#50 Jinan: Entmenschlicht

Shownotes

Diese Folge ist schon vor Monaten in der Podimo App veröffentlicht worden. In der Podimo App findet ihr schon jetzt 60 kostenlose Folgen, die ihr ganz ohne Anmeldung oder Abo hören könnt – Einfach nur die App öffnen und ‘12 Leben’ finden: https://podimo.de/12leben

Zusätzlich zu den 60 kostenlosen Folgen findet ihr dort auch die neueste Staffel im Premium-Bereich. _ Nordirak, 03. August 2014: Die jesidische Gemeinschaft im Nordirak wird von den Gräueltaten der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) überrollt. Jinan, eine 18-jährige Frau, wird mit ihrer Familie aus ihrem Zuhause vertrieben und gerät in die Fänge der Dschihadisten. Die IS-Kämpfer nutzen systematische sexualisierte Gewalt, um die jesidische Identität auszulöschen und die Frauen zu brechen. Jinan durchlebt monatelange Versklavung, Vergewaltigung und Folter.

Diese Folge schildert Jinans Geschichte und blickt auf die brutalen Mechanismen patriarchaler Gewalt, die der IS als Kriegswaffe einsetzt. Wir sprechen mit dem Psychologen Jan Kizilhan über die psychologischen Folgen sexualisierter Gewalt, den Genozid an den Jesid:innen sowie die Herausforderungen der Traumabewältigung. Jinans Geschichte basiert auf ihrem Buch „Ich war Sklavin des IS“. Triggerwarnung: Diese Folge behandelt explizite Schilderungen von sexualisierter und körperlicher Gewalt, Genozid und Suizid. Bei Gewalterfahrungen findet ihr anonym und kostenfrei Unterstützung unter folgenden Nummern:

Hilfetelefon “Gewalt gegen Frauen”: 08000 116 016 (rund um die Uhr) Telefonseelsorge: 0800 111 0 111 (rund um die Uhr) Opfer-Telefon vom Weißen Ring: 116 006 (7-22h Uhr)

Mehr Infos bekommt Ihr auf der Homepage der Online Datenbank für Betroffene von Straftaten: www.odabs.org

Habt ihr Feedback? Dann könnt ihr uns eine E-Mail schreiben: 12leben.podimo@gmail.com

"12 Leben – Verbrechen an Frauen" ist ein Podcast von Podimo. Hosts: Helen Schulte und Massimo Maio Autorin dieser Folge: Kiana Lensch Schnitt und Sound: Frieder Maurer & Luca Sartori (hipitch) Ausführende Produzentin: Madeleine Petry

Transkript anzeigen

00:00:07: Heute Nacht hat mich ein schlechter Traumheim gesucht.

00:00:10: Gesichtslose Männer marschierten vorbei, den Sebel im Gürtel und die Kalashnikov

00:00:14: umgehängt.

00:00:15: Sie zogen durchs Dorf.

00:00:16: Es waren Tausende.

00:00:17: Eine Truppe von Kämpfern ohne Augen, ohne Nase, ohne Lippen.

00:00:22: Eine Schattenarmee in pechschwarzer Nacht.

00:00:24: Sie trunken Fackeln.

00:00:26: Die Straße war ein endloses Flammenmeer und unsere Wohnhäuser waren scheiterhaufen.

00:00:31: Die gesichtslosen Männer brüllten wie Bären.

00:00:33: Sie jolten, schlachtet

00:00:35: sie alle ab.

00:00:41: Diese Folge behandelt Schilderung von sexualisierter und körperlicher Gewalt, Genozid und Suizid.

00:00:47: Wenn ihr selbst Erfahrungen mit Gewalt gemacht habt oder jemanden kennt, der Unterstützung braucht, wendet euch an das Hilfe-Telefon.

00:00:54: Gewalt gegen Frauen unter der Nummer, eins, eins, sechs, null, eins, sechs.

00:00:58: Weitere Informationen findet ihr, wie immer, auch in den Shownotes.

00:01:10: Jinan liegt mit hunderten anderen Frauen und Mädchen auf dem kalten feuchten Boden.

00:01:15: Die Nacht hat den Raum in Dunkelheit

00:01:17: gehüllt,

00:01:18: doch die Stille ist trügerisch.

00:01:20: Es ist die Zeit, in der die Jihadisten kommen, auf der Suche nach einer Frau, die sie mitnehmen können.

00:01:27: Im Halbdunkel hört Jinan die schweren Schritte.

00:01:30: Männer betreten den Raum, ihre Stimmen heilen durch die stickige Luft.

00:01:35: Sie scherzen miteinander, lachen abfällig.

00:01:38: Und doch ist die Stimmung bedrohlich.

00:01:41: Ihre Taschenlampen blitzen auf, die Lichtstrahlen wandern suchend durch den Raum.

00:01:46: Jede Frau weiß, warum sie hier ist.

00:01:49: Die Frauen sind das Frischfleisch, wie die Männer sie bezeichnen, und dass sie sich aussuchen.

00:01:55: Ginan dreht sich auf die Seite, zieht die Beine eng an ihren Körper, sie presst die Augen fest zusammen, versucht unsichtbar zu werden.

00:02:04: Bitte nicht mich, denkt sie immer wieder.

00:02:06: Bitte lasst mich in Ruhe.

00:02:09: Die Taschenlampen stoppen auf einem Gesicht, dann auf einem anderen.

00:02:13: Einige Frauen drehen hastig ihre Köpfe weg.

00:02:16: Andere senken den Blick oder pressen sich gegen die Wand.

00:02:19: Es können sie in ihr verschwinden.

00:02:22: Dann hört Jeanan die Schreie, die die Dunkelheit durchbrechen.

00:02:25: Schreie, die alles andere noch kleiner und stiller werden lassen.

00:02:29: Eine Frau wird ausgewählt und mitgenommen.

00:02:32: Diese Nacht ist keine Ausnahme.

00:02:34: Es ist eine von vielen, in denen die Jihadisten kommen, Um eine Frau auszuwählen, sie mitzunehmen und sie zu brechen.

00:02:43: Diese Folge dreht sich um Ginanen.

00:02:45: Ihr Leben ist eines von zwölf, um die es in dieser Staffel geht.

00:02:52: Zwölf Leben, Verbrechen

00:02:54: an Frauen.

00:03:11: Hi, ich bin Helen.

00:03:12: Hi, ich bin Massimo.

00:03:13: In der heutigen Folge widmen wir uns einem Thema, das wir so in zwölf Leben noch nicht besprochen haben.

00:03:19: Es geht um eine Form der systematischen Gewalt, die in Kriegen immer wieder angewendet wird und die besonders grausam

00:03:25: ist.

00:03:26: Am dritten August, überfällt der sogenannte islamische Staat, kurz IS, das Sinchergebirge im Nordirak.

00:03:34: Er nimmt Städte und Dörfer ein und treibt hunderttausende Jesidinnen und Jesiden in die Flucht.

00:03:40: Tausende Männer werden ermordet, Frauen und Mädchen versklaft, unter ihnen Genan.

00:03:46: Diese Folge erzählt ihre Geschichte.

00:03:48: Wir konnten nicht mit Ginan selbst sprechen.

00:03:50: Die nachvertunden Aussagen, die ihr hier hört, stammen aus dem Buch Ich war Sklaven des

00:03:55: C.S.,

00:03:56: das Ginan geschrieben hat.

00:04:01: Für die sonitischen Araber des C.S.

00:04:03: sind wir der Abschaum der Menschheit.

00:04:04: Wir sind in Gefahr, denn wir, die Jesiden,

00:04:06: sind ein Fall für sich.

00:04:08: Unsere Religion ist eine der ältesten der Welt.

00:04:11: Schon immer wollten wir uns von Glaubenskonflikten und politischen Auseinandersetzungen fernhalten, wo wir jedoch stets verfolgt und vernichtet, weil wir anders sind.

00:04:19: Seit Jahrhunderten gelten wir als Rebellen und Heiden.

00:04:22: Deshalb leben wir zurückgezogen, am Fuß des Sinjar Gebirges, stets bereit seine Hänge aufzuklettern, um den Bränden in unseren Dörfern unter Deportation zu entkommen.

00:04:34: Was der IS, den JesidInnen, im Jahr ist, angetan hat, gilt heute als Genozid, also Völkermord.

00:04:40: Und genau genommen ist es der seventy-vierste Genozid an der Glaubensgemeinschaft.

00:04:45: Doch die Verbrechen des IS umfassen nicht nur Morde.

00:04:48: Sie haben systematisch sexualisierte Gewalt als Kriegswaffe eingesetzt, um die jesidische Gemeinschaft zu zerstören.

00:04:54: Um die Hintergründe zu verstehen, haben wir mit Jan Kisilan gesprochen.

00:04:58: Er ist Psychologe und Psychologieprofessor und hat unzählige Überlebende des Genozids betreut.

00:05:04: Ich arbeite mit einem Team aktuell im Nordirak, aber auch in Syrien, mit dem Schwerpunkt sexualisierte Gewalt vor allem gegen Frauen und die Behandlungsmöglichkeiten und habe mich auf diesem Gebiet und der Psychotraumatologie spezialisiert.

00:05:29: Jinnan wird im Jahr nineteenundzeixundneunzig in einem kleinen Dorf am Fuß des Sinjar-Gebirges im Nordirak geboren.

00:05:36: Diese Region bot über Jahrhunderte Heimat und Zuflucht für die Glaubensgemeinschaft der Jesidinnen, denen auch Jinnan und ihre Familie angehören.

00:05:44: Das Gebirge liegt an der Grenze zwischen dem Irak und Syrien.

00:05:47: Ihre Kindheit verbringt Jinnan mit ihren vier Geschwistern auf den Feldern, die ihr Vater als Bauer bestückt.

00:05:53: Mit sieben Jahren darf Jinnan die Schule besuchen.

00:05:56: Für junge Mädchen wie Ginan nicht selbstverständlich, weil die Jesidinnen eine Minderheit im Irak sind und dadurch diskriminiert werden.

00:06:04: In der Schule lernen sie arabisch.

00:06:06: Ihre Muttersprache ist kurdisch.

00:06:08: Im Innersten fühlt Ginan sich in erster Linie als Jesidin, dann als Kurden und dann erst als Irakerin, ihrer im Ausweis angegebenen Nationalität.

00:06:18: Als sie vierzehn Jahre alt wird, entscheidet Ginans Vater, dass sie die Schule gegen ihren Willen verlassen muss.

00:06:24: Sie habe mehr gelernt als andere jesidische Mädchen.

00:06:27: Jetzt sei es genug, sagte zu ihr.

00:06:29: Von da an bemüht sich Chinans Mutter, aus Chinan eine gute Hausfrau zu machen.

00:06:34: Von ihrer Mutter hat sie auch ein kleines Handwerk gelernt.

00:06:37: Chinan knüpft Schmuck, den sie verkauft.

00:06:40: Ihre Spezialität sind Armbänder, die mit dem gewünschten Vornamen bestickt

00:06:43: werden.

00:06:45: Im August, ist Chinan achtzehn Jahre alt.

00:06:48: Glücklich verheiratet mit ihrem Mann Valid und lebt bei ihrer Schwiegerfamilie.

00:06:52: Ihr Leben ist unaufgeregt und friedlich.

00:06:55: Valid arbeitet als Maurer auf verschiedenen Baustellen in der Umgebung und Ginan unterstützt ihre Schwiegereltern, wo sie kann.

00:07:02: Ginan ist eine junge, selbstbewusste Frau, die sehr auf ihr Äußeres achtet.

00:07:06: Sie hat langes, dunkelbraunes Haar, das sie oft in einem geflochtenen Zopf trägt.

00:07:11: Ihre braunen Augen sind ausdruckstark.

00:07:13: Bald wollen sie und ihr Mann Valid eine Familie gründen.

00:07:17: Genan ist voller Wünsche für die Zukunft, als der IS das Sinjargebirge überrennt und ihre Welt zerstört.

00:07:26: Um die Geschichte von Genan erzählen zu können, müssen wir auch die Geschichte der Jesidinnen erzählen.

00:07:32: Die Jesidinnen sind eine Glaubensgemeinschaft, der ca.

00:07:34: eighthunderttausend Gläubige angehören.

00:07:37: Jesidinnen wird man ausschließlich durch Geburt.

00:07:40: Beide Elternteile müssen der Religion angehören.

00:07:43: Niemand kann übertreten oder bekehrt werden.

00:07:46: Bei Ehnen mit Nicht-Jesid-Innen verlieren Gläubige ihre Religionszugehörigkeit.

00:07:51: Die Jesid-Innen leben als Minderheit zurückgezogen im Sinchagebirge im Nordirak.

00:07:57: Psychologe Jan Kieselhan erklärt dazu?

00:08:00: Vor dem Dritten-Aub-Wiss-Jesiden lebten etwa sechs bis achthundert Tausend Jesiden, hauptsächlich den Gebieten Sinjar, das ist im Nordirak und ein Teil.

00:08:13: In der Region Kulistan sind eine bekannte ethnische und religiöse Minderheit dort, die seit über viertausend Jahren dort in diesem Gebiet, aber auch im Irak, Syrien, der Türkei und eben Irak leben und haben eigentlich dort relativ ... Schwere Zeiten historisch erlebten, weil sie seit Beginn des Islames immer wieder Verfolgungen ausgesetzt waren und waren eben Opfer verschiedener Massaka und sogar Genozide, die in den Medien kaum bekannt waren.

00:09:01: Am Morgen, des besagten dritten August, Jahrzehnte, erwacht Jinan aus einem Albtraum.

00:09:07: Sie hat geträumt, dass der IS gekommen war und sie und ihre Familie angegriffen hat.

00:09:12: Sie ist aufgewühlt.

00:09:13: Dabei herrscht in dem Haus von ihrer Schwiegerfamilie, in dem sie lebt, eine friedliche Ruhe.

00:09:18: Ihr Mann Valid ist derzeit als Maurer auf einer Baustelle in einem anderen Ort.

00:09:23: Aus der Küche weht der Duft von Linsensuppe.

00:09:25: Ginans Schwiegermutter bereitet das Frühstück vor.

00:09:28: Ginans ältere Schwiegerin und ihre Tochter schlafen noch.

00:09:31: Amina, ihre jüngere Schwiegerin, spielt ein Kartenspiel auf dem Handy.

00:09:35: Dann vibriert das Handy.

00:09:37: Aminas Cousine ruft an.

00:09:39: Diese lebt nicht weit entfernt von Ginan und ihrer Schwiegerfamilie.

00:09:43: Die Cousine ist aufgebracht und verzweifelt.

00:09:45: Sie schreit nur, der IS ist ins Dorf eingezogen.

00:09:48: Der IS greift an.

00:09:51: Ich habe damit gerechnet, irgendwann überstürzt aufbrechen zu müssen.

00:09:54: Seit mehreren Tagen hatte mich das Gefühl einer drohenden Gefahr im Griff und damit die Furcht davor, dass eine Welt zusammenbrechen würde.

00:10:01: Meine Welt.

00:10:03: Noch nie habe ich etwas Ähnliches empfunden.

00:10:06: Kero, Jinans Schwiegervater, dringt die kleine Frauengruppe zur Eile.

00:10:10: Sie packen etwas Kleidung, Geld, Wertsachen und Vorräte zusammen, vor allem viel Wasser.

00:10:16: In dem Gebiet um das Sinjargebirge herrschen Temperaturen von bis zu fünfzig Grad.

00:10:21: Kero schiebt seine Kalashnikov unter den Autositz.

00:10:24: Ein Revolver deponiert er im Handschuhfach.

00:10:26: Als Jinan ihn mit den Waffen sieht, beruhigt sie das etwas.

00:10:30: Sie steigt in den alten dunkelbrauen Opel Vektra, schlägt die Tür zu und schließt für einen Moment die Augen.

00:10:36: Kero startet den Wagen.

00:10:39: Auf der Hauptstraße herrscht Aufruhr.

00:10:41: Die Nachricht vom Angriff des IS hat sich im Dorf verbreitet.

00:10:44: Die Dorfbewohnerinnen machen sich zu Fuß im Auto oder zusammengedrängt auf den Ladeflächen von Kleinlastern davon, Panik ist zu spüren.

00:10:52: Die Ängstlichen sind bereits fort, die Leichtsinnigen beeilen sich mit den letzten Vorbereitungen.

00:10:57: Bereits in den Tagen vor dem Angriff hatte sich die Stimmung im Dorf verändert.

00:11:01: Händlerinnen hatten die Gitter für ihren Geschäften heruntergelassen und die Bauern wagten sich nicht mehr auf ihre Felder.

00:11:07: Das Leben der Gemeinschaft hat pausiert.

00:11:09: Ginan und ihre Familie hatten überlegt, das Dorf heimlich zu verlassen.

00:11:14: Doch der Gedanke, das Sinnscheigebirge dafür umrunden zu müssen, war abschreckend.

00:11:19: Der Weg nach Syrien wird teilweise durch den IS kontrolliert.

00:11:22: Seit Monaten herrscht Angst.

00:11:24: Sie hat sich im Mai von Syrien aus in den Irak ausgebreitet.

00:11:28: Als die Mitglieder des IS verkündet haben, sie würden die Grenzen aufheben und ein Kalifat, ein Gottesstaat im Nahen Osten, errichten.

00:11:36: Im Juni, hat der IS mühelos die Kontrolle in Mosul an sich gerissen.

00:11:41: Das ist die zweitgrößte Stadt im Irak mit zwei Millionen Einwohnerinnen.

00:11:45: Die irakische Armee hatte sich ergeben.

00:11:47: Ein identisches Szenario hat sich etwa zwanzig Kilometer entfernt von Jinans zu Hause in Tal Afar abgespielt.

00:11:54: Der IS steht vor unserer Tür.

00:11:56: Er hat das Kalifat ausgerufen.

00:11:58: Ich hatte nie zuvor von ihrem Kalifen gehört.

00:12:00: Der von allen Muslimen verlangt, den Treuer einzuschwören.

00:12:03: Was die Ungläubigen angeht, hat er versprochen, sie zu zermalmen.

00:12:07: Und wenn dies nun das Ende meines Volkes ist, der seventy-vierste Völkermord, den dreiundsiebzig haben wir bereits erlitten, die Erinnerung daran wird von Generation zu Generation durch die Erzählungen unserer Vorfahren überliefert.

00:12:19: Seit so langer Zeit tragen wir tief in uns den Schrecken dieser Tragödie.

00:12:24: Ich habe wie meine Vorfahren diese Angst aus der Vergangenheit in mir, die Angst vor dem Völkermord.

00:12:30: Die Familie hat ein konkretes Ziel.

00:12:33: Sie wollen so schnell wie möglich das zehn Kilometer entfernte Heimatdorf von Ginans Schwiegermutter erreichen.

00:12:40: Dort wollen sie das Auto auf einer Wiese am Fuß des Gebirges zurücklassen, in die Berge hinaufsteigen, einen provisorischen Unterschlupf finden und abwarten.

00:12:49: Wenn der IS kommt, wollen sie weiter Richtung Gipfel klettern, wo sie sich geschützter fühlen.

00:12:55: Wenn der IS dann abzieht, werden sie wieder hinunter und mit dem Auto weiterfahren, so der Plan.

00:13:01: Eine Nacht verbringt die Familie in ihrem Versteck im Gebirge.

00:13:04: Immer wieder passieren andere, geflüchtete sie und steigen den Berg weiter hinauf.

00:13:08: Andere gesellen sich zu ihnen.

00:13:10: Am Morgen des vierten August erhält Kero, Gynans Schwiegervater, einen Anruf.

00:13:15: Einem Freund ist es gelungen, über die syrische Grenze zu kommen.

00:13:19: Mit etwas Glück schafft man es noch und kann das Gebirge auf der Straße umfahren.

00:13:23: Die Familie entscheidet sich, das Risiko einzugehen.

00:13:26: Einige weitere folgen ihnen.

00:13:27: Wir gehen hinunter und finden unser Auto wieder.

00:13:31: Unsere Karawane zählt sechzehn Fahrzeuge.

00:13:33: Alte Kahn mit stotternden Motoren.

00:13:36: Der Opel von Walitz Vater reiht sich in den Zug ein, der langsam dahin fährt und Staubwolken aufwirbelt.

00:13:42: Pürzlich sind Detonationen zu hören.

00:13:45: Reflexartig zieht Jinan den Kopf ein.

00:13:48: Hinter dem Konvoi tauchen Männer das CS auf.

00:13:51: Walitz Vater sieht sie im Rückspiegel.

00:13:53: Sie schießen von einem Pickup aus über die Autodächer.

00:13:57: Die Fahrzeuge mit der schwarzen Flagge des CS überholen das Auto, in dem Ginan mit ihrer Familie sitzt.

00:14:03: Sie fahren in hoher Geschwindigkeit.

00:14:04: Dutzende Jihadisten stürmen den Konvoi.

00:14:07: Sie schießen, während sie die Autos überholen.

00:14:10: Als die Jihadisten an der Spitze des Konvois ankommen, bremsen sie ab und stellen ihre Fahrzeuge quer über die Farbe an.

00:14:17: Die Autos der eingekesselten Jesidin sind gezwungen, anzuhalten.

00:14:21: Die Flucht endet in einer Wüste, die zu einem Gefängnis unter freiem Himmel geworden ist.

00:14:26: Etwa hundert Autos stehen inzwischen hier.

00:14:29: Die Jihadisten haben Verstärkung angefordert.

00:14:32: Ein Dutzend Männer in kurzen Hosen und Militärjacken bewacht Ginanen und die anderen Jesidinnen.

00:14:38: Einige der Geiselnehmer verbergen ihre untere Gesichtshälfte hinter einem schwarzen Schal.

00:14:43: Bevor Ginanen ihre Gesichter sehen wird, sieht sie ihre Waffen.

00:14:48: Nagelneue Sturmgewehre, Kalashnikovs und Handgranaten, die am Gürtel

00:14:52: hängen.

00:14:53: Die Jihadisten diskutieren die Flüchtenden bis zu einem Kontrollpunkt.

00:14:56: Dort nehmen sie den Jesidinnen alle ihre Wertsachen und Waffen ab.

00:15:00: Danach trennen sie die Männer von ihren Familien.

00:15:03: Leistet einer von ihnen Widerstand, wird er zur Abschreckung verprügelt.

00:15:07: Auch Kero muss seine Familie verlassen.

00:15:10: und

00:15:23: Kinder.

00:15:25: Ich

00:15:25: komme zusammen mit Amina, meiner zwölfjährigen Schwiegerin, in die erste Kategorie.

00:15:37: Der dritte August, zwei Tausend vierzehn, markiert eine Zäsur in der Geschichte der Jesidinnen.

00:15:43: Ein Datum, das mit einem der grausamsten Verbrechen der jüngeren Menschheitsgeschichte verbunden ist.

00:15:49: An diesem Tag beginnt die Terror-Militz-IS mit einem systematischen Angriff auf das Sinnschar-Gebirge.

00:15:55: Dort begann dann, dass sie dieses Gebiet unter ihrer Kontrolle gebracht haben.

00:16:00: und begann die Säden zu kontrollieren, sie zu zwingen, Muslime zu werden.

00:16:06: Es gab zahlreiche Hinrichtungen.

00:16:09: Und dann begann tatsächlich etwas, was man sich hätte vorher nicht vorstellen können, dass sie zum Beispiel in einem Dorf die ganze Bewohner an einem Ort versammelt haben.

00:16:22: Sie dann aufgeteilt haben in Männern, Frauen, die noch nicht verheiratet waren.

00:16:30: Kinder und ältere Menschen.

00:16:32: Viele der Männer haben sie noch am gleichen Tag hingerichtet.

00:16:36: Junge Mädchen, die nicht verheiratet waren, keine Kinder waren, haben sie getrennt von ihren Eltern.

00:16:42: Und da haben sie deportiert nach Musultelabfahrung in anderen Orten.

00:16:47: Altere Frauen und Männer hatten man dann später auf dem Feld, dann für sich als Glauben arbeiten lassen.

00:16:53: Und dann begann eine ODC, die das genutzt geht, aber auch der Vergewaltigungen.

00:16:59: Und der Misshandlung von Folter und ständigen auch Verkauf, muss man das sagen, auf den Märkten in diesen Gebieten von jesidischen Frauen.

00:17:13: Die Taten des IS waren nicht nur militärische Angriffe.

00:17:16: Sie zielten auf die völlige Zerstörung einer Kultur, einer Gemeinschaft eines Glaubens.

00:17:26: Ginan und Amina werden mit den anderen Frauen ins Gefängnis von Badouge gebracht.

00:17:32: Die Fahrt dorthin dauert wenige Stunden.

00:17:35: Der Anblick der Wachtürme, die hohen Mauern und die Stacheldrahtzäune erschrecken Jinnern.

00:17:40: Der Eingang wird von Radpanzerfahrzeugen bewacht.

00:17:43: Gemeinsam mit hunderten Frauen und Kindern wird Jinnern in das Gefängnis gedrängt.

00:17:47: Die Wachen haben schwarze Flaggen auf den Türmen gehisst.

00:17:51: Mit den zusammengedrängten, verzweifelten Frauen und weinenden Kindern hat Badusch mehr Endigkeit mit einem Durchgangslager als mit einem Gefängnis.

00:17:59: Legen sich die Frauen schlafen, wird vorher der Boden von den Wachen benässt, damit sie gezwungen sind, im Feuchten zu liegen.

00:18:06: Jinan ist hinter hohen Mauern gefangen und wartet täglich darauf, dass die Bewacher ihre schreckliche Auswahl treffen.

00:18:29: drücken auf die Kiefer, damit wir ihn unsere Zähne zeigen.

00:18:33: Sie betasten

00:18:33: uns auch.

00:18:39: Die Flucht ist bereits ein paar Tage her.

00:18:42: Seitdem trägt Jinan dasselbe leichte Sommerkleid, das bis zur Hälfte ihrer Waden reicht.

00:18:47: Das blaue und gelbe Muster ist vor Schmutz kaum mehr zu erkennen.

00:18:52: Auch ihr Tuch, das über ihren Schultern hängt, legt sie nie ab.

00:18:56: Aber es kann Jinan nur mehr schlecht als recht vor der Sonne, vor der nächtlichen Kühle oder vor den Blicken der Männer schützen.

00:19:03: Nachts kommen die Jihadisten mit ihren Taschenlampen und wählen Frauen aus, wie wir zu Beginn der Folge gehört haben.

00:19:10: Eines Morgens wird Jinan von den Geheul von Müttern und den Schrein von Kindern aus einem Dämmer-Schlaf gerissen.

00:19:16: Wachen mit düsteren Mienen sind gekommen, dieses Mal, um die Mütter von ihren Söhnen zu trennen.

00:19:22: Wer nicht loslassen will, wird durch Schläge mit Gewerghäuben voneinander getrennt.

00:19:27: Jinan beobachtet, wie eine Mutter die Männer auf Knien anfleht, ihren Sohn nicht mitzunehmen.

00:19:32: Die Schläge, die die Frau treffen, zielen erst auf die Rippen, dann in den Bauch.

00:19:36: Sie krümmt sich vor Schmerzen, während die Wachen ihren Sohn zum Hofeingang zähren, zu den anderen Jungen in seinem Alter.

00:19:43: Sie sind keine Männer, sie sind Kinder.

00:19:46: Die Anhänger des IS werden sie zum Konvertieren drängen und sie zu Soldaten des IS ausbilden.

00:19:51: Danach werden die Frauen erneut getrennt.

00:19:54: Junge, kinderlose Frauen, wie die achtzehnjährige Ginan, werden mit einem Reisebus nach Mosul gefahren.

00:20:01: Es sind etwa hundert Frauen, die aus Badusch kommen.

00:20:04: Ein beißender und starker Benzingeruch mischt sich mit dem Geruch nach Schweiß.

00:20:09: Ginan geht es körperlich schlecht.

00:20:11: Sie hat Fieber, Kopf- und Gliederschmerzen.

00:20:14: Sie versteht nicht, wieso der IS sie seit dem Überfall von einem Ort zum anderen fährt.

00:20:20: Sie erreichen Mosul.

00:20:21: Die zweitkürste Stadt des Irakes zur Hauptstadt der Islamisten geworden.

00:20:26: Ginan blickt aus dem Fenster des Buses.

00:20:28: Die Gehsteige sind überlaufen, Aber auf der Straße sind nur Männer und lediglich wenige schwarz verschleierte Frauen zu sehen.

00:20:35: Der Bus packt neben einer Moschee.

00:20:37: Ginan wird herausgedrängt.

00:20:39: Gemeinsam mit den anderen Frauen wird Ginan in ein großes, zweistöckiges Haus geführt.

00:20:44: Sie betritt die große Eingangshalle, in der sich bereits dutzende Frauen befinden.

00:20:49: Zwischen ihnen laufen Kämpfer umher.

00:20:51: Ginan hört ihr dreckiges Gelächter.

00:20:54: Sie scherzen, schlendern auf und ab.

00:20:56: ziehen die Mädchen mit den Augen aus, kneifen ihnen in den Hintern.

00:21:01: Einer sagt, Dieter hat große Titten, aber ich will eine Jesiden mit blauen Augen, mit Helmton.

00:21:06: Das sind anscheinend die besten.

00:21:08: Ich bin bereit, einen entsprechenden Preis zu zahlen.

00:21:11: Ginan und Amina befinden sich mitten auf einem Sklavenmarkt.

00:21:15: Hier werden sie ausgestellt.

00:21:17: Die Männer betrachten die jesidischen Frauen einbringlich.

00:21:20: Augenfarbe, Haarfarbe, Zähne werden untersucht, bevor sie schließlich gekauft werden.

00:21:25: Hier wird jeder Tag

00:21:26: durch Besuche

00:21:26: strukturiert.

00:21:28: Mein Herz schlägt jedes Mal heftig, sobald mich ein Mann mustert.

00:21:31: Kämpfer kommen, um ihre Einkäufe zu machen.

00:21:34: Händler spielen die Vermittler.

00:21:36: Immiere inspizieren den Viehbestand.

00:21:38: Mit der Selbstsicherheit zufriedener, aber aufmerksamer

00:21:41: Besitzer.

00:21:44: Die Versklavung von Ungläubigen durch den IS ist ein zentraler Bestandteil seiner Ideologie.

00:21:50: Die Anhänger rechtfertigen die Gewalt gegen Frauen und Mädchen durch eine radikale und perverse Auslegung religiöser Texte.

00:21:58: Dabei nehmen sie den Opfern nicht nur ihre Freiheit, sondern auch ihre Identität.

00:22:04: Psychologe Jan Kieselhan hat uns erklärt, wie die Täter das Rechtfertigen.

00:22:08: Die IS hat das durch den Islamversuch zu legitimieren, indem viele Fatwas, viele religiöse Vorschriften schon in der Vergangenheit gibt.

00:22:19: die sagen, dass Ungläubige, deren Habern gut beschlagnahmt werden darf, dass die Frauen versklavt und vergewaltigt werden dürfen.

00:22:28: Da steht auch so drin, das sind sozusagen Kriegsbeute.

00:22:32: Die Frauen werden als Kriegsbeute gesehen.

00:22:35: Wie sieben sind auch im achzehnten Jahrhundert, Ende des neunzehnten Jahrhunderts, aufs Glaubenmärkten in Istanbul, in Damaskus oder in Cairo verkauft worden und dann auch natürlich vergewaltigt worden.

00:22:49: Die hier genannten religiösen Vorschriften, die von islamischen Gelehrten in der Vergangenheit verfasst wurden, ordnen die Jesidinnen als Ungläubige ein.

00:22:57: Damit verlieren sie nach islamischem Recht jeden Schutz ihres Lebens und Eigentums und dürfen ihre Religion nicht ausüben.

00:23:04: Der IS greift diese Interpretationen auf und setzt sie radikal um, um seine Gewaltakte zu legitimieren.

00:23:11: Es geht nicht nur um Kontrolle oder Macht, es geht um eine ideologische Entwertung der Opfer.

00:23:16: Sie entmenschlichen den Menschen, das sind Objekte und wenn es keine Menschen sind aus ihrer Sicht.

00:23:22: kann man mit ihnen machen, was man will.

00:23:24: Sie wurden manchmal mit Ungeziefergleich gesetzt.

00:23:27: IS-Kämpfer haben mir später in Interviews berichtet, dass sie sie nicht als Menschen gesehen haben.

00:23:33: Sie haben ihr Mitleid damit gehabt, wenn sie einen Hunden oder einen Schaf schlachten mussten.

00:23:38: Aber die Köpfung von Jesiden hat ihnen überhaupt nicht emotional bewegt.

00:23:44: Das heißt, hier findet eine komplette Einengung einer Gruppe, die so sehr ideologisch fanatisch geworden ist.

00:23:52: dass sie das Gesicht des Menschen einfach wegnehmen.

00:23:55: Ginan wird wenige Tage später an zwei Anhänger des IS verkauft.

00:24:00: Abo Omar und Abo Annas.

00:24:02: Sie steht gedrängt in einer Gruppe Frauen auf dem Sklavenmarkt.

00:24:06: Immer wieder wird eine der Frauen aus ihrer Mitte gerissen, während die anderen versuchen, die Männer zurückzustoßen.

00:24:12: Unerfolg.

00:24:13: So auch bei Ginan.

00:24:15: Vor der Halle, aus der Ginan und die beiden Männer jetzt treten, wartet ein blau-weises Auto, auf dessen Motorhaube islamische Polizei steht.

00:24:23: Die Männer setzen Ginan auf den Rücksitz, verriegeln die Türen und fahren los.

00:24:28: Ginan wird von ihnen in eine Villa gebracht, die ursprünglich eine jesidischen Familie gehört hat.

00:24:33: Jede Spur, der früheren Bewohnerin, wurde ausgelöscht und das Haus geplündert.

00:24:38: Dort werden bereits fünf weitere versklavte jesidische Frauen gehalten.

00:24:42: Die kommenden Wochen ihres Lebens sind geprägt von unvorstellbarer Brutalität.

00:24:47: Vergewaltigung, Zwangskonvertierung unter Gewalt und Demütigung sind ja Alltag.

00:24:53: Die sechs Frauen schließen einen Pakt.

00:24:55: Sie wollen Widerstand leisten und zueinander halten.

00:24:59: Egal, was passiert.

00:25:00: Abu Umal und Abu Anas betrachten die Frauen nicht nur als Eigentum, sondern als Mittel, um ihre Macht zu demonstrieren.

00:25:07: Sie zwingen, Ginan und die anderen Frauen ihre Religion aufzugeben und sich zu unterwerfen.

00:25:12: Jede Weigerung führt zu brutalsten Strafen, vor allem wenn sie die Frauen zum Gebet zwingen wollen.

00:25:18: Bei ihrem ersten Versuch reagieren die Frauen nicht auf sie.

00:25:21: Die beiden Männer verschwinden daraufhin, um dann mit Holzknüppeln wiederzukommen.

00:25:26: Sie gehen auf die Frauen los, verprügeln sie.

00:25:29: Einer der beiden ruft Der Islam ist die Religion des Rechts und der Gerechtigkeit.

00:25:34: Vergess euren alten Primitiven Glauben, eure Erziehung als Ungläubige.

00:25:38: Ihr müsst gute Musliminnen werden.

00:25:41: Als Jinan probiert, die fünfzehnjährige Evara zu schützen, wird sie am Nacken getroffen.

00:25:46: Sie verliert das Gleichgewicht und stürzt

00:25:48: schwer.

00:25:49: Jinan kriegt über den Boden.

00:25:51: Sie erinnert sich an den angewiderten Blick einer der Männer, der sie in diesem Moment trifft.

00:25:57: Am späten Vormittag tauchen die beiden Abos wieder zum Mittagsgebet auf.

00:26:01: bewaffnet

00:26:01: mit Stahlknüppeln

00:26:02: und Baukabeln, die sie im Hof gesammelt haben.

00:26:05: Wieder fangen sie an, uns zu misshandeln.

00:26:08: Ich versuche den Schlägen auszuweichen und meinen Kopf

00:26:10: zu schützen.

00:26:12: Und auch abends sind die Unmenschen zurück.

00:26:14: Und die Gewalt wird zur Gebetsstunde bei Sonnenuntergang fortgesetzt.

00:26:18: Wir versuchen unseren Angreifern zu entkommen.

00:26:21: Abu Umar warnt uns.

00:26:23: So lange ihr euch weiger zu beten, seid ihr unsere Feinde.

00:26:26: Dann werden wir auch

00:26:27: kein Mitleid

00:26:27: haben.

00:26:28: In der Nacht kann ich mich wegen der Blutergisse nicht in meinem Bett umdrehen.

00:26:32: Am nächsten Tag geht die Martar weiter.

00:26:35: Morgens und abends

00:26:36: schlagen sie uns, in dem Gefühl, irrslamische Pflicht zu erfüllen.

00:26:40: Außer sich vor Wut über die Starköpfigkeit der Frauen beschließen Jinanz-Peiniger die Brutalität ihrer Maßnahmen zu steigern.

00:26:48: Sie übergeben die Aufgabe der Konvertierung an zwei Volltagnächte, Männer aus der Kaserne des IS.

00:26:54: Diese fesseln Ginan und die anderen Frauen mit den Händen auf dem Rücken und ketten sie zu dritt aneinander.

00:27:00: Im Hof unter der glühenden Mittagssonne sitzen die Frauen auf heißem Zement, während ein Maschinengewehr auf sie gerichtet ist.

00:27:08: Die Hitze ist unerträglich, die Luft stickig.

00:27:11: Der Schmerz in ihren Körpern wird mit jeder Minute intensiver.

00:27:14: Ginan beginnt zu hallucinieren, bevor sie schließlich unmächtig wird.

00:27:19: Ein Eimer Wasser reißt sie zurück ins Bewusstsein.

00:27:22: Als die Frauen endlich losgekettet werden, taumelt Jinan ins Haus und bricht er Schöpf zusammen.

00:27:28: Doch die Tortur endet nicht.

00:27:30: Am nächsten Tag werden die Frauen erneut in die pralle Sonne gezwungen, diesmal mit dem grausamen Befehl aus einem Gefäß mit toten Mäusen zu trinken.

00:27:39: Jinan weigert sich, doch die Peiniger zwingen sie, die Flüssigkeit zu schlucken.

00:27:44: Der widerliche Geschmack und Ekel lassen Jinanen erbrechen.

00:27:48: Als die Frauen noch immer nicht in Anführungszeichen freiwillig konvertieren wollen, gehen die beiden Folterer noch einen Schritt weiter.

00:27:55: Sie wählen Nelin, die in ihren Augen stärkste der Gruppe aus und zählen sie auf den Hof neben einen Stromgenerator.

00:28:03: Sie drohen ihr, sie an den Strom anzuschließen, wenn sie nicht konvertiert.

00:28:07: Die junge Frau bricht zusammen und ergibt sich.

00:28:10: Die Frauen konvertieren.

00:28:15: Am Abend darauf kommen die beiden Männer in den Schlafseil der Frauen.

00:28:18: Sie wollen sich Evara holen.

00:28:20: Evara ist mit ihren fünfzehn Jahren die jüngste der Frauen.

00:28:24: Die anderen fünf wollen sie beschützen.

00:28:26: Sie ahnen, was Evara droht.

00:28:28: Abu Anas stürzt mit gesenken Kopf auf uns zu, den Stahlbrügel zum Zuschlagen bereit.

00:28:32: Er trifft mich mit voller Kraft und es gelingt ihm, den Durchgang zu erzwingen.

00:28:37: Abu Umar folgt ihm und zieht unsere Freunde nahm Arm hinter

00:28:39: sich her.

00:28:41: Wir holen sie am Fuß der Treppe wieder ein.

00:28:43: Abu Anas drängt uns mit Knüppelhieben zurück.

00:28:45: Wir schützen unsere Gesichter und versuchen, Evara zu fassen zu bekommen.

00:28:50: Zu spät.

00:28:51: Aboumah hat die Tür hinter sich bereits zugeschlagen.

00:28:54: Aboumah nass lässt eine letzte Tragprügel auf uns niederprasseln.

00:28:58: Wir weichen zurück.

00:28:59: Was dann passieren wird, wissen wir noch, bevor Evara mitten in der Nacht in den Schlafraum zurückkommt.

00:29:05: Aboumah hat ihr die Jogginghose ausgezogen und die Träger ihres Hemdchen zerrissen.

00:29:10: Evara hat sich geschützt, so gut sie konnte.

00:29:14: Aber Omar hat versucht, sie auf den Hals

00:29:16: zu küssen.

00:29:17: Er hat sie gezwungen, sich auf eines der Betten zu legen.

00:29:20: Dann hat er sich mit heruntergelassener Hose auf sein Opfer

00:29:23: geworfen.

00:29:27: Am nächsten Tag folgt ein weiterer Angriff.

00:29:30: Gebrochen und verzweifelt kommt Evara in den Schlafsal zurück, von Blutergüssen überseht.

00:29:35: Sie blutet.

00:29:44: Die beiden Abus lieben es, sich in einem dunklen, rechteckigen Zimmer, dem sogenannten kleinen Salon, Filme anzuschauen auf einem Laptop.

00:29:52: Die beiden Männer ergötzen sich an mobiden Propagandafilmen, die vom IS ins Netz gestellt werden.

00:29:57: Kommt und schaut euch an, wie Jesiden getötet werden, rufen sie den Frauen zu.

00:30:02: Der Film, den sich die Frauen dann zwangsweise anschauen müssen, ist eine Mischung aus Kampfszenen aus dem Sinjargebirge, echten Hinrichtungen durch Enthauptung und einem Bericht über die Aktion eines Selbstmordarten-Teters.

00:30:14: Die Abende sind für Jinan besonders schlimm.

00:30:17: Sie bringt den beiden Männern das Abendessen, ein Ritual, das jedes Mal von Angst und Ekel begleitet wird.

00:30:24: Das Zimmer der beiden gleicht einem stickigen Käfig.

00:30:27: Der Geruch ist unerträglich.

00:30:29: Während Ginan die Teller auf dem niedrigen Tisch

00:30:31: stellt,

00:30:32: kämpft sie mit Übelkeit.

00:30:34: Abu Anas beobachtet sie mit einem schmierigen Blick, während Abu Oma in sein Handy vertieft ist.

00:30:40: Er fordert sie beiläufig auf, Fantadosen zu bringen.

00:30:44: Doch die scheinbare Gleichgültigkeit trügt.

00:30:47: Als Ginan mit den Dosen zurückkommt, packt Abu Anas sie plötzlich an den Hahn.

00:30:51: Sein Griff ist brutal und der Ausdruck auf sein Gesicht lässt keine Zweifel an seine Absicht, sie zu vergewaltigen.

00:30:58: Ginan fleht.

00:30:59: Gnade.

00:31:00: Fassen sie mich nicht an.

00:31:01: Tun sie mir nicht weh.

00:31:03: Für einen kurzen Moment zögert er und diesen Augenblick nutzt Ginan um zu fliehen.

00:31:08: Mit einem kleinen Vorsprung rennt sie ins Bad und verriegelt

00:31:11: die Tür.

00:31:12: Doch in der Sicherheit des Bades holt sie die Scham ein.

00:31:16: Die Tatsache, dass sie um Gnade betteln musste, lastet schwer auf ihr.

00:31:20: Ginan fühlt sich nicht mehr wie ein Mensch, sondern wie ein Objekt, über das ihre Peiniger beliebig entscheiden können.

00:31:26: Die Verzweiflung lässt sie zusammenbrechen.

00:31:29: In ihrer Hilflosigkeit schlägt sie mit den Fäusten gegen die Wand, wie sie sich selbst verletzen.

00:31:34: Ginan rollt sich auf dem kalten Boden der Dusche zusammen.

00:31:38: Schließlich holen ihre Gleichgesinnten inzwischen Freundinnen sie aus dem Badezimmer.

00:31:43: Von diesem Tag an ziehen die beiden Männer immer wieder unter Anwendung von Gewalt eine Frau abends zu sich und vergewaltigen sie.

00:31:51: Ein zweites Mal gelingt es auch Ginanen nicht zu entkommen.

00:31:54: Die Frauen werden stiller, ziehen sich zurück und einige von ihnen kämpfen mit Suizidgedanken.

00:32:00: Die Gefangenschaft verlangt ihn nicht nur körperlich, sondern auch seelisch alles ab.

00:32:05: Ginanen beginnt sich selbst zu vernachlässigen.

00:32:08: als Schutzmechanismus vor den Vergewaltigungen, aber auch als Ausdruck von Selbstbestrafung, weil sie das Gefühl hat, ihre Ehre im Sinne ihrer Religion verloren zu haben.

00:32:18: Sie trägt jeden Tag dasselbe Kleid, verweigert sich der Hygiene.

00:32:22: Für Ginan, die vor ihrer Gefangenschaft großen Wert auf ihr Äußeres gelegt hat, ist dies ein besonders schmerzhafter Verlust ihrer Identität.

00:32:29: Sie meidet den Blick auf ihr Spiegelbild, als könnte sie so verhindern, die veränderte Person zu sehen, die sie geworden ist.

00:32:36: Durch die Strapazen der Gefangenschaft hat Ginan abgenommen.

00:32:39: Sie ist schmächtig und ausgezehrt.

00:32:42: Ich werde geschlagen

00:32:43: und gequält,

00:32:44: aber es wiegt mein Leiden angesichts des Restes.

00:32:47: Ich habe meine Religion und mit mir meine Ehre verloren.

00:32:50: Welche Schande?

00:32:51: Nach den ungeschriebenen Gesetzen meines Volkes habe ich meinen Glauben verraten.

00:32:56: Dunkle Gedanken schwören in meinem Kopf herum.

00:32:59: Ich will sterben oder fliehen.

00:33:02: Im Bad habe ich eine angeschlagene Fliese entdeckt.

00:33:05: Doch.

00:33:06: Ich zögere.

00:33:18: Sexualisierte Gewalt ist eine besonders brutale Kriegswaffe.

00:33:22: Sie wird nicht nur eingesetzt, um Frauen und Mädchen zu unterwerfen, sondern auch, um ganze Gemeinschaften zu zerstören.

00:33:29: Der IS hat diese Praxis auf eine neue Ebene gebracht und sie systematisch als Mittel der Zerstörung genutzt.

00:33:35: Jan Kieselhan kennt die Motive dahinter.

00:33:38: Sexualisierte Gewalt, vor allem gegen Frauen als Kriegswaffe, gibt es seit Menschheitsgedenken.

00:33:44: Das eine ist das Ziel, Der Demütigung, der Kämpfer, die vielleicht eine patriarchale Vorstellung haben, der Krieger, die sich verantwortlich fühlen, ihre Frauen, ihre Kinder zu schützen.

00:33:55: Und ihnen wird vor Augen geführt, dass sie nicht in der Lage sind.

00:33:59: Doch bei Mies geht es nicht nur um Demütigung.

00:34:01: Im Vergleich zu dem hat er erst noch einen draufgesetzt und gesagt, allein die Vergewaltung reicht uns nicht, sondern wir wollen entweder die Siedeln ... Töten zerstören.

00:34:11: Es gibt aber nur eine Ausnahme und diese Ausnahme ist, wenn sie zum Islam konvertieren.

00:34:15: Und dann hat man gesagt, durch die Akt der Vergewaltigung seid ihr jetzt auch Moslems, weil sie vorher wussten, dass in der Jesitschner Religion eine Zwangskonvertierung nicht möglich ist.

00:34:27: Das heißt, man wird als Jeside geboren und Jesiden dürfen keinen sexualen Kontakt zu Nicht-Jesiden haben.

00:34:33: Das war die alte Vorstellung.

00:34:35: Das wusste auch die ES und haben gesagt, okay, wenn wir sie jetzt vergewaltigen, dann sind sie auch keine Jesiden und damit sind sie dann Mosstems.

00:34:43: Die sexualisierte Gewalt hat die betroffenen Frauen schwerstraumatisiert.

00:34:47: Jan Kieselhan war maßgeblich daran beteiligt, Überlebende nach Deutschland zu holen und ihre Behandlung zu organisieren.

00:34:54: Im Februar in den Iraken fliegt er in den Irak und bringt ein Jahrzehnte Menschen nach Deutschland.

00:35:01: Seine Arbeit hat ihm tiefe Einblicke in die psychologischen und physischen Folgen bei den Betroffenen gegeben.

00:35:07: Die Frauen, die wir damals geholt haben, waren zu hundert Prozent alle vergewaltigt.

00:35:13: Sie waren mehrere Monate in Geiselhaft, wurden mehrfach verkauft von einem zum anderen.

00:35:19: Mann, der sie gefoltert geschlagen hat und vergewaltigt hat.

00:35:23: Das heißt, sie leiden an einer schweren postraumatischen Belastungsstörung.

00:35:27: Sie leiden an vielen körperlichen Beschwerden, weil sie gefoltert worden sind.

00:35:32: Und sie haben viel Angst und eine Trauma bedeutet, dass sie dieses Ereignis sich im Kopf gespeichert hat und sie tagtäglich sich daran erinnern.

00:35:41: Und wenn sie sich daran erinnern, haben sie Schlaftierung, haben sie Ängste, Panikanfälle.

00:35:47: Sie glauben, dass jederzeit wieder die Erstkommen könnte und wieder sie mitnehmen könnte.

00:35:52: In solchen Albträumen haben viele Frauen sich selbst verletzt.

00:35:55: Einer der Frauen hat sich bei uns zum Beispiel versucht, zu verbrennen, um nicht wiedervergewaltigt zu werden.

00:36:01: Auch die sexualisierte Gewalt gegen Frauen diente dem IS dazu, seine klare Strategie zu verfolgen, Angst verbreiten, um die Weltordnung nach seinen muslimischen Vorstellungen zu verändern.

00:36:12: Alle, die sich dagegen wehren, müssen vernichtet werden.

00:36:16: Deswegen waren ja auch die Attentate in Deutschland, in England, in Frankreich, in der USA und in anderen Ländern, indem sie gesagt haben, wir machen euch Angst und wir besiegen euch und wir werden eine islamische Welt haben.

00:36:31: Und die haben strategisch aus meiner Sicht gesagt, haben wir überfangen mit den Jesiden an, erstens weil sie nicht bewaffnet sind, dass eine friedliche Gruppe ist, die kein Militär hat, die nie in ihrer Geschichte wirklich gekämpft hat und kein Mensch sich um sie kümmern wird.

00:36:47: in der nationalen Gemeinschaft, die meisten.

00:36:50: kannten die Jesiden bis zu den Jahren im Jahr.

00:36:52: Das heißt, man hat sie als ein Modellprojekt genommen.

00:36:56: Wenn wir schaffen, die Jesiden zu vernichten, zu versklaven und unter Kontrolle zu bringen, wird das dann auch viele unserer Gläubigen die Anzahl der Mitglieder stärken.

00:37:09: Das war ja auch in der Tat so, dass auch viele Radikale Islamisten aus der Szenien, aus Albanien, aus Kosovo, aus Europa, sich dann der Jahres angeschlossen haben.

00:37:37: Inzwischen leben die Frauen ungefähr elf Wochen in der Gefangenschaft der beiden Männer.

00:37:43: Ihnen geht es körperlich und auch seelisch schlecht.

00:37:46: Eines Tages ruft Nellin sie alle zusammen.

00:37:49: Die Männer haben gerade das Haus verlassen.

00:37:51: Jinan sieht zu, wie Nellin einen Schlüsselbund hinter ihrem Rücken hervorzieht.

00:37:56: Sie hat einen Ersatzschlüssel gefunden, den die Abus versehentlich liegen gelassen haben.

00:38:01: Als die Frauen darauf finden, die abgesperrten Räume der Villa durchsuchen, finden sie Diebesgut und Hela Ware.

00:38:07: Laptops, Ladekabel und Handys.

00:38:10: Bei ihrer Gefangennahme hatte Nellin damals geistesgegenwärtig die Sim-Karte aus ihrem Handy genommen.

00:38:16: Diese steckt sie nun in eins der Handys und ruft ihren Bruder in Deutschland an.

00:38:20: Sie erreicht ihn, erzählt ihm alles und er kontaktiert einen Freund, der in der Nähe lebt.

00:38:25: Dosto.

00:38:27: Dosto meldet sich bei den Frauen und gemeinsam entwickeln sie einen Fluchtplan.

00:38:31: Unser Schluss steht fest.

00:38:33: Wir werden die Fluchtwagen, sobald sich die erste Gelegenheit dazu bietet, auch auf die Gefahren improvisieren zu müssen.

00:38:39: Mehr als elf Wochen sind seit meiner Entführung verstrichen.

00:38:42: Beinahe drei Monate des Leidens und der Sklaverei.

00:38:45: Ich habe vor meinen Kerkermeistern oft den Kopf gesenkt, aber ich habe mir den Drangowart für mein Überleben zu kämpfen.

00:38:53: Und die Nacht der Flucht kommt schneller als erwartet.

00:38:56: Als die Männer wenige Tage später abends erschöpft in die Villa kommen, nicht einmal mehr Kraft für das Abendgebet haben und schlafen gehen, wissen die Frauen, dass ihre Nacht gekommen ist.

00:39:07: Mit dem Schlüsselbund öffnen sie die Tür der Terrasse und verlassen das Haus.

00:39:11: Vor dem Haus der Jihadisten ist niemand zu sehen.

00:39:13: Das Haus ist unbewacht.

00:39:14: Der Weg ist frei.

00:39:16: Die Frauen stürzen auf die Straße.

00:39:18: Von der Angst getrieben, eine Ladung Munition in den Rücken zu bekommen, läuft Ginan auf zehn Spitzen bis zur Straßenecke.

00:39:25: Nun gehen sie eng hintereinander bis zum Dorfende, wobei die Frauen dem Weg folgen, den sie von der Terrasse des Hauses ausstudiert haben.

00:39:34: Plötzlich lebt sie das Geräusch eines Motors.

00:39:37: Autoscheinwerfer nähern sich.

00:39:39: Die Sechs verstecken sich hinter einem Holzzaun.

00:39:41: Ginanzbauch verkrampft.

00:39:43: Das Fahrzeug wird langsamer auf ihrer Höhe.

00:39:46: Aber nur, um das Wrack eines umgestürzten Autos zu umfahren, bevor es abbiegt und in Richtung des Giadistenlagers verschwindet.

00:39:54: Unbemerkt setzen die Frauen den Weg durch das Geisterdorf fort.

00:39:58: Sie kommen an einem Gebäude vorbei, das durch ein Feuer zerstört wurde.

00:40:02: Am Ortsende biegen sie auf einen aufgeweichten Feldweg ab.

00:40:06: Angespannt ruft Nellin Dosto an.

00:40:09: Sie hat ihn per SMS über den bevorstehenden Aufbruch informiert.

00:40:13: Ginan hofft, dass er schnell abhebt, als sie von Nellin hört.

00:40:16: Es läutet, aber er geht nicht dran.

00:40:19: Beim zweiten Versuch klappt es.

00:40:21: Mit dem Handy am Ohr beschreibt Nellin die Umgebung.

00:40:24: Wiesen mit einigen Sträuchern, die von einer schmalen Sichel des Mondes erhält werden.

00:40:29: Es muss etwa Mitternacht sein.

00:40:31: Dosto erräht ihre Position, gibt sie in sein GPS ein und erteilt dann seine Anweisung.

00:40:37: Der Weg, den sie nehmen sollen, ist überschwemmt.

00:40:40: Die sechs Frauen laufen etwa dreißig Minuten durch den Schlamm.

00:40:44: Der Mond ist hinter Wolken verschwunden.

00:40:46: Die Nacht ist schwarz.

00:40:48: Nellin hat die Orientierung und die Verbindung zu Dosto verloren.

00:40:52: Ginan hat das Gefühl, dass sie im Kreis gehen.

00:40:54: Als sie endlich wieder empfangen haben, verkündet ihnen Dosto, dass sie geradewegs auf einen Kontrollpunkt, dass sie es zu gehen.

00:41:01: Sofort machen die Frauen kehrt.

00:41:03: Auf ihrer Flucht müssen Ginan und die anderen Frauen ein Flussbett entlanglaufen, das vom Berg herab führt.

00:41:09: Es ist ihre einzige Hoffnung, die Freiheit zu erreichen, die Hochebene des Sinjar-Gebirges.

00:41:15: Das Flussbett ist ein Breiter, etwa ein Meter tiefer graben.

00:41:18: Im Sommer liegt es ausgetrocknet da.

00:41:21: Doch in diesem regnerischen Oktober ist es vor der Schlamm.

00:41:24: Die Frauen laufen zu zweit nebeneinander, Schritt für Schritt den Anweisungen folgend.

00:41:29: Der Schlamm reicht ihnen stellenweise bis zu den Waden.

00:41:32: Regengösser haben Wasserlöcher entstehen lassen, die die kleine Schlucht in eine türkische Falle verwandelt.

00:41:38: Noch laufen sie in der Ebene, aber bald wird die Piste steil und führt ins Gebirge hinauf.

00:41:43: Ginan hat Angst auszurutschen oder zu stürzen.

00:41:47: Während sie weitergehen, nehmen Ginan und die anderen Frauen kaum das Hundegebell wahr.

00:41:52: Erst als ein Knurren ganz in der Nähe ertönt, bleiben sie stehen.

00:41:56: Ginan hebt den Kopf und sieht große, ausgewilderte Schäferhunde.

00:42:00: Die Tiere fletschen aggressiv ihre Zähne am Rand des Grabens, doch sie zögern, in das schlammige Flussbett hinabzusprengen.

00:42:07: Die Hunde folgen der Witterung der Frauen.

00:42:09: Vorsichtig hebt Jinan einen großen Stein auf.

00:42:12: Sie ist bereit, zu werfen, wenn es nötig ist.

00:42:15: Das Rudel beginnt zu jaulen, ein beängstigendes Geräusch, das die Dunkelheit erfüllt.

00:42:20: Die Frauen bleiben stehen, hoffen, die Tiere so beruhigen zu können.

00:42:25: Dann ertönen Schüsse.

00:42:27: Das Geräusch einer Kalashnikov schneidet durch die Stille.

00:42:30: Verängstig ziehen sich die Hunde zurück, verschwinden in der Dunkelheit.

00:42:34: Für einen kurzen Moment können die Frauen durchatmen, doch die Bedrohung ist allgegenwärtig.

00:42:39: Kurz glaubt Jinan, Kämpfer des IS hätten sie gefunden.

00:42:43: Dosto beruhigt die Frauen, dass die Schüsse von den Pechmerga der kurdischen Miliz gekommen sein müssen und nicht vom IS.

00:42:50: Aber sie sollten trotzdem weiter aufpassen.

00:42:52: Die Pechmerga schützt die Jesidinnen im Nordirak.

00:42:55: Das Gebirge ist ein riskantes Gelände.

00:42:57: Hier sind Diadisten und Pechmerga unterwegs, ohne dass man die einen immer von den anderen unterscheiden könnte.

00:43:03: Die Kämpfer beider Seiten vermummen sich, um den Feind besser überraschen zu können.

00:43:07: Nach mehreren Verletzungen und der Aufforderung von Dosto, dass sie eine Auszeit nehmen sollen, machen die Frauen eine Pause.

00:43:13: Sie befinden sich inzwischen inmitten des Sinjargebirges.

00:43:16: Der Sonnenaufgang über dem Gebirge ist grandios.

00:43:20: Die weiße Scheibe, die in den rötlichen Himmel aufsteigt, erfüllt mich mit Glück.

00:43:24: Der kommende Tag ist der Tag der Befreiung.

00:43:27: Wir standen auf einen Stützpunkt der kurdischen Kräfte zu.

00:43:29: Die Wachposten wurden von Dosto über unsere Ankunft informiert.

00:43:33: Aber es läuft nicht wie geplant.

00:43:43: Die kurdischen Wachposten haben inzwischen gewechselt und Dosto muss die Neuen überzeugen, dass von den sechs Frauen keine Gefahr ausgeht.

00:43:51: Die kurdischen Milizen entscheiden sich, Ginan und den anderen Frauen entgegenzugehen, anstatt sie bis zum Vorposten kommen zu lassen.

00:43:58: Eine Patrouille betritt das Flussbett, während eine zweite Gruppe sich auf eine Anhöhe hinter Felsen postiert, um die Lage zu kontrollieren.

00:44:06: Die Kämpfer nähern sich langsam, bis sie nur noch etwa fünfzig Meter entfernt sind.

00:44:10: Sie bringen ihre Gewehrinanschlag.

00:44:12: Die Anspannung ist greifbar.

00:44:14: Einer der Kämpfer ruft, befolgt unsere Anweisungen.

00:44:17: Ihr werdet einen Pfiff hören.

00:44:19: Er ist das Signal, dass die erste von euch losgeht.

00:44:22: Bei jedem weiteren Pfiff folgt die nächste.

00:44:24: Verstanden?

00:44:25: Die Frauen nicken.

00:44:27: Als der erste Pfiff ertönt, hebt Nellin die Hände über den Kopf und geht los.

00:44:32: Ihre Schritte sind vorsichtig, ihre Angst sichtbar.

00:44:35: Beim zweiten Pfiff folgt Büscher, danach Evara, Jamila ... Hevi und schließlich als letzter Ginan.

00:44:43: Die Frauen haben es geschafft, die ersten Schritte in Richtung Freiheit zu machen.

00:44:48: Doch der Weg ist noch nicht vorbei.

00:44:53: Ich lache, ich weine.

00:44:55: Ich weiß es nicht so genau.

00:44:57: Ich muss meine Freundinnen berühren, eine nach der anderen,

00:44:59: um mir zu beweisen, dass ich

00:45:01: nicht träume.

00:45:02: Wir haben es geschafft.

00:45:03: Ich bin eine freie Frau.

00:45:06: Gerührt

00:45:06: gibt mein Peschmerger ein paar Stiefel, die er bereits in seinen Marsh-Gepäck

00:45:09: gepackt hatte

00:45:10: und eine Jacke als Schutz gegen die morgendliche

00:45:12: Kälte.

00:45:13: Ich hänge sie mir über die Schultern, über das Kleid, das ich seit bald drei Monaten trage.

00:45:19: Du könntest meine Schwester sein", sagt er mit feuchten

00:45:21: Augen.

00:45:31: Im März, veröffentlichte das UN-Hochkommissariat für Menschenrechte einen Bericht, in dem festgestellt wurde, der IS begeht Völkermord.

00:45:41: Besonders das Vorgehen gegen die Jesidinnen habe das Ziel, diese als ethnisch religiöse Gruppe zu vernichten.

00:45:48: Außerdem wurden weitere Verbrechen wie Folter, Vergewaltigung, sexuelle Fasklawung sowie erzwungene religiöse Konvertierung und Zwangsrekutierungen von Kindern aufgezählt.

00:46:12: Für die Jesid-Innen bedeutet die Anerkennung des Genozids auch eine Anerkennung ihrer Existenz.

00:46:22: Die verfolgte Gemeinschaft hat schon seit Jahrhunderten mit Traumotter zu kämpfen.

00:46:26: Es ist nicht nur ein individuelles Traumotter, das heißt, jemand wird geschlagen, gefoltert, muss schlimme Dinge sich anschauen und das Gedächtnis kann das nicht verarbeiten.

00:46:37: Dadurch bekommt man eine psychische Erkrankung, zum Beispiel eine Posttraumatschübertastungsstimmung.

00:46:41: Dann haben wir den zweiten Typ der kollektiven Traumotter, das heißt, alle Jesiden waren davon betroffen.

00:46:48: Und alle waren zum Ziel, getötet zu werden.

00:46:52: Das wussten die Jesiden.

00:46:53: Insofern sprechen wir von einem kollektiven Traumater, weil am dritten August das Ziel war, die Jesiden zu vernichten und man ist gegen jeden vorgegangen.

00:47:02: In diesem Rahmen haben wir auch eine sekundäre Traumatisierung.

00:47:05: Auch Jesiden, die ... nicht unmittelbar betroffen waren, zu fliehen oder in Geiselhaft zu kommen oder mit zu beobachten, wie ihre Liebsten exekutiert worden sind, haben wir auch beobachtet, dass zum Beispiel in Frankreich oder vor allem in Deutschland, daneben über zweihundertfünfzigtausend Jesiden leben, auch eine sekundäre Traumatisierung erlebt haben.

00:47:26: Zusätzlich haben Jesidenen mit einem transgenerationellen Trauma, also der Weitergabe von Traumata, auf nachfolgende Generationen zu kämpfen.

00:47:35: Die Gesieden haben seventy- vier Genuzite in ihrer Geschichte erlebt und von einer... Wenn Sie sich vorstellen, vor achthundert Jahren hat die erste Gruppe ein Genozid erlebt, dann haben sie in irgendeiner Form versucht zu überleben, durch Rituale, durch Religion, durch Geschichten, haben es aber auch hier in Kindern erzählt.

00:47:54: Das heißt, auch die Kinder haben mitbekommen, dass eine Traumerstörung war.

00:47:58: Nach drei, vier Jahren hat Generationen erlebt, die vierte, fünfte Generationen erneut ein Massaker oder ein Genozid.

00:48:04: So haben wir das Traume ihrer Vorfahren.

00:48:07: Und dann haben sie ihre eigenen Traumorte, weil sie ja selbst sind wieder betroffen sind.

00:48:11: Und so läuft das über die Zeitlinie bis heute, dass immer wieder mehrere Generationen diese Traumorte erleben haben.

00:48:25: Die Situation der Jesidinnen im Nordirak und in Syrien bleibt auch Jahre nach dem Genozid durch den IS schwierig.

00:48:32: Viele Überlebende leben weiterhin in Flüchtlingslagern, vor allem in der Region um Duhok im Nordirak.

00:48:38: Diese Camps bieten nur begrenzte Versorgung und kaum Perspektiven auf ein selbstbestimmtes Leben.

00:48:43: Tausende Jesitinnen können nicht in ihrer Heimat im Sinscher Gebirge zurückkehren, da die Region von Instabilität und politischen Konflikten geprägt ist.

00:48:52: Zudem fehlt es an grundlegender Infrastruktur wie Schulen, Krankenhäusern und sicheren Wohnmöglichkeiten.

00:48:58: Die überlebenden der Verbrechen des IS hatten nicht nur mit den körperlichen und seelischen Folgen zu kämpfen, sondern auch mit der Angst, von ihrer eigenen Gemeinschaft abgelehnt zu werden.

00:49:08: In vielen traditionellen Gesellschaften ist Vergewaltigung ein Tabuthema, das oft mehr Scham auf die Betroffenen als oft die Täter legt.

00:49:16: Wir fürchten uns vor den Reaktionen unserer Umgebung.

00:49:19: Nachdem wir es mit der Grausamkeit des C.S.

00:49:21: zu tun gehabt haben, laufen wir nun Gefahr, allgemein als Schandfleck ranzusehen zu werden.

00:49:27: In unseren orientalischen Gesellschaften ist es schwer, wenn man als Frau das Opfer einer Entführung und Vergewaltigung wurde.

00:49:33: Der Ehrenkodex der Hesiden verurteilt uns dazu, abgelehnt zu werden, als Schandfleck angesehen.

00:49:39: Verband und gelegentlich sogar schlicht und einfach körperlich eliminiert zu werden.

00:49:44: Vergewaltigung ist bei uns ein Tabuthema.

00:49:46: Der Übertritt zu einer anderen Religion ist nach unseren Sitten und Gebräuchten verboten.

00:49:53: Doch die jesidische Gemeinschaft hat diese Krise zum Anlass genommen, ihre Traditionen zu hinterfragen.

00:49:59: Das geistige Oberhaupt appellierte an die Gemeinschaft, Barmherzigkeit zu zeigen und die Frauen nicht zu verurteilen.

00:50:06: Sein Aufruf war ein entscheidender Wendepunkt.

00:50:09: Anders als früherer Oberhäupter, die Überlebende von Massakann oft aus der Gesellschaft ausschlossen, erklärte er, die Frauen und Mädchen zu opfern, nicht zu schuldigen.

00:50:19: Die jesidischen Frauen haben nicht nur unglaubliches Leid erfahren, sondern auch eine beispiellose Stärke gezeigt.

00:50:25: Für viele von ihnen war das reine Überleben erst der Anfang.

00:50:29: Die Verarbeitung der Erlebnisse, die Konfrontation mit der Scham, die ihnen die Täter aufzwingen wollten, all das erfordert eine Kraft, die schwer aufzubringen ist.

00:50:38: Doch gerade in dieser Verarbeitung liegt die Chance auf einen Neuanfang.

00:50:42: Wie Psychologe Jan Kieselhan sagt, findet in der jesidischen Gemeinschaft einen Paradigmenwechsel statt.

00:50:48: Frauen, die einst als Opfer stigmatisiert wurden, erheben heute ihre Stimme und fordern, dass die Täter zur Rechenschaft gezogen werden.

00:50:56: Und so erleben wir in der jesidischen Gemeinschaft vor allem bei den Frauen einen neuen Paradigma-Werkschaften, dass sie sagen, wir müssen uns nicht schämen, sondern die Täter müssen sich schämen und wir wollen und werden darüber sprechen, damit solche Dinge nicht wieder passieren.

00:51:12: Also das ist so ein neues Phänomen, in dem sie gesagt haben, wir wollen eher daraus wachsen, daraus lernen.

00:51:18: Ginan ist eine dieser Stimmen.

00:51:20: Ihre Geschichte erzählt nicht nur von unvorstellbarem Leid, sondern auch von Solidarität.

00:51:26: von Überlebenswillen und dem Mut, die Wahrheit zu teilen.

00:51:31: Ich bin noch immer erstaunt über die Kraftreserven, die ich tief in mir gefunden habe, um mit all dem fertig zu werden.

00:51:37: Dass uns die Flucht gelungen ist, verdanken wir einer unerschütterlichen Solidarität und viel Opferbereitschaft.

00:51:43: Es geht mir jetzt besser.

00:51:44: Ich werde mich der Zukunft zu wenden.

00:51:46: Ich werde neu geboren.

00:51:48: Aber ich will, dass die Welt die Wahrheit über das Drama der jesidischen Frauen erfährt.

00:51:53: Ich bin eine ganz gewöhnliche junge Frau, deren Mensch sein von Männern geleugnet wird, die sich für Gott halten.

00:51:58: Die Vergewaltiger des IS behaupten, dem Beispiel ihres Propheten zu folgen.

00:52:02: Angeblich rechtfertigen die heiligen Schriften ihr Verhalten.

00:52:05: Diese Leute tragen den Hass in sich.

00:52:07: Wir sind es uns schuldig, ihnen gegenüber nicht passiv zu sein.

00:52:10: Wenn ich meine Geschichte für mich behalte, wer wird sie dann erzählen?

00:52:13: Wenn ich die Wahrheit verschleiere, werde ich zu Komplizen der Verbrechen des IS.

00:52:33: Eine Polizeistation in Südfrankreich.

00:52:36: Caroline schaut auf das Foto, das der Polizeibeamte vor ihr auf den Tisch gelegt hat.

00:52:41: Immer wieder schaut sie auf das Bild, betrachtet die schlafende Frau, die auf einem Bett zu sehen ist.

00:52:46: Ihrem Bett.

00:52:48: Kopfschütteln schaut sie wieder auf.

00:52:50: Nein, meint sie.

00:52:51: Die Frau auf dem Foto ist nicht sie.

00:52:54: Dieser Tag wird Carolins Leben für immer verändern.

00:52:57: Und sie erkennen lassen, bei vielen ihrer Erinnerungen handelt es sich um eine einzige große

00:53:02: Lüge.

00:53:03: Die Geschichte hört ihr in der kommenden Folge zwölf Leben in zwei Wochen.

00:53:07: Kennt ihr ein Fall von Gewalt gegen Frauen, dem wir Aufmerksamkeit widmen sollten?

00:53:12: Dann schreibt uns eine Mail an zwölfleben.podimo.gmail.com.

00:53:18: Die Mail findet ihr auch in der Folgenbeschreibung.

00:53:24: Zwölf Leben, Verbrechen an Frauen, ist ein Podcast von Podimo.

00:53:28: Wir sind Helen Schulte.

00:53:30: Und Massimo Majo.

00:53:32: Autorin dieser Folge, Kiana Lensch.

00:53:35: Schnitt und Sound, Frieda Maurer und Luca Satori.

00:53:39: Ausführende Produzentin, Madeleine Petri.

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