#49 Brigitte: Alles schien perfekt

Shownotes

Diese Folge ist schon vor Monaten in der Podimo App veröffentlicht worden.
In der Podimo App findet ihr schon jetzt 60 kostenlose Folgen, die ihr ganz ohne Anmeldung oder Abo hören könnt – Einfach nur die App öffnen und ‘12 Leben’ finden:
https://podimo.de/12leben

Zusätzlich zu den 60 kostenlosen Folgen findet ihr dort auch die neueste Staffel im Premium-Bereich.
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Ludwigsfelde, 29. Dezember 2011: Die 67-jährige Brigitte spaziert fast täglich mit ihrem Hund durch den Wald – auch an diesem Nachmittag zwischen Weihnachten und Silvester. Neben ihr: ihr Ehemann, Heinrich S., der ehemalige Bürgermeister, bekannt für seine Verdienste um die Stadt. Das wird der letzte Spaziergang von Brigitte sein – später an diesem Tag ist sie tot.
 
In dieser Folge sprechen wir mit Brigittes Freundin & Stammkundin Barbara, der Lokaljournalistin der Märkischen Allgemeine Zeitung Jutta Abromeit über Brigitte und ihren Ruf in der Stadt Ludwigsfelde. Dorothee Dienstbühl ist Professorin für Kriminalistik an der Polizeihochschule des Landes Brandenburg und hat uns unter anderem erzählt, welche Bedeutung ein Geständnis haben kann. 

Triggerwarnung:
Diese Folge behandelt explizite Schilderungen von körperlicher Gewalt an Menschen und Tieren. Bei Gewalterfahrungen findet ihr anonym und kostenfrei Unterstützung unter folgenden Nummern:

Hilfetelefon “Gewalt gegen Frauen”: 08000 116 016 (rund um die Uhr)

Telefonseelsorge: 0800 111 0 111 (rund um die Uhr)

Opfer-Telefon vom Weißen Ring: 116 006 (7-22h Uhr)

Mehr Infos bekommt Ihr auf der Homepage der Online Datenbank für Betroffene von Straftaten: www.odabs.org

Habt ihr Feedback? Dann könnt ihr uns eine E-Mail schreiben:
12leben.podimo@gmail.com 

"12 Leben – Verbrechen an Frauen" ist ein Podcast von Podimo.
Hosts: Helen Schulte und Massimo Maio
Autorin dieser Folge: Katharina Fräbel
Schnitt und Sound: Frieder Maurer & Luca Sartori (hipitch)
Ausführende Produzentin: Madeleine Petry

Transkript anzeigen

00:00:04: Da wurde ja schon regelrecht das Opfer eigentlich dämonisiert.

00:00:09: Und sie hatte überhaupt keine Chance gehabt, sich zu wehren.

00:00:15: In dieser Folge geht es um körperliche Gewalt gegen Menschen und Tiere.

00:00:19: Wenn ihr selbst Erfahrung mit Gewalt gemacht habt oder jemanden kennt, der Unterstützung braucht, wendet euch an das Hilfetelefon.

00:00:25: Gewalt gegen Frauen unter der ... Mehr Informationen findet ihr zum Nachlesen in den Show

00:00:31: Notes.

00:00:43: Der Himmel ist von grauen Wolken bedeckt.

00:00:45: Die Kronen, der für Brandenburg typischen Kiefernwälder, lassen nur wenig Licht auf den Waldboden fallen.

00:00:51: Aber Brigitte stört das nicht.

00:00:53: Fast jeden Tag kommt die siebensechzigjährige bei Wind und Wetter in das kleine Waldgebiet am Rand der Stadt, um mit ihrem geliebten Cockerspaniel Ursus spazieren zu gehen.

00:01:03: An diesem Mittag zwischen Weihnachten und Silvester ist Brigitte mit ihrem Ehemann Heinrich S. auf ihrer gewohnten Route unterwegs, als ein Jogger den Weg entlang kommt.

00:01:12: Brigitte erkennt ihn.

00:01:13: Sie ist öfter hier unterwegs zum Spazieren und der Mann begegnet ihr immer wieder mal in dem Waldstück.

00:01:19: Auch der Jogger erkennt Brigitte und ihren Mann, denn Heinrich S. war lange Zeit der Bürgermeister der Stadt.

00:01:25: Er ist bekannt dafür, dass er der ostdeutschen Stadt nach der Wende zu neuem Glanz verhäufen hat, indem er Gelder und Förderung für Projekte und Neubauten angeschafft hat und so zum Beispiel auch die in der Region bekannte Therme hat bauen lassen.

00:01:38: Und Brigitte kennt man in der Umgebung unter anderem, weil sie die Ehefrau des beliebten und charismatischen Bürgermeisters ist.

00:01:45: Brigitte nickt dem Jogger zu

00:01:47: und ruft,

00:01:48: man trifft hier immer die gleichen, bevor sie ihm noch einen guten Start ins neue Jahr und schöne Feiertage wünscht.

00:01:54: Dann geht sie zusammen mit ihrem Mann weiter, weiter in den Wald hinein.

00:02:01: Diese Folge dreht sich um Brigitte.

00:02:03: Ihr Leben ist eines von zwölf, um die es in dieser Staffel geht.

00:02:10: Verbrechen

00:02:11: an Frauen.

00:02:28: Hi, ich bin Massimo.

00:02:29: Und ich bin Helen.

00:02:30: Ich freue mich total, dass es nach unserer kurzen Pause jetzt endlich weitergeht.

00:02:35: Wie ihr es aus unseren vorherigen Staffeln schon kennt, erzählen wir auch diesmal wieder die Geschichten von zwölf Frauen, die aufgrund ihres Genders Opfer von Gewalt geworden sind.

00:02:44: Dabei behandeln wir auch in dieser Staffel wieder neue Themen und Aspekte von Gewalt gegen Frauen.

00:02:49: Ihr hört die neuen Folgen von zwölf Leben ab jetzt alle zwei Wochen wie gewohnt am Montag.

00:02:54: Der erste Fall dieser Staffel ist der von Brigitte.

00:03:01: Sie war eine Institution in der Stadt natürlich, aber ambivalent.

00:03:06: Sie war zum einen sehr bestimmt, sehr dominant, wenn sie anwesend war.

00:03:12: Aber sie war eben auch Schirmherrin der Familienbeinacht, die vom Frauenstammtisch veranstaltet wurde, der Träger des Frauenhauses war.

00:03:23: Und da hat sie sich immer engagiert.

00:03:27: Das war Jutta Abrumait mit ihrer Beschreibung von Brigitte.

00:03:31: Jutta Abrumait ist Lokaljournalistin bei der merkischen allgemeinen Zeitung.

00:03:36: Sie berichtet seit den Achtzigern unter anderem über Ludwigsfelde und hat damals auch über Brigitte's Geschichte geschrieben.

00:03:43: Der Fall, den wir in dieser Episode erzählen werden, hat in den deutschen Medien große Aufmerksamkeit bekommen.

00:03:49: Denn Brigitte war die Frau des ehemaligen Bürgermeisters von Ludwigsfelde, Heinrich Scholl.

00:03:54: den wir im folgenden größtenteils Heinrich Essen nennen werden.

00:03:58: Die Stadt galt bis dato als eine der Vorzeigestätte in Ostdeutschland.

00:04:02: Das Schicksal von Brigitte bewegt Freundinnen und Familie, aber auch die Bürgerinnen der Stadt bis heute.

00:04:08: Und es zeigt, warum es wichtig ist, dass wir über die Betroffenen sprechen und nicht die Täter in den Mittelpunkt stellen.

00:04:15: Was Brigitte's Persönlichkeit ausgemacht hat, das hat uns Barbara erzählt.

00:04:19: Sie war eine Freundin und Reukunden in Brigittes Kosmetiksalon.

00:04:24: Also ich habe Giti Scholl als sehr sehr korrekte Person kennengelernt, manchmal etwas bestimmend, aber sehr sehr liebenswert.

00:04:34: Außerdem haben wir mit Dorothee Dienstbühl gesprochen.

00:04:37: Sie ist Professorin für Kriminalistik an der Hochschule der Polizei Brandenburg und setzt sich dort unter anderem dafür ein, dass Gewalttaten an Frauen mehr Beachtung finden.

00:04:46: Ich beschäftige mich sehr viel mit dem Thema Gewalt im Namen der Ehre.

00:04:51: Sexuelle Gewalt und Gewalt gegen Frauen.

00:04:54: Und mittlerweile seit über zehn Jahren berate und begleite ich einfach Frauen, die von solchen Themen betroffen sind.

00:05:02: Uns liegt das Urteil vor und wir hatten auch Zugriff auf das Buch Der Fall Scholl, der Journalistin Anja Reich.

00:05:08: Beides haben wir für die Recherche zu dieser Folge genutzt.

00:05:21: Brigitte wird im September nineteenhundertvierzig geboren.

00:05:25: Sie ist das Nesthäckchen und hat eine ältere Schwester.

00:05:28: Ihre Eltern führen einen großen und gut laufenden Friseurladen in Oberschlesien, müssen aber im Zweiten Weltkrieg wie Tausende andere vor den russischen Truppen fliehen.

00:05:38: Das Ziel der Eltern Berlin.

00:05:40: Aber nur sechsundzwanzig Kilometer vor der deutschen Hauptstadt landen Brigittes Eltern in der kleinen Stadt Ludwigsfelde.

00:05:47: Dort eröffnen die Eltern einen neuen Friseursalon und schnell geht es ihnen ähnlich gut wie in der alten Heimat in Oberschlesien.

00:05:54: Und so kennt in Ludwigs Felde jeder und jede Brigitteseltern.

00:05:58: Schließlich müssen sich ja alle die Haare schneiden lassen.

00:06:01: Und in Ludwigs Felder gehen alle in den Salon von Brigitteseltern.

00:06:05: Ihrer Familie geht es gut.

00:06:07: Sie haben als erste Familie in Ludwigs Felder ein Auto, fahren zum Einkaufen nach Westberlin und haben immer genug Essen auf dem Tisch stehen.

00:06:15: So viel, dass es auch nie ein Problem ist, wenn Brigitte Freunde und Freundinnen aus der Schule mitbringt.

00:06:20: Brigitte muss sich um nichts Sorgen

00:06:21: machen.

00:06:22: Freundinnen und Schulkameradinnen beschreiben, dass Brigitte sehr bestimmend sein kann.

00:06:27: Wenn sie etwas will, bekommt sie es in der Regel oder sie fragt es gar nicht, sondern macht es einfach.

00:06:33: Rückblickend bezeichnen sie einige Freundinnen und die Autoren des Buchs der Fall Scholl als verwöhnt.

00:06:40: Auch was ihre Meinung angeht, hält Brigitte nie hinterm Berg.

00:06:43: Wenn sie etwas nicht mag oder nicht gut findet, sagt sie das direkt.

00:06:47: Manchmal kann sie auch richtig gemein werden.

00:06:50: Einem Mädchen, deren Frisur Brigitte nicht gefällt, gibt sie zum Beispiel einen fiesen Spitznamen.

00:07:19: ist aber überzeugt, dass sie es immer lieb gemeint habe.

00:07:29: Werbel war

00:07:48: der Spitzname von Barbara und sie nennt Brigitte wie die meisten Gitti.

00:07:53: Brigittes Jugend in den Fünfzigern ist unbeschwert.

00:07:56: Sie fährt mit Freundinnen zum Potsdamer Platz, um ins Kino zu gehen, macht auf dem Moped-Rücksitz eines Freundes die Straßen unsicher oder gibt autoscooter Freifahrten auf dem Rummel aus mit dem Geld aus dem Friseursalon ihrer Eltern für die ganze Klasse.

00:08:10: Im Sommer fährt Brigitte mit Freundinnen an die mit Wasser gefüllten Kiesgroben oder den nahegelegenen Siedener See.

00:08:18: Dort sitzen sie am Ufer und schauen den Jungen vom Ruderklub, in dem auch ihr späterer Mann Heinrich S. ist, dabei zu, wie sie mit kräftigen Ruderzügen das Boot durch den See gleiten lassen oder baden.

00:08:29: Manchmal verzieht sich Brigitte mit einem der Jungen in den Bungalow ihrer Mutter, der am See stand.

00:08:35: Heinrich S. geht zwei Klassen über Brigitte in die gleiche Schule in Wuttichsfelde.

00:08:39: Weil Heinrich S. ein schwieriges Elternhaus hat, ist er viel und gerne bei Brigittes Familie.

00:08:45: Auch Brigitte und ihre Eltern sind immer froh, wenn Heinrich S. bei ihnen zu Besuch ist.

00:08:49: Oft ist er gemeinsam mit der Familie.

00:08:51: Er hilft im Friseursalon aus und er hilft Brigitte bei den Mathehausaufgaben.

00:08:56: Im Gegenzug zeigt ihm Gitti, wie ihre Freundin sie nennen, wie man Kissen und Decken bestickt oder einen Schal strickt.

00:09:03: Brigitte hat mit einigen Jungen ihren Spaß, so auch mit Heinrich S. Weil er klein und wendig ist, ist er der einzige von Brigittes Liebhabern, der auf den Baum vor ihrem Zimmer und durch ihr Fenster klettern kann.

00:09:16: Aber Brigitte ist als Jugendliche nicht an einer ernsten Beziehung interessiert.

00:09:20: Nicht mit Heinrich S. oder irgendjemand anders.

00:09:22: Im Sommer, nineteenhundertsechzig, beendet Brigitte die Schule mit siebzehn Jahren.

00:09:27: Sie möchte Kosmetikerin werden.

00:09:29: Und die einzige Schule, in der Brigitte die Ausbildung machen kann, ist in Dresden und kostet dreitausend Mark.

00:09:35: Aber Brigitte's Eltern wollen ihrer jüngsten Tochter und dem Nesthäkchen der Familie ihren Wunsch erfüllen und finanzieren ihr die Ausbildung zur Kosmetikerin.

00:09:54: Zwei Jahre später, im Sommer in den letzten Jahren, wird Brigitte schwanger.

00:09:59: Seit ihrer Ausbildung hat sie in einem Salon in einer Stadt in der Nähe von Ludwigsfelde gearbeitet.

00:10:04: Nach Feierabend ist Brigitte auch immer gerne mit Freundinnen tanzen gegangen.

00:10:08: Dort hat er sie den Vater des Kindes kennengelernt.

00:10:11: Ein paar Mal sind Brigitte und der Mann miteinander ausgegangen, dann hatte der junge Mann das Interesse an Brigitte verloren.

00:10:18: Aber Brigitte ist zu dem Zeitpunkt schon schwanger.

00:10:21: Jetzt, im Sommer dreiundsechzig, erfährt ihre Mutter von der Schwangerschaft für sie ein Skandal.

00:10:27: Das Ansehen ihrer Familie ist Brigittes Mutter sehr wichtig und sie fürchtet um ihren guten Ruf in Ludwigs Felder und beschließt, Gitti muss heiraten.

00:10:35: Zu diesem Zeitpunkt hilft Heinrich S. noch immer im Friseursalon von Brigittes Eltern aus.

00:10:40: Er ist Zweiundzwanzig und seine Mutter und Schwester sind vor Kurzem in den Westen ausgereist.

00:10:46: Nun lebt er allein in der Ostdeutschen Stadt.

00:10:48: Zur selben Zeit, als Brigittes Schwanger wird, erwartet auch Heinrich S. als Vater ein Kind.

00:10:54: Aber die Frau, die er geschwängert hat, will er nicht heiraten, weil er sie nicht gut genug kennt und nicht mit ihr zusammen sein will.

00:11:00: Als Brigitte ihm erzählt, dass sie schwanger sei, soll er ihr zu verstehen gegeben haben, dass er bereit wäre, Brigitte zu heiraten und ein Vater für ihr Kind zu sein.

00:11:10: Immerhin kennen sie sich schon seit Grundschulzeiten und hatten auch schon ihren Spaß zusammen.

00:11:28: Familie ging ja, glaube ich, über alles.

00:11:31: Wie gesagt, das zeichnet sich ja auch an ihrem Sohn, an ihren Enkelkindern.

00:11:35: Da war sie immer sehr, sehr bemüht und hatte auch Freude an denen.

00:11:38: Kurz vor Weihnachten, im selben Jahr, Brigitte ist jetzt zwanzig Jahre alt, kommt sie offiziell mit Heinrich S. zusammen und nimmt sein Angebot an, sie zu heiraten.

00:11:48: Am achtundzwanzigsten Dezember, nineteenhundertsechzig, steigen sie gemeinsam in die S-Bahn nach Ostberlin, um im Standesamt am Alexanderplatz zu heiraten.

00:11:57: Die Zeremonie ist unaufgeregt und einfach.

00:12:00: Der kleine Matthias ist zu Hause bei Brigittes Mutter in Ludwigs Felde geblieben.

00:12:04: Nur Heinrich S. Mutter ist zusammen mit Heinrich S. Bruder aus Westberlin angereist und bei der Trauung anwesend.

00:12:11: Brigitte und Heinrich S. tauschen Ringe aus, küssen sich.

00:12:15: Danach verbringen sie den Tag in Ostberlins schickestem Restaurant, dem Café Moskau.

00:12:20: Später fahren sie und Heinrich S. zusammen heim und gehen in Brigittes Kinderzimmer gemeinsam ins Bett.

00:12:26: Zwischen ihnen liegt der neun Monate alte Matthias.

00:12:28: Zu dem Zeitpunkt wohnen sie noch in Brigitte's Elternhaus.

00:12:32: Später ziehen sie in eine eigene Wohnung, über dem Friseursalon von Brigitte's Eltern.

00:12:37: Zweieinhalb Zimmer, Küche, Bad.

00:12:39: Mehr brauchen sie nicht.

00:12:40: Brigitte will keine weiteren Kinder.

00:12:42: Ihr kleiner Matthias reicht ihr.

00:12:44: Heinrich S. ist damit einverstanden.

00:12:46: Er hat ja selbst eine Tochter von einer anderen Frau, auch wenn er keinen Kontakt zu ihr hat, ist ihm das genug.

00:12:52: Er adoptiert Matthias und fortan Leben-Brigitte Heinrich S. und Matthias als Familie, Mutter, Vater, Sohn.

00:12:59: In der Ehe ist Brigitte die bestimmende Person.

00:13:02: Sie hat immer Aufgaben für Heinrich S. Per Zettel teilt sie ihm mit, was erledigt werden muss.

00:13:08: Zuerst Heinrich S. genervt von den Zetteln, aber trotzdem setzt er die Anweisung seiner Frau gewissenhaft um.

00:13:14: Während andere Brigitte als dominant und bestimmt wahrnehmen, scheint es ihren Ehemann nicht zu stören, dass sie in der Ehe den Ton angibt.

00:13:22: Schon früher hat er die Aufgaben von Brigittes Eltern erledigt, jetzt bekommt er seine Aufträge eben von Brigitter.

00:13:28: Er hilft auch weiterhin im Friseursalon von Brigittes Mutter, der mittlerweile rote Zahlen schreibt.

00:13:34: Brigittes Mutter ist in den letzten Jahren zunehmend alkoholabhängig geworden und nicht mehr in der Lage, den Salon zu führen.

00:13:40: Aber Brigitte will den Salon nicht schließen.

00:13:43: Ihr ist die Außenwirkung so wichtig, als erfolgreiches, funktionierendes Familienunternehmen wahrgenommen zu werden.

00:13:49: Heinrich S. richtet Brigitte zusätzlich ein Kosmetiksalon in den Räumen des Friseurgeschäfts ein.

00:13:55: Mit diesen Einnahmen kann Brigitte die Miesen auffangen.

00:13:58: Mit ihrem eigenen Salon ist Brigitte jetzt unabhängig, muss sich nicht mehr von ihrer vorherigen Chefin im alten Salon herumkommandieren lassen.

00:14:06: Wie auch der Friseursalon zuvor, wird das Kosmetikgeschäft von Brigitte ein voller Erfolg.

00:14:11: Mit den Einnahmen gleicht sie nicht nur den Verlust der Mutter aus, sie verdient sogar mehr als ihr Mann.

00:14:16: Der hatte sein Studium zum Ingenieur abgeschlossen und arbeitet als Technologe im Lkw-Werk in Ludwigsfelder.

00:14:23: So viel ich mitbekommen habe, hat sie für ihre Kunden alles getan.

00:14:27: Ältere Menschen, die Probleme hatten mit Fußpflege und so, die hat sie von zu Hause abgeholt und auch wieder nach Hause

00:14:37: gebracht.

00:14:39: Und so muss auch Brigitte den Kosmetiksalon aufgeben, der in den Räumen betrieben wurde.

00:14:44: Provisorisch wird Matthias Kinderzimmer in der Wohnung der Familie umgebaut und Brigitte bietet dort kosmetische Behandlung an.

00:14:51: Um mehr Platz zu haben, beantragt Heinrich S., dass die Familie in ein Haus in Lutigsfelde ziehen kann.

00:14:57: Und schließlich bekommen sie eine Doppelhaushälfte in einem der begehrtesten Viertel von Lutigsfelde zugewiesen, der Holzhaussiedlung.

00:15:04: Haus an Haus reihen sich die dunklen Holzfasser an der Siedlung dicht aneinander.

00:15:09: Die Häuser sehen gleich aus, unterscheiden sich nur durch die Farbe der Fensterrahmen oder Eingangstüren.

00:15:15: Das Haus, das Brigitte und Heinrich S, wie es in der DDR üblich ist, zugeteilt bekommen, ist alt, aber sie renovieren ist.

00:15:24: Fast zwei Jahre dauert der Umbau, bei dem unter anderem ein Kosmetiksalon für Brigitte in den Räumlichkeiten entstehen soll.

00:15:31: In der Zeit des Umbaus verstirbt nicht nur Brigittes Mutter, sondern auch ihre ältere Schwester, die vor dem Mauerbau ausgereist war und dann in Köln lebte.

00:15:40: Brigittes heile Welt gerät ins Wanken und sie beginnt zu zweifeln, an ihrem Aussehen und dem Alter.

00:15:46: Sie ist zwar Kosmetikerin, aber die Zeichen des Elternwerdens machen auch vor ihr nicht Halt.

00:15:51: Brigitte ist mit Mitte dreißig in einer Midlife Crisis und fängt eine Affäre mit einem zehn Jahre jüngeren Liebhaber an.

00:15:58: Ihr Mann bekommt davon nichts mit.

00:16:00: Er ist zu sehr mit dem Umbau des Hauses beschäftigt.

00:16:03: Selten zeigt Brigitte ihre wahren Gefühle.

00:16:06: Weder für Freundinnen, noch vor ihrem Ehemann, der später behaupten wird, sie hätten einander nie Wein sehen.

00:16:12: Schon von Kindesbeinen auf hat Brigitte von ihrer Mutter vorgelebt bekommen, wie wichtig der Ruf und das Ansehen der Familie in der Kleinstadt war.

00:16:20: Vermeindliche Schwäche hätte dem geschadet.

00:16:24: Dann verliert Heinrich S. seinen Job als Cheftechnologe.

00:16:27: Er hatte sich gegenüber Mitarbeiterinnen, die bei der Stasi sind, darüber ausgelassen, dass die Menschen im Werk nicht gut genug Englisch sprechen würden.

00:16:35: Brigitte ist es peinlich, dass Heinrich S. kein Job mehr hat.

00:16:38: Denn gerade war sie noch mit einem pristischstrechtigen Cheftechnologen verheiratet, jetzt plant ihr Mann ein Garten, kümmert sich um den Hausanbau eines Freundes oder baut einen Kamin in einem Fleischerei-Betrieb.

00:16:49: Offiziell ist er Hausmeister und verdient gutes Geld.

00:16:53: Trotzdem ist das Brigitte nicht gut genug.

00:16:55: Sie möchte, dass ihr Mann wieder ein Beruf ausübt, der Ansehen mit sich bringt.

00:16:59: Schließlich findet Heinrich S. einen neuen Job bei einem Zirkus, wo er technischer Direktor wird.

00:17:05: Ab dann tut er mit dem Zirkus durch die DDR und ist nur noch selten zu Hause.

00:17:10: Für Brigitte geht der Alltag an Ludwigsfelde weiter.

00:17:13: Sie betreibt den Kosmetik-Salon in ihrem Haus, trifft sich mit Freundinnen, kümmert sich um Matthias.

00:17:19: Und ihr Mann macht Karriere im Zirkus und wird in die Generaldirektion des DDR-Staats-Zirkus befördert.

00:17:25: Trotzdem wünscht sich Brigitte, dass ihr Mann seinen Job kündigt.

00:17:28: Denn das Familienleben leidet unter seiner ständigen Abwesenheit.

00:17:32: Also kommt Heinrich S. Brigittes Wunsch nach und arbeitet fortan wieder als Hausmeister.

00:17:38: Als die Stadt einen technischen Leiter für die Sportanlagen sucht, will Brigitte das Heinrich S. diesen Job und damit eine Festanstellung annimmt.

00:17:47: Zwar wollte sie, dass Heinrich S. seinen Job beim Zirkus kündigt, aber wie zuvor ist es ihr peinlich, dass ihr Mann als Hausmeister arbeitet.

00:17:54: Am neunten

00:17:54: November, neunzehnundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundundund.

00:18:03: Während tausende Menschen jubelnd und freudestrahlend in den Westen reisen und ihre Freiheit feiern, geht Brigitte ihrem Alltag wie gewohnt nach.

00:18:11: Am Tag nach dem Mauerfall kommen wie gewohnt ihre Kundinnen zu ihr in ihren Salon.

00:18:16: Sie macht den Haushalt und schreibt Aufgaben für Heinrich S. auf einen Zettel.

00:18:20: Aber für ihn ändert sich einiges.

00:18:23: Er lernt nach dem Mauerfall den damals unbekannten und späteren Berliner Bürgermeister Klaus Wowareit kennen.

00:18:29: Schließlich gründet er zusammen mit anderen den SPD-Ortsverein in Ludwigsfelde und wird im Mai, und wird im Mai, und wird im Mai, und wird im Mai, und wird in der Mai, und wird in der Mai,

00:18:38: und wird in der Mai, und wird in der Mai, und wird in der Mai, und wird in der Mai, und wird in der Mai, und wird in der Mai, und wird in der Mai, und wird in der Mai, und wird in der Mai, und wird in der Mai, und wird in der Mai, und wird in der Mai, und wird in der Mai, und wird in der Mai, und wird in der

00:18:53: Mai, und wird in der Mai, und wird in der Mai, und wird in der Mai, und wird in der Mai, und wird in der Mai, und wird in der Mai, und wird in der Mai, und wird in der Mai, und wird in der Mai, und wird in der Mai, und wird in der Mai, und wird in der Mai, und wird in der Mai, und wird.

00:18:59: Er hat vielleicht mal gesagt, keiner ist ganz schön viel unterwegs, aber auch nie so im negativen Sinne.

00:19:06: Laut ihrer treuen Stammkunden und Freundin Barbara sei auch das, wie so viele Dinge in Brigittes Leben, eine Frage des Ansehens gewesen.

00:19:14: Sie habe es gemocht, dass ihr Ehemann Bürgermeister war und immer erfolgreicher wurde in dem, was er tat, mit Politikerinnen wie Klaus Wowareit befreundet war.

00:19:23: Aber Brigitte selbst hatte kein Interesse, nur ein Anhängsel oder schmückendes Beiwerk zu sein.

00:19:28: Sie betreibt weiterhin ihr Kosmetikstudium.

00:19:31: Ab und zu ist sie bei öffentlichen Veranstaltungen wie dem Adventsmarkt dabei oder übernimmt Schirmherrschaften für wohltätige Zwecke.

00:19:39: So ist sie zum Beispiel ein wichtiger Teil des Frauenstammtisches und setzt sich für Frauenhäuser und somit gegen Gewalt an Frauen

00:19:45: ein.

00:19:46: In der Beziehung zu Heinrich S. ändert sich nicht viel.

00:19:49: Zwar kann sie ihrem Mann jetzt weniger Aufgabenzettel zustecken, weil er als Bürgermeister sehr eingespannt ist, aber sie behält dennoch weiterhin die Oberhand in der Beziehung, auch in der Öffentlichkeit.

00:19:59: Jutta Abromait, die als Lokaljournalistin der merkischen allgemeinen Zeitung unter anderem über Luddigsfelde berichtet, erinnert sich an eine Begegnung Anfang der Neunziger mit Brigitte, als vor dem ältesten Lokal der Stadt feierlich eine Linde gepflanzt wird.

00:20:14: Und als der offizielle Teil vorbei ist, Tippt sie mich an und sagt zu mir, Frau Aromait, können Sie meinem Mann mal sagen, wir gehen jetzt nach Hause.

00:20:27: Ich war völlig perplex und bin in Schritt zur Seite getreten, damit sie direkt die drei Meter bis zu ihrem Mann gucken kann.

00:20:36: Und habe ihr gesagt, dass sie ihm das doch alleine sagen könnte.

00:20:49: Seit achtzehn Jahren ist Brigitte die Ehefrau des Bürgermeisters.

00:20:53: Jedoch hat sie ihn in den letzten Jahren immer seltener zur Veranstaltung begleitet.

00:20:58: Während Heinrich S. den staatsmännischen Bürgermeister gibt, sich mit Bundes, Landes- und Kommunalpolitikerinnen trifft, bleibt Brigitte zu Hause und empfängt Kundinnen in ihrem Kosmetiksalon.

00:21:09: Im Januar tritt Heinrich S. aus Altersgründen offiziell sein Amt ab.

00:21:14: Wie sonst auch ist es Brigitte bei dem Festakt zu Heinrich S. offizieller Entlassung als Bürgermeister wichtig, dass alles perfekt wird.

00:21:22: Schließlich sind sie in Ludwigsfelde bekannt als das Vorzeige Bürgermeister-Ehepaar und das soll auch nach Heinrich S. Amtsniederlegung so bleiben.

00:21:31: Brigitte plant also mit, kümmert sich zum Beispiel um die Deko.

00:21:34: Wenn sie spazieren geht, sammelt sie Moos im Wald und macht eigene Gestecke daraus, die bei der Feier auf dem Tisch stehen werden.

00:21:42: In den letzten Jahren war Brigittes Ehe ins Wanken geraten.

00:21:45: Heinrich S. hatte eine chronische Darmerkrankung diagnostiziert bekommen, die unter anderem durch Stress ausgelöst worden ist.

00:21:52: Als er sich deshalb in Therapie begibt, berichtet er dort seiner Therapeuten, dass er in seiner Ehe unglücklich sei und gibt Brigitte die Schuld am Stress und der Erkrankung.

00:22:02: Seine Therapeuten red ihm zu einer Partherapie.

00:22:05: Heinrich S. überredet Brigitte dazu, es mit der Partherapie zu versuchen.

00:22:09: Aber bereits nach einer Sitzung weiß Brigitte, die Parttherapie möchte sie nicht weiterführen.

00:22:14: Also bleibt es bei einem Termin.

00:22:16: Angeblich habe Brigitte sich nicht auf die Therapie einlassen können und wäre nicht zur notwendigen Änderung bereit gewesen.

00:22:23: Was genau Brigitte für eine Therapie hielt, wissen wir nicht.

00:22:27: Aber sie hat einer Freundin erzählt, dass man ihr vorgeworfen habe, die Oberbestimme rund zu sein.

00:22:33: Aber obwohl Brigitte weiß, dass Heinrich sich in der Ehe nicht mehr gut fühlt und sie sich selbst in der Therapie angegriffen und falsch dargestellt fühlt, handelt sie in ihrer Beziehung weiter nach dem Grundsatz, der sie schon ihr ganzes Leben begleitet.

00:22:45: Bare den Schein.

00:22:47: Und deshalb kommt für Brigitte auch keine Scheidungenfrage.

00:22:50: Allerdings zieht Heinrich S. noch aus dem gemeinsamen Haus in Ludwigsfelde aus und nimmt sich eine Wohnung in Berlin.

00:22:58: Obwohl er zu diesem Zeitpunkt offiziell noch mit Brigitte verheiratet ist, geht er auf Single-Partys, besucht Bordelle und lernt schließlich eine Frau kennen, mit der er eine Beziehung beginnt.

00:23:09: Es ist nicht Heinrich S. erster Affäre.

00:23:11: Schon zu seiner Zeit als Bürgermeister hatte er eine Beziehung mit einer Angestellten im Rathaus gehabt, von der Brigitte erfahren

00:23:18: hatte.

00:23:19: Barbara erzählt uns, dass sie Brigitte auch in der Trennungszeit nicht ansehen konnte, ob sie sich befreit oder unglücklich fühlte.

00:23:27: Aus dem späteren Gerichtsurteil wissen wir, dass Brigitte mit der räumlichen und emotionalen Trennung zu kämpfen hat.

00:23:33: Als Brigitte von der erneuten Affäre erfährt, ist sie außer sich und verzweifelt.

00:23:39: Niemand darf davon erfahren.

00:23:41: Nur ihre allerängsten Freundinnen vertraut sie sich an.

00:23:43: Regelmäßig weint sie bei Telefonaten mit ihnen.

00:23:46: Sie raten ihr, sich endgültig von Heinrich erst zu trennen und einzusehen, dass die Ehe nicht mehr zu retten ist.

00:23:52: Aber Brigitte hofft, dass ihr Mann zu ihr zurückkommen wird.

00:23:56: Sie leidet unter den Gerüchten, die in Ludwigsfelde kursieren und die sogar nicht in ihre Vorstellung von einem guten Ruf passen.

00:24:03: Brigitte befürchtet, dass Heinrich S. nun doch den letzten Schritt geht und sich endgültig trennen will.

00:24:09: Als sie ihn darauf anspricht, stieß der ihr gegenüber eine Scheidung aber definitiv aus.

00:24:14: Obwohl sie sich wünscht, dass Heinrich S. zurückkehrt, hat sie sich in den letzten Jahren mit ihrer Situation arrangiert.

00:24:21: Neben dem Kosmetiksalon kümmert sich Brigitte liebevoll um ihren Hund Ursus, der nach dem Auszug von Heinrich S. ihr ganzer Lebensanhalt geworden ist.

00:24:29: Wenn es geht, macht sie jeden Tag Spaziergänge mit ihm im Wald.

00:24:33: Selten kommt auch Heinrich S. nach Ludwigsfelde, um die beiden in das nicht weit entfernte Waldstück auf ihrem Spaziergang zu begleiten.

00:24:40: Bis zehntausend elf lebt Brigittes Ehemann in seiner eigenen Wohnung, bis er sich die Wohnung nicht mehr leisten kann.

00:24:47: Für seine Geliebte gibt er viel Geld aus.

00:24:49: Er zahlt die Miete, geht mit ihr aus, macht ihr teure Geschenke.

00:24:53: All das übersteigt auf lange Sicht seine Finanzen.

00:24:56: Obwohl er laut eigener Aussage kein Interesse daran hat, die Ehe mit Brigitte wieder aufzunehmen, bittet er Brigitte, dass er wieder in das gemeinsame Haus ziehen darf.

00:25:20: Trotz der Kränkung und den damit einhergehenden Zweifeln, ob ein Zusammenleben mit Heinrich S wirklich das ist, was Brigitte will, stimmt sie zu und Heinrich S zieht Ende November, wieder nach Ludwigs Felde.

00:25:32: So sehr sie ihn nach der Trennung noch vermisst hatte, jetzt nimmt sie ihn nur noch als Störfaktor war.

00:25:38: Dem Einzug hatte sie schlussendlich zugestimmt, um wieder einmal den Schein nach außen zu wahren.

00:25:43: Heinrich S. muss von nun an im Gästezimmer im Souterang schlafen und bald hinterlässt Brigitte Heinrich S. wieder Zettel mit Aufgaben im Haushalt, von denen sie weiß, dass sie Heinrich

00:25:54: S. stören.

00:25:55: Brigitte und Heinrich S. haben am achtundzwanzigsten Dezember ihren siebenundvierzigsten Hochzeitstag.

00:26:01: Den Großteil des Tages verbringen sie allerdings getrennt.

00:26:04: Brigitte macht Besorgung, hat einen Kosmetiktermin und telefoniert mit einer Freundin.

00:26:09: Als sie nach Hause kommt, steht auf dem Tisch ein strausroter Rosen.

00:26:13: Aber von ihrem Ehemann keine Spur.

00:26:21: Ein Tag später, es ist der neunzwanzigste Dezember, es ist mittags, als Brigitte die Tür der Fahrerseite ihres Autos, das auf dem Sandweg am Waldrand geparkt ist, zuschlägt.

00:26:34: Vor ein paar Minuten hatte sie ihren Mann, wie verabredet, aus der Therma abgeholt, nachdem er dort einige Termine hatte.

00:26:40: Zusammen sind sie dann durch die kleine Stadt zu dem Waldgebiet in der Nähe ihres Hauses gefahren, in dem sie gemeinsam schon so oft Spazieren gegangen sind und Brigitte für ihre Gestecke Moos sammelt.

00:26:51: Auch heute will Brigitte bei ihrem Spaziergang etwas Moos aus dem Wald mitnehmen.

00:26:55: Sie hat einer Freundin versprochen, ihr bei der Winterdeko zu helfen.

00:26:59: Brigitte möchte ihrer Freundin helfen, den Gartenauffordermann zu bringen.

00:27:03: Wie immer wechselt Brigitte noch ihre Schuhe, bevor sie das Auto, das auf einem der vielen Einbuchtungen an der Landstraße steht, verschließt und zusammen mit Heinrich S. und ihrem geliebten Hund Ursus den Sandweg entlang hinein in den Wald geht.

00:27:18: Lang und kahl ragen die Kiefern in den bedeckten Himmel.

00:27:22: Ab und zu rauscht ein Auto auf der Landstraße vorbei, aber je weiter sie sich von der Straße entfernen, desto leiser wird es.

00:27:29: Die Stille des Waldes wird nur unterbrochen vom Knazen der Bäume und dem entfernten Rauschen der Autobahn, die die Stadt in zwei Teile teilt.

00:27:39: Ca.

00:27:39: zweihundert Meter weit gehen die beiden in den Wald, bevor sie auf einen Trampelpfad abbiegen, um zu einer moosbedeckten Stelle zu kommen.

00:27:47: Brigitte weiß genau, wo sie hin muss.

00:27:49: Dort angekommen, holt Brigitte ihre gelben Haushaltshandschuhe aus der Tasche, um sie sich überzustreifen, als sie unvermittelt zwei heftige Schläge im Gesicht

00:27:58: treffen.

00:28:00: Heinrich S. schlägt mit seiner Faust so heftig zu, dass Brigitte hinten über und auf ihren Hinterkopf fällt.

00:28:07: Benommen liegt sie auf ihrem Rücken, als Heinrich S. sich über sie beugt und einen violettgrün gestreiften Schnürsenkel

00:28:14: hervorholt.

00:28:15: Dann legt er ihn um Brigittes Hals und zieht ihn immer fester, bis sie keine Luft mehr bekommt und leblos auf dem mussbedeckten Waldboden

00:28:24: liegen bleibt.

00:28:25: Um sicher zu gehen, dass seine Ehefrau tot ist, stülpt Heinrich S. Brigitte eine Plastiktüte über den Kopf und befestigt sie mit einer Wäscheleine um ihren Hals.

00:28:35: Dann wendet er sich Brigittes alter schwachen Hund Ursus zu, der nur mit ansehen konnte, wie sein Frauchen vor seinen Augen getötet wurde.

00:28:43: Auch ihm stülpt Heinrich S. eine Plastiktüte über die Schnauze und erstickt auch ihn.

00:28:53: Anschließend versucht Heinrich S. den Mord an seiner Frau, wie ein Sexualdelikt, durch jemand anderes aussehen zu lassen.

00:29:00: Er zieht Brigitte ihre Jeans und den Slip bis zu den Schenkeln herunter und steckt in ihre linke Hosentasche ein Kondom und eine Viagratablette.

00:29:09: Dann fügt er ihr Verletzungen an der Vagina zu, um es wie eine Vergewaltigung aussehen zu lassen.

00:29:16: Er bedeckt den Körper von Brigitte mit weichem Moos, sodass nur noch eine Hand und ihre Füße zu sehen sind.

00:29:22: Dann versteckt er auch die Leiche ihres Hundes Ursus unter Moos und zieht Brigitte die Schuhe aus, die er von dem Trampelpfad aus gut sichtbar in der Nähe von Brigittes Leiche aufstellt.

00:29:34: Anschließend nimmt er den Weg zurück zu Brigittes Auto und fährt zurück in die Stadt.

00:29:39: Bedeckt von dem Moos, das sie für ihre Freundinnen hatte sammeln wollen, liegt Brigittes Leiche im Wald von Ludwigsfelder.

00:29:54: Es ist derselbe Tag, als Heinrich S. um sechszehn uhr fünfzehn auf dem Parkplatz vor dem Holzhaus das Auto abstellt und die Nachbarn besorgt fragt, ob sie seine Frau gesehen hätten.

00:30:05: Er würde sich Sorgen machen.

00:30:06: Sie wären um fünfzehn uhr dreißig verabredet gewesen, aber seine Frau sei nicht zu Hause.

00:30:12: Als Nächstes fährt Heinrich S. zum lokalen Italiener.

00:30:15: Dort bestellte sich ein Rotwein und rauchte an den Zigarette, während er bei Freundinnen und Familie anruft, um zu fragen, ob jemand wisse, wo seine Frau sei.

00:30:24: Eineinhalb Stunden verbringt er dort, bis er schließlich zu Brigitte's Freundin fährt, für die Brigitte das Moos im Wald sammeln wollte.

00:30:31: Auch ihr sagt er, dass er sich Sorgen machen würde, genauso wie anschließend seinen NachbarInnen, bei denen er gegen acht zu nur dreißig

00:30:38: klingelt.

00:30:39: Erst gegen zwanzig Uhr macht sich Heinrich S. auf Anraten eines Freundes, der pensionierter Kriminalbeamter ist, auf den Weg zur Polizeivache von Luddigsfelde.

00:30:49: Als er die Wache betritt, fragte den Beamten zunächst, ob er ihn kennen würde.

00:30:53: Als dieser verneint, sagt Heinrich S., dass er der ehemalige Bürgermeister der Stadt sei und erklärt dem Beamten, dass er seine Frau vermisse und er schon vergeblich nach ihr gesucht habe.

00:31:03: Der Beamte ist verwirrt.

00:31:05: Er versteht nicht ganz, warum Heinrich S. sich nach nur ein paar Stunden, in denen er nichts von seiner Frau gehört habe, schon solche Sorgen mache.

00:31:13: Dennoch geht er sicher, dass Brigitte nicht im Krankenhaus liegt oder an einem Unfall beteiligt war.

00:31:18: Aber auch diese Nachforschung ergeben nichts.

00:31:21: Also schickt der Beamte Heinrich S. nach Hause, wo er auf seine Frau warten soll.

00:31:25: Als der Beamte, mit dem Heinrich S. gesprochen hatte, später einem Kollegen erzählt, wer heute in der Wache gewesen war, nimmt sein Kollege die Situation ernst.

00:31:34: Es sei schließlich der ehemalige Bürgermeister, da müsse man seine Sorge doch ernst nehmen, müsse man doch etwas machen, auch wenn sich seine Frau erst wenige Stunden nicht gemeldet haben solle.

00:31:44: Also wird veranlasst, dass das Stadtgebiet um Luddigsfelde abgesucht werden soll.

00:31:48: Außerdem fährt der Beamte selbst zu Heinrich S. um ihn zu befragen und um das Haus nach Hinweisen abzusuchen.

00:31:55: Als Heinrich S. den Beamten auf das Waldgebiet aufmerksam macht, in dem seine Frau immer mit dem Hund spazieren gehen würde, beschließt der Polizist das Waldstück mit einer Wärmebildkamera und einem Hubschrauber absuchen zu lassen.

00:32:07: Um einundzwanzigund dreißig, circa neun Stunden nach dem Mord an seiner Frau, wird eine formelle Vermisstenanzeige von Heinrich S. auf der Ludwigsfelder Polizeiwache aufgenommen.

00:32:18: Etwas, was in ähnlichen Fällen meist nicht so schnell passiert.

00:32:21: Denn lautes Bundeskriminalamtis haben Erwachsene, die im Vollbesitz ihrer geistigen und körperlichen Kräfte sind, so wie es Brigitte war, das Recht ihren Aufenthaltsort frei zu wählen, ohne Freundinnen, Familie oder Bekannte davon in Kenntnis setzen zu müssen.

00:32:37: In der Regel wird eine Personensuche bei Erwachsenen laut dem BKA nur dann veranlasst, wenn es Grund zur Annahme gibt, dass sich die Person in einer Gefahrenlage befindet.

00:32:46: Aber der ehemalige Bürgermeister Heinrich S. hat so ein großes Ansehen in der Stadt, dass sein Anliegen direkt ernst genommen wird, obwohl es zunächst keinen Grund zur Annahme einer Gefahrenlage gibt.

00:32:57: Im Gegenteil.

00:32:58: Freundinnen und Bekannte sagen später aus, dass sie sich gewundert hätten, dass Heinrich S. schon nach so kurzer Zeit nach seiner Frau suche.

00:33:05: Heinrich S. informiert Familie und Freundinnen, dass nun offiziell Nachbrigitte gesucht wird.

00:33:11: Auch sein Adoptivsohn Matthias ruft er an, um ihm mitzuteilen, dass seine Mutter, der Hund und das Auto weg sein und man mithilfe der Polizei und eines Wärmehubschraubers nach ihr suche.

00:33:22: Die ganze Nacht suchen Polizei und Freundinnen nach Brigitte.

00:33:26: Als die Polizei Heinrich erst fragt, ob es eh Probleme gegeben hätte, wegen der Brigitte sich vielleicht entschlossen haben könnte, nicht nach Hause zu kommen, sagt er, es habe Probleme gegeben, aber diese seien mittlerweile überwunden.

00:33:39: Einem Nachbarn, der ihm seine Unterstützung anbietet, zeigt er die Rosen, die er Brigitte nur einen Tag zuvor zum Hochzeitstag geschenkt hatte.

00:33:47: Er erzählt, dass doch endlich alles gut gewesen sei zu schnieden, und sie sich noch viel gemeinsam vorgenommen hätten.

00:33:53: Währenddessen gibt sich Heinrich S. weiterhin als der besorgte Ehemann.

00:33:57: Und so vermutet niemand, dass er selbst als Täter infrage kommen könnte, auch nicht, als er das Auto seiner Frau wie zufällig geparkt am Straßenrand findet.

00:34:07: Niemand kann sich zu diesem Zeitpunkt vorstellen, dass Heinrich S., der ehemalige Bürgermeister, der seiner Stadt nach der Wende so viel Gutes gebracht hat, seine Frau umgebracht

00:34:17: haben könnte.

00:34:42: Am Vormittag hatte Heinrich I. mit einem Beamten der Polizei gesprochen.

00:34:46: Er hat ihm erzählt, wo er sich am Vortag aufgehalten habe, dass er zunächst in der Terme Termine gehabt habe, dann in der Bank gewesen sei und um dreizehn Uhr einen Termin in einem Restaurant gehabt habe, zu dem er sich leider verspätet habe.

00:35:00: Ungefragt hatte er dem Beamten einen Beleg für die bezahlte Rechnung gezeigt.

00:35:04: Über seine Ehe mit Brigitte spricht er nicht, sagt den Beamten nur, dass sie das letzte Mal gemeinsam in den Urlaub gefahren seien.

00:35:13: Jetzt, am frühen Nachmittag, sagt Heinrich S. seinem Adoptivsohn, dass er noch schnell auf Toilette gehen solle, dann wollen sie direkt los, um im Wald nach Brigitte zu suchen.

00:35:22: Gemeinsam mit einem Bekannten fahren sie zu dem Waldweg, an dem Heinrich S. gestern noch mit Brigitte aus dem Auto gestiegen war, mit dem Plan, sie im Wald umzubringen.

00:35:32: Laut ihm sei dieser Weg der, an dem Brigitte, wie er sagt, immer mit ihrem Hund spazieren gegangen sei.

00:35:39: Zu dritt durch Cam sie das Waldgebiet, aber sie finden nichts.

00:35:42: Nach einer Dreiviertelstunde erfolgloser Suche will der Bekannte gerade einen anderen Teil des Waldes, näher des Ludwigsfelder Friedhofs, absuchen gehen, als er von Heinrich erst zurückgerufen wird.

00:35:54: Es wäre gut, wenn sie noch einmal links vom Weg suchen, da wäre Brigitte manchmal lang gelaufen.

00:35:59: Auch nachdem sein Bekannter erneut vorschlägt, in Friedhofsnäher zu suchen, beharrt Heinrich Est darauf, dass sie weiter an dieser Stelle Ausschau halten sollen.

00:36:08: Also suchen sie dort weiter.

00:36:12: Ein paar Minuten später ist Matthias kurz davor frustriert aufzugeben.

00:36:17: Er glaubt nicht, dass sie mit ihrer Suche erfolgreich sein würden.

00:36:20: Das Waldgebiet um Luddigsfelde herum ist immerhin mehrere Hundert Hektar groß und reicht bis zum nächstgelegenen Dorf Sieten.

00:36:27: Das sind fünf Kilometer.

00:36:30: Doch dann fällt Matthias ein paar ordentlich aufgestellter schwarzer Schuhe auf, das in der Nähe eines Trampelpfadestes steht.

00:36:37: Das sind die Schuhe von Mutti, sagt Heinrich

00:36:40: S. Am dreißigsten Dezember um vierzehn und fünfzig trifft die Polizei im Waldgebiet in Ludwigsfelde ein.

00:36:55: In der Stadt spricht sich kurz darauf schnell herum, dass die vermisste Ehefrau des ehemaligen Bürgermeisters nun tot aufgefunden wurde.

00:37:03: Die Journalistin der merkischen allgemeinen Zeitung Jutta Abromait erinnert sich.

00:37:07: Natürlich war das ein so dominantes Thema in der Stadt, egal wo man hin gekommen ist, ob beim Friseur in der Physiotherapie bei Kaufland in anderen Supermärkten oder Leute haben sich auf der Straße getroffen und war Gesprächsthema Nummer eins natürlich.

00:37:26: Die Nachricht von Brigittes Tod schockiert die Bürgerinnen der Kleinstadt und alle fragen sich, was ist passiert?

00:37:32: Und vor allem, wer hat Brigitte die Frau des ehemaligen und langjährigen Bürgermeisters umgebracht?

00:37:39: Heinrich S. wird zunächst als Zeuge vernommen.

00:37:42: In seinen Aussagen spricht er davon, dass er noch am achtundzwanzigsten Dezember nur einen Tag vor der Ermordung seiner Frau einen harmonischen Hochzeitstag mit ihr gefeiert habe.

00:37:52: Er sagt auch aus, dass er und Brigitte von VIII bis VIII getrennt gelebt hätten und er in dieser Zeit auch eine Liebesbeziehung mit einer Frau in Berlin gehabt hatte, mit der er zeitweise auch gemeinsam in einer Wohnung gewohnt habe.

00:38:05: Die Ehe sei zu diesem Zeitpunkt nunmehr eine Zweckgemeinschaft gewesen.

00:38:09: Immer wieder betont er, dass er der ehemalige Bürgermeister von Ludwigsfelde sei und zum Beispiel die beliebte Therme in Ludwigsfelde mitgebaut habe, obwohl das mit seiner Befragung und dem Mord an seiner Frau gar nichts zu tun hat.

00:38:21: Und er sagt aus, dass seine Frau dominant gewesen sei.

00:38:25: Seine Therapeutin habe sogar gesagt, dass Brigitte zu thirty-fünf Prozent an seiner Magen-Darm-Erkrankung schuld gewesen sei.

00:38:33: Die Polizei und Staatsanwaltschaft ermitteln in alle Richtungen.

00:38:36: Sie sprechen sogar mit Jutta Abromeit und fragen sie als Lokaljournalistin, die über alles Bescheid weiß, was in Ludwigs Felde passiert, was ihre Meinung ist.

00:38:46: Sogar ein Auftragsmord wird in Betracht gezogen.

00:38:49: Auch die Bevölkerung wird dazu aufgerufen, der Polizei mögliche Hinweise zu melden.

00:38:54: Weil Brigitte und Heinrich S. in der Stadt so bekannt sind, gibt es einige Leute, die sich daraufhin melden.

00:39:00: Sie haben Brigitte um den neunzwanzigsten Dezember in der Sparkasse gesehen oder bei der Kosmetikerin.

00:39:06: Einige mutmaßliche Zeuginnen sagen aus, dass sie gesehen haben, wie Brigitte Heinrich S. am Tartag von der Therme abgeholt habe, andere, dass sie das Ehepaar gemeinsam am Waldrand an der Landstraße gesehen haben, wie sie ihr Auto geparkt hätten.

00:39:20: Sie hätten sich gewundert, dass Heinrich S. auch dabei gewesen sei.

00:39:24: Schließlich sei Brigitte sonst oft allein im Wald unterwegs gewesen.

00:39:30: Während Polizei und Staatsanwaltschaft ermitteln, wird Brigitte auf dem Ludwigsfelder Friedhof in der Nähe des Waldes, in dem sie ermordet wurde, beigesetzt.

00:39:39: Die kleine Kapelle auf dem Friedhof ist voll besetzt.

00:39:42: Brigittis Sohn Matthias hält die Trauerrede, in der er davon erzählt, dass seine Mutter immer alles für ihre Familie und Freundinnen gegeben hat.

00:39:50: Dann zieht der Trauerzug zum Grab, an der Spitze läuft Heinrich S. Nach der Beisetzung legt er einen Trauerkranz auf Brigittis schlichtes Grab, darauf steht, in tiefer Trauer, dein Heiner.

00:40:08: Währenddessen erhärtet sich mit jeder Aussage bei der Polizei der Verdacht, dass Brigittis Ehemann, der ehemalige und immer noch geschätzte Bürgermeister von Ludwigsfelde, der gerade noch am Grab seiner Frau getraut hat, seine Frau selbst umgebracht haben könnte.

00:40:23: Am vierundzwanzigsten Januar, fast einen Monat nach Brigittes Tod, wird Heinrich S. als Tatverdächtiger festgenommen.

00:40:30: Das war die nächste Riesenüberraschung und ein Schock in der Stadt, weil es ihm einfach keiner zugetraut hat.

00:40:37: Die Leute waren ja schon überrascht als kurz vor Weihnachten Heinrich Scholl nach etlichen Jahren der Abwesenheit.

00:40:47: wieder in Ludwigsfelde aufgetaucht ist und dass er dann auch zu Hause wieder eingezogen ist.

00:40:54: Davon waren die meisten, die das Ehepaarschollkanten oder die beide Teile dieses Paareskanten überrascht.

00:41:04: In Haft bestreitet Heinrich erst Brigitte umgebracht zu haben.

00:41:07: Weil ihm laut Haftbefehl für den Tatzeitpunkt ein Alibi fehlt und er von Zeuginnen mit Brigitte im Wald gesehen wurde, will er die Hilfe der Öffentlichkeit, um seine Unschuld zu beweisen.

00:41:18: Er schaltet aus dem Gefängnis heraus eine Zeitungsanzeige.

00:41:22: Liebe Lutdichsfelderinnen, liebe Lutdichsfelder, liebe Besucher der Therme, liebe Besucher der Stadt, wie sie aus Funk und Fernsehen wissen, werde ich, Heinrich Scholl, verdächtigt, meine Frau und unseren Hund getötet zu haben.

00:41:36: Ich bitte Sie um Mithilfe.

00:41:37: Hat mich jemand am neunzwanzigsten Dezember zwischen zwölf und dreizehn Uhr in oder auf dem Gelände der Therme gesehen.

00:41:44: Bekleidet war ich mit einer dreiviertel langen dunkelblauen Wetterjacke und einer blauen Jeans.

00:41:50: Auch gegenüber seinem Adoptivsohn Matthias beteuert er seine Unschuld.

00:41:54: Matthias weiß nicht, wie man glauben soll.

00:41:57: Weil er der Sohn des Tatverdächtigen ist, bekommt er keine Einsicht in Ermittlungsakten.

00:42:02: Er beschließt, selbst als Nebenkläger vor Gericht aufzutreten.

00:42:12: Der Prozess gegen Heinrich S. startet am achtzehnten Oktober, vor dem Landgericht in Potsdam.

00:42:18: Bis zu Prozessbeginn hat Heinrich S. kein Geständnis abgelegt und beharrt darauf, unschuldig zu sein.

00:42:25: Insgesamt einunddreißig Verhandlungstage dauert der Prozess, in dessen Zuge etliche Zeuginnen aussagen.

00:42:31: Die Professorin für Kriminalistik Dorothee Dienstbühel hat uns erläutert, welchen Einfluss es auf die Ermittlungsarbeit hat, wenn Angeklagte kein Geständnis ablegen.

00:42:40: Laut ihr müssen die Beamten und die Staatsanwaltschaft immer be- und entlastend arbeiten.

00:42:46: Das heißt, sie müssen allen Hinweisen und Spuren nachgehen, egal ob sie die Schuld oder Unschuld eines Tatverdächtigen beweisen können, egal ob es ein Geständnis gibt oder nicht.

00:42:55: Man kann ja genauso gut auch ein falsches Geständnis geben.

00:42:58: Es kann ja beispielsweise auch ein Mensch eine Tat auf sich nehmen, die er nicht begangen hat, weil er zum Beispiel das eigene Kind schützen möchte oder einen anderen Täter schützen möchte oder wie auch immer.

00:43:09: Das heißt, auch hier muss die Ermittlungsarbeit so sein, dass sie auch ohne das Geständnis im Prinzip wasserdicht ist bzw.

00:43:17: Indizien liefern, die auch dieses Geständnis dann nochmal weiter untermauern.

00:43:21: In diesem Fall bedeutet das, dass etliche Zeuginnen vor Gericht erneut aussagen müssen, um zum Beispiel zu beweisen, ob und wann Heinrich S. und Brigitte am Tag der Tat gemeinsam gesehen wurden oder eben nicht.

00:43:33: Einige der Zeuginnen rudern vor Gericht zurück.

00:43:36: Aussagen, die sie im Januar, zw.

00:43:38: zw.

00:43:39: auf der Polizeistation gemacht haben, relativieren sie.

00:43:42: Zum Beispiel sagt eine Zeugin während der Hauptverhandlung, dass sie sich nicht mehr sicher sei, ob es sich bei der Person, die Brigitte begleitet hatte, mit Sicherheit, um ihren Ehemann Heinrich S. gehandelt habe.

00:43:53: Im Urteil heißt das,

00:43:54: es liegt nahe, dass sie sich nun mehr aufgrund einer menschlich nachvollziehbaren Angst sich vielleicht doch geirrt zu haben und den Angeklagten nun möglicherweise zu Unrecht zu belasten, von ihren ursprünglichen Angaben distanzieren wollte.

00:44:08: Sie konnte sich ebenso wie verschiedene andere Zeugen nach wie vor ersichtlich überhaupt nicht vorstellen, dass der ehemalige Bürgermeister etwas mit dem Tod seiner Ehefrau zu tun gehabt haben könnte, weshalb sie erkennbar bemüht war, keinerlei Angaben zu machen, die möglicherweise ungünstig für den Angeklagten sein könnten, wobei insofern auch die Sorge bedeutsam gewesen sein mag, durch eine Belastung des populären ehemaligen Bürgermeisters geschäftliche Nachteile zu erleiden.

00:44:35: Viele ZeugInnen oder BürgerInnen in Ludwigsfelde können sich immer noch nicht vorstellen, dass ihr angesehener ehemaliger Bürgermeister zu so einer Tatfähig sein soll.

00:44:45: Dass er gesellig war, das war ja auch offensichtlich so was, was für viele ganz Indiz dafür war, dass der gar kein schlechter Mann sein konnte.

00:44:53: Er war so ein geselliger Typ, dass ein Mensch gesellig ist und auf jeder Feier ist und mit den Leuten lacht und schickert.

00:44:58: Das sagt doch nichts darüber aus, wie er sich zu Hause verhält.

00:45:01: Dorothea Dienstbühel kritisiert, dass Menschen darüber hinaus vergessen, welche schreckliche Gewalt hat mit Todesfolge Brigitte angetan wurde.

00:45:10: Sie sieht in den damals kursierenden Aussagen und Darstellungen eine Täter-Opferumkehr.

00:45:15: Da hat ja von den Zeugenaussagen sich keiner bewusst gemacht, was das bedeutet für einen Menschen, wenn er wie diese Frau getötet wird.

00:45:24: Die hat einen Leidensweg gehabt.

00:45:26: Die Art und Weise, wie er sie ermordet hat, wird sicherlich auch ihre Zeit in Anspruch genommen haben, indem diese Frau gelitten hat, Schmerzen ausgestanden hat, Ängste ausgestanden hat, bis sie schließlich den Kampf verloren hat.

00:45:41: Auch in den Medien wird darüber spekuliert, ob Heinrich Ess wirklich der Täter sein kann, obwohl er doch so viel für die Stadt getan habe.

00:45:49: Im Gegensatz dazu wird Brigitte in den Medien unter anderem als die rechthaberische Ehefrau dargestellt, die ein Ehemann unterjocht haben soll.

00:45:58: Im Mittelpunkt der Berichterstattung gegen Gewalt an Frauen stehen selten die Betroffenen, dafür meistens der oder die TäterInnen.

00:46:06: Eine Studie der Otto Brenner Stiftung aus dem Jahr, hat untersucht, wie TäterInnen und Opfer von Gewalt an Frauen in den Medien dargestellt werden.

00:46:16: Nur in achtzehn Prozent der untersuchten Artikel stünden die Opfer im Fokus der Berichterstattung.

00:46:21: In fast der Hälfte der Fälle gebe es einen Täterfokus und in fünfunddreißig Prozent eine ausgeglichene Berichterstattung.

00:46:28: Die Studie kommt auch zu dem Schluss, dass es weniger Informationen über Betroffene als über Täter gebe.

00:46:34: Wie viele Informationen Leserinnen über Betroffene erfahren, habe auch Auswirkungen auf mögliches Victimblaming.

00:46:40: So kann sich das Victimblaming erhöhen, je weniger Informationen, wie zum Beispiel Name, Alter oder Herkunft, den Leserinnen vermittelt wird.

00:46:49: Auch Dorothee Dienstbühl kritisiert, dass in unserer Gesellschaft und in den Medien vor allem TäterInnen im Fokus stehen.

00:46:56: Wo sind die Sendungen zu den Opfern?

00:46:58: Dass man sich mal über sie unterhält, dass man auch mal sagt, was war das eigentlich für Menschen gewesen?

00:47:02: Wie haben die gelebt?

00:47:03: Was musste passieren, dass die an diesen Menschen geraten sind?

00:47:06: Beziehungsweise wie viel Pech haben die gehabt?

00:47:14: Obwohl sich einige Aussagen widersprechen, kann die Staatsanwaltschaft mithilfe von Indizien zeigen, dass Heinrich S. am neunzwanzigsten Dezember, mit seiner Frau im Wald gesichtet worden war.

00:47:26: Denn gegenüber der Aussagen, die sich widersprechen, steht eine große Menge an Aussagen, die sich in ihren Schilderungen ähneln oder unterstützen.

00:47:46: Das Gericht kommt zu dem Schluss, dass Heinrich S. Brigitte umgebracht habe, weil sie seinen Wünschen und Vorstellungen davon, wie er sein Lebensabend verbringen wollte, seiner Ansicht nach im Wege stand.

00:47:58: Laut dem Urteil habe er sich kein weiteres Leben in, wie er sagt, Tristess mit Brigitte vorstellen können und sich nach einer Zukunft mit seiner Geliebten gesehen.

00:48:07: Auf der einen Seite war der Brigitte, die alles dafür tat, den Scheins zu warnen und ein perfektes Leben in der Kleinstadt nach außen zu vermitteln.

00:48:15: Auf der anderen Seite war der Heinrich S., der sich als Kommunalpolitiker weltmännisch gab, Kontakte zu Landespolitikerinnen pflegte, auf Reisen ging und Karrieremachte.

00:48:26: Scheint so, als hätten die Vorstellungen davon, wie sie ihr Leben führen wollten, nicht mehr zusammengepasst.

00:48:32: Die Situation stellt sich für Heinrich S. so dar.

00:48:35: Obwohl Heinrich S. sich in der Ehe nicht mehr glücklich fühlt, ist eine Scheidung für ihn aus finanziellen Gründen keine Option.

00:48:42: Bevor er zurück zu Brigitte gezogen ist, hat er eine Rechnung aufgestellt.

00:48:46: Eine eigene Wohnung, Unterhalt an Brigitte und Geschenke und Unternehmungen mit einer Partnerin kann er sich nicht leisten.

00:48:53: Am Ende würde zu wenig Geld für ihn übrig bleiben.

00:48:57: Also ist er zu dem Schluss gekommen, dass der einzige Weg aus der unglücklichen Ehe nicht eine Scheidung ist, sondern seine Ehefrau umzubringen, sodass er sein restliches Leben ohne sie und mit einer anderen Partnerin verbringen kann.

00:49:10: Heinrich Ess legt Berufung gegen das Urteil ein und geht damit bis zum Bundesgerichtshof, dass das Urteil des Potsdamer Landgerichts nur ein Jahr später aber bestätigt und somit eigentlich alle Zweifel an der Täterschaft Heinrich Ess ausräumen sollte.

00:49:24: Aber die Zweifel um seine Täterschaft halten bis heute an.

00:49:29: Wenn heute öffentlich über den Fall von Brigitte und Heinrich Scholl gesprochen wird, wird immer noch vor allem über den verurteilten Täter gesprochen.

00:49:36: Aber dabei geht es nicht darum, wie man diesen Fall hätte verhindern können oder wie Freunde und Familie mit dem Tod ihrer Freundin, Mutter oder Großmutter umgehen.

00:49:46: In der Öffentlichkeit stellt man sich immer noch die Frage, kann es wirklich sein, dass Heinrich S seine Frau umgebracht hat?

00:49:52: Uns ist es in der Recherche für diese Folge manchmal schwergefallen, Brigitte's Denken und ihre Handlungen nachvollziehen zu können.

00:50:00: Durch die Aussagen der Zeuginnen und auch der Darstellung von Brigitte im Buch Der Fall Scholl wird ein Bild von Brigitte als Ehefrau gezeichnet, das alles andere als schmeichelhaft ist.

00:50:11: Gleichzeitig wird sie von ihren Freundinnen als liebenswerte Person beschrieben, die immer nur das Beste für die anderen im Sinne hatte.

00:50:18: Zwar kommen in dem Buch auch Freundinnen von Brigitte zu Wort, allerdings liegt der Fokus auf Heinrich S. So hat die Autorin zum Beispiel mit ihm selbst gesprochen, als er im Gefängnis saß.

00:50:28: Während unserer Recherche haben wir deshalb immer wieder hinterfragt, welche Aussagen aus dem Buch verlässlich sind und diese mit dem Urteil abgeglichen.

00:50:37: Statt sich darauf zu konzentrieren, wer Brigitte als Mensch war und dass es niemand verdient hat, egal wie Dominant oder Forschmann ist, umgebracht zu werden, fokussieren sich die Leute darauf, was für eine charismatische und tolle Person Heinrich S. ist und vergessen dabei, dass er von dem Gericht für seine Taten verurteilt wurde.

00:50:55: Was

00:50:56: bleibt, ist ein ambivalentes Bild von Brigitte.

00:50:59: Eines, das nicht so einfach zu verstehen ist.

00:51:02: Aber auch wenn man Brigittes Persönlichkeit und ihre Handlungen nicht versteht oder sie einem vielleicht an einigen Stellen negativ auffallen, muss man sich ins Gedächtnis rufen, dass die Verantwortung für das eigene Handeln, in diesem Falle die Tötung, am Ende immer bei den TäterInnen liegt.

00:51:21: Und genau dieses aktive Handeln gegen das Leben seiner Ehefrau trauen Heinrich S. viele trotz der rechtskräftigen Verurteilung nicht zu.

00:51:30: Und das führt uns zur Frage, warum fällt es so schwer, das Bild eines Menschen, dem man selbst als engagiert und hilfsbereit kennengelernt hat, in Anbetracht der Beweislage anzupassen?

00:51:48: Auf dem Ludwigsfelder Friedhof ist eine Steinplatte in den Boden gelassen.

00:51:52: Darauf steht kein Geburts- oder Sterbedatum.

00:51:55: Nur ein Name in schlichter schnörkeloser Schrift, Brigitte Scholl.

00:52:00: In der Ferne hört man das Rauschen und Knazen der Kieferbäume eines Waldes, der direkt an den Friedhof grenzt.

00:52:07: Es ist der Wald, in dem Brigitte so oft Spazien gegangen ist und Moos gesammelt hat.

00:52:12: Und der Wald, in dem sie umgebracht wurde.

00:52:15: Jedes Jahr an Brigittes Geburtstag sieht man eine Gruppe von Frauen, wie sie sich um das Grab versammeln.

00:52:21: Es sind Brigittes engste Freundinnen und Stammkundinnen, die auch noch mehr als zehn Jahre nach ihrem Tod um ihre Freundin trauern und sich an sie erinnern wollen.

00:52:33: Die, die sie nicht wirklich kannten, werden sie vielleicht als herrisch und dominierend oder als die Frau, die von ihrem Ehemann dem beliebten Bürgermeister umgebracht worden ist, in Erinnerung behalten.

00:52:45: Die Frauen auf dem Friedhof, Brigittes Freundinnen, werden sie aber wahrscheinlich für immer so in Erinnerung behalten.

00:52:52: Einfach liebenswert.

00:52:54: Ich hab sie so kennengelernt.

00:52:56: Sie war ... Na, wie soll ich sagen?

00:52:59: Einfach lieb.

00:53:01: Einfach liebenswert.

00:53:15: August, zwei Tausend vierzehn.

00:53:17: Ein Gefängnis in Baldusch, Nordirak.

00:53:19: Ginan und hunderte andere Frauen liegen eng gedrängt auf kaltem, nassen Boden.

00:53:25: Jede Nacht kommen die Jihadisten.

00:53:27: Jede Nacht wählen sie eine Frau aus.

00:53:29: Für die Männer sind sie keine Menschen, nur Objekte.

00:53:32: Die Geschichte von Ginan hört ihr in der kommenden Folge Zwölf Leben in zwei Wochen.

00:53:36: Wir freuen uns immer über Input und Feedback von euch.

00:53:40: Wenn ihr wollt, kommentiert einfach unter dieser Folge oder schickt uns eine Mail an zwölfleben.podimoatgmail.com.

00:53:48: Die Adresse findet ihr auch in der Folgenbeschreibung.

00:53:55: Zwölf Leben,

00:53:56: Verbrechen an

00:53:56: Frauen, ist ein Podcast von Podimo.

00:53:59: Wir sind Helen Schulte.

00:54:01: Und Massimo Majo.

00:54:03: Autorin dieser Folge, Katharina Frebel.

00:54:06: Schnitt und Sound, Frieda Maurer und Lukas Hattori.

00:54:10: Ausführende Produzentin, Madeline Petri.

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