#51 Caroline, Gisèle Pelicots Tochter: Das vergessene Opfer
Shownotes
Diese Folge ist schon vor Monaten in der Podimo App veröffentlicht worden. In der Podimo App findet ihr schon jetzt 60 kostenlose Folgen, die ihr ganz ohne Anmeldung oder Abo hören könnt – Einfach nur die App öffnen und ‘12 Leben’ finden: https://podimo.de/12leben
Zusätzlich zu den 60 kostenlosen Folgen findet ihr dort auch die neueste Staffel im Premium-Bereich. _ Carpentras, Südfrankreich, 03.11.2020: Die 42-jährige Caroline schaut auf das Foto, das der Polizeibeamte vor ihr auf den Tisch gelegt hat. Sie betrachtet die darauf zu sehende schlafende Frau, die auf einem Bett liegt – ihrem Bett. Was Caroline zu diesem Zeitpunkt nicht ahnt: Ihre Mutter, Gisèle Pelicot, ist nicht die einzige Frau in ihrer Familie, die sich mit einer neuen Wahrheit konfrontiert sehen muss.
In dieser Folge beziehen wir uns auf das im Januar 2025 auf deutsch erschienene Buch “Und ich werde dich nie wieder Papa nennen” von Caroline Darian. Mit der Kriminalpsychologin Justine Glaz-Ocik haben wir über innerfamiliäre Mehrfachtäterschaft gesprochen, also das Phänomen, das auftritt , wenn systematisch mehrere Familienmitglieder missbraucht oder anderweitig Gewalt ihnen gegenüber ausgeübt wird, sowie über “chemische Unterwerfung".
Triggerwarnung: Diese Folge behandelt sexualisierte Gewalt und Inzest. Wenn ihr selbst Gewalterfahrungen gemacht habt, findet ihr hier Unterstützung:
Hilfetelefon “Gewalt gegen Frauen”: 08000 116 016 (rund um die Uhr)
Telefonseelsorge: 0800 111 0 111 (rund um die Uhr)
Opfer-Telefon vom Weißen Ring: 116 006 (7-22h Uhr)
Mehr Infos bekommt Ihr auf der Homepage der Online Datenbank für Betroffene von Straftaten: www.odabs.org
Habt ihr Feedback? Dann könnt ihr uns eine E-Mail schreiben: 12leben.podimo@gmail.com
"12 Leben – Verbrechen an Frauen" ist ein Podcast von Podimo. Hosts: Helen Schulte und Massimo Maio Autorin dieser Folge: Helen Schulte Schnitt und Sound: Frieder Maurer & Luca Sartori (hipitch) Ausführende Produzentin: Madeleine Petry
Transkript anzeigen
00:00:04: Und ich sagte ihm, du wirst mit deinen Lügen hinter Gittern
00:00:07: sterben.
00:00:08: Allein, wie ein Hund.
00:00:10: Und, dass ich nie wieder mit ihm sprechen werde.
00:00:13: Und jetzt weiß ich, wer er ist.
00:00:17: Diese Folge behandelt sexualisierte Gewalt und Inzest.
00:00:20: Wenn ihr selbst Gewalterfahrung gemacht habt, findet ihr anonym und kostenfrei Unterstützung beim Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen.
00:00:27: Unter der Nummer ... Diese Nummer und mehr Informationen findet ihr zum Nachlesen in den Shownotes.
00:00:36: Capon Tras in Südfrankreich, es ist der dritte November, ein Mittwochabend.
00:00:43: Caroline sitzt in einem kleinen Büro.
00:00:45: Ihre Hände hält sie auf den Oberschenkeln gefaltet.
00:00:49: Sie schaut die beiden Polizeibeamten an, die hier mit ihr im Raum sitzen, beide angestrahlt von den Bildschirmen ihrer Computer.
00:00:56: Carolins Herz rast, ihre Brust explodiert geradezu.
00:01:01: Um sich zu beruhigen, presst sie ihre Hände enger zusammen.
00:01:04: So stark, dass es fast weh tut.
00:01:06: Sie spürt ihre Beine nicht mehr.
00:01:08: Dann fällt ihr Blick auf eine dicke blaue Akte.
00:01:12: Sie sieht, wie einige Blätter aus der Akte hervorschauen.
00:01:15: Dann eine Stimme.
00:01:16: Caroline blickt einen der Polizeibeamten an, den, der gerade angefangen hat, mit ihr zu sprechen.
00:01:22: Er bittet Caroline sich zu entspannen.
00:01:25: Dann sagt er, es ist nichts, womit man nicht zurechtkommen könnte.
00:01:29: Caroline blickt wieder zu dieser Akte, diesem blauen Umschlag.
00:01:33: Nie hätte sie gedacht, dass sie mal vor Dokumenten solch eine Angst haben würde.
00:01:38: Atmen.
00:01:39: Karolin hört, wie der Beamte ihr sagt, dass er ihr zwei Fotos zeigen müsse.
00:01:44: Dann der Griff zur Akte.
00:01:46: Er zieht sie zu sich heran, öffnet sie und zieht dann ein Bild heraus.
00:01:51: Erst
00:01:51: sieht Karolin das Foto nur über Kopf.
00:01:53: Dann dreht der Beamte das Bild so, dass es richtig herum
00:01:56: direkt
00:01:57: vor ihr liegt.
00:01:59: Karolin atmet ein und schaut dann auch das Foto.
00:02:02: Ein Raum, ein Bett, eine Nacht der Schlampe.
00:02:05: Es muss Nacht sein.
00:02:06: Es gibt nur diesen kleinen Lichtkegel künstlichen Licht.
00:02:09: Auf dem Bett eine Frau.
00:02:11: Sie schläft.
00:02:13: Die Frau hat kastanienbraunes Haar und trägt einen Bob, der ihre Gesichtszüge umrahmt.
00:02:18: Ihr Gesicht ist bleich und sie hat Augenringe.
00:02:21: Im Bett liegend trägt sie eine weiße, warmaussehende Schlafanzugjacke und eine beigefarbene Unterhose.
00:02:28: Ihre Unterwäsche sieht man, weil die Bettdecke auf der rechten Seite zurückgeschlagen ist.
00:02:32: Der Fokus des Bildes liegt auf dieser begen Unterhose und dem Hintern der jungen Frau.
00:02:38: Caroline hebt den Kopf und sagt wenige Worte.
00:02:41: In ihrer Mantetasche vibriert ihr Handy.
00:02:44: Es muss David sein, ihr Bruder.
00:02:45: Wahrscheinlich will er wissen, was los ist.
00:02:47: Das Vibrieren lässt kurz nach, dann fängt es wieder an.
00:02:50: Caroline kann nicht rangehen, nicht jetzt.
00:02:53: Während ihr Handy weiter beständig in ihrer Manteltasche vibriert, sieht Caroline, wie der Polizeibeamte, wieder zur blauen Akte greift und ein zweites Foto herauszieht.
00:03:03: Wieder das gleiche Spiel.
00:03:04: Erst ist es über Kopf, dann liegt es richtig rum direkt vor
00:03:08: ihr.
00:03:09: Einatmen, dann schauen.
00:03:12: Caroline sieht ein anderes Zimmer vor sich.
00:03:14: Wieder diese Frau auf dem Bett.
00:03:17: Dieses Mal trägt sie einen Tanktop mit schwarzen und weißen Motiven und die gleiche beigefarbene Unterhose wie auf dem vorherigen Foto.
00:03:24: Die Frau liegt in derselben Position da, auf den Millimeter genau.
00:03:29: Caroline schaut sich beide Bilder noch einmal an.
00:03:32: Dann versteht sie plötzlich.
00:03:37: Diese Folge dreht sich um Caroline.
00:03:39: Ihr Leben ist eines von zwölf, um die es in dieser Staffel geht.
00:04:09: Und ich bin Helen.
00:04:10: Wir erzählen in dieser Folge von Caroline und davon, was systemische, sexualisierte Gewalt in einer Familie anrichtet.
00:04:17: Caroline Darion ist die Tochter von Giselle und Dominique Pellicot.
00:04:21: Der Name Giselle Pellicot ist vielen seit Beginn des Gewaltigungsprozesses in Avignon seit dem zweiten September, im Begriff.
00:04:30: Carolins Mutter Giselle Pelico wurde über einen Zeitraum von fast zehn Jahren von ihrem Ehemann Dominique Pelico unter Drogen gesetzt, um sie im bewusstlosen Zustand insgesamt über siebzig Männern zuzuführen, die sie vergewaltigten.
00:04:44: Dominique Pelico hat zugesehen, wie sie vergewaltigt wurde.
00:04:48: Dokumentierte diese Gewalttaten mit Fotos und Videos und vergewaltigte sie auch selbst.
00:04:53: Der Gerichtsprozess hat eine Signalwirkung über Landesgrenzen hinaus gehabt.
00:04:58: Wir haben uns dazu entschieden, uns in dieser Staffel nicht auf den Fall von Giselle Pelicot zu fokussieren, sondern von ihrer Tochter, Caroline Darion, zu erzählen.
00:05:07: Vollkommen trennen können wir diese Fälle nicht.
00:05:10: Sie gehören zusammen.
00:05:11: Eben auch, weil die Taten gegen Caroline und Giselle in der gleichen Familie begangen worden sind.
00:05:16: Und die Taten gegen Giselle und Caroline haben beide eine ähnlich außergewöhnliche Beweislager.
00:05:23: Beide haben keine Erinnerung an die Taten, aber es gibt Fotos.
00:05:27: Nur wegen dieser Aufnahmen gibt es den Prozess zu Giselle Pelicot, in dem auch Carolins Erlebnis thematisiert wurde und im Urteil seinen Platz gefunden hat.
00:05:36: Trotzdem ist es so, dass medial vor allem der Prozess um Giselle Pelicot bearbeitet wurde.
00:05:41: Das Erleben ihrer Tochter darüber hinaus aber größtenteils keine Beachtung gefunden hat.
00:05:46: Und trotzdem kommt für viele bei den Fällen der Mutter und der Tochter die gleiche Frage auf.
00:05:50: Wie kann es sein, dass diese Frauen, dass die ganze Familie, nichts von diesen Taten gewusst haben will?
00:05:56: Mit dieser Folge wollen wir einen Beitrag dazu leisten, dass das Leid von Carolin endlich Beachtung findet.
00:06:02: Vor allem beziehen wir uns in dieser Folge auf das im Juni, im Jahr im Jahr und zwanzig auf Französisch erschienene und im Jahr und zwanzig auf Deutsch übersetzte Buch von Carolin Darian.
00:06:13: In dem Buch, das sie schon seit Jahrzehnte und Jahrzehnte geschrieben hat, reflektiert sie über die Ermittlungen der Taten gegen ihre Mutter, um zu verstehen, was die Taten mit ihrer Familie gemacht haben und eben auch um zu verstehen, wer sie selbst wirklich ist.
00:06:27: Ausschnitte aus dem Buch haben wir vertont.
00:06:30: Ich musste da schreiben, über das, was mir in meiner Kindheit und als erwachsene Frau widerfahren ist, um das Ganze auf Distanz zu bekommen.
00:06:39: In meiner Not war das eine Art Therapie.
00:06:42: Außerdem haben wir für diese Folge die intensiven Recherchen unter anderem von der Spiegel hinzugezogen sowie die BBC-Doku The Daughter Story und den Titel-Tesen-Temperamente-Beitrag der Fall-Pelico aus der Perspektive der Tochter.
00:06:57: Ausschnitte aus den Interviews dieser Beiträge mit Caroline Darion haben wir übersetzt und ebenfalls nachvertont, um ihrer aktuellen Sicht auf den Fall Raum zu geben.
00:07:06: Außerdem haben wir mit der Kriminalpsychologin Justine Glatz-Ochik über innerfamiliäre Mehrfachtäterschaft gesprochen, also das Phänomen das Auftritt, wenn systematisch mehrere Familienmitglieder missbraucht oder anderweitig Gewalt ihnen gegenüber ausgeübt wird.
00:07:22: Wir sprechen auch mit ihr über chemische Unterwerfungen, was in Frankreich kein eigener Straftatbestand ist, sondern gesetzlich unter die verschärfte Vergewaltigung fällt.
00:07:32: Wir sprechen mit ihr auch darüber, welche Rolle die Verabreichung von Drogen bei Straftaten auch innerhalb der Familie spielen kann.
00:07:46: Geboren wird Karolin Ende der Neunzehntasiebziger in Frankreich als zweites Kind von Giselle und Dominique Pelicot.
00:07:53: Sie hatten sich im Alter von achtzehn Jahren kennengelernt.
00:07:56: Nur zwei Jahre später, im April neunzehntasiebzig, heirateten sie.
00:08:01: Erst bekommen sie einen Sohn, David, fünf Jahre später folgt Karolin.
00:08:05: Zu diesem Zeitpunkt ist ihre Mutter Giselle dreißig, ihr Vater neunzwanzig Jahre alt.
00:08:11: Caroline wächst mit ihrem Bruder in einen großen Einfamilienhaus im Großraum Paris auf.
00:08:16: Das Haus ist so groß, dass beide Kinder eigene Zimmer haben.
00:08:19: Tagsüber tobt Caroline mit der Wied durch den Garten.
00:08:22: Ihr dunkelblondes Haar weht im Wind, während sie um die zahlreichen Bäume jagt, die den Garten säumen.
00:08:28: Als Caroline acht Jahre alt ist, bekommt sie noch einen kleinen Bruder, Florian.
00:08:32: Caroline hat zu den Eltern ein enges Verhältnis.
00:08:35: Obwohl ihre Mutter viel arbeitet, ist sie immer für Karolin da, wenn es drauf ankommt.
00:08:40: Wenn sie dann zusammensitzen, lachen und einfach Zeit miteinander verbringen, sagt ihr Vater Dominik häufig, wie sehr sich Karolin und ihre Mutter ähneln.
00:08:48: Die gleichen braunen, warmblickenden Augen, die gebogenen Augenbrauen, der Schmollmund.
00:08:54: Von klein auf lernt Karolin was für ihre Eltern die wichtigsten Sachen im Leben, neben der Familie sind.
00:08:59: Viel zu tun für das, was sie erreichen wollen.
00:09:02: Es gibt aber auch Momente, in denen Carolin ihre Eltern ganz anders wahrnimmt als sonst.
00:09:07: Ich war noch keinen neuen Jahre alt.
00:09:11: Ich sah, wie mein Vater, meine Mutter mit beiden Händen am Kragen ihrer Bluse hochhob.
00:09:17: Er hielt
00:09:17: sie
00:09:18: beide Füße einige Zentimeter über dem Boden und ging die Wand des Badezimmers gedrückt.
00:09:24: Kurz darauf wieder ein solcher Moment.
00:09:27: Ihre Mutter Giselle verlässt Carolins Vater Dominik.
00:09:30: Dann werden sie doch wieder ein paar.
00:09:34: In ihrer Familie, als mittleres von drei Geschwistern, fühlt sich Caroline umsorgt.
00:09:39: Jeden Tag fährt Carolins Vater, sie und ihre Brüder, früh morgens zum Gymnasium, damit sie nicht den Bus nehmen müssen.
00:09:46: Dann sitzen sie gemeinsam in dem schwarzen, voll beladenen Renault-Fünfundzwanzig.
00:09:50: Caroline und ihre Brüder sitzen eng zusammengequetscht auf der Rückbank.
00:09:54: Caroline hat das Gefühl, dass ihre Eltern wirklich für sie da sind.
00:09:58: Wenn ihr etwas wichtig ist, dann hören sie ihr zu.
00:10:00: Als Karolin beispielsweise tanzen lernen will, darf sie zum Tanzkurs.
00:10:04: Und sie bekommt mit, wie sich ihr Vater sogar mit Karolins Tanzlehrerin berät, ob sie nicht zur Sportschule zugelassen werden sollte.
00:10:12: Karolin ist mittlerweile eine typische Teenagerin.
00:10:15: Ihr Bruder David, fast der Wachsen, Florian für beide noch ein Kind.
00:10:19: Öfters kracht es zwischen Karolin und ihrer Mutter.
00:10:22: Sie sind einfach Grundverschieden.
00:10:24: Karolin weiß, dass ihr jeder sofort ansehen kann, was sie fühlt.
00:10:29: Wenn Carolin vor Gefühlen explodiert, bleibt ihre Mutter ruhig.
00:10:33: Zwischen den beiden vermittelt dann vor allem Carolins Vater Dominique.
00:10:36: Er ist auch derjenige, der Carolin mit dem Auto abholt, wenn sie sich mit Freundinnen getroffen hat und es doch mal später geworden ist als geplant.
00:10:45: Auch am Wochenende muss sie sich keine Gedanken machen, ob sie auch noch spät in der Nacht durchklingeln kann.
00:10:50: Ohne Zögern kommt ihr Vater und holt sie ab.
00:10:53: Doch dann gibt es wieder einen dieser Momente, wegen dem sie ihren Vater mit ganz anderen Augen sieht.
00:10:58: Ich war fast fünfzehn Jahre alt, als eines Tages ein Polizeibeamter in Begleitung eines Gerichtsvollziehers und einer Hordeumzugshelfer in unser Haus einfiel, um sämtliche Möbel aus unserem Wohnzimmer
00:11:10: mitzunehmen.
00:11:15: Als sie fertig sind, ist das Wohnzimmer leer.
00:11:18: Caroline läuft im Lkw nach, schreit die im Wagen sitzenden Männer an.
00:11:23: Dann geht sie zurück ins Haus.
00:11:24: Sie sieht ihren Vater, wie er Leichenblass im Wohnzimmer hin und her läuft und weint.
00:11:29: Caroline will auch weinen.
00:11:31: Aber aus Wut, auf ihren Vater, weil sie ahnt, dass er daran schuld
00:11:35: ist.
00:11:39: Es ist Weihnachten.
00:11:40: Die ganze Familie sitzt im Wohnzimmer.
00:11:43: Caroline denkt an die Kommode aus Marmor und Edelholz, die bis vor ein paar Monaten noch hier stand.
00:11:48: Jetzt stehen hier nur Plastikmöbel.
00:11:51: Sie packen Geschenke aus.
00:11:52: Auch ihre Mutter Giselle.
00:11:54: Carolins Vater reicht Giselle einen Goldring.
00:11:57: Caroline sieht, dass er mit Halbedelsteinen besetzt ist.
00:12:00: Sie weiß, dass er es wieder gut machen will.
00:12:02: Das ist nicht das erste Mal, dass er sie in finanzielle Schwierigkeiten bringt.
00:12:06: In den kommenden Monaten hält es Caroline manchmal schwer zu Hause aus.
00:12:10: Die Streitigkeiten zwischen ihren Eltern, die sie eigentlich nicht mitbekommen soll, das Geld von ihren Sommerjobs, das sich ihr Vater ohne ihre Erlaubnis einfach genommen hat.
00:12:18: Wenn Caroline zu ihren Freundinnen flieht, merkt sie umso mehr, dass sich bei ihr zu Hause die Rollen verschoben haben.
00:12:26: Da ist ihr Papa, wie er sie tröstet, weil sie Liebeskummer hat.
00:12:29: die ihr zuhört, immer für sie da ist, und dann ist da der Vater, der unkluge Entscheidung trifft, vor allem wenn es ums Geld geht.
00:12:37: Caroline ist sich sicher, so würde sie sich nie verhalten, sie würde sich selbst oder die Familie nie in so eine Situation bringen, und dann fühlt es sich eher wie die Mutter ihres Vaters, nicht wie sein Kind, aber sie ist sich auch sicher, jeder Mensch hat doch auch seine Schwächen, und ihr Vater kann doch trotz all seiner Schwächen manchmal der perfekte Papa sein.
00:12:58: Und dann fühlt sich Caroline nicht nur erwachsen, sie ist es auch.
00:13:02: Erst ist es bei David so weit, dann macht auch sie ihren Schulabschluss.
00:13:06: Sie sieht die Begeisterung ihres Vaters am Tag der Bekanntgabe der Abiturergebnisse und sie weiß, dass es ihre Eltern stolz macht, dass sie nach ihrem erfolgreichen Schulabschluss zur Universität gehen wird.
00:13:17: In den kommenden Jahren macht Caroline ihr Diplom.
00:13:20: Vielleicht waren es die Warnungen ihres Vaters dieses Euch soll es mal besser gehen als mir.
00:13:25: Vielleicht aber auch einfach ihre eigene harte Arbeit.
00:13:28: Carolin jedenfalls ist beruflich erfolgreich.
00:13:31: Dann der Schock.
00:13:32: Finanziell geht die zehn Eltern mittlerweile sehr schlecht.
00:13:35: Carolin bekommt mit, dass immer wieder der Begriff Scheidung genannt wird.
00:13:40: Ihr Vater meint, dass das die einzige Möglichkeit ist, um den vollkommenen finanziellen Ruin für beide zu verhindern.
00:13:47: Und dann machen sie es wirklich.
00:13:49: Carolins Eltern unterschreiben die Scheitungspapiere.
00:13:52: An der Beziehung ihrer Eltern ändert das allerdings nichts.
00:13:55: Sie wohnen weiterhin zusammen.
00:13:57: Dann findet Karolin selbst ihre große Liebe.
00:14:00: Sie ist Ende zwanzig, als sie Pierre kennenlernt.
00:14:03: Pierre arbeitet in den Medien.
00:14:04: Karolin mag Pierre so sehr, dass sie ihn ihren Eltern vorstellt.
00:14:08: Sie sieht ihrem Vater Dominique an, dass er gerührt ist.
00:14:11: Pierre und ihre Eltern verstehen sich gut, das erleichtert Karolin.
00:14:15: Das junge Paar zieht gemeinsam in eine Wohnung.
00:14:17: Genauso wie Karolins Eltern leben sie in der Nähe von Paris.
00:14:21: Am siebten Juli, zwei tausend sieben, heiraten Carolins Eltern erneut.
00:14:25: Sie sagen, dass sie finanzieller Ruinen noch einmal abgewendet werden konnte.
00:14:30: Carolin ist glücklich.
00:14:31: Auch darüber, wie sich ihr eigenes Leben entwickelt.
00:14:34: Im Jahr zwei tausend neun ist Carolin einund dreißig Jahre alt.
00:14:38: Sie und Pierre heiraten ebenfalls und werden damit Teil der jeweils anderen Familie.
00:14:43: Ganz besonders gerührt ist Carolin an ihrem Hochzeitstag von einer Gesangseinlage ihres Vaters.
00:14:49: Er singt ein Lied von Jean-Louis Aubert.
00:14:51: Nach der Hochzeit bleibt das Verhältnis zwischen Caroline, Pierre und Carolins Eltern eng.
00:14:56: Zwei-tausend Elf, da ist Caroline dreidreißig Jahre alt, gehen sie sogar gemeinsam zum Konzert der französischen Sängerin Sass.
00:15:03: Wenn Caroline in dieser Zeit ihre Eltern besucht, sieht sie meistens auch ihren jüngeren Bruder Florian und dessen Freundin.
00:15:10: Die beiden sind für kurze Zeit bei Giselle und Dominique eingezogen.
00:15:13: Es ist immer noch das Jahr Zwei-tausend Elf, als Caroline von Florian kontaktiert wird.
00:15:19: Er sagt, seine Freundin Oroch habe etwas gesehen, was sie zutiefst schockiert hätte.
00:15:24: Eines Tages, als sie zum Essen kam, hat sie meinen Vater dabei überrascht,
00:15:28: wie
00:15:29: er in seinem Büro hinterm Bildschirm masturbierte.
00:15:32: Bei offener Tür.
00:15:33: Schockiert machte sie auf dem Absatz kärt und ging in Florians
00:15:36: Zimmer.
00:15:37: Daraufhin bekommt Caroline mit, dass Florian sich immer weniger bei Familien zusammenkünften blicken lässt.
00:15:43: Carolins Eltern beschweren sich bei ihr darüber, dass sich ihr Bruder plötzlich so anders verhalten würde.
00:15:48: Carolin hält es nicht länger aus und erzählt ihnen von der Beobachtung, die Florian's Freundin einige Monate zuvor gemacht hatte.
00:15:55: Carolins Vater reagiert mit einem Wudausbruch.
00:15:59: Zwei Jahre später, es ist zwei Tausend Dreizehn, wird Carolin schwanger.
00:16:03: Zur gleichen Zeit bekommt sie mit, dass ihre Eltern, die nun in Rente gehen, Plan für ihren Ruhestand umzuziehen.
00:16:10: Beide sind nun Anfang Sechzig.
00:16:12: Für ihren Alterssitz wollen sie am liebsten an einem Ort wohnen, wo ihr Vater seinem Hobby Radfahren nachgehen und ihre Mutter wandern gehen
00:16:19: kann.
00:16:20: Caroline bekommt mit, dass sie sich für das südfranzösische Marson entscheiden, ein idyllisch gelegenes Dorf, ca.
00:16:26: dreißig Kilometer von Avignon entfernt.
00:16:29: Der Ort mit sechstausend Anwohnerinnen soll ihr Ruhepul sein.
00:16:33: Vor allem für Carolins Mutter ist es aber auch wichtig, dass sie gut nach Paris angebunden sind.
00:16:38: In Marson klappt das Reibungslos.
00:16:40: Mit dem TGW ist man in drei Stunden in Paris.
00:16:43: Ein halbes Jahr, nachdem Karolins Eltern aus der Umgebung von Paris weggezogen sind, am fünfundzwanzigsten Juli, ist Karolin die erste Kind.
00:16:52: Das ist ein Junge.
00:16:53: Pierre und sie entscheiden sich, ihn Tom zu nennen.
00:16:56: Tom, Jean, Dominique.
00:16:59: Der Drittname von Karolins Sohn ist der Name ihres Vaters.
00:17:08: In den kommenden Jahren nutzt Karolin jede Möglichkeit, um Zeit mit ihrer Familie einzuräumen.
00:17:13: Häufig fährt dann auch die gesamte Familiennachmarsung.
00:17:16: Caroline, Pierre, Sohn Tom und Carolins Brüder.
00:17:20: David mit Ehefrau Celine und ihren Kindern und Florian mit Ehefrau Oroch und deren
00:17:26: Kindern.
00:17:27: Caroline liebt die Tage, in denen sie in das idyllisch gelegenen südfranzösische Dorf kommen.
00:17:32: Auch wenn sie hier nicht aufgewachsen ist, fühlt es sich für sie wie ein richtiges Zuhause an.
00:17:37: Das ockerfarbene Haus liegt in einer sehr ruhigen Sackgasse.
00:17:40: Zum Haus mit dem blassblauen Fensterleden führt eine Kiesallee, die von Lampen, einem Lorbeerbaum und großen Oleanderbüschen gesäumt ist.
00:17:49: Wenn sie zu Besuch kommt, kann Caroline auf einen Blick erkennen, wie sehr ihr Vater Dominique das Blumenbeet und den hübschen Garten pflegt.
00:17:57: Aber nicht nur Caroline kommt bei ihren Eltern zu Besuch, sondern sie auch bei ihnen.
00:18:02: Glücklicherweise ermöglicht das Gehalt von Caroline als leitender Angestellte eines großen Unternehmens und auch Piaß Gehalt ihn gemeinsam einen sehr angenehmen Lebensstil.
00:18:12: In den letzten Jahren konnten sie sich ein Haus bei Paris kaufen, eine Wohnung als Zweitwohnsitz und ein Ferienhaus auf der Ilderée, einer Insel an der französischen Atlantikküste, wo sie ihre Sommer am flachen Sandstrand verbringen.
00:18:25: Überall verbringen sie gerne Zeit als Familie.
00:18:28: Und auch ansonsten bemüht sich Caroline viel mit ihren Eltern zu telefonieren.
00:18:32: Immer wieder kommen Caroline aber Gespräche mit ihrer Mutter etwas komisch vor.
00:18:36: Es häufen sich Telefonate, bei denen Mutter Giselle Dinge zu verwechseln oder zu vergessen scheint.
00:18:42: Manchmal wirkt sie auch einfach abwesend, abgelenkt, so als würde sie ihr gar nicht richtig zuhören.
00:18:47: Caroline macht sich Sorgen.
00:18:49: Deswegen spricht sie auch mit ihrem Vater, erzählt ihrem Ehemann davon und tauscht sich auch mit ihrem Brüdern dazu aus.
00:18:55: Carolin befürchtet, dass das Verhalten ihrer Mutter vielleicht die ersten Symptome von Alzheimer sein könnten.
00:19:00: Das sagt sie ihrem Vater auch.
00:19:02: Vater Dominik entgegnet aber, eure Mutter weiß nicht, wie man sich schont.
00:19:06: Ständig ist sie in Bewegung.
00:19:07: Sie ist hyperaktiv.
00:19:08: Das ist ihre Art, mit Stress umzugehen.
00:19:11: Carolin weiß, dass er damit recht hat, dass ihre Mutter immer was zu tun zu finden scheint, dass sie immer voller Elan ist.
00:19:18: Aber trotzdem kommen ihr diese Telefonate, diese Vergesslichkeit, komisch
00:19:22: vor.
00:19:32: Im Herbst, im Jahr Jahrzehnte,
00:19:49: bekommt Caroline mit, dass ihre Mutter Giselle mit Carolins Onkel über ihre Verhaltensänderung
00:19:54: spricht.
00:19:55: Der ist zwar im Ruhestand, aber war früher Allgemeinarzt.
00:19:59: Giselle schildert, dass Carolins Onkel von einer psychischen Dekompensation ausgeht.
00:20:04: Er habe es so erklärt.
00:20:05: Das ist in etwa so, wie wenn der Beutel im Staubsauger voll ist.
00:20:10: Dann schaltet sich die Maschine aus, um nicht zu überhitzen.
00:20:13: Genauso klingst du dich aus und lädt dein Akku wieder auf.
00:20:17: Zu der Theorie tauscht sich Carolin auch mit ihrer Familie und Pierre aus.
00:20:20: Sie halten es für möglich.
00:20:22: Carolin findet es trotzdem gut, als ihr ihre Mutter erzählt, dass sie auch noch ein CT machen lässt.
00:20:28: Aber auch hier keine Diagnose.
00:20:36: Carolin sorgt sich um ihre Mutter.
00:20:38: Wenn sie telefonieren, erzählt ihr ihre Mutter Giselle, dass es ihr Abends Schwerfalle einzuschlafen.
00:20:44: Ihre Haare in letzter Zeit immer dünner geworden sein und sie auch mehr und mehr Gewicht verliere.
00:20:49: Auch beim Autofahren sei sie abgelenkt.
00:20:51: Mutter Giselle bittet Carolin, Termine für sie bei Ärztin in Paris zu machen.
00:20:56: Carolin kümmert sich drum.
00:20:57: Aber eine zufriedenstellende Diagnose kommt auch von diesen Ärztinnen nicht.
00:21:01: Carolin weiß, wie erschöpft ihre Mutter mit der Zeit ist und bietet ihren Eltern immer wieder mal an, ihre Zweitwohnung zu nutzen oder auch zu ihrem Ferienhaus zu fahren, um etwas Entspannung zu finden.
00:21:12: So auch im Dezember, zwei Tausend neunzehn.
00:21:15: Als Carolin einen Trip nach Marokko plant, um hier die Weihnachtszeit zu verbringen, bietet sie ihren Eltern Giselle und Dominique an, für die Zeit in ihre Wohnung in der Nähe von Paris zu ziehen.
00:21:25: So kann ihre Eltern, ihre Söhne, David, Florian und die Enkelkinder schneller besuchen fahren.
00:21:31: In Marokko angekommen, bekommt Caroline aber dann einen beunruhigenden Anruf von ihrer Mutter.
00:21:36: Mutter Giselle sagt, dass irgendetwas nicht stimmen würde.
00:21:39: Sie würde ganz stark bluten.
00:21:41: Caroline ist beunruhigt und fragt weiter nach.
00:21:44: Sie weiß, dass ihre Mutter ihre Minupause schon hatte und befürchtet, dass sie vielleicht ein ernsthaftes gesundheitliches Problem haben könnte.
00:21:51: Caroline überlegt, was sie aus der Entfernung tun kann und entscheidet, ihre Mutter braucht einen Termin in der Notfallsprächsstunde eines Gynäkologen.
00:21:59: Als sich ihre Mutter wieder bei ihr meldet, nennt sie ihr die Diagnose vom Gynäkologen.
00:22:04: Stark entzündeter Gebärmutterhals.
00:22:06: Behandelt werden sollen mit einem Antibiotikum.
00:22:11: In den kommenden Monaten bekommt Caroline immer wieder mit, dass ihre Mutter von weiteren gynäkologischen Problemen spricht.
00:22:18: Sie hat Schmerzen.
00:22:19: Aber auch ihr restlicher gesundheitlicher Zustand macht ihr weiterhin Sorgen.
00:22:24: Ein weiterer Neurologe erklärt Mutter Giselle, dass sie unter einer Angststörung leide.
00:22:28: Die Behandlung, Melatonin zur Verbesserung der Schlafqualität.
00:22:33: Weil kein Arzt eine Weitrediagnose stellt, ist sich Caroline mit ihrer Mutter und dem Rest der Familie irgendwann einig.
00:22:39: Es wird wohl an der allgemeinen Erschöpfung ihrer Mutter liegen.
00:22:43: Der wenige Schlaf, mit dem sich Mutter Giselle jetzt schon seit ein paar Jahren rumschlägt, scheint Spuren am Rest ihres Körpers zu hinterlassen.
00:22:49: Diese Angst um ihre Mutter und das, was in ihrem Körper passiert, treibt Karolin um.
00:22:54: Es ist mittlerweile das Jahr zwanzig.
00:22:57: Fast zehn Jahre weiß Karolin nun von diesen Beschwerden ihrer Mutter, die mit der Zeit immer schlimmer geworden sind.
00:23:03: Seit März diesen Jahres hat sich aber ihr aller Leben durch das Coronavirus und den Lockdown noch einmal verändert.
00:23:10: Da gibt es noch viele weitere Punkte, mit denen sich Karolin und der Rest der Familie beschäftigen müssen.
00:23:16: Caroline hat ihren eigenen Alltag, diesen alltäglichen Stress, der dann entsteht, wenn sie versucht, ihre Arbeit, die nun im Lockdown im Homeoffice stattfindet, mit Zeit für ihren Sohn Tom und zweisamen Momenten mit ihr Mann Pierre unter einen Hut zu kriegen.
00:23:30: Weil Pierre bei einer der größten Morgensendungen im französischen Fernsehen arbeitet, beginnt seine Schicht meistens schon sehr früh.
00:23:37: Weil Carolin einen sehr leichten Schlaf hat, wacht sie morgens immer auf, wenn Pierre gegen einundvierzig aufsteht.
00:23:44: Das Haus verlässt er dann meist schon um drei Uhr.
00:23:47: Auch wenn nicht alles perfekt ist.
00:23:48: Carolin ist mit ihren zweiundvierzig Jahren zufrieden mit ihrem Leben.
00:23:52: Auch wenn sie sich die Einschulung ihres Sohnes Tom anders vorgestellt hatte und es befremdlich findet, wenn er jetzt mit seinen sechsundhalb Jahren mit Maske im Schulunterricht sitzen muss.
00:24:01: Carolin denkt so.
00:24:03: Bis zu diesem einen Tag im Herbst, den Leben für immer verändern wird.
00:24:23: Ich setze Tom vor dem Schulter ab, gerade noch rechtzeitig.
00:24:27: Ich gebe ihm einen zärtlichen Kuss, dann fahre ich wieder nach Hause und mache mir ein
00:24:31: Kaffee.
00:24:32: Logge mich ins Internet ein und das Tagesprogramm lautet Meeting, Meeting, Meeting, Videokonferenzen ohne Ende.
00:24:40: Gegen elf Uhr kommt Pierre von seiner Arbeit nach Hause.
00:24:43: Den Rest des Tages verbringt Caroline bei Meetings.
00:24:46: Sie ist so konzentriert, dass sie nicht mal merkt, wie Pierre an ihr vorbeigeht und das Haus verlässt.
00:24:52: Als Caroline, Toms und Pierre's Stimmen haushört und merkt, dass ihr Mann Toms von der Schule abgeholt haben muss, ist ihr Tagesmarathon gerade zu Ende.
00:25:01: Es ist fast sieben Uhr abends.
00:25:03: Dann klingelt es an der Tür.
00:25:04: Es ist ironik, Pierre ist Schwester.
00:25:06: Weil es ein langer anstrengender Tag war, entscheidet sich Caroline heute Abend nicht mehr zu kochen, sondern Essen zu bestellen.
00:25:13: Sie setzt sich ins Auto und fährt zum japanischen Restaurant, bei dem sie und Pierre gerne Essen holen, wenn es abends mal schnell gehen muss.
00:25:20: Im Auto ruft Caroline dann ihre Mutter an.
00:25:23: Einfach um zu hören, wie es hier geht.
00:25:25: Mutter Giselle geht zwar ans Telefon, sagt ihr aber, dass sie später zurückrufen wird.
00:25:29: Irgendwie wirkt sie komisch.
00:25:31: Caroline hat ein merkwürdiges Gefühl, als sie auflegt.
00:25:34: Wieder zurück vom Restaurant stellt Caroline die Tüten mit dem Essen auf den Esszimmertisch.
00:25:39: Dann geht sie in die Küche.
00:25:41: Als Caroline die Küche betritt, sieht sie Pierre.
00:25:45: Er sieht sie anders an als sonst, hat einen ganz ernsten Gesichtsausdruck.
00:25:49: Caroline hört, wie er sagt, dass sie sich setzen soll.
00:25:53: Ihr Handy klingelt.
00:25:54: Auf dem Display sieht sie den Namen ihrer Mutter.
00:25:57: Dann schaut sie auf die Backofen-Uhr hinter Pierre.
00:26:00: Es ist zwanzig Uhr, fünf Uhr zwanzig.
00:26:03: Sie fragt mich, ob ich wieder zu Hause bin und ob Pierre bei mir ist.
00:26:15: Sie will es genau wissen.
00:26:18: Sie stellt sicher, dass ich sitze und mir in aller Ruhe anhören kann, was sie mir
00:26:23: gleich sagen wird.
00:26:25: Caroline klammert sich an ihr Handy, als ihre Mutter folgende Worte spricht.
00:26:38: Caroline zittert.
00:26:39: Sie versteht nicht, was ihre Mutter gerade gesagt hat.
00:26:41: Was das alles bedeuten soll, dann die nächsten schockierenden Worte.
00:26:46: Dein Vater hat mich mit Schlafmitteln und Angstlösern betäubt.
00:26:50: Caroline versteht immer noch nicht.
00:26:52: Was sagt ihre Mutter da?
00:26:53: Das ist noch nicht alles.
00:26:55: Dein Vater hat außerdem Männer in unser Haus eingeladen, während ich bewusstlos im Schlafzimmer lag.
00:27:01: Ich habe mehrere Fotos von mir gesehen.
00:27:03: Ich liege betäubt auf meinem Bett auf dem Bauch.
00:27:05: Jedes Mal mit anderen Männern.
00:27:07: Alles Unbekannte.
00:27:14: Caroline hört sich schreien.
00:27:16: Dann mehr Worte ihrer Mutter.
00:27:42: Caroline spürt Tränen auf ihrem Gesicht und sie spürt Pierre, wie er sie fest umarmt.
00:27:46: Dann diese Bilder vor ihrem inneren Auge.
00:27:48: Ihre Mutter auf einem Bett, ohnmächtig, mit fremden Männern.
00:27:52: Nur einer ist nicht fremd, ihr Vater.
00:27:55: Caroline hört, wie ihre Mutter sagt, dass sie ihren Bruder David und dann Florian anrufen muss.
00:28:01: Dann der vollkommene Zusammenbruch.
00:28:04: Caroline sagt an sich zusammen, spürt Pierre, wie er sie hält.
00:28:08: Atmen, sie muss atmen, aber sie weiß nicht wie.
00:28:12: Bilder der letzten acht Jahre spielen sich in ihrem Kopf ab.
00:28:15: Diese Telefonate, wo ihre Mutter wie weggetreten war, die Blutungen und anhaltenden gynäkologischen Probleme.
00:28:22: Vor diese Erinnerungen schiebt sich dann aber immer wieder das Bild ihres Vaters.
00:28:26: Wie konnte er das bloß tun?
00:28:28: Caroline hört sich wein.
00:28:30: Weinen wie ein Kind.
00:28:40: Zwanzig Stunden später.
00:28:42: Caroline steht in der Küche im Haus ihrer älternen Massant.
00:28:46: Sie hört, wie ihre Brüder David und Florian im Wohnzimmer Schubladen öffnen und Möbel herumtragen.
00:28:52: Was sie verkaufen können, wollen sie verkaufen.
00:28:55: Den Rest schmeißen sie weg.
00:28:56: Mama soll hier so schnell wie möglich raus.
00:28:59: Caroline denkt zurück an heute Mittag.
00:29:01: Wie Mutter Giselle so verloren aussah, als sie mit ihren ein Meter und Sechzig vor der Polizeistation von Capontras auf sie gewartet hatte.
00:29:09: Dann Florian, wie er im Büro des Polizeibeamten sich geweigert hat, sich zu setzen.
00:29:14: seine starre Mine und David, wie er neben ihr sitzt, um Fassung ringt.
00:29:20: Sie hört, wie der Polizeibeamte von mindestens acht Jahren spricht, in denen ihre Mutter von ihrem Vater unter Medikamente gesetzt und vergewaltigt wurde.
00:29:29: Davon habe er Fotos und Videos angefertigt und ins Netz geladen.
00:29:34: Seit September, Jahrzehnte, habe ihr Vater dann über eine Dating-Website Kontakt zu mindestens dreiundfünfzig Individuen aufgenommen, die er in das Haus in Marseille eingeladen hatte, um dort Carolins bewusstlose Mutter zu missbrauchen.
00:29:47: Als Köder habe er Fotos von ihr gepostet und den Chat-Fohren über seine Taten geschrieben.
00:29:53: Geld habe er dafür nicht gewollt.
00:29:56: Das Ermittlungsverfahren gegen ihn laufe wegen Zitat Verabreichung einer Substanz, die geeignet ist, das Urteilsvermögen des Opfers oder seine Handlungskontrolle zu beeinträchtigen, um eine Vergewaltigung oder einen sexuellen Übergriff zu begehen.
00:30:10: Aber auch wegen Verletzung der Intimsphäre durch Fixierung, Aufzeichnung und Übertragung des pornografischen Bildes einer Person wegen sexuellem Missbrauch nach Verabreichung einer Substanz ohne Wissen des Opfers, um dessen Urteilsvermögen oder Handlungskontrolle zu beeinträchtigen.
00:30:26: sowie wegen Beihilfe zur Vergewaltigung mit mehreren erschwerenden Umständen.
00:30:31: Außerdem gibt es sein Ermittlungsverfahren gegen Unbekannt, wegen Straftaten, wegen schwerem Wojurismus und Vergewaltigung mit mehreren erschwerenden Umständen.
00:30:40: Der
00:30:41: Polizeibeamte spricht von chemischer Unterwerfung, was unter dem Straftatbestand verschärfte Vergewaltigung in Frankreich geahndet wird.
00:30:48: Im Jahr zwei Tausend Achtzehn wurde in Frankreich die Verabreichung von Betäubungsmitteln oder Drogen ohne das Wissen des Opfers als erschwerender Umstand bei Vergewaltigungen anerkannt.
00:30:59: Das bedeutet, dass solche Taten seitdem mit höheren Strafen geahndet werden können.
00:31:03: In der Regel nutzen Täter ein Medikament.
00:31:06: Antihistaminika, Schlafmittel, Opioide, MDMA und ganz selten GHB.
00:31:13: In Deutschland wird häufig von KO-Tropfen gesprochen, wenn es um den Missbrauch von Opioiden geht, um bewusstlosen Menschen gegenüber sexualisierte Gewalt auszuüben.
00:31:22: Hier handelt es sich jedoch im Gegensatz zu der rechtlichen Lage in Frankreich nicht um einen eigenen Straftatbestand.
00:31:28: Caroline hört sich den Polizeibeamten fragen, ob ihr Vater etwas gesagt habe darüber, dass er bereut, was er ihrer Mutter und doch ihnen seinen Kindern angetan habe.
00:31:38: Dann die Antwort.
00:31:40: Nein, ihr Vater hat sich einfach nur bei mir bedankt.
00:31:43: Ich hätte ihm eine Last abgenommen.
00:31:46: Caroline weiß nicht, ob sie das hier durchhalten
00:31:49: kann.
00:31:50: Dann erklärt der Beamte ihnen, wie sie überhaupt auf die Taten gestoßen waren.
00:31:54: Zum ersten Mal sei ihr Vater am zwölften September, in einem Supermarkt in Carpontras festgenommen worden.
00:32:01: Carolina erinnert sich.
00:32:02: Ihre Mutter war zu diesem Zeitpunkt bei Ihnen zu Besuch.
00:32:05: Von der Verhaftung wusste sie aber nichts.
00:32:07: Sie hört, wie der Beamte weitererklärt, dass er drei Frauen, die sich in den Supermarktgängen befanden, unter den Rock gefilmt hat.
00:32:15: Ein Mitarbeiter der Security hatte ihn dabei erwischt und die Polizei gerufen.
00:32:19: Alle drei Frauen hatten Anzeige erstattet.
00:32:22: Die Polizei in Carpontras habe direkt nach der Verhaftung das Handy, mit dem ihr Vater die Frauen gefilmt hatte, beschlagnahmt.
00:32:28: Hier hätten sie mehr belastendes Material gefunden, wodurch sie einen Durchsuchungsbeschluss für das Haus bekommen hatte.
00:32:34: Auf seinen weiteren Geräten hatten sie dann die Foto- und Videoaufnahmen ihrer Mutter gefunden.
00:32:40: Als der Beamte mit seinen Ausführungen am Ende ist, stehen Caroline und David auf.
00:32:45: Florian steht immer noch wie angewurzelt im Raum.
00:32:48: Eins ist Caroline noch wichtig.
00:32:50: Sie bittet den Beamten, ihren Vater etwas auszurichten.
00:32:54: Sagen sie ihm, dass ich ihm nie verzeihen werde und dass er unser Leben ruiniert hat.
00:33:01: Wenige Stunden später.
00:33:03: Carolin weiß, dass ihre Mutter hier so schnell wie möglich raus muss, raus aus diesem Haus, wo die Erinnerungen von gemeinsamen Sommern absurd wirken, wenn sich die Bilder der grausamen Realität vor sie schieben, von dem, was in der Abwesenheit von ihr, David und Florian hier passiert ist.
00:33:20: Sie will, dass alles verschwindet, was mit ihrem Vater, jetzt Dominik P., Herr, P., zu tun hat.
00:33:27: In den letzten Stunden hatten sie alle Fotoalben weggeworfen, Kleidung und Bilder, alles, was mit ihm zu tun hat.
00:33:32: Er soll verschwinden.
00:33:34: Carolin weiß, dass sie ihn aus ihren Erinnerungen nicht löschen kann.
00:33:38: Aber zumindest kann sie alles wegwerfen, was sie an ihn erinnert.
00:33:41: Carolin geht durch den Flur, vorbei an Bildern, die Dominik P. gemalt hatte.
00:33:46: Auf einem ist eine nackte Frau zu sehen.
00:33:49: Caroline wird schlecht.
00:33:51: Dann findet sie sich in der Küche wieder.
00:33:53: Auf der Mikrowellenuhr ist es siebzehn auf zwanzig.
00:33:56: Das Klingeln meines Handys holt mich auf die Erde zurück.
00:33:59: Eine Nummer aus dem Vokalys.
00:34:02: Sofort spüre ich einen Lanzenstich in meinem
00:34:04: Rücken.
00:34:05: Ich nehme den Anruf an.
00:34:07: Es ist der Polizeibeamte, den wir gerade verlassen haben.
00:34:10: Er bittet mich, noch einmal aufs Kommissariat zu
00:34:12: kommen.
00:34:14: Es ist kurz nach achtzehn Uhr, als Caroline wieder in diesem kleinen Büro sitzt.
00:34:19: in diesem Gebäude, in dem sie vor wenigen Stunden schon einmal war.
00:34:22: Nur dass da David neben ihr saß, Florian neben ihr stand.
00:34:26: Jetzt wartet Florian im Nebenzimmer auf sie.
00:34:29: Ihre Hände hält Caroline auf den Oberschenkeln gefaltet.
00:34:33: Der Beamte sagt ihr, dass er ihr zwei Fotos zeigen müsse.
00:34:37: Er wolle nur wissen, ob sie sich wieder erkennen würde.
00:34:39: Mit rasendem Herzen schaut Caroline auf das Foto vor ihr.
00:34:44: Es zeigt ein Raum mit Bett- und Nachtischlampe.
00:34:48: Eine Szene bei Nacht.
00:34:49: Auf dem Bett ist eine schlafende junge Frau zu sehen.
00:34:52: Der Kastanienbraune Bob, das bleiche Gesicht, die Augenringe.
00:34:56: Die zurückgeschlagene Bettdecke, durch die man den Hintern der jungen Frau sieht, der in einer beigefarbenen Unterhose steckt.
00:35:03: Caroline sagt, dass sie sich nicht sicher sei, ob sie sich erkenne.
00:35:07: Auf dem anderen Bild wieder diese junge Frau auf dem Bett, aber in einem anderen Zimmer.
00:35:11: Die Frau liegt in derselben Position da, auf den Millimeter genau.
00:35:15: Caroline sagt auch hier.
00:35:17: dass sie sich nicht wiedererkenne.
00:35:19: Karolin spürt, wie der Beamte sie anschaut.
00:35:22: Sie hebt den Kopf und schaut ihn zurück an.
00:35:25: Ein paar Sekunden Augenkontakt.
00:35:26: Dann die Frage, entschuldigen Sie, dass ich in die Fragestelle, aber Sie haben doch sehr wohl einen brauen Fleck auf Ihrer rechten Wange.
00:35:34: Genau wie diese junge Frau auf den beiden Fotos, nicht wahr?
00:35:38: Karolin schaut die beiden Fotos noch einmal an.
00:35:41: Und dann macht es Klick.
00:35:51: In den kommenden Monaten wird Karolin eines klar.
00:35:54: Es gibt diese beiden Daten zwei aufeinander folgende Tage, die ihr Leben für immer verändert haben.
00:36:00: Der zweite und dritte November, zw.
00:36:02: zw.
00:36:04: Sie hat nicht nur ihren Vater verloren, sondern auch ihre Erinnerung.
00:36:08: Was bei dieser Erkenntnis bei Menschen psychologisch passiert, hat uns Kriminalpsychologin Justine Klats-Ochik so erklärt.
00:36:15: Neurologisch ist es ja so, dass wir Erlebnisse abspeichern und basierend auf diesen Erlebnissen unser jetziges
00:36:25: Ich
00:36:26: und unser jetziges Leben aufbauen.
00:36:29: Wir erklären uns die Dinge ja sehr gerne, linear.
00:36:32: Also weil es so war, bin ich jetzt so.
00:36:35: Das stimmt nicht so ganz.
00:36:36: Unser Gehirn und unsere Psyche arbeiten nicht linear.
00:36:40: Aber wir können uns vorstellen, wenn wir feststellen, dass unsere Vergangenheit ganz anders gewesen ist und dieser massive Vertrauensmissbrauch.
00:36:50: sogar in der Herkunftsfamilie stattgefunden hat.
00:36:52: Die Personen, bei denen wir uns gut aufgehoben fühlten möglicherweise und vor allem an dem Ort, an dem wir eigentlich alle sicher sein sollten, unser Zuhause und plötzlich dieses Wissen offenbart ist, dann lässt es das ganze bisherige Leben im ersten Moment höchstwahrscheinlich einstürzen.
00:37:15: Es muss alles eine Lüge gewesen sein.
00:37:18: In den anschließenden Wochen, in denen Carolin krankgeschrieben ist, geht sie immer wieder die gleichen Fragen durch.
00:37:24: Wie oft hat ihr Vater sie mitten in der Nacht fotografiert, ohne sie aufzuwecken?
00:37:29: Woher stammt diese Unterhose, die sie auf den Fotos trägt, die er ihr angezogen haben musste?
00:37:35: Hat er sie ebenfalls betäubt?
00:37:37: Anders wär sie doch sicherlich aufgewacht.
00:37:39: Sie wacht jede Nacht auf, wenn Pierre früh für seine Schicht aufstehen muss.
00:37:43: Das hätte sie dann doch auch mitbekommen.
00:37:45: Und was ist, wenn er nicht nur diese beiden Fotos gemacht, sondern sie auch missbraucht
00:37:50: hat?
00:37:51: Caroline quälen diese Gedanken.
00:37:53: Sie kann nicht schlafen.
00:37:54: Manchmal durchfährt sie eine unglaubliche Wut.
00:37:57: Ein paar Tage hat sie durchgehalten, hat das Haus mit ausgeräumt, ist stark für ihre Mutter.
00:38:02: Dann, am siebten November, kann sie nicht mehr.
00:38:05: Zurück zu Hause stürzt alles auf sie ein.
00:38:08: Pierre bringt sie zur Notaufnahme.
00:38:10: Justine Gottz-Otschik hat uns erklärt, was diese drängenden Bilder, diese Vorstellung von dem, was der Täter neben Bildaufnahmen einem vielleicht noch angetan hat, in Menschen wie Caroline auslösen können.
00:38:22: Es gibt ein Areal, das ist das sogenannte limbische System, in unserem Gehirn, das nimmt alles, egal ob es hypothetisch oder in echt passiert, ob es in der Vergangenheit oder in der Gegenwart passiert, es nimmt alles fürbare Münze und zwar wird es im Hier und Jetzt erlebt.
00:38:40: Konkret, als Caroline durch die Polizei erfahren hat, was ihrer Mutter widerfahren ist und dann erlebt hat, dass sie zu einem Teil mitbetroffen ist, war es so, als würde sie es ihm hier und jetzt erleben.
00:38:55: Das heißt, auch wenn sie keine Erinnerung hat an die Situation, die sich eignet haben, weil sie vielleicht auch betäubt gewesen ist, die Vorstellung, dass ihr das widerfahren ist, zusammen mit dem Bildmaterial und dem Erleben ihrer Mutter, führt dazu, dass es so ist, als hätte sie es erlebt.
00:39:15: Und das wird dann in dem Moment bewusst.
00:39:18: Caroline versucht, sich in den Monaten, nachdem ihr Leben zerstört wurde, zurückzukämpfen in diese neu geschaffene Realität.
00:39:25: Es fällt ihr aber schwer.
00:39:27: Immer wieder merkt sie, wie ihre Welt erneut zusammenbricht, wenn sie versucht, sich an Daten festzuhalten, die sie in dieser neuen Realität so ganz anders einordnen
00:39:35: muss.
00:39:39: Und in dem Jahr, in dem sie und ihre Eltern gemeinsam zum Sasskonzert gegangen sind, da hat er angefangen, Mutter Giselle zu vergewaltigen, diese Taten aufzunehmen und auch andere Männer dazu einzuladen, es ihm nachzutun.
00:39:54: Das ist zwei Jahre vor dem Umzug nach Mersong.
00:39:58: Caroline verzweifelt an den Momentaufnahmen aus ihrer Kindheit, lässt sie immer wieder vor ihrem inneren Auge abspielen.
00:40:04: Einatmen, er steht im Badezimmer, hebt ihre Mutter hoch, drückt sie an die Badezimmerwand, Ausatmen.
00:40:12: Er läuft weinend durch das leergeräumte Wohnzimmer, nachdem die Schuldner alles ausgeräumt hatten.
00:40:17: Einatmen.
00:40:18: Caroline hört die Stimme ihres Bruders Florian, wie er erzählt, wie er Vater bei offener Tür masturbiert hat.
00:40:25: Atemstillstand.
00:40:25: Haben sie einfach nicht richtig hingeschaut?
00:40:29: Wie konnten sie das alles nicht sehen?
00:40:31: Und wie schlecht kannte sie ihren eigenen Vater?
00:40:35: Caroline fällt in dieser Zeit das Atmenschwer.
00:40:38: Sie hat Panik.
00:40:39: Es ist auch nicht einfach für sie in der Nähe ihrer Mutter zu sein.
00:40:43: Aus Mason waren sie zusammen aufgebrochen.
00:40:45: Mutter Giselle ist erst mal bei ihnen eingezogen.
00:40:48: Seit dem ersten Mal, als Caroline von den Fotos gesprochen hat, die er von ihr aufgenommen hatte, blockt ihre Mutter ab.
00:40:56: Das tut Caroline weh.
00:40:57: Die Beziehung zwischen ihnen beiden wird immer angespannter.
00:41:01: Deswegen zieht Mutter Giselle zu Carolins Bruder.
00:41:04: Carolin versteht, dass sich ihre Mutter nicht vorstellen möchte, dass ihre Tochter Opfer von ihm, dem eigenen Vater geworden ist.
00:41:11: Aber Carolin braucht, dass ihre Mutter, die Opfer vom gleichen Täter wurde, ihr zuhört, ihre Wut und den Schmerz sieht und bereit ist, mit ihr über das Wenn zu sprechen.
00:41:22: Was, wenn er ihr das Gleiche angetan hat.
00:41:25: In Telefonaten hört Carolin von ihrer Mutter immer wieder dasselbe.
00:41:29: Tut ihr das doch nicht selber an, das ist zu viel Druck, zu viel Schmerz.
00:41:39: Wenn die Mutter sich eingesteht, dass das eine Möglichkeit bestanden habe, dass auch ihre Tochter sexuell missbraucht wurde, dass ihre Rolle als Mutter dadurch auch noch gefährdet ist, weil sie ihr Kind nicht schützen konnte, weil sie sich möglicherweise Vorwürfe machen würde ... dass sie etwas nicht erlebt hatte.
00:42:03: Dadurch sehen wir es immer wieder, dass Mütter im ersten Moment möglicherweise auch diese Möglichkeit dem Kind könnte etwas widerfahren sein, von sich schieben, weil es vielleicht zu einer massiven Erschütterung der Identität als Mutter führen würde.
00:42:37: Sie öffnet den Wäscheschrank.
00:42:38: Ihre Augen fallen auf die Muster eines Bettbezugs, eine Garnitur, die sie kurz vor Tom's Geburt gekauft hat.
00:42:47: Ich erstarre und sinke mit den Knien aufs Paket.
00:42:51: Eines der beiden Fotos, die mir die Polizisten aus Kapeltras im November gezeigt hatten, wurde also in meinem Haus aufgenommen.
00:42:59: Ich kenne die Bettwäsche.
00:43:02: Mein Vater hat mich in meinem Zimmer bei mir zu Hause fotografiert.
00:43:06: Und das war Jahrzehnte.
00:43:09: Kein Zweifel mehr.
00:43:11: Sein zweites
00:43:11: Opfer war ich.
00:43:17: Die kommenden Monate verbringt Caroline in einer Art Vakuum.
00:43:21: Sie weiß, dass es ihrer Mutter genauso geht.
00:43:24: Ihren Brüdern geht es ähnlich, auch wenn sie nicht wissen, wie es ist, direkt betroffen zu sein.
00:43:29: Bis zum einundzwanzigsten März, Jahrzehnte.
00:43:33: Selin und Uroch, die Ehefrauen von David und Florian, sind zu einer Anhörung in der Nähe von Paris geladen.
00:43:40: Jede von ihnen wird über zwei Stunden lang vernommen.
00:43:43: Sie erfahren von der Polizei, Dominic P. hatte ein Kamerasystem installiert, um Fotos von Céline und Oroch aufzunehmen im Badezimmer und in den Schlafzimmern, vor allem dann, wenn sie nackt waren.
00:43:56: Angefangen hatte das, dass Céline schwanger war.
00:43:59: Von Oroch gibt es Bildaufnahmen seit Sommerzweißenneunzehn.
00:44:03: Auf einigen sieht man Herrn P. wie er in Unterwäsche masturbiert.
00:44:08: All diese Bilder hat er ins Netz gestellt.
00:44:10: Als Caroline davon erfährt, weiß sie, es gibt keine Frau in dieser Familie, die nicht betroffen ist.
00:44:17: Sie entscheiden alle gemeinsam Nebenkläger in, in dem Verfahren von Giselle zu werden.
00:44:22: Caroline, Auroch, Céline, David, Florian und sogar einige ihrer Neffen und Nichten.
00:44:32: Ein halbes Jahr, nachdem Karolin's Schwegerin vorgeladen wurden, muss sich auch Karolin in den Justizpalast von Avignon begeben.
00:44:39: Es geht um die Ermittlung zum Fall Giselle Pellico.
00:44:43: Gezeigt wird eine Collage.
00:44:45: Es handelt sich um Ausschnitte aus Videos, die der Täter ins Netz geladen hatte.
00:44:49: Auf einem ist Karolin zu sehen, in dem Gästezimmer des Hauses in Masons.
00:44:54: Auf den Aufnahmen ist sie im Begriff sich anzuziehen.
00:44:57: Die Fotos sind aus verschiedenen Positionen aufgenommen worden, von der Seite, von hinten und von vorn.
00:45:04: In der Collage gegenübergestellt sind Fotos ihrer Mutter in ähnlichen Positionen.
00:45:08: Der Täter muss sein Handy im Kameramodus unter dem Nachtisch versteckt haben.
00:45:13: Neben den Fotos stehen Kommentare, die sich auf die Aufnahmen beziehen.
00:45:16: Wiederliche, obstöne Worte.
00:45:19: Worte ihres Vaters.
00:45:20: Er hatte diese Collagen angefertigt.
00:45:23: Zwei halbnackte Körper.
00:45:25: Einer gehört ihrer Mutter, Der andere ist der von Caroline.
00:45:29: Caroline denkt daran, wie oft er ihnen gesagt hatte, wie sehr sie sich ähneln.
00:45:42: Caroline, ihre Mutter und die gesamte Familie erfahren in den kommenden Jahren immer mehr über das Vorgehen des Täters.
00:45:50: Immer wieder geht es um das Medikament Temester, dass er ihrer Mutter in der Dosierung von zwei Komma fünf Milligramm verdünnt in einer Flüssigkeit verabreicht hatte, mit dem Ziel sie zu betäuben, selbst zu vergewaltigen oder vergewaltigen zu lassen.
00:46:03: Abends hatte Dominic P. ihr das Betäubungsmittel ins Kartoffelpüree oder Sorbet gemischt.
00:46:09: Caroline denkt an sich und diese Bildaufnahme im Bett.
00:46:12: Hatte er ihr auch Temester verabreicht, damit sie so dar lag?
00:46:16: Hatte er sie dann auch vergewaltigt?
00:46:19: Caroline beschäftigt sich immer mehr mit dem Thema und stößt darauf, dass es in Frankreich unter dem Begriff chemische Unterwerfung bekannt ist.
00:46:27: Seit Jahrzehnten ist chemische Unterwerfung in Frankreich zwar strafbar, ein eigenes Gesetz, das chemische Unterwerfung ahndet, gibt es in Frankreich aber nicht.
00:46:37: Wenn Menschen von chemischer Unterwerfung betroffen sind, fällt das gesetzlich unter die verschärfte Vergewaltigung.
00:46:43: Dann können bei Verurteilung Strafen mit bis zu fünfzehn Jahren Gefängnis folgen.
00:46:48: Zu dem Thema gibt es aber auch in Frankreich viel zu wenig Öffentlichkeitsarbeit und Forschung.
00:46:53: Auch Kliniken sind unzureichend dazu gebildet.
00:46:55: Blutuntersuchungen müssen bei Betroffenen sehr schnell gemacht werden, um die Betäubungsmittel noch in Blut nachweisen zu können.
00:47:02: Caroline findet heraus, ihre Mutter und mutmaßlich sie selbst sind nicht alleine.
00:47:07: Studien zeigen, dass die Betroffenen von chemischer Unterwerfung mehrheitlich Frauen sind.
00:47:13: Und bei fast siebzig Prozent der dokumentierten Fälle handelt es sich um sexuelle Übergriffe.
00:47:18: Täter sind häufig nahe Verwandte, die in einem privaten Kontext agieren.
00:47:22: Sie
00:47:23: sind also nicht alleine.
00:47:24: Es gibt da draußen sehr viele von ihnen, Arndt Karolin.
00:47:27: Sie entscheidet, sich ein Buch zu schreiben, über ihre Familie, darüber, dass sie es alle nicht haben kommen sehen und, um sich auf die Spurensuche zu machen, nach den Zeichen, die ihnen hätten auffallen müssen, ihnen zeigen müssen, dass dieser Vater, dieser Ehemann, wie sie ihn dachten zu kennen, nie existierte.
00:47:45: Sie schreibt das Buch aber auch, weil chemische Unterwerfungen in Frankreich zwar strafbar, aber weitreichend unbekannt ist.
00:47:52: Carolin entscheidet sich für den Titel und ich werde dich nie wieder Papa nennen.
00:47:56: Kurz nach dem Erscheinen ihres Buches gründet Carolin den Verein Mendoor Paar.
00:48:01: Stop all la submission chimique, um sich für eine bessere Betreuung der Opfer von sexualisierter Gewalt durch medikamentöse Substanzen einzusetzen.
00:48:19: Es ist ein milder Sommertag.
00:48:21: Seit fast vier Jahren warten sie auf diesen Moment.
00:48:24: Es ist der erste Prozesttag zum Fall Peliko.
00:48:28: Der Gerichtssaal ist voll besetzt.
00:48:30: Carolin weiß, dass der Fall ihrer Mutter, der Fall ihrer Familie mittlerweile über Landesgrenzen bekannt ist.
00:48:37: Sie bewundert ihre Mutter dafür, dass sie darum gekämpft hat, dass das hier ein öffentlicher Prozess ist.
00:48:43: Er ist eine Kampfansage an eine patriarchale Gesellschaft, die Vergewaltigung banalisiert.
00:48:49: Vor allem soll es für die kommenden Monate um die Aufklärung des Falles ihrer Mutter gehen.
00:48:54: Caroline will aber auch wissen, ob er, der Täter, endlich sagen wird, was er ihr, seiner Tochter wirklich angetan
00:49:01: hat.
00:49:06: Über ein Jahr lang hatte ein Recherche-Team von dem Funk-Format Dutzende Chatgruppen auf dem Messengerdienst Telegram beobachtet, Chatverläufe, Fotos und Videos dokumentiert, in denen Männer sich darüber austauschen, wie sie Frauen betäuben und andere Männer andere Frauen betäuben können, um sie anschließend zu vergewaltigen.
00:49:29: Sie teilen Anleitungen für die Vorgehensweise mit K.O.-Tropfen, prallen mit ihren Taten und verbreiten Aufnahmen der Übergriffe.
00:49:36: In einem Fall bietet ein Mann seine bewusstlose Ehefrau zur Vergewaltigung an.
00:49:41: Und das alles passiert nicht irgendwo.
00:49:43: Deutsche Nutzer sind Teil dieser Gruppen.
00:49:45: Die Recherche zeigt, es gibt ein Netzwerk, das sich darauf spezialisiert hat, Frauen wehrlos zu machen, um sie zu missbrauchen.
00:49:52: Während sexualisierte Gewalt an bewusstlosen Strafbar ist, ist der Besitz von Vergewaltigungsvideos in Deutschland weiterhin legal.
00:49:59: Heißt, das, was Dominik P. seiner Ehefrau, seinen Schwiegertöchtern und seiner Tochter angetan hat, wäre auch in Deutschland strafbar.
00:50:07: Der Konsum dieser Aufnahmen von zahlreichen Männern ist allerdings legal.
00:50:12: Nach aktueller Rechtslage in Deutschland ist der Besitz von Aufnahmen, die sexuelle Übergriffe oder Vergewaltigungen an Erwachsenen zeigen, nicht strafbar.
00:50:21: Lediglich die Verbreitung solcher Inhalte ist gemäß Paragraf hundred eighty A des Strafgesetzbuches untersagt und kann mit Freiheitsstrafe von bis zu drei Jahren oder Geldstrafe geahndet werden.
00:50:32: Zwei Tage nach erscheinen dieser Recherche.
00:50:34: Was ist der neunzehnte Dezember zwei tausend vierundzwanzig?
00:50:37: Avignon, ein bitter kalter Tag.
00:50:40: Es wird das Urteil verlesen.
00:50:42: Carolin hört konzentriert zu.
00:50:45: Neben der schweren Vergewaltigung an seiner Frau wird der Täter auch der schweren Vergewaltigung an einer weiteren Frau schuldig gesprochen.
00:50:52: Außerdem befindet ihn das Gericht der Aufnahme und Verbreitung von Bildern sexuellen Charakters von Giselle Pellicot, von ihrer Tochter Carolin Darion Péronnet und seinen beiden Schwiegertöchtern Aurora Le Maire und Céline Pellicot für schuldig.
00:51:07: Caroline selbst hatte einen Moment vor Gericht mit ihm, dem Täter gehabt.
00:51:12: Sie war schreiend auf ihn losgegangen, hatte eingefordert, dass er ihr sagt, was er ihr wirklich angetan hat.
00:51:18: Nichts.
00:51:19: Auch ihre Brüder hatten ihre Chance bekommen.
00:51:22: Caroline hatte gehört, wie Florian gesagt hatte, wenn du noch ein bisschen Würde und Menschlichkeit hast, dann sag Caroline bitte die Wahrheit.
00:51:30: Ich möchte, dass du ehrlich bist, dir gegenüber, uns gegenüber.
00:51:34: Carolin lebt nicht mehr.
00:51:36: Sie überlebt nur noch.
00:51:37: Aber nichts.
00:51:47: Anfang-Zweitausendfünfundzwanzig, kurz nach Ende des Prozesses, gibt Carolin Darion zum ersten Mal internationalen Medieninterviews, unter anderem der BBC.
00:51:56: Sie spricht davon, dass er, der Täter, der Mann, den sie mal Papa nannte, schon immer ein sexuell Perverser gewesen sein musste.
00:52:05: Sie ist sich sicher, man kann nicht eines Morgens aufwachen und sagen, okay, ich werde meine Frau unter Drogen setzen und vergewaltigen.
00:52:13: Er muss schon immer so gewesen sein, auch wenn sie es nicht sehen konnten.
00:52:16: Sie sagt auch, dass sie heute nur noch den Kriminellen in ihm sieht, den gefährlichen, sexual Verbrecher.
00:52:22: Auch für einen deutschen Fernsehbeitrag wird Caroline Darion interviewt.
00:52:26: Das Interview wird zu einem Zeitpunkt ausgestrahlt, wo parallel in den Medien auch noch über die Recherchen von Steuerung F gesprochen wird.
00:52:34: Auch bei diesen beiden Beiträgen geht es nicht nur um die Betroffenen, sondern auch um die Motive der Täter, was bei der Thematik teilweise auch ausgeführt werden
00:52:42: muss.
00:52:42: Unter anderem, weil Menschen verstehen wollen, was hinter diesen Taten steckt, um zumindest den Eindruck zu haben, sich selbst oder geliebte Personen vor solchen Übergriffen schützen zu können.
00:52:53: Wir sehen Täter, die speziellen Seuchenfällen, eine Art ... Weil die Person, die unter Drogen gesetzt ist,
00:53:05: ist
00:53:06: absolut Willenlos und dem Willen des Täters oder auch dem Wohlwollen des Täters, je nachdem ausgeliefert.
00:53:16: Und deswegen haben wir es häufig mit Menschen zu tun, die meistens davon ausgehen, dass sie ... mit wachen Personen nicht in eine erfüllende Interaktion gehen können und ihre Bedürfnisse anders nicht ausleben können.
00:53:34: Gleichzeitig aber einen unglaublich starken Trieb danach
00:53:37: haben.
00:53:37: Was oft fehlt, die Perspektive der Betroffenen.
00:53:41: Auch wenn Caroline offiziell Tochter des Täters und Tochter des Opfers ist, sieht sie sich selbst so nicht.
00:53:48: Stattdessen betont sie in Interviews, dass sie einfach stolz auf den Rest ihrer Familie sein
00:53:52: will.
00:53:54: Obwohl sie zu dem Zeitpunkt, an dem sie ihr Buch geschrieben hatte, ... ... an der Frage verzweifelt ist, was der Täter ihr genau angetan hat ... ... und der ihr im Prozess darauf auch keine Antworten geliefert hatte, ... ... ist sie sich heute sicher.
00:54:10: Ich bin überzeugt, dass er mich vergewaltigt hat.
00:54:13: Ja.
00:54:13: Der einzige Unterschied zwischen meiner Mutter und mir ... ... ich habe keine Beweise wie sie.
00:54:38: Vor einem Club fragt Nina einen Mann nach einer Zigarette.
00:54:41: Dann Blackout.
00:54:43: Als sie wieder zu sich kommt, liegt sie in einem Park, ein Fremder über ihr, ein Zweiter daneben, ihre Hose heruntergerissen.
00:54:51: Später ist sie sich sicher, dass sie Kaotropfen verabreicht
00:54:53: bekommen haben muss.
00:54:55: Ihr habt in dieser Folge gehört, dass in Frankreich chemische Unterwerfungen als erschwerender Umstand bei Sexualdelikten gilt.
00:55:02: In Deutschland nicht.
00:55:04: Den Fall von Nina erzählen wir in der nächsten Folge von Zwölfleben.
00:55:07: in zwei Wochen.
00:55:09: Falls ihr Feedback habt oder Anmerkungen oder ihr vielleicht selbst einen Fall kennt, den wir uns genauer anschauen sollten, dann könnt ihr uns jederzeit eine Mail schreiben an zwölfleben.podimo.gmail.com.
00:55:21: Diese Mail findet ihr auch in der Folgenbeschreibung.
00:55:28: Zwölf Leben verbrechen an Frauen ist ein Podcast von Podimo.
00:55:33: Wir sind Helen Schulter.
00:55:35: Und Massimo Majo.
00:55:37: Autorin dieser Folge, Helen Schulter.
00:55:40: Schnitt und Sound, Frieda Maurer und Luca Satori.
00:55:44: Ausführende Produzentin, Madeleine Petri.
Neuer Kommentar