#46 Felina: “Du wirst mich nicht los”

Shownotes

Diese Folge ist schon vor Monaten in der Podimo App veröffentlicht worden. In der Podimo App findet ihr schon jetzt 60 kostenlose Folgen, die ihr ganz ohne Anmeldung oder Abo hören könnt – Einfach nur die App öffnen und ‘12 Leben’ finden: https://podimo.de/12leben

Zusätzlich zu den 60 kostenlosen Folgen findet ihr dort auch die neueste Staffel im Premium-Bereich. _ München, August 2021: Die 23-jährige Felina wird von einem ehemaligen Kunden gestalkt. Was als harmlose Bekanntschaft begonnen hat, entwickelt sich zu einem Albtraum aus Drohungen und psychischem Terror. Felina kämpft um ihr Recht auf Sicherheit, doch Stigmatisierung und mangelnde Unterstützung erschweren ihr den Weg. Diese Folge erzählt von ihrem mutigen Versuch, dem Stalking zu entkommen, und beleuchtet die psychischen Folgen für Betroffene. Stalking-Expertin Sandra Cegla erklärt, warum Fälle wie der von Felina so schwer zu lösen sind, und sie zeigt auf, was Gesellschaft und Behörden besser machen müssen. Triggerwarnung: Diese Folge behandelt psychische Gewalt und Stalking. Wenn ihr selbst Erfahrungen mit Gewalt gemacht habt oder jemanden kennt, der Unterstützung braucht, wendet euch an eine der Hotlines:

Hilfetelefon “Gewalt gegen Frauen”: 08000 116 016 (rund um die Uhr) Telefonseelsorge: 0800 111 0 111 (rund um die Uhr) Opfer-Telefon vom Weißen Ring: 116 006 (7-22h Uhr)

Falls ihr Feedback, Anmerkungen oder selbst eine Geschichte habt, die ihr mit uns teilen möchtet, könnt ihr uns jederzeit eine Mail schreiben an: 12leben.podimo@gmail.com

"12 Leben – Verbrechen an Frauen" ist ein Podcast von Podimo. Hosts: Helen Schulte und Massimo Maio Autorin dieser Folge: Kiana Lensch Schnitt und Sound: Frieder Maurer & Luca Sartori (hipitch) Ausführende Produzentin: Madeleine Petry

Transkript anzeigen

00:00:01: Es war vier Uhr in der Nacht, wo ich zu Hause war in meiner Wohnung in München, hat es geklingelt und ein anonymer Anruf kam rein.

00:00:10: Und dann wusste ich, dass diese Person, wo mich ja wohl offensichtlich die ganze Zeit anruft, gerade vor dem Haus steht.

00:00:19: Diese Folge behandelt psychische Gewalt und Stalking.

00:00:22: Wenn ihr selbst Erfahrungen mit Gewalt gemacht habt oder jemanden kennt, der Unterstützung braucht, dann wendet euch an das Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen unter der Nummer Null-Achtausend-Eins-Eins-Sechs-Null-Eins-Sechs.

00:00:35: Weitere Informationen findet ihr auch hier in den Shownotes.

00:00:46: August, twenty-一undzwanzig.

00:00:49: Felina genießt das Wochenende im Haus ihrer Mutter.

00:00:52: Die einundzwanzigjährige hat das Wochenende frei, freut sich über ein paar ruhige Tage und ist allein im Haus.

00:00:59: Doch plötzlich wird die Stille durch das Schrille-Klingel in der Tür unterbrochen.

00:01:04: Felina hat keine Ahnung, wer das sein könnte.

00:01:07: Als sie die Tür öffnet, steht dort ein Mann, den sie kennt, zudem sie aber aus gutem Grund den Kontakt abgebrochen hat, Andreas Ha.

00:01:14: Ein ungutes Gefühl breitet sich in ihrem Bauch aus, die Angst setzt ein.

00:01:19: Andreas Ha ist angespannt, die Wut steht ihm ins Gesicht geschrieben.

00:01:23: Ehe Felina sich versieht, schreit er sie an und fragt, warum sie ihr gemeinsames Treffen abgesagt hat.

00:01:29: Seine Stimme wirkt hart und bedrohlich.

00:01:32: Als Felina die Tür schließen will, blockiert er mit seinem Fuß den Eingang.

00:01:36: Felina hat keine Chance, ihn auszuschließen.

00:01:39: Mit unmissverständlichen Drohungen fordert Andreas Hasi auf, ihn zu begleiten und mit in sein Auto

00:01:45: zu steigen.

00:01:50: Diese Folge dreht sich um Felina.

00:01:52: Ihr Leben ist eines von zwölf, um die es in diesem Podcast geht.

00:02:24: Ich bin Massimo Hai.

00:02:26: Bevor wir in den heutigen Fall starten, wollten wir noch kurz auf ein paar Kommentare eingehen, die uns zu den vergangenen Folgen erreicht haben.

00:02:34: Es gab Kritik dazu, dass wir Begriffe wie Täterinnen, Gendern, obwohl der Großteil der Taten von Männern begangen wird.

00:02:41: Mitte November ist erstmals ein Lagebild zu geschlechtsspezifisch gegen frauengerichtete Straftaten veröffentlicht worden.

00:02:47: Daraus geht hervor, dass fast alle Straftaten gegen Frauen, die aufgrund ihres Genders passiert sind, auch von Frauen begangen wurden.

00:02:54: Mit dem Gendern bilden wir also die statistische Realität ab.

00:02:58: Durch unsere Moderationen und Expertentöne ordnen wir die Verteilung aber dann auch noch mal ein.

00:03:04: Jetzt in dieser Folge erzählen wir euch die Geschichte von Felina, eine jungen Frau aus München, die über mehrere Jahre verfolgt und bedroht wurde.

00:03:13: Nicht nur die Bedrohung selbst, sondern auch die damit verbundene Isolation und das Unverständnis der Gesellschaft zeigt dieser Fall auf.

00:03:20: Es wird um Warnzeichen gehen, die schnell übersehen werden können und auch um die Verharmlosung davon.

00:03:26: Felina ist der Künstlerenname der Frau, deren Geschichte wir erzählen.

00:03:30: In ihrer Branche ist es geläufig, mit einem Künstlerennamen oder Alias zu agieren, um die eigene Identität und Privatsphäre zu schützen, so auch bei Felina.

00:03:40: Felina ist eine junge Frau, die trotz aller Wiedrigkeiten den Mut aufgebracht hat, für ihr Recht auf ein normales Leben zu kämpfen.

00:03:47: Durch sie werden wir eine Vorstellung davon bekommen, wie sich eine dauerhafte Bedrohung anfühlt, die kein Ende zu finden scheint.

00:03:54: Ich bin ist sechsundzwanzig Jahre und ich wohne in München.

00:03:57: Ich komme aus einer etwas kleineren Stadt, eine Stunde von München entfernt.

00:04:02: Und hauptberuflich bin ich Domina.

00:04:06: Wegen ihres Berufs musste Fedina auch gegen Stigmatisierung ankämpfen, während sie eigentlich dringend Hilfe benötigt hat.

00:04:13: Auch darum wird es in dieser Folge gehen.

00:04:16: Uns liegen Unterlagen vor, die die Taten gegen Felina belegen, dass aber zu keiner gerichtlichen Verurteilung gekommen ist, haben wir den Namen des mutbaßlichen Täters geändert und ihn anonymisiert.

00:04:27: Neben Felina hat auch die Stalking-Expertin Sandra Zegler mit uns gesprochen.

00:04:31: Ich war vierzehn Jahre bei der Kriminalpolizei und habe im Bereich schwerer Gewaltdelikte Ermittlungen geführt, habe mich in der Zeit auf häusliche Gewalt und Stalking spezialisiert.

00:04:42: Und ja, da ganz viel mit Frauen zu tun gehabt, die eben Stalking-Probleme haben.

00:04:48: Ich hab dann mit meiner Sicherheitsagentur SOS Stalking in Deutschland, Österreich und der Schweiz Frauen vor Stalking geschützt.

00:04:54: Sandra Zegler wird uns erklären, warum Stalking so schwer zu fassen ist, warum die Ermittlungen in diesen Fällen so schwierig sind, welche Hindernisse es für Betroffene geben kann und auch was Betroffene tun können, damit ihnen angemessen geholfen werden

00:05:08: kann.

00:05:26: Die neunzehnjährige Felina zieht in die bayerische Landeshauptstadt.

00:05:30: Hier will sie Modemanagement an einer privaten Hochschule studieren.

00:05:34: Sie ist eine junge, unabhängige, selbstbewusste Frau.

00:05:37: So wie bei vielen jungen Menschen, die ihr Studium beginnen und nicht von ihren Eltern unterstützt werden oder kein Barvög oder Stipendien erhalten, ist das Geld bei Felina knapp.

00:05:46: Die Studienkosten liegen bei monatlich siebenhundert Euro.

00:05:50: Dann kommt noch die Miete für eine Wohnung dazu.

00:05:52: Und München ist eine teure Stadt.

00:05:54: Das Studium ist zeitintensiv und Felina hat kaum Zeit für einen Job neben der Uni.

00:05:59: Felina möchte auf keinen Fall von ihren Eltern abhängig sein.

00:06:03: Sie kennt eine Sexarbeiterin und fragt sie damals, ob sie sich so ihr Studium finanzieren könnte.

00:06:09: Die Bekannte nimmt sie damals mit.

00:06:11: Und man verdient mit der Sexarbeit vergleichsweise sehr gut.

00:06:15: Während man in der Modebranche oft Monate lang für wenig Lohn arbeitet, kann Felina mit nur wenigen Tagen Sexarbeit ein ganzes Monatsgehalt verdienen.

00:06:27: Ich hab mein Studium über die Sexarbeit damals finanziert.

00:06:30: Damals auch über einen eher unprofessionellen Rahmen, sag ich jetzt mal.

00:06:36: Und wo Corona kam, kam die Corona-Hilfe, die man schnell berater beantragt hat, auch ziemlich spät.

00:06:44: Weshalb ich natürlich trotzdem auf die Sexarbeit angewiesen war.

00:06:48: Und damals war aber so gut wie alles geschlossen und alles verboten.

00:06:54: weshalb die meisten Sexarbeiter oder die überhaupt noch gearbeitet haben, die darauf angewiesen waren, zum Beispiel Hausbesuche haben.

00:07:02: Eine im Jahr, in Berlin durchgeführte Befragung mit mehr als dreitausend Teilnehmer in, hat ergeben, dass rund drei Komma sieben Prozent aller Studierenden auf die eine oder andere Weise Geld mit Sexarbeit verdienen.

00:07:16: Also zum Beispiel mit Tätigkeiten in der Sexindustrie, aber auch als Dominar, Pornodarstellerin, Stripperin, im Escort Service oder in der Erotikmassage.

00:07:26: Sexarbeit gilt in Deutschland seit Jahr zwei-tausend-zwei als nicht mehr sittenwidrig und ist legal.

00:07:32: Aber das Stigma, das mit den entsprechenden Berufen verbunden ist, macht die Arbeit oft schwieriger, als sie ohnehin schon ist.

00:07:39: Die Stigmatisierung von Sexarbeit zeigt sich auf verschiedenen Ebenen und führt zu einem Teufelskreis aus sozialer Ablehnung, rechtlicher Diskriminierung, wirtschaftlicher Unsicherheit und psychischem Druck.

00:07:51: Aus diesen Gründen erzählt Fedina auch ihrer Familie nichts von ihrer Tätigkeit.

00:07:54: Ihr Partner, den sie später kennenlernt, weiß aber von Anfang an, was sie macht.

00:07:59: Er ist auch die Person, mit der sie immer ihren Standort teilt, wenn sie mit ihren Kunden ist, um sich abzusichern.

00:08:23: Sexarbeit wird verboten.

00:08:25: Die Corona-Hilfen bleiben lange aus.

00:08:27: Aber für Lina braucht das Geld.

00:08:29: Die Bedingungen während der Corona-Pandemie werden härter und die Umstände gefährlicher.

00:08:34: Für Lina lässt sich auf unsichere und inoffizielle Treffen ein, oft in Hotels oder privaten Wohnungen.

00:08:39: Das ist illegal und sorgt dafür, dass für Lina jetzt in einem noch unsichereren Arbeitsumfeld arbeitet.

00:08:46: Das Problem ist Sexarbeit ist ja kein Ausbildungsberuf.

00:08:50: kann es sich an jemandem wenden, wie man in den Beruf einsteigt und auch sicher arbeitet.

00:08:56: Und dadurch, dass Prostitutionen, Städten stigmatisiert sind meiner Meinung nach und ich als junge Studentin dann nicht gesehen werden möchte, habe ich eben unprofessionell, unsicher gearbeitet.

00:09:09: Grundsätzlich muss ich aber sagen, dass die Gäste mir mit sehr viel Respekt entgegengekommen sind.

00:09:15: Es gab natürlich immer so ein, zwei Situationen, wo jemand nicht zahlen wollte oder jemand danach das Geld zurück wollte, wo nicht so schön war, aber ich hab nie Gewalt erlebt.

00:09:24: Zumindest bis zu einem bestimmten Zeitpunkt.

00:09:27: Denn im Juni, im Jahr Jahr zwanzig, passieren auf einmal Dinge in Fellinas Leben, durch die sich ihr Zuhause plötzlich nicht mehr sicher

00:09:34: anfühlt.

00:09:36: Ich habe auf meinem privaten Handy die ganze Zeit Anonyme Anrufe bekommen.

00:09:40: Das hat auch nicht aufgehört.

00:09:42: Niemand hat sich dort am Telefon gemeldet.

00:09:45: Dann habe ich schon ein komisches Bauchgefühl bekommen, wo ich gemerkt habe, irgendwas ist merkwürdig.

00:09:52: Aber ich konnte es nicht unbedingt einer Person zuordnen, wer das sein soll.

00:09:59: Eines Nachts, es ist vier Uhr morgens, klingelt es an Friedina's Tür in ihrer Münchner Privatwohnung.

00:10:05: Zeitgleich erhält sie einen anonymen Anruf.

00:10:08: In diesem Moment wird ihr klar, dass die Person, die sie schon seit einiger Zeit immer wieder anruft, nun direkt vor ihrem Haus stehen muss.

00:10:15: Felina bekommt Angst.

00:10:18: Felina traut sich nicht nachzusehen, wer da vor ihrer Tür steht.

00:10:22: Stattdessen ruft sie die Polizei.

00:10:24: Doch als sie bei Amtinnen endlich eintreffen, sind schon zwei Stunden vergangen.

00:10:29: Vor der Tür steht niemand mehr.

00:10:31: Die Beamtinnen vermuten, es müsse sich um einen Betrunkenen gehandelt haben, der nur zufällig geklingelt hat und nehmt die Sache nicht ernst.

00:10:39: Ich hatte natürlich in der Moment Angst, aber ich hab auch nicht das ernst genommen, dass ich wirklich in einer Gefahrenssituation

00:10:44: bin.

00:10:51: Wegen der noch immer strengen Corona-Auflagen trifft Verdiener nur wenige Kunden, die dafür aber regelmäßig und meistens bei ihnen zu Hause.

00:10:59: Sie versteht sich gut mit ihren Gästen.

00:11:00: So nennt sie ihre Kunden selbst.

00:11:02: Viele kennt sie schon länger.

00:11:04: Dass der Kontakt mit ihnen teilweise sehr eng ist, erklärt sich Fellina auch durch die Corona-Zeit.

00:11:09: Sie ist abhängig von ihren wenigen, dafür aber treuen Stammkunden.

00:11:13: Einer von ihnen ist Andreas Haar.

00:11:16: Er ist ein älterer Mann, etwa sechzig Jahre alt, der in einem Rheinhaus außerhalb von München lebt.

00:11:21: Ein kleiner Ort mit gefühlt nur zehn Häusern, wie Fellina erzählt.

00:11:25: Dort treffen Fellina und er sich regelmäßig.

00:11:28: Wir haben uns sehr gut verstanden und er ist auch eine Freundschaft daraus entstanden.

00:11:33: Wenn man sich so aufzieht, natürlich, nach einem dreiviertel Jahr, hat er gesagt, ich hab dich lieb.

00:11:41: Und ich wusste nicht, was ... Also, ich hab das so ein bisschen drunter gespielt.

00:11:45: Ich wusste nicht, was diese Worte wirklich bedeuten.

00:11:48: Aber es bleibt nicht bei diesem einen Mal.

00:11:51: Immer wieder sagt Andreas Haar zu Fellina, dass er sie lieb habe und mögen würde.

00:11:56: Er schlägt vor, sich auch außerhalb des gewohnten Raums zu treffen.

00:12:00: Für Felina ist es nichts Ungewöhnliches, dass sie von Kunden nach persönlichen Treffen gebeten wird, aber in Frage kommt es für sie nicht.

00:12:08: Über die vier Jahre hinweg, die sie schon als Sexarbeiterin tätig ist, hat sie mit einigen Gästen zwar Freundschaften entwickelt, die sich auch mit ihr außerhalb des verabredeten Raums treffen wollten und die mehr für sie empfunden haben.

00:12:20: Felina hat da aber für sich immer klare Grenzen gesetzt.

00:12:24: dass Andreas Haar aber anders als ihre anderen Kunden ist, ahnt Felina zu diesem Zeitpunkt nicht.

00:12:29: Und auch nicht, dass sein Worten Taten folgen werden.

00:12:40: August, zw.ieh.

00:12:42: Seit drei Monaten erhält Felina nun anonyme Anrufe.

00:12:46: In dieser Zeit arbeitet sie sehr viel.

00:12:47: Sie hat gerade ihren Bachelor abgeschlossen und hat nun ein neues berufliches Ziel.

00:12:52: Sie will sich gemeinsam mit einem Bekannten mit einem eigenen Bordell selbstständig machen.

00:12:57: Der Bekannte hatte sie gefragt, ob sie bei ihm mit einsteigen möchte und für Felina ist es eine Chance, einen Ort zu schaffen, an dem Frauen sicher und zu fairen Bedingungen arbeiten können und mit dem sie mehr Diversität in die Sexarbeit bringen kann.

00:13:11: An einem Freitag trifft sie sich mit Andreas H. in München.

00:13:15: Er fragt sie, ob sie sich auch am kommenden Montag sehen können.

00:13:19: Felina hat noch nichts vor und stimmt zu.

00:13:21: Felina erzählt uns rückblickend, dass er ihr anschließend Vorwürfe macht.

00:13:26: Sie habe ihn über ihre Herkunft angelogen.

00:13:29: Sie käme anders, als sie es ihm gesagt habe, aus einer kleinen Stadt statt einer größeren.

00:13:34: Er nennt den Namen der Stadt, aus der Felina tatsächlich stammt.

00:13:37: Felina ist geschockt.

00:13:39: Felina hat bewusst nicht ihren wahren Heimatort genannt, um ihre Identität zu schützen.

00:13:44: Aus demselben Grund nutzt sie auch einen Künstlernamen.

00:13:47: Da der Beruf so stigmatisiert ist, ist dies eine legitime Praxis und wird auch durch eine Aliasbescheinigung unterstützt.

00:13:53: Die gehört zur Anmeldung von sechs Arbeiterinnen und ermöglicht ihnen selbst zu entscheiden, wem sie ihren echten Namen und ihre Wohnanschrift mitteilen.

00:14:01: Und trotz der von ihr getroffenen Sicherheitsvorkehrungen hat ein Kunde angefangen, in ihre Privatsphäre zu wühlen.

00:14:08: Die Situation wird noch unangenehmer, als Andreas Haher ein verschwommenes Bild zeigt, dass angeblich ein Abschlussfoto von ihrem Abijahrgang ist.

00:14:18: Felina ist irritiert.

00:14:19: Dass er alte Jahrgangsfotos durchfostet hat, um sie zu finden, gibt ja ein ungutes Gefühl.

00:14:25: Sie ist verärgert, stellt ihn zur Rede und sagt ihm, dass sein Verhalten übergriffig ist.

00:14:31: Ich war richtig, richtig, richtig sauer auf ihn.

00:14:34: Und dann habe ich das ganze Wochenende darüber nachgedacht und beschlossen, dass ich ihn nicht mehr treffen möchte.

00:14:38: Also, es geht gar nicht.

00:14:40: Ich verstehe nicht, warum man bei jemand offensichtlich einen diskriminierten und stigmatisierten Beruf macht, warum man dann noch da in der Privatsphäre rumwühlt.

00:14:49: Das ganze Wochenende war ich auch nicht am Handy und am Montag habe ich ihm dann geschrieben, hey, ich komme heute nicht und ich möchte dich auch nicht mehr treffen.

00:14:57: Nachdem Filina die Nachricht abgeschickt hat, ruft Andreas Hasi immer wieder an.

00:15:03: Sie geht nicht ran.

00:15:04: Für sie ist die Sache durch und es gibt nichts mehr zu reden.

00:15:08: Zu dem Zeitpunkt ist sie nicht bei sich zu Hause in München, sondern im Haus ihrer Mutter.

00:15:12: Die ist gerade nicht da.

00:15:14: Und dann klingelt es an der Tür.

00:15:16: Und wie wir bereits wissen, steht dort der wütende Andreas Haar.

00:15:21: Felina ahnt sofort, dass das kein freundschaftlicher Besuch ist.

00:15:25: Er war richtig, richtig sauer und hat gesagt, Ich weiß alles über dich.

00:15:29: Ich weiß, wie du heißt.

00:15:30: Ich weiß, wo du wohnst.

00:15:32: Ich weiß, wo du in München wohnst.

00:15:34: Ich weiß, wie deine Familie heißt.

00:15:37: Ich weiß, wo deine Mutter arbeitet.

00:15:39: Ich weiß, auf welcher Schule du warst.

00:15:40: Ich weiß alles über dich.

00:15:42: Der größte Alto, den man sich vorstellen kann, ist wahr geworden.

00:15:45: Ich glaube, wenn es bei mir zu Hause gewesen wäre, wäre es nicht so schlimm gewesen.

00:15:49: Aber weil es einfach bei meiner Mutter war, weil es so so schlimm wäre in die Privatsphäre von meiner Mutter auch noch eindringt, die damit ja überhaupt nichts zu tun hat und die davon auch gar nichts wusste.

00:15:59: Andreas Haar droht ihr damit, zur Arbeit ihrer Mutter zu fahren und ihr alles über den Beruf ihrer Tochter zu erzählen, wenn Filina nicht mit ihm mitkommt.

00:16:08: Filina hat Angst.

00:16:10: Sie will niemanden aus ihrer Familie in die Sache mit hineinziehen und auch nicht, dass ihre Familie von ihrem Job erfährt.

00:16:16: Sie hat Angst, dass Andreas Haar ihr etwas antut, wenn sie nicht auf ihn eingeht.

00:16:21: Felina kann Andreas Haars Verhalten nicht einschätzen.

00:16:24: Sie traut ihm vieles zu.

00:16:26: Immerhin hat er in den letzten Wochen schon massiv ihre Grenzen übertreten.

00:16:30: Verzweifelt versucht Felina, Zeit zu gewinnen und schlägt vor, dass sie ihr eigenes Auto nehmen und ihm folgen wird.

00:16:37: Wiederwillig stimmt Andreas H. zu, macht er jedoch klar, dass er keinen Widerstand duldet.

00:16:42: Er würde sofort merken, wenn sie zurückbleibt.

00:16:44: Dann rast er los.

00:16:45: Felina folgt ihm und versucht, irgendeine Lösung zu finden.

00:16:49: Mit zittrigen Händen greift sie während der Fahrt in ihre Tasche, zieht die Visitenkarte eines Polizeibeamten heraus und wählt die Nummer.

00:16:57: Ein verzweifelter Versuch, sich doch noch zu retten.

00:17:00: Die Nummer gehört einem Beamten des sogenannten Rocker- und Rotlichtezanats München.

00:17:06: Hierbei handelt es sich um einen Kriminaldezernat der Polizei München, die sich mit allen Sexarbeiterinnen vernetzen.

00:17:13: Auch Felina hatte zuvor schon Kontakt zu ihm, als es darum ging, wie sie sich tendenziell in ihrem Beruf schützen kann.

00:17:19: Für Felina ist dieser Anruf die einzige Chance.

00:17:22: Sie geht fest davon aus, wenn sie jetzt einfach ein, seins Null wählen würde, würde niemand den Ernst ihrer Situation verstehen und angemessen rigoros handeln.

00:17:32: Nachdem Felina die Nummer des Beamten des Rocker und Rotlicht der Zernats gewählt hat, klingelt es.

00:17:37: Felina ist nervös, hat Angst und sie hofft, dass sie gleich den Beamten sprechen kann.

00:17:43: Er hebt ab.

00:17:44: Felina erzählt ihm von der Situation, von Andreas Haar, seinen Drohungen und von der beängstigen Situation, in der sie sich jetzt befindet.

00:17:53: Der Beamte am Telefon sagt nur, geben sie mir die Adresse von Andreas Haar.

00:17:58: Ich schicke sofort jemanden dorthin.

00:18:00: Aber ganz beruhigen kann sich Felina noch nicht.

00:18:03: Bei Andreas Haas Haus angekommen, steigen beide aus den Autos aus.

00:18:08: Andreas Haar nimmt Felina mit ins Wohnzimmer.

00:18:10: Wieder wird er wütend, weil sie ihren gemeinsamen Termin abgesagt hat.

00:18:14: Er schreit sie an, drückt bald seine Wut und Frustration auch körperlich aus.

00:18:19: Aus Wut kickt er einen Hocker mit dem Fuß weg.

00:18:22: In den Momenten, in denen er Felina gerade nicht anschreit, wirkt es fast so auf sie, als hätte Andreas Haar Mitleid mit ihr.

00:18:29: So als würde es ihm leid tun, dass es für ihn so einfach war, so viel über sie herauszufinden.

00:18:35: Dann klingelt es an der Tür und die Polizei ist da.

00:18:38: Felina hatte immer noch Angst, aber sie saucherleichtert.

00:18:42: Sie darf direkt das Haus verlassen, muss aber noch draußen warten.

00:18:46: Die Beamtinnen halten Andreas Haar eine Gefährderansprache.

00:18:50: Daraufhin tritt er vor das Haus und entschuldigt sich bei Felina.

00:18:54: Dann fährt sie alleine nach Hause.

00:18:56: Eine Gefährderansprache ist eine präventive polizeiliche Maßnahme, die darauf abzielt, potenzielle StraftäterInnen davon abzuhalten, eine Straftat zu begehen.

00:19:06: Bei einer solchen Ansprache wird eine Person, von der eine konkrete Gefahr ausgehen könnte, von der Polizei förmlich gewarnt.

00:19:13: Ziel ist es, die Person auf die möglichen strafrechtlichen Konsequenzen ihres Verhaltens hinzuweisen.

00:19:19: Es handelt sich also um eine Art Warnung.

00:19:22: Eine Gefährderansprache ist keine Strafe.

00:19:25: und hat keine direkten rechtlichen Konsequenzen.

00:19:28: Sie kann jedoch in einem späteren Verfahren als Hinweis auf eine Vorwarnung dienen, falls die Person tatsächlich eine Straftat begeht.

00:19:36: Sollte das Verhalten der Person nach der Ansprache nicht aufhören, kann die Polizei weitere Maßnahmen ergreifen, wie zum Beispiel eine einstweilige Verfügung oder ein Kontaktverbot.

00:19:46: Zu diesem Zeitpunkt ist Verdiener klar, dass sie eine einstweilige Verfügung einreichen möchte.

00:19:50: Sie will sicherstellen, dass sich Andreas Haar, weder ihr, ihrer Familie, noch irgendjemandem, der ihr nahesteht, mehr nähern kann.

00:19:58: Für sie ist das, was Andreas Haar tut, Erpressung.

00:20:01: Sein Satz, du kommst jetzt mit oder ich fahre zu deiner Mutter, geht ihr nicht mehr aus dem Kopf.

00:20:06: Während sie aus Angst vor ihm, also weiterhin ein wenig mit ihm schreibt und sich freundlich gibt, bereitet sie parallel die einstweilige Verfügung vor.

00:20:14: Eine einstweilige Verfügung im Zusammenhang mit einem Nährungsverbot oder einem Kontaktverbot ist eine gerichtliche Anordnung, die einer Person untersagt, sich einer anderen Person zu nähern oder Kontakt aufzunehmen.

00:20:27: Solche verfügungen werden oft im Rahmen des Schutzes vor Gewalt oder Belästigung erlassen, um die betroffene Person vor weiteren Übergriffen oder Bedrohungen zu schützen.

00:20:36: Eine einzweilige Verfügung kann beantragt werden, wenn eine akute Gefahr oder Belästigung besteht, zum Beispiel durch Stalking, häustliche Gewalt oder Bedrohungen.

00:20:46: Am Tag, an dem Felina die Verfügung einreicht, blockiert sie Andreas Haar.

00:20:51: Doch dann ruft ihre Mutter sie an.

00:20:53: Und sie erzählt ihr, dass Andreas Haar sie bei der Arbeit angerufen hat.

00:20:57: Er erzählt ihrer Mutter alles, was er über Felina weiß.

00:21:00: Einschließlich ihre beruflichen Aktivitäten neben dem Studium.

00:21:04: Filinas Mutter findet das Gespräch so merkwürdig, dass sie es aufnimmt.

00:21:07: Sie selbst ist vor allem verwundert und fragt ihn nur immer wieder, was er von ihr wolle, da Filina ja erwachsen sei.

00:21:14: Filinas Mutter reagiert gelassen auf den Beruf ihrer Tochter.

00:21:17: Sie macht sich lediglich Sorgen um sie.

00:21:20: Für Filina ist dieser Vorfall ein Wendepunkt.

00:21:23: Sie erkennt, dass sie in Gefahr ist.

00:21:25: Doch die Polizei und das Rechtssystem scheinen ihr nicht sofort helfen zu können.

00:21:30: Der Prozess zur Erlangung einer einsweiligen Verfügung zieht sich hin.

00:21:35: Ein Monat später erhält sie dann einen Anruf von einem Richter, der sie fragt, warum sie nicht zur Verhandlung der einsweiligen Verfügung erschienen

00:21:42: muss.

00:21:43: Felina antwortet, dass sie keine Einladung bekommen habe.

00:21:47: Und dann wird ihr klar, dass genau diese Einladung aus ihrem Briefkasten gestohlen worden sein muss.

00:21:53: Die wurde dann feingelassen, die einsweilige Verfügung und... Genau, ab da begann dann eigentlich so relativ in noch längeren Abständen aktuell der Terror.

00:22:05: Er hat Briefe an meine Großaltern geschickt mit meinen Werbeanzeigen.

00:22:11: Das hat er, glaube ich, zweimal gemacht.

00:22:13: Dann hat er mir auch da schon mit seinem echten Namen ein paar E-Mails geschickt, wo er geschrieben hat, soll ich deiner Familie alles sagen oder machst du das?

00:22:22: Diese E-Mails und auf diesem Brief habe ich die zweite einzweilige Verfügung eingereicht, aber mit einem Anwalt, damit er die Einladung bekommt zur Verhandlung.

00:22:31: Dann war er im Dezember die zweite Verhandlung.

00:22:34: Und er hat mich hingestellt, es wäre ich ein durchtriebenes Miststück, das alle Männer ausnimmt.

00:22:41: Felina beauftragt einen Anwalt aus München, der ziemlich jung ist und wie sich später herausstellt, anscheinend noch keine Erfahrung mit solchen Fällen hat.

00:22:49: Andreas Haar zeigt ihm gegenüber kein Respekt, wodurch Felina sich noch hilfloser vorkommt.

00:22:54: Es wird schnell klar, dass dieser Anwalt nicht der Richtige für sie ist.

00:22:57: Die einstweilige Verfügung wird schließlich wieder verworfen, der verantwortliche Richter sieht keine ausschlaggebende Gefährdungslage.

00:23:04: Ich habe das ehrlich gesagt nicht richtig verstanden, weil ich von meiner Sicht aus es ist für ihn kein Eingriff in sein Leben, wenn er sich meinem Wohnort, also meinem Haus und dem Haus von meiner Familie nicht näherndacht, weil er hat dort ja nicht seinen Arbeitsplatz oder irgendwelche verwandten oder so.

00:23:21: Deswegen habe ich einfach nicht verstanden, warum der Richter nicht einfach sagen kann, ja okay, vielleicht schützt sich da mit jemandem und er hat kein Eingriff in sein Leben, ich lass das durch.

00:23:33: An diesem Punkt kommt Felina sich machtlos vor.

00:23:36: Und sie entscheidet sich dazu, vorerst keine weiteren Schritte einzuleiten.

00:23:46: Bis Mitte zwentzwanzig.

00:23:49: Andreas Haar sticht regelmäßig Felinas Autoreifen ein.

00:23:53: Andreas Haar hat so einen massiven Einfluss auf Felinas Leben, dass sie beschließt, ihre Wohnung zu kündigen, da sie dort keinen sicheren Stellplatz für ihr Auto hat.

00:24:03: Zeitgleich erhält sie Dro-Emails von einem Server, der im Ausland agiert, Und die Nutzerin anonymisiert.

00:24:10: Eine Spur, die die Polizei nicht nachverfolgen kann.

00:24:13: Und das, obwohl der Täter auch immer wieder seinen Klarnamen nennt.

00:24:17: Die E-Mails waren auf der einen Seite so Sachen wie ... Du wirst es bereuen, dass du nicht mit mir zusammen sein möchtest.

00:24:29: Deiner Mutter wird etwas passieren, dir wird etwas passieren, Unfälle passieren.

00:24:35: Ich bring dich oben, du wirst sterben.

00:24:38: Wenn du einen Partner hast, dann bringe ich ihn oben.

00:24:40: Wenn ich nicht mit dir sein darf, dann darf auch niemand anderes mit dir sein.

00:24:45: Oder auch z.T.

00:24:46: Erpressungen, wie zum Beispiel, wenn du mir jetzt zwanzigtausend Euro gibst, dann höre ich auf.

00:24:51: Oder auch so Sachen wie Stück mehr Nacktbilder von dir.

00:24:55: oder es passiert was.

00:24:56: Auf der einen Seite diese lütenden Droh-E-Mails und Erpressungen und dann immer wieder... Ja, es tut mir alles so leid, können wir es nicht alles hinter uns lassen.

00:25:06: Es tut mir so leid, ich möchte doch, dass wir uns gut verstehen.

00:25:10: Die E-Mails kommen zeitweise von einer E-Mail-Adresse mit dem Namen Freitag der Dreizehnte.

00:25:15: Über Monate hinweg bekommt Felina täglich mehrere E-Mails zugeschickt.

00:25:20: Sie enthalten Aussagen wie?

00:25:23: Ich werde dein Leben zerstören.

00:25:30: So wie du mein Herz gebrochen hast.

00:25:32: Frohe Ostern, du würdeloses Miststück.

00:25:34: April, April, April, April, April, April, April, April, April, April, April, April, April, April, April, April, April, April, April, April, April, April, April, April,

00:25:39: April, April, April, April, April, April, April, April, April, April, April, April, April, April, April, April, April, April, April, April, April, April,

00:25:44: April, April, April, April, April, April, April, April, April, April, April, April, April, April, April, April, April, April,

00:25:48: April, April, April, April,

00:25:49: April, April,

00:25:51: April, April, April,

00:25:51: April, April, April, April, April, April, April, April, April, April, April, April, April, April, April, April, April, April, April, April, April, April, April, April, April, April, April, April.

00:25:58: Der Tag deines Endes liegt in greifbarer Nähe.

00:26:02: Unfälle passieren bei dreckigen kleinen Schlampen.

00:26:05: Verstecken

00:26:06: ist zwecklos.

00:26:07: Du kannst deinem Schicksal nicht entkommen.

00:26:09: Du kannst mir nicht entkommen.

00:26:10: Du wirst mich nicht los.

00:26:12: Du gehörst mir.

00:26:13: Deine Zeit läuft.

00:26:15: Tick,

00:26:17: tak, tick,

00:26:18: tick, tick.

00:26:24: Das Datum, auf das der E-Mail-Absender hinweist, also Freitag der dreizehnte Mai, macht für Lina große Angst.

00:26:31: Soll dieses Datum eine Drohung sein?

00:26:33: Was wird an dem Tag passieren?

00:26:35: Felina driftet oft in Wachträume ab, in denen sie sich ausmalt, was Andreas Haar im schlimmsten Fall tun könnte.

00:26:41: Felina kann ihn nicht einschätzen.

00:26:43: Einerseits könnte seine obsessive Beschäftigung mit ihr vielleicht verhindern, dass er ihr Fysischaden will, da das Stalking für ihn ein fester Bestandteil seines Lebens zu sein scheint.

00:26:53: Andererseits aber fragt sie sich, ob der Leidensdruck, den sie in seinem Verhalten erkennt, irgendwann auch dazu führen könnte, dass er gewalttätig wird.

00:27:01: Am Freitag, den thirteenth Mai, zerkratzt Andreas Haar in Anführungsstrichen nur ihr Auto und zersticht wieder ihre Reifen.

00:27:10: Obwohl er Drohungen aus den E-Mails wiederholt äußert, führt die Häufigkeit teilweise auch dazu, dass Felina sie irgendwann nicht mehr ernst nehmen kann.

00:27:18: Eine Angst bleibt natürlich trotzdem.

00:27:21: Aber auch ihre Familie fürchtet um Felinas Sicherheit, da niemand abschätzen kann, zu welchen Handlungen Andreas Haar tatsächlich fähig ist.

00:27:29: Seine ständigen Stimmungswechsel zwischen Wut und Reue verstärken die Unsicherheit.

00:27:34: Die ständigen Drohungen führen dazu, dass Felina unter einem enorm psychischen Druck steht.

00:27:39: Ja, ich war total paranoid.

00:27:41: Ich konnte nicht in mein Auto steigen, ohne nicht alle vier Reifen abzuchecken.

00:27:46: Ich war so unglaublich paranoid, wenn ich nach Hause gelaufen bin vom Auto zu meiner Wohnung.

00:27:51: Ich habe mich die ganze Zeit umgedreht.

00:27:53: Ich habe ihn auch irgendwie überall gesehen.

00:27:55: Ich hatte schon irgendwie Haluzinationen zum Teil.

00:28:00: Und auch jedes Auto, wo er vor dem Haus geparkt hat, habe ich reingeguckt.

00:28:04: Ich war wirklich total paranoid.

00:28:07: Er hat auch hier ganz oft in den E-Mails Guthos geschickt.

00:28:12: Von dem Haus, in dem ich gearbeitet habe.

00:28:14: Also von dem Domina-Studio oder von meiner eigenen Wohnung.

00:28:18: Und es ist... so unglaublich, dass ich diese Person aber niemals gesehen habe.

00:28:24: Man hat schon irgendwie das, ich habe schon manchmal das Gefühl gehabt, so ist es überhaupt eher oder gibt da irgendwie noch ein Geld da Bilder zu machen, wie kann das sein, dass ich ihn niemals sehe, aber er die ganze Zeit offensichtlich da ist.

00:28:38: Die Situation belastet nicht nur Felina selbst.

00:28:41: Sie beeinträchtigt auch ihre Beziehung stark.

00:28:44: Ihr Partner lebt täglich, wie die Situation ihren Alltag dominiert.

00:28:48: Der Stalker wird zum Hauptbestandteil ihrer Beziehung.

00:28:52: Das Erste, was Felina morgens sieht, sind wieder neue E-Mails, die dann den Tag über ihre Gespräche und Gedanken bestimmen.

00:28:59: Das Paar spricht über nichts anderes mehr als über Andreas Haar und die mit dem Stalking verbundenen Ängste.

00:29:06: Letztendlich wird diese Situation sogar dazu führen, dass die Beziehung endet.

00:29:10: Ich bin zu meinem Partner damals nach Bayreuth gezogen und da fing es dann erst richtig richtig

00:29:16: an,

00:29:17: dass.

00:29:17: eines morgens sind wir aufgewacht und das ganze Haus, wo wir gewohnt haben, war mit Graffiti besprüht.

00:29:24: Außen und innen die ganzen vier Stockwerke, das ganze Treppenhaus.

00:29:28: Und in diesem Haus, da waren auch Ärzte und Viseure und so weiter drin und da stand überall Stürztuslampe und Meinnahmen und Ausdrücke und Morddrohungen.

00:29:42: Daraufhin entscheidet Felina, sich zurück nach München zu ziehen.

00:29:46: Dort fühlt sie sich erst mal sicher, bis sie eine E-Mail von Andreas Haar erreicht.

00:29:51: Er schreibt, ich werde herausfinden, wo du wohnst.

00:29:54: Obwohl Felina einige sehr gute Freundinnen hat, möchte sie sie nicht unnötig mit ihrem Problem belasten.

00:30:00: Sie fühlt sich unwohl damit, anderen von ihrem Stalker zu erzählen.

00:30:04: Schließlich ist es ihr persönliches Problem und nicht das ihrer Freundinnen.

00:30:09: Auch bei ihrer Familie findet Felina nicht den Halt, den sie sich wünscht.

00:30:12: Die Familie macht ihr Vorwürfe, weil sie einen neuen Anwalt beauftragt hat, den sie für unfähig halten.

00:30:18: Immer wieder fragen sie Felina, warum niemand etwas unternimmt.

00:30:22: Das löst in ihr das Gefühl aus, dass sie nicht genug dafür tun würde, dass es ihre Schuld ist, dass das Stalking kein Ende nimmt.

00:30:28: Diese ständigen Vorwürfe sorgen dafür, dass Felina sich immer hilfloser und isolierter fühlt.

00:30:34: In dieser Zeit wendet sich Felina immer wieder an Stalking-Beratungsstellen und die Polizei.

00:30:40: Sie ist völlig überfordert und sucht immer noch dringend Hilfe.

00:30:44: Doch weil es nach dem Verständnis der Polizeibeamtinnen kaum konkrete Beweise für die Stalking-Aktivitäten gibt, bleibt die Unterstützung der Behörden verwehrt.

00:30:53: Man fühlt sich gar nicht ernst genommen, gerade auch bei der Polizei.

00:30:58: Ich war ja zum Teil zweimal die Woche bei der Polizei, wo diese Fachbestätigungen stattgefunden haben.

00:31:05: Und ich saß dort und ich habe immer gesagt, ich weiß nicht mehr, was ich tun soll, kann mir nicht irgendjemand helfen.

00:31:12: Und ich hatte so das Gefühl, dass aufgrund meines Berufes sie ihnen in Schutz nehmen, weil ich selber stuld, dass ich eine Frau bin, dass ich jung bin und dass ich diesen Beruf mache.

00:31:27: Deshalb sei ich angeblich selber stuld, wenn mir so etwas passiert.

00:31:31: Studien zeigen, dass Opfer von Stalking, insbesondere Frauen in Berufen wie der Sexarbeit, häufig mit Stigmatisierung und Vorurteilen konfrontiert werden.

00:31:40: Der Vorwurf, dass sie selbst schuld sein oder diese Bedrohung aufgrund ihres Berufslebens herausfordern, wird oft deutlich, auch wenn er selten offen ausgesprochen wird.

00:31:50: Felina leidet zunehmend unter der Diskriminierung und mangelnden Unterstützung, die sie in dieser Situation erfährt.

00:31:56: Die Ermittlungen gestalten sich besonders schwierig, weil Andreas H. bislang nichts eindeutig nachgewiesen werden konnte.

00:32:03: Ein Umstand, der laut der Stalking-Expertin Sandra Zegler bei solchen Fällen typisch und ein großes Problem ist.

00:32:10: Das ist auch aus meiner Sicht mit einer der Gründe dafür, dass es in Deutschland eine Verurteilungsrate von unter zehn Prozent in Stalkingfällen gibt.

00:32:20: Das heißt also, das ist wirklich der Dreh- und Angelpunkt für die Ermittlungsbehörden.

00:32:24: Und es ist natürlich die Schwierigkeit, wenn gar nicht wirklich nachweisbar ist, dass das Stalking zum einen wirklich stattfindet und zum anderen, dass wir es wirklich diesem einen Täter zuordnen müssen.

00:32:34: Dann sind die Ermittlungsbehörden manchmal ganz schön die Hände gebunden.

00:32:38: Bei Fällen wie dem von Felina ist eine der größten Herausforderungen das Sammeln von Beweisen.

00:32:44: Etwas, das nicht nur für die Polizei, sondern auch für die Betroffenen selbst entscheidend ist.

00:32:49: Stocking-Expertin Sandra Zegler erläutert wie Betroffene durch eigene Dokumentation und durch das Einbinden des Umfelds gezielt Beweise sammeln können, um den Ermittlungsbehörden zu helfen.

00:33:00: Allerdings weiß sie auch, dass diese Eigeninitiative den Betroffenen viel abverlangt.

00:33:06: Zum einen ist es sehr hilfreich, ein Stalking-Tagebuch zu führen, denn wenn ein Stalking-Tagebuch über einen längeren Zeitraum kontinuierlich geführt ist, sodass da wirklich Häufigkeit, Intensität der

00:33:19: Attacken

00:33:20: abgelesen werden können, wenn er auch abgelesen werden kann, wer sind möglicherweise Zeugen oder welche Beweise gibt es eventuell dafür, dann kann das sogar Gerichtsverwertbar sein.

00:33:31: Zum anderen ist es auch eine sehr, sehr gute Idee, das eigene Umfeld zu sensibilisieren, zu informieren.

00:33:38: Denn wenn die Menschen die Zusammenhänge kennen und die Hintergründe, können sie die Situation anders einordnen und sind natürlich auch eher bereit, bei Gericht auch auszusagen, was sie beobachtet haben.

00:33:49: Immer dann, wenn aber Straftaten im Raum stehen.

00:33:51: Also wenn jemand vor mir steht und mich beleidigt, wenn jemand mich bedroht.

00:33:56: oder andere Dinge tut, wo ich wirklich sagen muss, das hat jetzt hier den Zusammenhang im Stalking.

00:34:01: Und ich möchte das, den Strafverfolgungsbehörden möchte ich das beweisen können.

00:34:06: Dann habe ich das Recht, davon wirklich auch Bilder zu machen und auch Videoaufnahmen.

00:34:18: Es ist jetzt knapp zwei Monate her, dass Felina nach München gezogen ist.

00:34:22: Die E-Mails kommen immer noch.

00:34:24: Aber zumindest glaubt sie, dass Andreas Ha ihren neuen Wohnort nicht kennt.

00:34:28: An einem Abend kommt sie nach Hause und fährt gegen einundzwanzig Uhr dreißig mit ihrem Auto in die Tiefgarage ihrer Wohnanlage.

00:34:36: Als sie ihren Stellplatz sieht, ist sie schockiert.

00:34:39: Alles ist mit beleidigenden Ausdrücken beschmiert.

00:34:42: Schlampe, Miststück, Hure.

00:34:45: Andreas Haar hat sie wieder gefunden.

00:34:48: Und das scheint sein Begrüßungsgeschenk zu sein.

00:34:51: Neben dem Schock spürt Felina aber auch eine wahnsinnige Wut über die Dreistigkeit von Andreas Haar.

00:34:56: für alle Bewohnerinnen und Bewohner sichtbar in einer Tiefgarage in einer Wohnanlage zu sprayen.

00:35:02: Immer häufiger sprüht Andreas Haar nachts in ihrem Wohnhaus an die Wände.

00:35:07: Doch es bleibt nicht nur bei ihrem Zuhause.

00:35:09: Auch vor dem Studio, in dem sie arbeitet, beschmiert er mindestens dreimal die Wände, erzählt Felina.

00:35:14: Und auch bei ihrer Mutter besprüht er das Wohnhaus und das Auto.

00:35:18: Diese Angriffe sind nicht nur eine Provokation, sondern zeigen auch die ungebrochene Präsenz und Entschlossenheit, von Andreas Haar, Felina, zu terrorisieren.

00:35:27: Ich konnte auch gar nicht mehr schlafen, weil ich bei jedem Geräusch, wenn ich aufgewacht habe, durch den Tischspiong geguckt, wir haben auch tatsächlich sehr oft unten uns in einem Leiber gewartet, ob er kommt.

00:35:39: Die ganze Nacht ist er aber nicht gekommen, er war wie ein Pantom.

00:35:43: Nie hat ihn irgendjemand gesehen auf Privatreaktive, die ich engagiert habe.

00:35:47: Hab ihn nie gesehen beziehungsweise, er hat dann an dem Abend einfach nichts gemacht oder in der Nacht.

00:35:56: Knapp zwei Jahre lang wird Felina inzwischen von Andreas Habe lästigt.

00:36:00: Um die Auswirkungen auf ihr Leben und die Ängste durch das Stalking zu verarbeiten, beginnt sie eine Therapie.

00:36:06: An dem Tag ihrer ersten Sitzung geht sie morgens aus dem Haus, vorbei an Schmierereien im Hausflur.

00:36:12: Dort steht ihr Name, ihre Telefonnummer und stirbt du Schlampe.

00:36:16: Felina regt sich nicht auf, es ist bereits zu ihrem Alltag geworden.

00:36:20: Da bin ich zu meinem Auto gelaufen und ich habe immer ziemlich weit weggeparkt.

00:36:24: Ich habe auch ganz oft nur noch mit Carsharing Autos durch die Gegend gefahren, weil ich eben Angst hatte, dass er wieder meine Reifen zersticht.

00:36:32: Und wo ich bei meinem Auto war, war mein Auto ein wirtschaftlicher Totalschaden.

00:36:37: Er hat das Auto komplett zerkratzt und besprüht und die Reifen kaputt gemacht und die Fällen und die Spiegel weggeschlagen.

00:36:45: Das war wie ein richtiges Kunstwerk, auch alles ganz synchron links und rechts.

00:36:49: Und ich konnte natürlich dann auch nicht zu dieser Therapie sitzumgehen.

00:36:53: Felina schildert diese Situation ihrem Anwalt.

00:36:57: Er engagiert einen befreundeten Sicherheitsbeamten, der lange beim LKA in Berlin Kriminalbeamter war.

00:37:03: Der nimmt sich dem Fall an und untersucht, wieso die Polizei nicht eingreift.

00:37:08: Ein Problem wird schnell deutlich.

00:37:10: Die zahlreichen Anzeigen von Felina sind alle an unterschiedlichen Orten erstattet worden.

00:37:15: In verschiedenen Stadtteilen in München, in Bayreuth ... in dem Ort, in dem ihre Mutter lebt.

00:37:21: Dass Anzeigen in unterschiedlichen Orten mit verschiedenen verantwortlichen Ermittlungsbehörden gestellt werden, stellt ein großes Problem dar, wie Stocking-Expertin Sandra Zegler erklärt.

00:37:31: Wenn die eine Polizeibehörde zuständig ist und an der anderen Stelle die andere Polizeibehörde, können wir davon ausgehen oder wir müssen davon ausgehen, dass das eine Polizeisystem nicht mit dem anderen connectet ist.

00:37:44: Und dann haben wir wirklich das Problem, dass der eine Sachbearbeiter bei der Polizei nicht auf die Ermittlungsinhalte und überhaupt auch die Strafanzeigen der anderen Kollegen zugreifen können.

00:37:56: Das heißt, er kennt Inhalte nicht und er weiß aber überhaupt auch nicht, dass diese Strafanzeigen überhaupt existieren.

00:38:02: Filinas Anwald und sein Bekannter gehen proaktiv vor und kontaktieren die Polizeibeamtinnen, die mit den verschiedenen Aktenzeichen befasst sind, um zuständige AnsprechpartnerInnen zu finden.

00:38:14: Schließlich haben sie Glück.

00:38:16: Sie finden einen Beamten bei der Kriminalpolizei München, der bereit ist, sich dem Fall anzunehmen.

00:38:22: Dieser Polizist beschafft sich alle relevanten Akten, um Felinas Fall zu bearbeiten.

00:38:27: Und ich bin diesem Polizisten so unglaublich dankbar, weil es hätte sonst wirklich, glaube ich, niemals aufgehört.

00:38:36: Ich war auch öfters bei ihm, weil er nochmal Rückfragen gestellt hat.

00:38:39: Und er hat dann eine Hauszusuchung gemacht bei meinem Stalker und hat ihm seine elektronischen Geräte weggenommen gehabt, um zu gucken, ob sie da irgendwelche Bilder, Dateien oder auch Zugänge zu den E-Mails finden, um ihnen das nachzuweisen.

00:38:56: Und von diesem Tag an, wo er die Sachen weggenommen hat, hat es aufgehört.

00:38:59: Komplett.

00:39:02: Auf dem Geräten finden die Beamtinnen Bilder von Fellinas Wohnhaus aus verschiedenen Perspektiven.

00:39:07: Außerdem können sie über die Geräte nachweisen, dass sich Andreas Haar sehr oft in der Nähe ihrer Wohnung und ihrem Arbeitsplatz aufgehalten hat.

00:39:15: Allerdings finden sie keine Beweise für die Sachbeschädigung und können auch die Droh-E-Mails immer noch nicht mit Andreas Haar in Verbindung bringen.

00:39:22: Daraufhin werden die Anzeigen gegen ihn eingestellt.

00:39:26: Felina ist vor allem erleichtert, dass der psychische Terror, den sie erlebt hat, nun ein Ende hat.

00:39:31: Doch die Erfahrungen während der zwei Jahre des Dawkins haben tiefe Spuren hinterlassen.

00:39:37: Ängste, Schlafstörungen und Panik.

00:39:40: Es war zuerst so die zwei Jahre hinweg, wo er mich gestorgt hat.

00:39:46: Dass immer, wenn ich an ihn gedacht habe, habe ich so Rauschen in den Ohren gehabt und Herzrasen.

00:39:52: Ich habe keine Luft mehr bekommen.

00:39:54: Ziemlich zeitnah nach der Haustür suche, habe ich eine Hintnose-Sitzung gemacht.

00:40:00: Und die war echt super.

00:40:02: Es hat wirklich nur diese eine Sitzung gebraucht.

00:40:04: Und seitdem ... habe ich diese körperlichen Symptome, wenn ich an ihn denke, gar nicht mehr, sondern es ist eher so neutral geworden.

00:40:15: Die körperlichen Symptome, die Felina beschreibt, sind nicht ungewöhnlich.

00:40:19: Stocking kann verheerende Auswirkungen auf die psychische Gesundheit der Betroffenen haben.

00:40:23: Das bestätigt auch Stocking-Expertin Sandra Zegler.

00:40:27: Die Täter manipulieren und die Spänen eben auch Daten und Informationen aus, die sie wirklich einfach gar nicht haben dürfen und tun dann auch noch Dinge, mit denen sie der Betroffenen einfach extrem schaden können.

00:40:40: Das hat verheerende Folgen, also ganz, ganz tiefe Erschütterungen, Ohnmachtsgefühle, ja bis hin zu traumatischer Qualität.

00:40:47: kann das haben.

00:40:48: Wenn wir einmal wissen, dass Traumotherapeuten eine Studie durchgeführt haben, in der sie das Stresslevel von Menschen gemessen haben, die bestimmte traumatische Erlebnisse erlebt haben.

00:41:02: Und die sind zu dem Ergebnis gekommen, dass Stalking den gleichen Stress auslöst, wie das Überleben eines Flugzeugabsturzes.

00:41:20: Felina hat eine sehr belastende Zeit hinter sich.

00:41:23: Die Erfahrungen des Stalkings haben nicht nur ihre täglichen Routinen beeinflusst, sondern auch ihre Sicht auf ihr Leben und ihre Arbeit.

00:41:31: Ich denke mir manchmal, es ist eigentlich unglaublich, wie ich dann gelebt hab, gerade mit diesen nachts immer aufschrecken und die ganze Zeit noch mal zu Tür rennen und gucken, ob die Tür noch mal abgesperrt war.

00:41:44: Und mit dem Auto, das Auto, die ganze Zeit verstecken.

00:41:50: Es war ja ein unglaublich anstrengendes Leben.

00:41:53: Ich hatte auch Hobbys zum Teil aufgegeben.

00:41:55: Also ... Ich denke mir manchmal jetzt, wo alles quasi wieder normal ist.

00:42:00: Es ist unglaublich, wie dieser Mensch jeden Teil meines Lebens so eingenommen hat und so bestimmt hat.

00:42:07: Und ich auch jetzt auch einfach wieder hier ganz normal sitze.

00:42:11: Aber nicht alles ist wieder ganz normal.

00:42:13: Die Stalking-Erfahrungen wirken sich noch immer auf verschiedene Bereiche von Felinas Leben aus.

00:42:18: In ihrem Job als Sexarbeiterin hat sich vieles verändert.

00:42:22: Felina berichtet, dass sie nun sehr viel mehr auf Distanz ihren Gästen gegenüber achtet.

00:42:27: Besonders private Gespräche vermeidet sie aus Angst, dass durch zu große Sympathie oder persönliche Informationen erneut eine Situation wie die mit Andreas H. entstehen könnte.

00:42:37: Auch im Privatleben hat Felina ihre Einstellung verändert.

00:42:41: Sobald Kolleginnen oder Freundinnen von merkwürdigen Vorfällen berichten, wie einem nächtlichen Klingeln, bekommt sie große Angst um sie und befürchtet, dass ihnen Ähnliches passieren könnte.

00:42:53: Zudem ist sie vorsichtiger geworden, was die Weitergabe persönlicher Informationen angeht, wie den Nachnamen oder die Privatadresse und geht sehr bedacht damit um, wem sie diese Details anvertraut.

00:43:05: Gerade wenn sie dated und Männer kennenlernt, überlegt sie lange, ab wann sie ihn wirklich vertrauen kann, um sich ihn auch wirklich öffnen zu können.

00:43:14: Bei der Arbeit hat sich für Dinas Sicherheitsgefühl durch einige wichtige Veränderungen verbessert.

00:43:19: Sie arbeitet jetzt ausschließlich in konzessionierten, also offiziell zugelassenen Prostitutionstätten und hat in den letzten Monaten ihr eigenes Dominarstudio eröffnet.

00:43:29: Die Sicherheitsstandards dort sind hoch, Kameraüberwachung an den Eingängen, Alarmknöpfe in den Zimmern und eine vertrauensvolle Zusammenarbeit mit Kolleginnen, sodass sie niemals alleine vor Ort ist.

00:43:41: Diese Maßnahmen bieten Felina ein Gefühl der Sicherheit und verringern die Gefahr von Erpressung, da sie nun in einem legalen und geschützten Umfeld arbeitet.

00:43:50: Zusätzlich gibt es noch weitere Schutzstrategien, über die sie und ihre Kolleginnen öffentlich jedoch nur ungern sprechen.

00:43:57: Aus Angst, dass diese Informationen potenziellen Tätern nützen könnten.

00:44:02: Stalking ist ein wiederkehrendes Problem, das nicht nur unmittelbare Opfer betrifft, sondern auch potenzielle Neue betroffene.

00:44:09: Vor etwa einem halben Jahr wird Fedina von einem Mädchen über Instagram kontaktiert.

00:44:13: Sie schreibt ihr, dass Andreas Haar ihr von ihr erzählt habe und dass er inzwischen sie stalken würde.

00:44:19: Das Mädchen bittet Fedina um einen Rat, was sie tun kann, damit er damit aufhört.

00:44:23: Fedina kann ihr nur von ihrer Geschichte erzählen, bei der auch Glück eine große Rolle gespielt hat.

00:44:28: Dieser Umstand verdeutlicht nicht nur die anhaltende Gefahr für andere, sondern auch die Verantwortung, die wir als Gesellschaft tragen, um einander zu unterstützen, und um auf solche Situationen aufmerksam zu

00:44:40: machen.

00:44:47: Die Arbeit von Sexarbeiterinnen wird gesellschaftlich oft von Vorurteilen und Stigmatisierung begleitet, die nicht nur das individuelle Leben der Betroffenen beeinflussen, sondern auch weitreichende Auswirkungen auf die Ermittlungen in Fällen von Stalking haben können.

00:45:01: Diese Vorurteile können sich nicht nur auf das Selbstbild der Betroffenen auswirken, sondern auch auf die Interaktion mit Behörden, die oft nicht die nötige Sensibilität zeigen.

00:45:12: Für Linas Erfahrungen zeigen, mit welchen Herausforderungen sie dadurch konfrontiert war.

00:45:17: Der Beruf kann toll sein.

00:45:19: Und ich bewundere auch die Frauen in meiner Branche.

00:45:23: Das sind wirklich unglaublich starke, unabhängige Frauen.

00:45:27: Auch wirklich wunderschöne Charaktere.

00:45:31: Es ist einfach nur schade, dass die Gesellschaft uns so diskriminiert und stigmatisiert, weil ich denke mir immer ... Es ist legal, was wir machen.

00:45:39: Es ist ein Büro, wir zahlen Steuern.

00:45:42: Wir haben ein Gewerbe.

00:45:43: Warum handelt man uns dann so, als wären wir nicht gleichgestellt mit einem anderen Selbstständigen.

00:45:50: Es ist wirklich ein gesellschaftliches Problem.

00:45:53: Die gesellschaftliche Stigmatisierung kann auch erhebliche Auswirkungen auf die Ermittlungen in Stalkingfällen haben.

00:46:00: Die Stalking-Experte in Sandra Zäkler betont, dass die Sichtweise von Ermittlerinnen stark durch vorgefasste Meinungen und Stereotype-Bilder beeinflusst wird.

00:46:09: Wir müssen zum einen wissen, dass der Ermittler die Ermittlerinnen wirklicherweise

00:46:14: Bilder

00:46:15: im Geiste trägt, die einfach sehr begrenzen.

00:46:18: Wird natürlich nicht alles ausschöpfen und auch nicht in die eigene Kreativität gehen, was man in Stalking-Fällen sehr häufig muss, weil sie sonst einfach nicht ... ja.

00:46:29: zu bekämpfen sind.

00:46:31: Wir müssen aber auch wissen und gerade Stalkingfälle, weil sie so hochkomplex sein können, leben einfach extrem von der Mitarbeit der Betroffenen.

00:46:39: Und wenn die Betroffenen, die sowieso schon sich verängstigt fühlen, eingestüchtert fühlen, die vielleicht Todesängste haben und Ohnmachtsgefühle mit sich rumtragen, wenn die dann auch noch mitbekommen, dass sie von einer Autorität wie den Ermittlungsbehörden stigmatisiert werden.

00:46:58: Also das kann nicht nur eine ganz persönliche Kränkung auslösen, sondern das kann sie auch wirklich extrem demotivieren, dass sie wirklich das Gefühl haben, also die Arbeiten ja wirklich überhaupt nicht für mich.

00:47:10: Also gesellschaftliche Stigmatisierung hat einen extrem negativen Einfluss auf Ermittlungen.

00:47:18: Für einen optimalen Umgang mit Stalkingfällen ist außerdem die interdisziplinäre Zusammenarbeit ausschlaggebend.

00:47:24: Es ist nicht nur wichtig, dass, wie wir schon gehört haben, die einzelnen Ermittlungsbehörden von den jeweiligen Anzeigen der anderen wissen, sondern auch, dass Anwältinnen, Psychologinnen, Sozialarbeiterinnen, die mit den Betroffenen zusammenarbeiten, mit in die Ermittlung einbezogen werden.

00:47:40: Wir müssen ja im Bereich Stalking wissen, das kann ja einen turbulenten Charakter bekommen.

00:47:46: weil die Täter ja oft sehr aktiv sind und während die Strafverfolgungsbehörden und vielleicht die Sozialarbeiterinnen gerade noch mit bestimmten Zusammenhängen beschäftigt sind, begeht der Täter ja schon wieder die neuen Taten und die Ereignisse können sich wirklich überschlagen.

00:48:02: Also es kann manchmal in einzelnen Stalkingfällen sehr, sehr schwierig sein, sie überhaupt zu verstehen.

00:48:07: und zu erfassen, was es eigentlich wann wie passiert.

00:48:10: In diesen sehr dynamischen Fällen, die wir ja immer rückwärts verstehen, aber vorwärts bearbeiten müssen sozusagen, das ist eine riesen Herausforderung.

00:48:19: Und genau deshalb ist es so wichtig, dass die unterschiedlichen Professionen sich, die mit einem Fall befasst sind, einfach auch an ein Tisch setzen.

00:48:27: Weil die eine Instanz weiß sehr häufig auch gar nicht, was die andere überhaupt für Möglichkeiten hat.

00:48:32: Und in dem Moment, wo man die Information erst mal austauscht, die vielleicht die anderen gar nicht haben und sich dann überlegt, welche Gegenmaßnahmen können wir da treffen.

00:48:40: Das kann sehr effektiv sein.

00:48:48: Stalking ist ein Thema, das oft vielschichtig und psychologisch komplex ist.

00:48:53: Anders als bei offensichtlichen Straftaten wie Körperverletzungen, wo eine sichtbare Verletzung entsteht, besteht Stalking aus einer Reihe von scheinbar harmlosen Alltagshandlungen.

00:49:05: Häufig sind das in Anführungsstrichen einfach nur Nachrichten oder E-Mails, die an sich keine Straftat darstellen, die jedoch häufig psychische Gewalt in Form von symbolischen Drohungen mit sich bringen und über die Zeit zu einer echten Bedrohung werden können.

00:49:20: Die Herausforderung liegt darin, Stalking als solches zu erkennen, als eine Grenzüberschreitung, die gesellschaftlich nicht akzeptiert wird.

00:49:28: Betroffene Frauen realisieren oft nicht, dass sie über Wochen, Monate oder manchmal sogar über Jahre hinweg gestorkt werden.

00:49:35: Diese schleichende Dynamik macht es umso schwieriger, das Ausmaß des Erlebten zu begreifen.

00:49:40: Darüber hinaus sind die psychischen Verletzungen, die Stalking mit sich bringt, häufig nicht sichtbar.

00:49:46: Sätze wie, übertreibst du da nicht oder freu dich doch, da liebt dich jemand, zeigen wie wenig Verständnis oft für diese Problematik besteht.

00:49:55: Viele Frauen berichten, dass das Gefühl der Isolation und des Unverständnisses durch ihr Umfeld oft genauso schmerzhaft wie das Stocking selbst ist.

00:50:03: Weshalb es einfach auch so wichtig ist, dass wir diesen gesellschaftlichen Diskurs führen, dass wir uns alle darüber austauschen, dass wir den Betroffenen wirklich zuhören und ihn auch wirklich zur Seite stehen.

00:50:13: Wenn wir nicht wissen, wie, dann können wir ja immer noch fragen, was brauchst du denn von mir?

00:50:17: Und wie gesagt, das kostet uns nichts, außer vielleicht wirklich unsere volle Präsenz.

00:50:23: Das Thema Stalking, gerade wenn wir auch wissen, dass es immer wieder auch in einzelnen schweren Fällen zur Tötung führen kann.

00:50:31: Es geht uns alle an.

00:50:32: Wir alle als Gesellschaft müssen dahin schauen.

00:50:35: Die Unterstützung von Angehörigen ist für Stalking-Opfer von entscheidender Bedeutung.

00:50:40: Oft haben Betroffene große Angst, dass ihre Familie oder Freundin sie nicht verstehen oder vielleicht sogar wütend auf sie reagieren, wenn sie mit der Realität des Stalkings konfrontiert werden.

00:50:51: Diese Angst kann dazu führen, dass sie sich von ihren Lieben zurückziehen und wichtige Unterstützung nicht in Anspruch nehmen.

00:50:58: Felina hat in ihrer eigenen Erfahrung erkannt, wie wichtig es ist, das Angehörige Verständnis

00:51:04: zeigen.

00:51:06: Was mir ganz gut geholfen hat, dass man nicht wütend wird, dass so was passiert ist und dass man nicht dem Opfer die Schuld gibt, sondern ... Ja, dass man eher unterstützend beiseite steht, weil ich hatte auch unglaublich Angst vor meiner Familie, dass sie sauer wird auf mich, weil das passiert ist und weil ich einen Stalker hab.

00:51:27: Und diese

00:51:28: Angst, die

00:51:30: hätte auch wirklich dazu geführt, dass ich mit meiner Familie komplett den Kontakt abgebrochen hätte.

00:51:35: Ich würde mir auf jeden Fall wünschen, dass alle Opfer angehörige haben, die hinter denen stehen.

00:51:53: In der Studentinnenverbindung Delta, Delta, Delta.

00:51:56: an der University of California, Santa Barbara ist es Tradition, dass sich die Frauen abends nach Veranstaltungen immer gegenseitig sicher nach Hause bringen.

00:52:06: So auch am derauendzwanzigsten Mai, Zweitausendviertzehn, als Katie zwei ihrer Verbindungsschwestern auf dem Heimweg begleitet.

00:52:14: Doch an diesem Tag wird keine der jungen Frauen sicher nach Hause kommen.

00:52:18: Davon erzählen wir nächsten Montag, in der neuen Folge.

00:52:22: Wenn ihr einen Fall habt, von dem ihr denkt, dass wir Ihnen hier in zwölf Leben unbedingt erzählen sollten, oder wenn ihr Feedback habt, dann schreibt uns gerne eine E-Mail an zwölfleben.podimo.gmail.com.

00:52:35: Die Mail findet ihr, wie immer, auch in der Folgenbeschreibung.

00:52:41: Zwölf Leben,

00:52:42: Verbrechen

00:52:42: an Frauen,

00:52:43: ist ein Podcast

00:52:44: von Podimo.

00:52:45: Wir sind Helen Schulte.

00:52:47: Und Massimo Majo.

00:52:49: Autorin dieser Folge, Kiana Lensch.

00:52:52: Schnitt und Sound, Frieda Maurer und Luca Satori.

00:52:56: Ausführende Produzentin, Madeleine Petri.

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