprilmorgen sitzt Maricela im Gerichtsaal, der voll ist von Menschen.
00:25:37: Auf der einen Seite sitzen sie, die Anwältinnen, Familie und Freundinnen von Maricela und Ruby.
00:25:43: Auf der anderen Seite des Raumes, nur durch den Gang zwischen den Stuhlreihen getrennt, sitzt Sergio B. mit seinen Anwältinnen, Freundinnen und Familie.
00:25:52: Als die drei Richterinnen, zwei Männer und eine Frau den Saal betreten, erheben sich die Anwesenden.
00:25:59: Als Erstes wird Maricela selbst in den Zeuginnenstand gerufen.
00:26:02: Dann die ermittelnden Polizeibeamtinnen, dann Sergio B.s Stiefvater.
00:26:07: Laut seiner Aussage habe Sergio B. Ruby lediglich geschlagen.
00:26:11: Er versucht, seinen Stiefsohn vor Gerichtenschutz zu nehmen.
00:26:15: Auch der junge Mann, der sich mit dem entscheidenden Hinweis bei Maricela gemeldet hatte, sagt vor Gericht aus und wiederholt seine Aussage, die er schon im Jahr twohntausend neun bei der Polizei gemacht hat.
00:26:25: Die Expertinnen der Forensik bestätigen die Details seiner Aussage.
00:26:30: Als der Prozess sich neun Tage später, am neunzwanzigsten April zwei tausendzehn, dem Ende Zuneig, bekommen sowohl Maricela als auch Sergio B. die Möglichkeit, ein paar Worte zu sagen.
00:26:41: Sergio B. richtet seine Worte direkt an Maricela und sagt, Ich möchte dich um Verzeihung bitten, Maricella, weil ich Großes Unrecht hat.
00:26:49: Aber Maricella kann ihm das nicht geben.
00:26:53: Ich habe sie gesucht und ich habe erwartet, ihr Grab zu finden.
00:26:56: Denn ich habe gedacht, Demmann hat sie geliebt und er hat sie irgendwo begraben, wo er sie trauern könnte.
00:27:05: Aber das hat er nicht.
00:27:06: Er hat sie
00:27:07: einfach weggeworfen.
00:27:08: Er hat sie verbrannt.
00:27:10: Weißt du was, Sergio?
00:27:11: Ich vergeb dir nie.
00:27:13: Möge Gott dir vergeben.
00:27:15: Dieser Mann hat mein Leben zerstört.
00:27:18: Mein Herz, meine Hoffnung und mein
00:27:21: Glauben.".
00:27:23: Der Saal ist still, als das Urteil verkündet wird.
00:27:28: Dann halt ein lauter Schrei durch den Gerichtssaal.
00:27:31: Maricela bricht zusammen, als sie hört, dass die Richterinnen Sergio B. für unschuldig erklären und freisprechen.
00:27:37: Aufgebracht steht sie auf.
00:27:39: Unter verzweifelten Rufen muss sie den Saal verlassen.
00:27:42: Während die Schreihe noch durch den Raum hallen, wird Sergio B. aus dem Raum geführt.
00:27:47: Trotz der Ermittlungen, der Zeug innen Aussagen, seiner öffentlichen Bitte um Verzeihung und der Beweise, Sergio B. ein freier Mann.
00:28:01: Maricela, die vor Rubis verschwinden, sonst zu fröhlich und glücklich durch ihr Leben gegangen ist, ist nur noch ein Schatten ihrer selbst.
00:28:08: Freundinnen und Familie sagen später, das Einzige, was sie zu dieser Zeit noch aufrecht gehalten habe, sei ihr Kampf für Gerechtigkeit gewesen.
00:28:16: Und schon einen Tag nach ihrem Zusammenbruch im Gericht.
00:28:19: nach dem niederschmetternden Urteil, setzt Maricela ihren Protestmarsch auf der Straße fort.
00:28:24: Sie will, dass der Prozess erneut aufgerollt wird.
00:28:27: Gestern brachten diese Richter sie noch einmal um.
00:28:30: Sie brachten sie mit ihrem Urteil noch einmal um.
00:28:33: Maricela wirft den Richterinnen vor, das falsche Urteil gefällt zu haben.
00:28:38: Sie sagt, die Entscheidung Sergio B. frei zu sprechen sei feige und falsch gewesen.
00:28:42: Maya Liebing beschäftigt sich bei Amnesty International fast täglich mit Menschenrechtsverletzungen in Zentralamerika und Mexiko.
00:28:50: Es ist eben in Mexiko leider einfach gang im Gebel, dass Menschenrechtsverletzungen, insbesondere auch Menschenrechtsverletzungen gegen Frauen, nicht strafrechtlich verfolgt werden.
00:29:00: Achtundneinzig Prozent dieser Fälle bei den Strafwürzten.
00:29:03: Das heißt, es gibt keine strafrechtlichen Ermittlungen oder wenn es strafrechtliche Ermittlungen gibt, werden diese verschleppt.
00:29:10: Oder wenn ein Fall tatsächlich mal vor Gericht kommt, ist auch das keine Garantie, dass es tatsächlich zu einem Urteil kommt.
00:29:16: Ein Grund dafür sei, laut Maya Liebing, zum einen, dass den Opfern immer noch oft mindestens eine Mitschuld gegeben wird.
00:29:23: Zum Beispiel, wenn die Betroffenen von sexualisierter Gewalt sich angeblich zu aufreizend anziehen oder wenn Frauen, Männern nicht zur Verfügung stehen möchten, das aber als Pflicht angesehen wird.
00:29:34: Das passiert nicht nur in Mexiko, auch in Deutschland und anderen Ländern ist diese Täter-Opferumkehr ein Problem.
00:29:40: Zum anderen sind die Behörden in Mexiko auch mit den hohen Fallzahlen überfordert.
00:29:45: Wir haben in Mexiko offiziellen Angaben zur Folge über hunderttausend Fälle von verschwinden lassen.
00:29:52: Gleichzeitig gibt es eben auch im ganzen Land verstreut zehntausende unidentifizierte Leichen.
00:29:59: Und es gibt in Mexiko nicht die Kapazitäten, das zusammenzubringen.
00:30:04: Zwar gibt es verschiedene Projekte, auch mit deutscher Unterstützung, die der Forensik in Mexiko bei der Identifizierung dieser Leichen helfen sollen.
00:30:12: Doch laut Maya Liebing gibt es heutzutage noch so viele unidentifizierte Leichen, dass viele von den Körpern in Massengräbern beerdigt werden müssen.
00:30:20: Neben der Täter Opferumkehr und der Überforderung durch die hohen Fallzahlen gibt es noch einen weiteren dritten Aspekt.
00:30:28: Und dazu kommt eben auch einfach, wie gesagt, die wirklich extrem weitverbreitete Korruption und die Zusammenarbeit staatlicher Stellen mit der organisierten Kriminalität.
00:30:42: Auch im Bereich Femizide ist davon auszugehen, dass zumindest ein Teil der Femizide auch auf das Konto der organisierten Kriminalität geht.
00:30:49: Und die organisierte Kriminalität hat eben extrem große Einflüsse auf staatliche Stellen auf Polizei, Militär, Ermittlungsbehörden, Justizwesen.
00:30:58: Auch im Fall Ruby gibt es nach dem überraschenden Freispruch von Sergio B. Korruptionsvorwürfe gegen die drei Richterinnen.
00:31:05: Die Richterinnen weisen aber alle Vorwürfe von sich.
00:31:08: Eine Richterin begründet den Freispruch in einem Interview sechs Jahre nach der Verhandlung so.
00:31:13: Sergio B. hätte den Mord an Ruby nie rechtskonform gestanden.
00:31:18: Er habe zwar in eine Aussage zugegeben, Ruby umgebracht zu haben, aber seine Aussagen, wie er Ruby ermordet haben soll, hätten sich widersprochen.
00:31:26: Da außerdem viele Geständnisse in Mexiko unter Folter entstehen, Gab es, dass das Jahr, in dem Rubi ermordet wurde, eine Rechtsreform, bei der das Geständnis in Mexiko seine Stellung als unwiderlegbaren Beweis verlor.
00:31:39: Geständnisse wie das von Sergio B., bei denen sich die vermeintlichen Täterinnen selbst belasten, verlieren ihre Gültigkeit und sind vor Gericht nicht mehr belastbar.
00:31:48: Aus diesen Gründen, und da die Staatsanwaltschaft keinen Tathergang rekonstruieren konnte oder weitere zweifelsfreie Beweise vorlegen konnte, hat man laut der Richterin Sergio B. freigesprochen.
00:32:00: Auch die Entschuldigung, die Sergio B. vor dem Gericht an Maricela ausgesprochen hatte, sei laut ihr kein Beweis dafür gewesen, dass Sergio B. der Täter war.
00:32:08: Eine Entschuldigung sei kein Geständnis.
00:32:10: Dennoch, ein paar Monate nach dem Freispruch werden die Richterinnen ihres Amtes enthoben.
00:32:15: Bis heute kann man nicht mit Gewissheit sagen, ob die Richterinnen wirklich korrompiert waren oder die Regierung Mexikos die Vorwürfe der unsauberen Arbeit und der Korruption nur schnell aus dem Weg schaffen wollte.
00:32:28: Währenddessen setzt Maricela ihre Proteste fort.
00:32:31: An einem Tag marschiert sie sogar nackt.
00:32:34: Bedeckt wird sie nur von einem großen Protestschild, auf dem das Foto ihrer Tochter Ruby zu sehen ist.
00:32:39: Auf die Frage, warum sie nackt protestiert, sagt sie, sie haben mich meine Rechte entblöst.
00:32:44: Sie nahmen mir das Recht, meine Tochter zu verteidigen.
00:32:47: Inzwischen begleiten auch nationale Medienvertreterinnen Maricela bei ihren Protestmärschen.
00:32:52: Und sie marschiert jetzt nicht mehr nur für ihre Tochter Ruby, sondern für alle Frauen und Mädchen, die in Mexiko Opfer von Gewaltverbrechen geworden sind und werden.
00:33:01: Nach offiziellen Angaben, also tatsächlich staatlichen Angaben, wurden zwischen den two-tausend-achzehn und mei-two-tausend-dreiundzwanzig, mindestens zwanzigtausend, zweieinhalb-zwei-neinzig Frauen in Mexiko getötet.
00:33:16: Das sind fast elf Frauen am Tag.
00:33:20: Und die Staatsanwaltschaften stufen fünftausendfünfundsechzig dieser Tötungen als mutmaßliche Femizide ein.
00:33:28: Maja Liebing hat uns erklärt, dass bei dieser hohen Fallzahl an Femiziden auch Korruption und organisierte Kriminalität eine Rolle spielt.
00:33:37: Denn in Mexiko sei die organisierte Kriminalität eng verwoben mit der Regierung und den Behörden.
00:33:43: Ich hatte vor einigen Jahren eine Journalistin aus Mexiko zu Besuch.
00:33:46: Die sagte mir früher, haben wir uns um die Korruption Sorgen gemacht, darum, dass staatliche Angestellte, Beamtinnen, Richterinnen, Polizistinnen bestochen werden von der organisierten Kriminalität.
00:33:59: Heute sind diese Leute die organisierte Kriminalität.
00:34:01: Also es ist in zumindest in Teilen Mexikos, es sind die staatlichen Stellenkommen auch von der organisierten Kriminalität zu unterscheiden.
00:34:08: Gleichzeitig ist es eben so, dass... insbesondere bei Gewalt gegen Frauen, eben auch bestimmte gesellschaftliche Vorstellung, auch mit Rheinspielen von Frauen, die eben ins Heim gehören, die sehr traditionelle Vorstellung, dass Frauen den Männern auch zur Verfügung zu stehen haben und eben gekoppelt mit dieser einfach extrem hohen Gewalt auch eben dazu führen, dass die Gewalt gegen Frauen generell einfach sehr, sehr hoch ist.
00:34:37: Aber auch die schon angesprochene Horate an Straffreiheit ist laut Maya Liebing ein großes Problem, das Femizide begünstigt.
00:34:45: Denn wenn TäterInnen ohne eine Strafe davon kommen, sendet das das Bild, dass man keine Konsequenzen fürchten muss, wenn man eine Frau töltet.
00:34:54: Und zusätzlich zu diesem generellen Problem gibt es in bestimmten Regionen, Mexiko, so auch an Ciudad Juarez eben noch bestimmte Risikofaktoren, das heißt eine große Armut, Frauen, die eben sehr schlechte Jobs ausüben, dort eben auch einfach sehr hohe Risikofaktoren ausgesetzt sind, schlechte Löhne, lange Schichten.
00:35:15: Unsicherer Wege, unsichere Heimwege, die dort eben dann einfach abgegriffen werden und zum Opfer von Gewalt bis hin zu Femiziden werden.
00:35:24: Auch hier sehen wir, wie in so vielen Fällen, die Gefahr durch die strukturellen Machtunterschiede zwischen Frauen und Männern, die für Frauen leider tödlich sein können.
00:35:32: In den neunziger Jahren erlangt es Judat Juarez eine traurige Berühmtheit mit den Frauenmorden von Juarez, einer Serie an Frauenmorden.
00:35:41: Im Jahr im Jahr ist die Stadt in Mexiko mit der zweithöchsten Mordrate.
00:35:43: Allein im Juli, im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im Jahr im.
00:36:07: Laut Amnesty International zeige das, dass der Staat Chihuahua wahrscheinlich viele Tötungsdelikte nicht als Femizide klassifizieren.
00:36:15: Trotz oder vielleicht gerade wegen all dieser Umstände protestiert Maricela, zwei Tausendzehn, weiter dafür, dass Sergio B. für den Mord an Ruby verurteilt wird und gegen Femizide in Mexiko.
00:36:27: Währenddessen arbeiten ihre Anwältinnen daran, Berufung gegen das Urteil einzulegen.
00:36:32: Denn sie sind sich sicher.
00:36:33: Auch wenn das Geständnis von Sergio B. vor Gericht nicht als Beweis für seine Schuld gilt, gibt es genug andere Hinweise, die klar auf Sergio B. als Täter schließen lassen.
00:36:53: Weil die Polizei nichts unternimmt, um ihn zu finden, tritt er somit auch seine fünfzigjährige Haftstrafe nicht an.
00:37:10: Allen Wiedrigkeiten zum Trotz hat es Maricela geschafft, dass der Mörder ihrer Tochter rechtskräftig verurteilt wird.
00:37:17: Wie wir gehört haben, ist das nicht selbstverständlich im Heimatland von Ruby und Maricela.
00:37:21: Aber trotzdem gibt es keine endgültige Gerechtigkeit für Ruby, solange Sergio B. noch auf freiem Fuß ist.
00:37:28: Also beschließt Maricela, dass ihr Protest nicht aufhören
00:37:31: darf.
00:37:33: Nachdem Maricela erst selbst nach Zeug innen und hinweisen, dann nach der Leich ihrer Tochter suchen musste und sich schlussendlich für die Verurteilung des Mörders einsetzte, hat sie nun das Ziel, Sergio B. ausfindig zu machen.
00:37:46: Denn wie auch schon bei den Ermittlungen zuvor, macht die Polizei ohne den Einsatz von Maricela keinerlei Fortschritte.
00:37:53: Dass Maricela eine so wichtige Rolle in den Ermittlungen einnimmt, ist laut Maya Liebing nicht ungewöhnlich.
00:38:00: Also wir sehen das beim Thema Femizide, aber auch bei anderen Themen, beim Thema der Verschwundenen, dass den Familienangehörigen und der organisierten oder auch nicht organisierten Zivilgesellschaft in Mexiko eben eine extrem wichtige Rolle dabei zukommt, überhaupt Druck auf die staatlichen Stellen auszuüben, tätig zu werden und Veränderungen herbeizuführen.
00:38:23: Also protestiert Maricela weiter.
00:38:25: Sie fährt von Stadt zu Stadt und macht eine Protestreise durch ganz Mexiko.
00:38:30: In jedem Ort, an dem sie stoppt, steigt sie an der Stadtgrenze aus und setzt ihre Protestmärsche zu Fuß bis zur Stadtmitte fort.
00:38:37: Und sie fordert die jeweilige Staatsanwaltschaft auf, ihr zu helfen.
00:38:41: Schließlich könne der verurteilte Mörder Sergio B. in jedem Staat Mexikos sein.
00:38:46: Obwohl fast jede der jeweiligen Staatsanwaltschaften von dem Haftbefehl gegen Sergio B. weiß, Maricela und ihre Familie überall Verhandlungsplakate aufhängen und Menschen auf den Straßen ansprechen, gibt es weiterhin keine Spur von Sergio B.
00:39:02: Dann erinnert sich Maricela.
00:39:05: Als Sergio B. das erste Mal in Fresno, im Landesinneren von Mexiko verhaftet wurde, hatte er bereits eine neue Freundin, die schwanger war.
00:39:14: Maricela ist sich sicher.
00:39:15: Sergio B ist dort, wo er sich auch nach dem Mord an Rubi versteckt hatte.
00:39:20: Also fahren sie nach Fresnio.
00:39:28: Genau wie in allen anderen Städten, in denen sie zuvor waren, hängen sie auch in Fresnio wieder Plakate auf, auf denen ein großes Bild von Sergio B und eine Belohnungssummer abgedruckt sind.
00:39:38: Dann wird Juan, Maricelas ältester Sohn, von zwei Mädchen angesprochen.
00:39:43: Sie sagen, sie würden den Mann auf den Plakaten kennen.
00:39:47: Ihre Kusine sei mit ihm zusammen und sie wissen, wo er wohne.
00:39:51: Maricela informiert die Polizei in ihrem Heimatstaat Chihuahua, die nur kurz darauf ausrückt, um Sergio B. erneut festzunehmen.
00:39:59: Aber als sie bei seinem Haus ankommt, flüchtet Sergio B. Die Polizei nimmt die Verfolgung auf.
00:40:04: Es fallen Schüsse.
00:40:06: Sergio B. ist bewaffnet und kann entkommen.
00:40:09: Jemand muss ihn gewarnt haben.
00:40:11: Maricelas Wut steigt ins Unermessliche.
00:40:14: Auch wenn Maricela nach außen wie eine Löwenmutter wirkt, die nichts im Kampf um Gerechtigkeit für ihre Tochter stoppen kann, bricht Maricela abseits von der Außenwelt im Kreis ihrer Familie zusammen.
00:40:27: Aber Maricela weiß, wenn sie nichts tut, wird Rubis Mörder nie gefunden.
00:40:33: Selbst das Gerücht, dass Sergio B. Mitglied in einem Kartell sei, hält sie nicht auf.
00:40:38: Sie lässt sich nicht einschüchtern.
00:40:40: Wenig später macht sie zusammen mit ihrem Sohn Juan das Haus ausfindig, in dem Sergio B. angeblich wohnen soll.
00:40:47: Anstatt die Polizei zu informieren, mieten sie das gegenüberliegende Haus und beginnen Sergio B.s.
00:40:52: angebliches Zuhause zu beschatten.
00:40:55: Mehrere Monate vergehen, ohne dass sie Sergio B. je zu Gesicht bekommen.
00:41:00: Über Sergio
00:41:00: B.'s
00:41:00: Telefonnummer können sich Maricela und Juan Zugriff zu seiner Anruferliste verschaffen.
00:41:06: Als sie die Anrufe durchgehen, entdecken sie ein Muster.
00:41:09: An bestimmten Tagen ist Sergio Bs Handy aus, an anderen an.
00:41:14: Maricela und Juan kennen das Muster und sind sich sicher, Sergio B ist in einem von Mexikos Kartellen.
00:41:24: Bei ihrer Suche nach Sergio B treffen sie auf eine weitere Person, die Rubis Mörder kennt.
00:41:29: Eine Frau verrät Maricela, wo Sergio B und andere Mitglieder des Kartells, die man angehören soll, sich und Waffen verstecken.
00:41:38: Als Maricela und Juan diese Informationen an die Polizei weitergeben, soll Diesel laut Juan nur gesagt haben, dass sie Sergio B. ohne die Erlaubnis von dem Kartell, in dem er Mitglied ist, nicht verhaften könnten.
00:41:50: Maricela und Juan müssen einsehen, dass sie von der Polizei keine Hilfe erwarten können und sie müssen sich eingestehen, dass Sergio B. nicht verhaftet werden wird.
00:41:59: Sie fahren nach Chihuahua, der gleichnamigen Hauptstadt des Staates, in dem auch ihre Heimatstadt Ciudad Juarez liegt, damit Maricela dort ihre Proteste fortsetzen kann.
00:42:09: Denn in Chihuahua sitzt auch die Regierung des Bundesstaates.
00:42:12: Vielleicht kann sie so die Aufmerksamkeit der Regierung erreichen.
00:42:24: Fast einen Monat ist es her, dass Maricela mit den anderen Frauen anlässlich des Internationalen Tages zur Bekämpfung von Gewalt an Frauen vor dem Governors Palace protestiert hat.
00:42:35: Die Szene vom Anfang der Folge.
00:42:38: An diesem Tag hatten sie Namen der Frauen und Mädchen an die Nägel des Mahnmalz gehangen, die in diesem Jahr Opfer von Femiziden geworden sind.
00:42:45: Auch jetzt, drei Wochen später, flattern die Zettel mit den Namen noch am Mahnmal.
00:42:51: Maricela hat hier ein Protestlager eingerichtet und sie hat sich dazu entschlossen, so lange vor dem Regierungsgebäude in Chihuahua zu kampieren, bis die Regierung mit ihr spricht und ernsthaft etwas gegen Gewalt an Frauen in Mexiko tun wird.
00:43:05: Immer an ihrer Seite ist ihr Bruder Ricardo.
00:43:08: In den letzten Tagen, seitdem sie ihr Protestcamp hier in der Hauptstadt der Region am fünften Dezember aufgeschlagen hat, hat Maricela immer wieder Interviews gegeben.
00:43:17: Sie will, dass der Governor von Chihuahua ihr zuhört.
00:43:20: Sie wirft ihm vor, dass er sich nur um Gerechtigkeit kümmere, wenn es um die Privilegierten gehe.
00:43:25: Denn als sein Neffe entführt worden war oder der Bruder der Staatsanwältin ermordet wurde, können die Schuldigen dank der Ermittlung der Polizei schnell ausfindig gemacht werden.
00:43:35: Vor ein paar Tagen war sie deswegen sogar extra zu einer Veranstaltung in Jiwawa gefahren, bei der der Gouverneur eine Rede gehalten hat.
00:43:43: Dort hat sie ihr Protestbanner in die Höhe gehalten.
00:43:46: Dadurch konnte sie erreichen, dass sie eine Aussage beim Staatsanwalt machen durfte.
00:43:50: Maricela hatte ihm alle Informationen gegeben, die sie in den letzten Monaten über Sergio B. rausgefunden hat.
00:43:56: Seinen Aufenthaltsort, das Anrufmuster und die Info, dass er in einem Kartell sein muss.
00:44:02: Die Gerüchte verdichten sich, dass Sergio B. im Kartell eine machtvolle Position haben soll.
00:44:07: Außerdem ist Maricela in der Nacht in der Regel alleine mit ihrem Bruder im Camp.
00:44:11: Und gerade in der Nacht ist Chihuahua kein sicherer Ort.
00:44:15: Maricela weiß, dass Juan, der fast täglich aus Siodatroires hier herpindelt und ihr Bruder Ricardo, der mit ihrem Camp bleibt, sich sorgen, um sie und ihre Sicherheit macht.
00:44:26: Er wird zum Jäger und ich zu gejagten.
00:44:28: Er wartet, dass ich mich verstecke.
00:44:30: Er kann kommen und mich hier töten.
00:44:32: Worauf wartet der Gouverneur noch?
00:44:34: Dass er mich tötet?
00:44:36: Egal, ob Sergio B. vom Kartell beschützt wird oder nicht, Maricela will ihren Protest fortführen und so den Gouverneur zum Handeln zwingen.
00:44:45: Sie plant sogar, die Weihnachtstage und den Jahreswechsel hier zu verbringen.
00:44:49: Die Lichter der Weihnachtsbeleuchtung glitzern zusammen mit den Straßenlaternen in der Nacht, als Maricela im Camp sitzt und Weihnachtstekoration für die anstehenden Feiertage strickt.
00:45:00: Vor ihr auf der großen Straße, die zwischen ihr und dem Regierungspalast liegt, rauschen die Autos vorbei.
00:45:09: Es ist gegen zwanzig Uhr, als eines der Autos auf Höhe des Cams vor Maricela zum Stehen kommt.
00:45:15: Ein Mann steigt aus.
00:45:17: Er ist bewaffnet.
00:45:18: Die Videoaufzeichnungen einer Überwachungskamera des Regierungsgebäudes zeigen, wie Maricela und der Mann scheinbar ein paar Worte wechseln.
00:45:26: Dann geht alles ganz schnell.
00:45:28: Maricela rennt über die befahrene Straße.
00:45:31: Der Mann folgt ihr mit geladener Waffe.
00:45:34: Kurz bevor sie den Bordstein der anderen Straßenseite erreichen kann, drückt er ab und schießt Maricela in den Kopf.
00:45:52: Maricela stirbt an diesem Abend, nur wenig später im Krankenhaus.
00:45:56: Bei ihrem Kampf gegen Gewalt gegen Frauen wird sie selbst Opfer und wird getötet.
00:46:01: Einen Tag, nachdem Maricela ins Giudatoires beerdigt wird, bekommt ihre Familie eine weitere Horrornachricht.
00:46:08: Maricelas Möbelladen, in dem Sergio B. einst für einen Tag ausgeholfen hatte, steht in Flammen und brennt komplett ab.
00:46:15: In der Asche des Ladens findet man eine Leiche, die einen Sack über den Kopf gezogen und Draht um den Hals gewickelt hat.
00:46:23: Es ist Maricelas Schwager.
00:46:27: Als Maricelas Sohn Juan erfährt, dass auch er vom Kartell gesucht wird und mit großer Sicherheit umgebracht werden soll, entschließt er sich, in die USA zu fliehen und beantragt politisches Asyl.
00:46:39: Alle sind sich sicher, Die Drohungen gegen Juan, der Tod von Maricela Schwager und Maricelas Ermordung, gehen alle vom Kartell aus.
00:46:47: Obwohl Maricela nicht die einzige ist, die in Verbindung mit den Protesten ermordet wurde, steht für Maya Liebing von Amnesty International trotzdem eines fest.
00:46:57: Sie hat Lärm gemacht.
00:46:58: Sie hat Gerechtigkeit eingefordert.
00:47:00: Sie war eine sehr starke Frau, die ... wirklich Gerechtigkeit für ihre Ermordet-Tochter gefordert hat und dafür, dass sie ermordet worden, dafür, dass sie eine Menschenrechtsverteidigerin war, dass sie eben wirklich ausgebrochen ist aus dieser gesellschaftlichen Rolle, die ihr zugewiesen wurde, dass sie nicht in Heim und Herd geblieben ist.
00:47:24: Und insofern ist ihr Fall aus meiner Sicht ganz klar ein Feminizid.
00:47:28: Maya Liebing sagt, dass diejenigen, die protestieren vom mexikanischen Staat, alles andere als geschützt werden.
00:47:36: hat sich gegenüber den staatlichen Stellen für Gerechtigkeit für ihre Tochter eingesetzt.
00:47:41: Sie hat sich angelegt mit den Menschen, die verantwortlich waren.
00:47:45: Und solche Menschen sind in Mexiko besonders gefährdet.
00:47:49: Es gibt in Mexiko sogar einen Schutzmechanismus für Menschenrechtsverteidigerinnen.
00:47:53: Trotzdem werden die Menschen ermordelt.
00:47:55: Besonders Frauen, die wie Maricela gegen genderbasierte Gewalt demonstrieren, sind laut Maya Liebing und einem Bericht von Amnesty International aus dem Jahr-Zw.a.
00:48:05: besonders gefährdet, bei Protesten Gewalt zu erfahren.
00:48:09: Protestbewegungen von Frauen werden von den Behörden als gefährlich und gewaltsam eingestuft.
00:48:14: Die Demonstrantinnen laufen Gefahr willkürlich verhaftet, diffamiert und eingeschüchtert zu werden.
00:48:20: Laut des Berichts kam es in einigen Fällen sogar dazu, dass Polizistinnen mit sexualisierter Gewalt roten, um Demonstrantinnen von den Protesten abzuhalten.
00:48:30: Als die Öffentlichkeit von dem Mord an der Frauenrechtsaktivistin Maricela erfährt, rollt eine Welle der Empörung über das Land.
00:48:37: In Demonstrationen wird gefordert, dass die Tat gegen Maricela umgehend aufgearbeitet wird.
00:48:42: Und tatsächlich präsentiert die Staatsanwaltschaft und der Gouverneur von Chihuahua nur wenig später einen vermeintlichen Täter.
00:48:54: Aber schnell ist vor allem Maricelas Familie klar, dass der Mann, der ihn als der Mörder ihrer Mutter und Schwester präsentiert wird, nicht der echte Täter sein kann.
00:49:03: Sie gehen davon aus, dass das Geständnis, das von ihm abgelegt wurde, unter Folter erfolgte, damit die Behörden möglichst schnell einen Schuldigen präsentieren und den Fall schließen konnten.
00:49:13: Laut Maya Liebing sei dies nicht ungewöhnlich.
00:49:16: Immer wieder werden Beamten in Mexiko Gewalt an.
00:49:19: Statt der Staatsanwaltschaft zu glauben, nimmt die Familie von Ruby und Maricela erneut die Ermittlung selbst in die Hand und präsentiert nur wenig später den Mann, von dem sie ausgehen, dass es sich um den echten Mörder von Maricela und ihrem Schwager handelt.
00:49:34: Dieser Mann ist niemand geringeres als der Bruder von Sergio B.
00:49:40: Doch die Staatsanwaltschaft und der Gouverneur halten weiter daran fest, dass sie den richtigen Täter gefunden haben.
00:49:46: Am einundreißigsten Dezember, vier Jahre nach der Ermordung von Maricela, wird verkündet, dass der mutmaßliche Täter, der sein Geständnis später zurückgezogen hat, an einem Herzinfarkt im Gefängnis verstorben sei.
00:50:00: Als seine Mutter eine Orthopsie des Leichnahms fordert, wird ihr diese verwehrt.
00:50:05: Juan sieht darin eine klare Bestätigung, dass der vermeintliche Täter in Gefangenschaft von anderen Mitgliedern des Kartells umgebracht wurde.
00:50:13: Am sechzehnten November, zw.A.
00:50:16: wird Sergio B., der, wie von Maricela und ihrer Familie vermutet, wirklich Mitglied im Kartell war, bei einer Schießerei, die nicht im Zusammenhang mit den Ereignissen rund um Ruby und Maricela stehen, erschossen.
00:50:28: Die Haftstrafe, zudem ihm das Gericht wegen des Mordes an Ruby zwei Jahre zuvor verurteilt hatte und für dessen Durchsetzung Maricela bis in den Tod gekämpft hatte, muss Sergio B. nie antreten.
00:50:41: Sowohl der Mord an Ruby als auch der an Maricela bleiben bis heute, wie so viele andere Femizide in Mexiko auch, unbestraft.
00:50:50: Die Familien und Angehörigen der Opfer werden nie die Gerechtigkeit erfahren, für die Maricela bis in den Tod gekämpft
00:50:58: hat.
00:51:05: Im Juni, ein halbes Jahr nach ihrem Tod bekommt Maricela ein eigenes Denkmal, auf der gegenüberliegenden Straßenseite von dem Mahnmal, das an die gewaltsamen Tode von Mexikos Frauen erinnert.
00:51:17: Dort ist direkt am Boden vor dem reichgeschmückten Tor des Regierungspalastes, dort, wo Maricela ermordet wurde, eine goldene Plakette in das rote Pflaster des Gehwegs eingelassen.
00:51:28: Darauf steht, Maricela wurde hier am sechzehnten Dezember, im Jahr Jahr zwei Tausendzehn, ermordet.
00:51:34: weil sie Gerechtigkeit für den Femizid an ihrer Tochter Ruby gefordert hatte.
00:51:40: Und Maricela ist jedes Jahr Teil der Protestzüge, die am dem Internationalen Tag der Gewalt an Frauen durch die Straßen von Ciudad Juarez, Chihuahua, Mexiko und der ganzen Welt ziehen.
00:51:53: Menschen halten Schilder mit ihrem Namen hoch, zünden Kerzen für Maricela, Ruby und all die anderen Frauen an, die Opfer von Femiziden geworden sind.
00:52:04: Wir wissen, da draußen gibt es gute Menschen.
00:52:07: Euch bitte ich um Hilfe.
00:52:09: Geht mit uns auf die Straße und verlangt Gerechtigkeit.
00:52:13: Das sind Mütter, die verwaiste Kinder hinterlassen haben.
00:52:17: Das sind unsere Töchter.
00:52:19: Das sind Studentinnen.
00:52:21: Sie sind die Zukunft unserer Stadt und unseres Landes.
00:52:35: Die Mittezwanzigjährige Tabea liegt mit ihrem Partner im Bett, als sie spürt, dass er mit ihr schlafen will.
00:52:41: Sie möchte das nicht und dreht sich weg.
00:52:43: Kurz darauf spürt sie die Finger ihres Freundes in sich.
00:52:47: Für Tabea ist es nicht das erste Mal, dass sie das Gefühl hat, dass ihr Freund ihre Grenzen ignoriert.
00:52:52: Für sie fühlt es sich an wie eine Vergewaltigung.
00:52:55: Den Fall hört ihr in der nächsten Folge, nächsten Montag.
00:52:59: Wenn ihr einen Fall habt, von dem ihr denkt, dass wir ihn hier in Zwölfleben unbedingt erzählen sollten, oder wenn ihr Feedback habt, Lob, Kritik, Gedanken, dann schreibt uns gerne eine E-Mail an zwölfleben.podimo.gmail.com.
00:53:13: Die Mail findet ihr wie immer auch in unserer Folgenbeschreibung.
00:53:20: Zwölfleben, Verbrechen an Frauen,
00:53:23: ist ein Podcast von Podimo.
00:53:24: Wir sind Helen Schulte.
00:53:27: Und Massimo Majo.
00:53:29: Autorin dieser Folge, Katharina Frebel.
00:53:32: Schnitt und Sound, Frieda Maurer und Luca Satori.
00:53:36: Ausführende Produzentin, Madeline Petri.
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