#53 Milena: Im Netz
Shownotes
Diese Folge ist schon vor Monaten in der Podimo App veröffentlicht worden.
In der Podimo App findet ihr schon jetzt 60 kostenlose Folgen, die ihr ganz ohne Anmeldung oder Abo hören könnt – Einfach nur die App öffnen und ‘12 Leben’ finden:
https://podimo.de/12leben
Zusätzlich zu den 60 kostenlosen Folgen findet ihr dort auch die neueste Staffel im Premium-Bereich.
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21. Juli 2023: Das Handy der 13-jährigen Milena vibriert. Sie hat eine neue Chatanfrage. Ein Typ, den sich nicht kennt, hat auf ihre Story reagiert. Milena antwortet ihm und sie beginnen miteinander zu schreiben. Über die nächsten Tage und Wochen bombardiert ihr neuer Kontakt, Lukas G., sie mit Nachrichten. Bald ist Milena gefangen in seinem Netz aus Manipulation und Drohungen.
In dieser Folge hören wir Jasmin Scholl. Sie ist Opfer von Cybergrooming geworden und spricht stellvertretend über ihre Erfahrungen. Außerdem haben wir mit dem Cyberkriminologen Prof. Dr. Thomas-Gabriel Rüdiger gesprochen. Er ist Leiter des Institutes für Cyberkriminologie an der Hochschule für Polizei des Landes Brandenburg und spricht darüber, welche Präventionsmaßnahmen es im Netz geben muss, um Cybergrooming zu verhindern.
Triggerwarnung:
In dieser Folge geht es um Kindesmissbrauch, körperliche und sexualisierte Gewalt, sowie digitale Gewalt.
Kinder & Jugendtelefon: 116 111 (rund um die Uhr)
Hilfetelefon “Gewalt gegen Frauen”: 08000 116 016 (rund um die Uhr)
Telefonseelsorge: 0800 111 0 111 (rund um die Uhr)
Opfer-Telefon vom Weißen Ring: 116 006 (7-22h Uhr)
Hilfe & Onlineberatung findet ihr auch bei der Nummer gegen Kummer: https://www.nummergegenkummer.de/
Mehr Infos bekommt Ihr auf der Homepage der Online Datenbank für Betroffene von Straftaten:
www.odabs.org
Habt ihr Feedback? Dann könnt ihr uns eine E-Mail schreiben:
12leben.podimo@gmail.com
"12 Leben – Verbrechen an Frauen" ist ein Podcast von Podimo.
Hosts: Helen Schulte und Massimo Maio
Autorin dieser Folge: Katharina Fräbel
Schnitt und Sound: Frieder Maurer & Luca Sartori (hipitch)
Ausführende Produzentin: Madeleine Petry
Transkript anzeigen
00:00:06: Was ich so schwierig finde, ist, dass die Gesellschaft immer sagt, warum war das Kind so naiv?
00:00:12: Warum hat sie der Mutter sich nicht anvertraut oder weiß ich nicht was?
00:00:18: Warum hat sie sich mit diesen Menschen getroffen?
00:00:22: Und ich finde das sehr schwierig, weil wir den Fokus eher darauf legen sollten, warum trifft sich ein erwachsener, älterer
00:00:30: Mensch
00:00:31: mit einem Kind?
00:00:35: In dieser Folge sprechen wir über Kindesmissbrauch, körperliche und sexualisierte Gewalt sowie digitale Gewalt.
00:00:42: Hilfe für Kinder und Jugendliche findet ihr bei der Nummer gegen Kummer unter der ... Alle Informationen und weitere Anlaufstellen findet ihr in den Show notes.
00:00:57: Sommer, ... Das Handy der dreizehnjährigen Milena vibriert.
00:01:03: Es ist eine Nachricht von Lukas G. Er ist achtundzwanzig und somit fünfzehn Jahre älter als Milena.
00:01:09: Sie kennt ihn bis jetzt nur aus dem Internet und aus Chat verläufen, aber heute soll sich das ändern.
00:01:15: Lukas G. ist extra aus seiner ca.
00:01:17: dreihundert Kilometer entfernten Heimatstadt gekommen, um sich mit Milena zu treffen.
00:01:22: Sie glaubt, dass er ihr das Geld geben will, dass er ihr im Austausch gegen Bilder versprochen hat.
00:01:31: Können wir es so machen?
00:01:33: Ich sag dir, wo ich wohne, aber dann mach keinen Scheiß und du wirst das Geld bei mir ein und nächstes Mal komme ich dann, wenn ich darf, in den Fähen zu dir und für Ficken
00:01:39: dann.
00:01:40: Komm raus, bin am Bahnhof.
00:01:43: Kannst du es nicht einfach
00:01:44: vorbeibringen?
00:01:45: Ich weiß nicht, wo du bist.
00:01:47: Ich bin jetzt beim Döner.
00:01:50: Ja, komm.
00:01:51: Ich will nicht.
00:01:53: Soll ich deine Eltern informieren?
00:01:55: Dein Vater alles sagen?
00:01:57: Nein, okay, ich komm, du gibst Geld, ich geh.
00:02:01: Ja.
00:02:03: Bin gleich da.
00:02:07: Diese Folge dreht sich um Milena.
00:02:09: Ihr Leben ist eines von zwölf, um die es in dieser Staffel geht.
00:02:43: Und ich bin Helen.
00:02:44: Wir sprechen in dieser Folge von Milena und davon, wie schutzlos junge Menschen potenziell Missbrauch und Manipulation im Netz ausgeliefert sind.
00:02:53: Eine Tatsache, die umso erschreckender wirkt, wenn man daran denkt, wonach junge Menschen wie Milena häufig suchen, wenn sie im Internet unterwegs sind.
00:03:00: Freundschaften, Anerkennung und dem Gefühl, mit anderen verbunden zu sein.
00:03:05: Wir sprechen in dieser Folge über ein Thema, bei dem die Dunkelziffer sehr hochgeschätzt wird, nämlich CyberGrooming.
00:03:12: Das Bundesministerium des Innern und für Heimat beschreibt CyberGrooming als die gezielte Anbahnung sexueller Kontakte mit Minderjährigen über das Internet.
00:03:21: Wir haben mit Professor Dr.
00:03:22: Thomas Gabriel Rüdiger über CyberGrooming gesprochen.
00:03:26: Er beschäftigt sich seit rund fünfzehn Jahren mit dem Thema und ist Leiter des Instituts für Cyberkriminalität an der Hochschule der Polizei des Landes Brandenburg.
00:03:35: Er hat uns genau erklärt, was CyberGrooming ist.
00:03:39: Ein Täter oder eine Täterin interagieren in irgendeiner Form mit einem Kind online, weil sie denken, durch diese Interaktion, durch das kommunizieren.
00:03:49: Kriegen sie das Kind dazu, dass es zum Beispiel seine Handynummer gibt, sich dazu mit dem Kind zu treffen und dadurch können sie zum Beispiel Nacktbilder austauschen oder das Kind im Analogenraum physisch missbrauchen.
00:03:59: Das heißt, es geht bei CyberGrooming das eigentliche Einwirken auf dieses Kind, um zu erreichen, dass man einen sexuellen Missbrauch dadurch ermöglichen kann.
00:04:08: CyberGrooming hängt also immer auch direkt mit Kindesmissbrauch zusammen.
00:04:12: Im Jahr, im Jahr, im Jahr, im Jahr, im Jahr, im Jahr, im Jahr, im Jahr, im Jahr, im Jahr, im Jahr, im Jahr, im Jahr, im Jahr, im Jahr, im Jahr, im Jahr, im Jahr, im Jahr, im Jahr, im Jahr, im Jahr, im Jahr, im Jahr, im Jahr, im Jahr, im Jahr, im Jahr, im Jahr, im Jahr, im Jahr, im Jahr, im Jahr, im Jahr, im Jahr, im Jahr, im Jahr, im Jahr, im Jahr, im Jahr,
00:04:28: im Jahr, im Jahr, im Jahr, im Jahr, im Jahr, im Jahr, im Jahr, im Jahr, im Jahr, im Jahr, im Jahr, im Jahr, im Jahr, im Jahr, im Jahr, im Jahr, im Jahr, im Jahr, im Jahr, im Jahr, im Jahr, im Jahr, im Jahr, im Jahr, im Jahr, im Jahr, im Jahr, im Jahr, im Jahr, im Jahr, im Jahr, im Jahr, im Jahr, im Jahr, im Jahr.
00:04:39: Wie
00:04:39: viele Jungen wirklich betroffen sind, lässt sich schwer sagen, da das Dunkelfeld bei Cybergrooming sehr hoch ist.
00:04:44: Das heißt, dass nur ein Buchteil der Taten, die auch wirklich passieren, von Betroffenen angezeigt werden.
00:04:50: Professor Dr.
00:04:51: Thomas Gabriel Rüdiger definiert Cybergrooming als eine Form der digitalen sexualisierten Gewalt.
00:04:57: Diese Form der Gewalt treffe laut ihm mehrheitlich Frauen, zum Beispiel in Form von ungewollten Dickpicks oder anderen unerwünschten sexualisierten Darstellungen und Nachrichten.
00:05:08: Laut dem Bundeskriminalamt ist CyberGrooming eine sogenannte Begehungsform des sexuellen Missbrauchs von Kindern.
00:05:15: Nach dem Strafgesetzbuch betrifft das Kinder bis vierzehn Jahre.
00:05:18: Darunter fällt neben der Herstellung von Missbrauchsdarstellungen oder sexuellen Handlungen auch das TäterInnen, den Kindern pornografische Inhalte, wie beispielsweise Dickpicks oder Videos von sich bei sexuellen Handlungen zeigen.
00:05:30: Prof.
00:05:31: Dr.
00:05:31: Thomas Gabriel Rüdiger kritisiert diese Altersbeschränkung in Bezug auf digitale, sexualisierte Gewalt und Cyber-Grooming.
00:05:38: Es ist halt so, wenn eine dreizehnjährige zum Beispiel mit Württewährung Angebote kriegt, dafür Nacktbilder zu senden.
00:05:44: Warum ist das dann zum Beispiel Cyber-Grooming?
00:05:47: Aber wenn eine Sechzehnjährige damit konfrontiert wird, mit demselben Delikt, was auch digitale Gewalter stellt, dann nicht.
00:05:52: Auch wenn der Straftatbestand nur bis zum Betroffenenalter von vierzehn Jahren angewendet wird, sind laut Professor Dr.
00:05:58: Thomas Gabriel Rüdiger nicht nur Kinder von CyberGrooming betroffen.
00:06:03: Auch Jugendliche über vierzehn Jahren können Opfer davon werden.
00:06:07: Um die betroffenen Perspektive besser nachvollziehen zu können, haben wir mit Jasmin Scheu gesprochen.
00:06:12: Sie war als Mädchen, so wie Milena, selbst von CyberGrooming betroffen und weiß deswegen, wie es sich anfühlt, Manipulation und Missbrauch zu erfahren.
00:06:21: In ihrer Kindheit wurde Yasmin unter anderem von Männern auf Online-Plattformen angeschrieben und sollte Fotos von sich schicken oder sich mit den Männern im echten Leben für Sex treffen.
00:06:30: Heute klärt sie in den Medien und in Schulprojekten über das Thema Cyber-Grooming auf.
00:06:35: Yasmin hat mit uns gesprochen und als Betroffene erzählt, wie es sich anfühlt, als Kind im Netz angeschrieben zu werden und warum man in jungem Alter oft nicht erkennt, was einem eigentlich angetan wird.
00:06:46: Man erwartet ja im Grunde, wenn es heißt, können wir uns treffen.
00:06:51: nicht, dass die Person einen missbraucht, sondern man erwartet, dass, was vielleicht vorher ausgemacht wurde, dass man Eis essen geht, spazieren geht, entschwimmert geht, dass man zusammen was unternimmt.
00:07:01: Wenn vorher über Hobbys geschrieben wurde, dass sie zum Beispiel Federball spielen oder Fußball zusammen, also man hat im ersten Moment wirklich den Gedanken, ah, okay, wir haben uns das und deswegen verabredet.
00:07:17: Aus dem Urteil, das uns vorliegt, haben wir Chat-Verläufe zwischen Milena und dem Täter zitiert und vertont.
00:07:23: Alle Namen sowie persönliche Angaben haben wir geändert.
00:07:35: Milena wird Ende der zweitausender geboren und wächst zusammen mit ihren Eltern in einer Patchwork-Familie in einer kleinen Stadt in Süddeutschland auf.
00:07:43: Insgesamt hat sie neun Geschwister und halbgeschwister.
00:07:47: Ihre Mutter beschreibt ihr Aufwachsen als behütet und dörflich.
00:07:51: Milena ist nach außen hin eher zurückhaltend und geht selten alleine aus dem Haus.
00:07:56: Oft sind ihre Mutter oder ihr drei Jahre jüngerer Bruder dabei und sie unternehmen etwas zusammen.
00:08:02: Wie viele andere Kinder in Milenas Alter ist auch sie auf Social Media aktiv.
00:08:06: Auf verschiedenen Plattformen chattet sie mit Freundinnen oder tauscht Bilder aus.
00:08:11: Besonders während der Corona-Pandemie verbringt sie viel Zeit am Handy und in den sozialen Medien.
00:08:16: Laut einer Studie im Auftrag der deutschen Angestellten Krankenkasse DRK ist die Social-Media-Nutzung während der Pandemie nicht nur gestiegen, sondern besonders die riskante Social-Media-Nutzung von Kindern und Jugendlichen zwischen zehn und siebzehn Jahren hat sich von ca.
00:08:31: acht Prozent vor der Pandemie auf vierundzwanzig, fünf Prozent im Herbst, zwanzigundzwanzig fast verdreifacht.
00:08:39: Professor Dr.
00:08:40: Thomas Gabriel Rüdiger weiß, dass es aufgrund der hohen Dunkelziffer bei CyberGrooming schwer zu sagen ist, ob CyberGrooming während der Pandemie angestiegen ist.
00:08:49: Allerdings zeige eine Studie der Landesanstalt für Medien in NRW, dass das Alter der Betroffenen in der Corona-Pandemie gesunken ist.
00:08:57: Das heißt, früher haben wir uns über zwölf bis dreizehnjährige unterhalten.
00:08:59: In dieser Phase waren selbst zwanzig Prozent der acht bis neunjährigen davon berichtet, dass sie zum Beispiel von Erwachsenen zu treffen, übers Online-Geschichte getränkt wurden.
00:09:09: Und das ist eine Entwicklung, die hatten wir vorher in der Form nicht.
00:09:12: Während der Pandemie verbringen Kinder nicht nur mehr Zeit am Laptop für Schulaufgaben und Unterricht.
00:09:18: Durch die Ausgangsbeschränkungen fallen in dieser Zeit auch viele Hobbys und Treffen mit Freundinnen aus.
00:09:23: Stattdessen tauscht man sich dann auf Social Media aus.
00:09:26: Aber auch die Nutzung von Online-Spielen ist in der Corona-Pandemie gestiegen und auch dort findet CyberGrooming statt.
00:09:33: Bei CyberGrooming muss man sich eines vorstellen.
00:09:35: Nicht überall dort, wo die Kinder durch die Täter angesprochen werden, ist auch die Plattform, wo im Ende zum Beispiel Bilder und Videos ausgetauscht werden.
00:09:42: Oft starten TäterInnen den ersten Kontakt über Plattformen, bei denen es eine Art Chat-Funktionen gibt.
00:09:48: Das können Social-Media-Kanäle sein, aber auch Online-Spiele auf Konsolen oder im Netz.
00:09:53: Auf welchen Plattformen Cyber-Grooming am häufigsten vorkommt, möchte Thomas Gabriel Rüdiger nicht sagen.
00:09:59: Er möchte nicht, dass Eltern sich in Sicherheit wählen, weil ihre Kinder genau diese Plattform nicht nutzen.
00:10:04: Denn Cyber-Grooming und Kontaktversuche durch TäterInnen können auf jeder Online-Plattform stattfinden, die über eine Nachrichtenfunktion oder über andere Formen der direkten Kontaktaufnahme wie zum Beispiel Bilderaustausch verfügt.
00:10:17: Im Fall von Milena wissen wir nicht, auf welcher Plattform der erste Kontakt stattfindet.
00:10:22: Wahrscheinlich ist laut Urteil allerdings, dass es sich um eine Plattform handelt, auf der es nicht nur eine Chatfunktion, sondern auch eine Story gibt.
00:10:30: Damit ist es den Nutzerinnen möglich, zum Beispiel Videos und Fotos nur für kurze Zeit, meistens für vierundzwanzig Stunden zu teilen, sodass Freundinnen und Followerinnen die Inhalte danach nicht mehr sehen können.
00:10:42: Wahrscheinlich postet die dreizehnjährige Milena nichts Ahnend im Frühjahr, genau so eine Story von sich.
00:10:50: Und sie bekommt eine Reaktion von einem Mann, den sie nicht kennt.
00:10:53: Lukas G. ist fünfzehn Jahre älter als Milena.
00:10:57: Was genau Milena in dem Moment denkt, als sie die Nachricht eines fremden und erwachsenen Mannes sieht, können wir nur vermuten.
00:11:04: Jasmin Scholl, die selbst als Kind und Jugendliche Opfer von Cyber grooming und sexuellen Missbrauch wurde, erzählt uns, wie sie damals auf fremde Kontaktanfragen und Freundschaftseinladungen reagiert hat.
00:11:15: Ich weiß, dass ich mich gefreut habe, wenn eine neue Freundschaftsanfrage kam und dass ich ehrlicherweise manchmal gar nicht auf das Profil geklickt habe, um zu schauen, wer ist die Person, wo wohnt die Person, geht sie auf meine Schule, wie viele Freunde hat sie, hat sie ... Freunde, die ich sogar kenne, sondern ich habe manchmal einfach draufgeklickt, weil ich dachte, das passt schon.
00:11:41: Jasmin war damals auf verschiedenen Plattformen unterwegs.
00:11:44: Dort war sie mit vielen Freundinnen, Lehrerinnen, aber auch Leuten im weiteren Freundeskreis vernetzt.
00:11:49: Also Menschen, die sie persönlich teilweise nicht kannte, die aber beispielsweise ihre Freundinnen kannten.
00:11:55: Bei der Annahme von Freundschaftsanfragen hat sie sich damals also egal, ob von Männern oder Frauen, wenig Gedanken gemacht und nichts Böses vermutet.
00:12:03: Es ist hier vielleicht auch nochmal wichtig zu sagen, dass Jasmin das alles schon in den Nullerjahren erlebt hat.
00:12:08: Und wenn ich mich daran erinnere, wie ich mich damals in den ersten Social-Media-Jahren über jede kleinste Kontaktanfrage gefreut habe, kann ich Jasmin dann gut nachvollziehen.
00:12:18: Irgendwann bekommt Yasmin dann ungefragt Nachrichten mit Bildanhang.
00:12:23: Auf den Bildern zu sehen, ein irrigierter Penis eines erwachsenen Mannes.
00:12:27: Also ich hab mich total davor geäkelt und erschreckt.
00:12:30: Weil man darf auch nicht vergessen, mit elf Zwölf sieht die Welt noch mal anders aus.
00:12:35: Und als Kind ist man ja wirklich klein und die Welt wirkt riesengroß.
00:12:39: Und wenn man dann sowas von oder wenn man Körperteile von Erwachsenen sieht.
00:12:44: Die sind ja viel, viel größer als die eigenen Körperteile.
00:12:47: Und dadurch ist das noch mal ... für ein Kind ... ähm
00:12:53: ...
00:12:55: man erschreckt sich davor.
00:12:57: Auch Milena bekommt von Lukas G. schon nach sehr kurzer Zeit die ersten Nachrichten mit sexuellem Inhalt.
00:13:03: Schon innerhalb der ersten vier Tage, in denen sie Kontakt haben, fragt Lukas G. ob Milena Interesse an einem Sugar Daddy habe.
00:13:11: Also, ob sie teilweise sexuelle Handlungen gegen Geld tauschen wollen würde.
00:13:18: Auf die Frage antwortet Milena nur mit einem, ja, vielleicht.
00:13:23: Sie lehnt das Angebot zwar nicht ab, aber sie zeigt auch nicht mehr Interesse.
00:13:27: Kurze Zeit später bietet Lukas G. Milena eine dreistellige Summe für ein Sextreffen an und fordert sie auf, ihm Nacktbilder zu schicken.
00:13:36: Zu diesem Zeitpunkt hat Milena schon öfter auf einer Social-Media-Plattform Nacktbilder von sich privat verschickt, aber auch öffentlich gepostet.
00:13:44: Vielleicht denkt sie sich auch deswegen nicht viel dabei, als sie der Aufforderung von Lukas G. nachkommt und ihm Bilder von sich schickt, auf denen man ihren nackten Körper aber nicht ihr Gesicht zieht.
00:13:54: Laut einer Studie der Landesanstalt für Medien, NRW, haben im Jahr ist es im Jahr zwanzig, neun Prozent der Jugendlichen im Alter von elf bis siebzehn Jahren bereits eine Sexting-Nachricht oder ein Nacktbild von sich selbst verschickt.
00:14:08: Jasmin erinnert sich, wie die Reaktionen in ihrem Freundeskreis waren, als die ersten Mädchen teilweise sexuelle Nachrichten von älteren Männern bekommen haben.
00:14:17: Man erlebt, dass eine Freundin von mir gesagt hat.
00:14:20: Wow, cool, der ist viel älter.
00:14:22: Der hat bestimmt schon ein Auto und der ist über achtzehn.
00:14:25: Und cool, dann kann der ja schon Alkohol kaufen und Zigaretten.
00:14:30: Und der ist viel reifer als unsere Jungs in der Klasse.
00:14:33: Und wie cool ist das dann?
00:14:34: Also im Grunde wird man da dann motiviert, weil Freunde ein dann ja irgendwie dazu ermutigen, das weiterlaufen zu lassen.
00:14:43: Und das ist natürlich auch ein bisschen schwierig.
00:14:45: Jasmin Scholl, die heute als Aktivistin unter anderem an Schulen über das Thema Cybergrooming aufklärt, findet, dass eine Normalisierung von sexualisierten Inhalten und Nachrichten eine Gefahr für Kinder und Jugendliche darstellt.
00:14:58: Wenn alle Freundinnen davon erzählen, dass sie Dickpicks bekommen und es niemand infrage stellt, sondern es alle als cool bezeichnen, könne das dazu führen, dass man selbst solche Nachrichten als normal empfindet und vielleicht sogar auf die erste Nachricht dieser Art wartet.
00:15:14: Auch der Cyberkriminologe Thomas Gabriel Rüdiger weiß, dass wir auch im Netz anderen gefallen und dazu gehören wollen.
00:15:22: Das bedeutet, dass wir im Netz dazu neigen, eine Aufmerksamkeitsökonomie zu bedienen.
00:15:26: Bedeutet, wir versuchen uns selbst darzustellen, um Likes, Followerzahlen, Views zu bekommen.
00:15:32: Anerkennung ist eh in dem Alter ein schweiges Feld.
00:15:36: Man ist noch nicht richtig Mann und Frau.
00:15:38: Man ist sich seiner selbst vielleicht unheimlich bewusst.
00:15:42: Das wird halt auch ausgenutzt.
00:16:00: Du gelobst mir in jeder Hinsicht vollständigen und unabdingbaren
00:16:03: Gehorsam.
00:16:04: Du stellst mir deinen Körper jederzeit und an jedem
00:16:07: Ort zur Verfügung.
00:16:09: Du wirst mir immer zeigen, dass du deine Rolle mein Eigentum zu sein, mir zu dienen und mir zu gehorchen,
00:16:14: akzeptierst.
00:16:16: Du wirst mich nie ignorieren und auch keine Widerworte geben.
00:16:20: Und wenn ich Tochter schreibe, wirst du
00:16:21: mit Ja, Daddy
00:16:22: reagieren
00:16:23: und ich akzeptiere
00:16:24: kein Nein.
00:16:32: Nur zwei Tage nachdem Milena dieses Regelwerk von Lukas G. bekommen hat, vibriert mal wieder ihr Handy.
00:16:38: In den Tagen, seit er sie angeschrieben hat, stand es gefühlt keine Sekunde still.
00:16:43: Ständig schreibt Lukas G. ihr, will mehr Bilder von ihr.
00:16:46: Milena ist langsam genervt von ihm.
00:16:48: Als sie die letzte Nachricht von ihm liest, in der er sie nach ihrer Adresse fragt, um für ein Sextreffen vorbeizukommen, ignoriert sie diese Nachricht zunächst und antwortet nicht direkt.
00:16:57: Als kurz darauf ihr Handy wieder eine neue Nachricht zeigt, ist es nicht überraschend, dass sie wieder von Lukas G ist.
00:17:04: Aber die Nachricht, die Milena dieses Mal auf dem Bildschirm liest, ist anders als die davor.
00:17:09: Lukas G kündigt an, sich umzubringen, wenn Milena sich nicht mit ihm treffen und Sex mit ihm haben würde.
00:17:16: Laut dem Cyberkriminologen Thomas Gabriel Rüdiger ist es nicht ungewöhnlich, dass TäterInnen mit Druckmitteln wie Suizidandrohungen arbeiten.
00:17:24: Die TäterInnen wollen die Kinder so emotional erpressen und oft funktioniert dies.
00:17:29: Auch für Erwachsene ist es eine mehr als emotional herausfordernde Situation, wenn eine andere Person mit Selbstmord droht.
00:17:37: Aber Milena gibt dem Erpressungsversuch von Lukas G nicht nach und gibt ihm nicht ihre Adresse.
00:17:43: Und auch als er ihr kurz darauf erneut schreibt, dass sie ihm mehr Nacktbilder und auch Videos, auf denen sie masturbiert schicken soll, kommt sie der Aufforderung nicht nach.
00:17:52: Obwohl Milena auf Nachrichten nur noch einsilbig mit ja, nein, keine Ahnung oder einem mm reagiert, ihm nicht antwortet oder ihm sogar sagt, dass sie genervt von ihm sei, wird sie von Lukas G. nicht in Ruhe gelassen.
00:18:06: In den nächsten drei Monaten, die Milena und Lukas G. miteinander in Kontakt stehen, werden sie insgesamt seven-tausend achtundsechzig Nachrichten austauschen.
00:18:14: Das sind durchschnittlich achtzig Nachrichten pro Tag.
00:18:17: Der Großteil der Nachrichten kommt von Lukas G. Jasmin Scholl, die ebenfalls Erfahrung mit Cyber-Grooming als Kind und Jugendliche gemacht hat, kann nachvollziehen, dass Milena in dieser Situation überfordert gewesen sein muss.
00:18:30: Ich glaube, jeder weiß, wie es sich anfühlt, wenn man überfordert ist, dass man ... so reagiert, wie man es eigentlich gar nicht möchte, weil es mir ähnlich geht, also beziehungsweise ähnlich ging, wenn mich jemand vollgespammed hat mit Zicknachrichten oder wenn man nicht geantwortet hatte, also die werden richtig penetrant aufdringlich und man wird nicht in Ruhe gelassen.
00:18:52: und wenn man vorher die Handynummer ausgetauscht hat, dann ist es nicht nur eine Nachricht oder zwei, drei, sondern da bekommt man keine Ahnung, fünf SMS, zehn Anrufe.
00:19:11: nur einen Tag nachdem Milena Lukas G auf dessen Befehl hin ihre Handynummer gibt und sie daraufhin in einem Messenger-Dienst chatten, fordert Lukas G sie auf, einen Video aufzunehmen, auf dem sie mit ihrem älteren Halbbruder Sex hat.
00:19:25: vehement macht Milena klar, dass es dazu auf keinen Fall kommen wird.
00:19:30: Lukas G. pocht außerdem weiter auf die Sugar der die Beziehung mit Milena.
00:19:35: Er bietet Milena hohe Geldsummen, damit er Sex mit ihr haben kann oder will für ein Dreier mit einer von Milenas Freundinnen und ihr bezahlen.
00:19:43: Ob Milena auf die Geldangebote eingeht oder nicht und ob sie für Bilder und Videos Geld von Lukas G. bekommen hat, kann später nicht festgestellt werden.
00:19:51: Der Cyberkriminologe, Prof.
00:19:53: Dr.
00:19:53: Thomas Gabriel Rüdiger, unterstreicht aber, dass Geldversprechungen im Zuge von Cyber grooming nicht ungewöhnlich sind.
00:20:00: Es gibt eine ganze Szene, die heißt Taschengeld Szene.
00:20:03: Das ist die Abkürzung TG Szene.
00:20:05: Das ist also eine Szene, wo Täter und Kinder Taschengeld anbieten für entsprechende Interaktionen.
00:20:14: Also die gibt es mit einer eigenen Begrifflichkeit, allein das zeigt ja schon, würde ich mal sagen, über was wir uns eigentlich unterhalten.
00:20:20: Egal, ob Taschengeldangebote, Täterinnen, die sich als Model-Scouts ausgeben oder bedrohen.
00:20:27: Laut Thomas Gabriel Rüdiger sind viele Vorgehensweisen der Täterinnen denkbar, um Bilder oder Handlungen von den Kindern zu bekommen.
00:20:35: Laut Thomas Gabriel Rüdiger sind viele Vorgehensweisen der Täterinnen denkbar, um Bilder oder Handlungen von den Kindern zu bekommen.
00:20:42: Ein weiterer Monat vergeht, in dem Milena mit Nachrichten von Lukas G. überflutet wird, auf die sie weiter kurz und einselbig antwortet oder ihm sogar schreibt, dass sie genervt von ihm ist.
00:20:52: Den Kontakt mit ihm bricht sie aber nicht ab.
00:20:55: Jasmin Scholl weiß selbst, wie schwierig es ist, als Opfer von Cyber grooming vom Täter loszukommen.
00:21:01: Sie erklärt, dass es nicht so einfach ist, wie man sich das als erwachsene, rational denkende Person vielleicht vorstellt.
00:21:07: Dafür gibt es verschiedene Gründe.
00:21:09: Und ... Dadurch, dass die Menschen, die auf der anderen Seite sitzen, das ja so manipulativ machen, ist es auch schwer zu erkennen, ob die Person ist ernst menn oder nicht.
00:21:20: Das ist ja wie so Fragen.
00:21:22: Wie geht es dir?
00:21:23: Wann hast du Schule aus?
00:21:25: Was hast du an, beziehungsweise was hast du an?
00:21:28: Da ist ja schon direkt Alarmsignal, aber so was wie, hast du schon einen Schlafanzug an?
00:21:32: Es ist schon so spät.
00:21:34: Wann gehst du denn ins Bett, dass man diese Fragen umschreibt, dass es im ersten Moment nicht auffällt und dass man, wenn man geantwortet hat, im Nachhinein denkt, Mist.
00:21:45: Auch wenn die Nachrichten, die Milena bekommt, offensiv und explizit sind und nichts verschleiern, baut Lukas Gehm mit der großen Menge Nachrichten, die er ihr schickt, einen unglaublichen Druck auf Milena auf.
00:21:57: Wenn sie nicht schnell oder ausführlich genug antwortet, prasselt sofort eine Flut an weiteren Nachrichten auf sie ein, in den sie bedroht und beschimpft
00:22:05: wird.
00:22:06: Und dann bekommt Milena eine Nachricht, mit der sie nicht gerechnet hat.
00:22:10: Lukas G. sei auf dem Weg zu ihr, um sich mit ihr zu treffen und um das einzufordern, was er schon von Anfang an will.
00:22:17: Sex.
00:22:18: Milena ist überrascht.
00:22:20: Sie hatte nicht gedacht, dass er jemals wirklich zu ihr kommen würde.
00:22:23: Es recht nicht ohne Ankündigung.
00:22:25: Er wohnt nicht in ihrer Nähe und bis jetzt haben sie doch nur Nachrichten ausgetauscht.
00:22:30: Weil Lukas G. Milenas genaue Anschrift nicht kennt, wartet er am Bahnhof ihres Heimatortes auf sie.
00:22:36: Aber Milena will sich auf keinen Fall mit ihm treffen.
00:22:39: Also sagt sie ihm, dass sie auf ihren Neffen aufpassen muss und deswegen keine Zeit hat.
00:22:44: Und das funktioniert.
00:22:45: Lukas G. fährt wieder nach Hause.
00:22:47: Aber seine Nachrichten an Milena hören nicht auf.
00:22:51: Einen Tag nach seinem Besuch schreibt er, dass er bald wieder kommen würde, um endlich mit ihr zu schlafen.
00:22:57: Wieder kann Milena sich herausreden, indem sie sagt, dass sie sich mit Corona angesteckt habe.
00:23:02: Als Milena immer noch kein Interesse an einem echten Treffen zeigt, droht Lukas G. erneut damit, sich umzubringen.
00:23:08: Er schreibt Milena, dass er sie in sein Testament aufnehmen wolle und ihr ihren Nachnamen benötige und falls sie nicht antworte, würde sie auch nie das versprochene Geld bekommen.
00:23:18: Obwohl Milena genervt ist und nichts mehr mit Lukas G. zu tun haben will, bricht sie unter dem Druck eines möglichen Suizids, an dem sie die Schuld sein könnte, zusammen und antwortet Lukas G. Immer mehr Nachrichten geben auf ihrem Handy ein, in denen Lukas G. sagt, dass er sie entjunkfern will, er Bilder und Videos von ihr einfordert.
00:23:37: Wenn Milena ihm sagt, dass sie keinen Kontakt mehr möchte und will, dass er sie in Ruhe lässt, droht Lukas G. erneut mit Suizid oder damit, dass er Milena oder ihrer Familie etwas antun wird.
00:23:49: Eine Drohkulisse, die auch Yasmin Scholl so ähnlich kennt.
00:23:52: Das heißt, wenn mir jemand sagt, wenn du etwas davon erzählst, werde ich dich umbringen, weil ich weiß, wo deine Schule ist.
00:24:02: Und wo du wohnst, dann ist für mich klar, okay, wenn ich das jemanden erzähle.
00:24:06: der wird das machen.
00:24:07: Wenn jemand sich mit mir getroffen hat, hat es völlig ausgereicht zu sagen, wer du erzählst ist einem, weil mich das dann wieder daran erinnert hat.
00:24:19: Oder weil ich gedacht habe, weil, wenn ich das jetzt wirklich jemandem erzähle, die Konsequenz daraus ist, dass es noch schlimmer wird.
00:24:27: Und das hat sich sehr, sehr, sehr, sehr lange durch mein Leben gezogen.
00:24:32: Wenn sie nicht antwortet oder schreibt, dass sie keinen Kontakt mehr möchte oder ihr die Masse an Nachrichten zu viel sei, verschärft sich das Vorgehen von Lukas G. Ca.
00:24:44: zehn Wochen nach dem ersten Kontakt bekommt Milena eine Nachricht von einer ihr unbekannten Nummer.
00:24:50: Die Person, die schreibt, sagt, er sei ein Henker und Lukas G. habe ihn beauftragt.
00:24:55: Er schreibt, dann mache ich das, was mein Kumpel eigentlich machen wollte.
00:24:59: Deine Eltern nächste Woche umbringen.
00:25:01: Lass mich auch mal meinen Spaß haben.
00:25:03: Mein Spaß habe ich beim Umbringen von Menschen.
00:25:06: Hinter dieser Nachricht steckt Lukas G. selbst.
00:25:10: Neben den Gewaltandrohungen hat Lukas G. noch ein weiteres Druckmittel gegen die dreizehnjährige Milena in der Hand.
00:25:16: Die Chats und Nacktbilder, die sie ihm zu Beginn ihrer Konversation geschickt hatte.
00:25:21: Falls Milena ihm nicht mehr antwortet, müsse sie laut Lukas G.s Nachrichten damit rechnen, dass er den Nachrichtenverlauf und alle Bilder an ihren Vater schickt.
00:25:30: Wenn man in dieser Situation ist, der vielleicht auch was gegen einen in der Hand hat, zum Beispiel Nacktfotos, ist da ganz viel Angst verbunden und Scham.
00:25:40: Und dann löst es aus in einem, dass man einknickt, weil man sagt, okay, ich merke, ich schaffe das nicht, daraus zu kommen.
00:25:51: Und ich gebe jetzt auf.
00:25:53: So ähnlich wie es Yasmin Scholl erzählt, geht es auch Milena.
00:25:56: Sie gibt auf.
00:25:58: Die Drohkulisse, die Tausende Nachrichten, das alles setzt ihr zu.
00:26:02: Im Alltag wird sie immer zurückhaltender und zieht sich in ihr Zimmer zurück, wo sie ab jetzt den Großteil ihrer Freizeit verbringt.
00:26:09: Freundinnen und Familie werden später sagen, Milena habe in dieser Zeit niedergeschlagen und antriebslos gewirkt.
00:26:15: Es ist der zwanzigste Juli, als Milena mal wieder eine der unendlichen Drohnachrichten von Lukas G. abspielt.
00:26:23: Doch dieses Mal wird es nicht bei einer Drohung bleiben.
00:26:30: Wolltest du mir heute was
00:26:31: schicken?
00:26:32: Andernfalls glaubt
00:26:33: mir, ich fick dich morgen.
00:26:34: Ich mach das.
00:26:35: Ich fick dich morgen.
00:26:36: Wenn du mich heute
00:26:37: nicht horny machst, ich fick dich morgen.
00:26:44: Es ist der einundzwanzigste Juli, zwei tausendreinzwanzig.
00:26:47: Eintag später.
00:26:49: Milena packt ihre Sachen zusammen, als die Klingel schrill durch die Schule halt und den Schultag für sie beendet.
00:26:55: Nächste Woche fangen die Sommerferien an und heute will ihre Mutter mit ihr und ihrem Bruder Schuhe kaufen gehen.
00:27:00: Also macht sich Milena auf dem Weg nach Hause.
00:27:03: Als sie auf dem Heimweg ihr Handy checkt, sieht sie, dass Lukas G. immer wieder eine Nachricht geschrieben hat.
00:27:09: Milena überrascht das nicht.
00:27:11: Immerhin hat er sie in den letzten drei Monaten mit Nachrichten bombardiert.
00:27:16: Allein im letzten Monat haben sie fourtausendzweihundertsechzig Nachrichten ausgetauscht.
00:27:21: Der Großteil kommt von Lukas G.
00:27:23: Seine letzte Nachricht hat er heute um dreizehn uhr vierundzwanzig geschickt.
00:27:27: Er schreibt, dass Milena sich melden soll, sobald sie Schulschluss habe.
00:27:31: Als sie ihm antwortet, schreibt er, dass er gerade auf der Autobahn sei.
00:27:35: Er sei auf dem Weg zu ihr, um sich endlich mit ihr in echt zu treffen.
00:27:39: Milena ist überfordert.
00:27:41: Er hat vorher überhaupt nicht Bescheid gegeben, dass er kommt.
00:27:44: Sie denkt, vielleicht ist er gekommen, um ihr endlich das Geld zu geben, dass er ihr im Austausch für die Nacktbilder versprochen hat.
00:27:50: Als Milena, zwanzig Minuten später nach Hause kommt, ist nur ihr Bruder da.
00:27:55: Ihre Mutter muss noch auf der Arbeit sein.
00:27:57: Milena telefoniert mit ihrer Mutter, was genau sie besprechen, ist nicht bekannt.
00:28:01: Vielleicht planen sie den Nachmittag, vielleicht hat Milena ihr von Lukas G erzählt und davon, dass auf dem Weg zu ihr ist.
00:28:07: Jedenfalls fängt sie an zu weinen.
00:28:09: Auch wie Milena die nächsten zwei Stunden verbringt, wissen wir nicht.
00:28:13: Aber gegen sechszehn Uhr schreibt sie einem Freund, dass sie sich mit dem achtentzwanzigjährigen Lukas G treffen werde.
00:28:20: Wohin gehst du?
00:28:21: Zu einem Typ, der gibt
00:28:22: mir Geld.
00:28:23: Für was?
00:28:25: Ja, hab ihm Bilder geschickt
00:28:26: und so und hab gesagt,
00:28:27: dass ich keinen Bock auf ihn habe und jetzt gibt er mehr Geld.
00:28:29: Weißt du, mit dem Ficken?
00:28:31: Nee.
00:28:34: Obwohl Milena, Lukas G, die geforderten Nacktbilder von sich geschickt hat, hat sie in den letzten Monaten nur mehr Nachrichten bekommen, in denen Lukas G sie auffordert, ihm noch mehr und noch explizitere Bilder und Videos zu schicken.
00:28:46: Die dreizehnjährige Milena glaubt in diesem Moment daran, dass Lukas G zu ihr fährt, um ihr das Geld zu geben.
00:28:52: Milena schreibt ihrem Freund zwar, dass sie sich mit Lukas G trifft, Aber eigentlich will sie ein Treffen vermeiden.
00:28:58: Sie versucht, andere Möglichkeiten für die Geldübergabe zu finden, schlägt ihm unter anderem vor, dass er das Geld in ihren Briefkasten schmeißen soll und sagt, dass es ihr nicht gut ginge und sie mit ihrer Mutter dringend zum Arzt müsse.
00:29:10: Aber Lukas G. lässt nicht locker und droht ihr, dass er Milenas Eltern von den Nachrichten und Bildern erzählen werde, wenn es nicht zu einem Treffen kommen würde.
00:29:19: Dass Lukas G. sich selbst belasten würde, wenn er ihren Eltern erzählen würde, dass die dreizehnjährige ihm dem achtundzwanzigjährigen Mann Nacktbilder auf seine Aufforderung hingeschickt hat, scheint Milena in diesem Moment nicht klar zu sein.
00:29:32: Über Wochen hat er ihr gegenüber eine Drohkulisse aufgebaut, aus der Milena nun glaubt, nicht mehr entkommen zu können.
00:29:39: Unter dem Druck, dass Lukas G. sich in der unmittelbaren Nähe ihres Zuhauses und damit auch ihre Eltern befindet, und den ständigen Drohungen stimmt Milena, also schließlich zu, sich mit Lukas G. zu treffen und schreibt,
00:29:56: Gegen die Uhr, schließt Milena die Tür hinter sich.
00:30:00: Ihre Mutter, die mittlerweile von der Arbeit nach Hause gekommen ist, steht vor dem Haus.
00:30:05: Die Tür und das Auto soweit geöffnet, um die vom heißen Sommerwetter aufgewärmte, stickige Luft aus dem Auto zu lassen, bevor sie gemeinsam in die Stadt fahren wollen, um Schuhe zu kaufen.
00:30:16: Milena gibt ihrer Mutter Bescheid, dass sie vorher schnell noch was erledigen müsse.
00:30:20: In der Hand hat sie einen Begen kaputzen Pullover, den sie einem Mitschüler vorbeibringen wolle.
00:30:25: So sagt sie es zumindest ihrer Mutter.
00:30:30: Aber Milena macht sich nicht auf den Weg zu ihrem Mitschüler.
00:30:33: Stattdessen läuft sie fünfzehn Minuten zum verabredeten Treffpunkt, wo Lukas G. in seinem Auto auf sie wartet.
00:30:40: Milena öffnet die Tür und steigt ein.
00:30:43: Lukas G. startet den Wagen und fährt mit Milena im Auto los.
00:30:48: Es ist denkbar, dass Milena in diesem Moment klar wird, dass Lukas G ihr nicht das Geld geben wird und sie wieder gehen lässt.
00:30:55: Vielleicht hat sie gehofft, dass er sie in der Nähe ihres Zuhauses absetzen würde.
00:30:59: Was wir mit Sicherheit sagen können, ist, dass Milena nur drei Minuten nach dem Lukas G losfährt, eine Nachricht an ihre Mutter schreibt.
00:31:08: Darin steht nur ein Wort.
00:31:09: Mama.
00:31:17: Die Nachricht kann nicht gesendet werden.
00:31:19: Milenas Handy hat keine SIM-Karte.
00:31:21: Deswegen hat sie keine Verbindung und ist darauf angewiesen, dass sie von jemandem einen Hotspot bekommt oder ein öffentliches WL annutzen kann, um Nachrichten zu verschicken oder telefonieren zu können.
00:31:32: Lukas G fährt das Auto nicht weit, bis er in der Nähe einer Feldfläche
00:31:36: hält.
00:31:36: Was genau dort passiert, wird aus dem späteren Urteil nicht klar, aber Milena und Lukas G halten sich mindestens eine Stunde dort auf.
00:31:45: In dieser Zeit schickt Milena über einen Hotspot von Lukas G eine Nachricht an ihren Bruder.
00:31:50: Sie schreibt, dass sie gleich nach Hause kommen, wo genau sie sich befindet, teilt sie aber nicht mit ihm.
00:31:56: Dann macht sie noch zwei Fotos von Lukas Gs Auto, die sie auf ihrem Handy speichert.
00:32:01: Milena hat Angst und macht diese Fotos zur Sicherheit.
00:32:04: Falls sie etwas passieren sollte oder sie später zur Polizei gehen würde, könnte sie so nicht nur einen Anhaltspunkt auf Lukas Gs Identität geben, sondern auch einen Beweis dafür haben, dass sie in seinem Auto gefahren ist.
00:32:16: Aber sie schickt die Fotos niemandem.
00:32:19: Wenn Milena daran geglaubt hat, dass Lukas G sie wieder nach Hause bringt und sie bald wieder bei ihrem Bruder und ihrer Mutter sein kann, wird diese Hoffnung nur kurze Zeit später zerstört.
00:32:29: Nachdem Lukas G mehrmals das Auto wendet und in Richtung von Milenas Heimatort fährt, schlägt er gegen neunzehn Uhr, zwei Stunden nachdem Milena an das Auto gestiegen ist, die Route weg von ihrem Zuhause ein, in Richtung seiner
00:32:42: Heimat.
00:32:44: Fast fünf Stunden dauert die Fahrt in die circa dreihundertzwanzig Kilometer entfernte Stadt.
00:32:49: Am Fenster des Beifahrersitzes ziehen die Felder und Landschaften vorbei, während die Sonne langsam untergeht.
00:32:56: Zweimal hält Lukas G. an, unter anderem umzutanken.
00:32:59: Um Milena daran zu hindern, Hilfe rufen zu können, nimmt Lukas G. Milenas Handy mit, als er das Benzin bezahlt.
00:33:06: Als Milena es gegen halb elf trotzdem schafft, drei Nachrichten an ihre Mutter zu schreiben, ahnt sie nicht, dass dies ihre Letzten sein werden.
00:33:15: Mama,
00:33:15: mach dir keine Sorgen, es ist alles gut.
00:33:17: Ich bin morgen früh wieder
00:33:18: da, hab dich lieb.
00:33:20: Auch diese Nachricht kann wegen der fehlenden Sim-Karte nicht abgeschickt werden.
00:33:26: Milena's Mutter macht sich natürlich Sorgen und hat schon eine Stunde, bevor Milena die Nachricht schreibt, eine Vermisstenanzeige bei der Polizei aufgegeben.
00:33:35: In ihrer Heimat wird seitdem nach der Dreizehnjährigen gesucht.
00:33:39: Aber Milena ahnt von all dem nichts, als das Auto von Lukas G nach Mitternacht eine Ausfahrt von der Autobahn nimmt und dann über eine dunkle Landstraße rauscht.
00:33:50: Gegen Nullort Reißig hält das Auto ein letztes Mal.
00:33:54: Als Milena aus dem Fenster schaut, sieht sie einen dunklen Wald vor sich und eine Holzbank, die am Straßenrand der kleinen Verbindungsstraße steht, auf der Lukas G das Auto am Seitenrand geparkt hat.
00:34:06: Was genau in den nächsten drei Stunden auf dieser Holzbank passiert, könnte nicht festgestellt werden.
00:34:12: Die Staatsanwaltschaft führt später vor Gericht zwei mögliche Tatheggänge auf, was mit Sicherheit gesagt werden kann.
00:34:19: Lukas G. zwingt Milena aus dem Auto zu steigen und zur Bank zu gehen.
00:34:23: Er schneidet mit einem Cuttermesser, das er mitgebracht hat, ihre schwarze Leggons und ihre Unterwäsche
00:34:28: auf.
00:34:29: Milena liegt mit dem Rücken auf der Bank, als sich der fünfzehn Jahre älterer und fünfzig Kilogramm schwerere Mann auf sie legt und beginnt sie zu wirken.
00:34:39: Milena wird die Luft abgeschnürt, während das Holz der Bank sich gegen ihren Rücken
00:34:43: drückt.
00:34:45: Die Nachricht an ihre Mutter, in der sie ihr schreibt, dass sie morgen wiederkomme und sie sich keine Sorgen machen solle, kann immer noch nicht gesendet werden, als Milena nach wenigen Minuten erst ihr bewusst sein und dann ihr Leben verliert.
00:35:07: Milena stirbt in dieser Nacht.
00:35:09: Sie wird getötet von einem Täter, der alles daran gesetzt hatte, Macht über sie ausüben zu können.
00:35:15: Er ist über das Zusenden der Nacktbilder, über das er sie emotional erpressen konnte.
00:35:20: Dann die vollkommene physische Isolation, indem er sie in seinem Auto entführte.
00:35:25: Lukas G. tötet Milena.
00:35:27: Er tötet sie, um seine sexuelle Befriedigung über das Leben der Dreizehnjährigen zu stellen.
00:35:34: Auch wenn es einfach wäre, die Naivität der betroffenen Kinder und Jugendlichen zur Begründung heranzuziehen, für Taten wie die gegen Milena, muss man sich laut Jasmin Scholl, die selbst von CyberGrooming betroffen war, vor allem eine Frage stellen.
00:35:48: Warum sucht ein erwachsener Mann, eine erwachsene Frau, ein erwachsener Mensch?
00:35:53: Warum sucht ein erwachsener ein Kind auf, mit der Absicht ist, zu was brauchen?
00:35:58: Professor Dr.
00:35:59: Thomas Gabriel Rüdiger, der Leiter des Instituts für Cyberkriminalologie der Polizei Hochschule Brandenburg, fordert schon seit längerem, dass mehr für die Sicherheit von Kindern und Jugendlichen im Netz getan wird.
00:36:11: Er sieht neben den TäterInnen vor allem drei Akteure in der Verantwortung, wenn es um die Sicherheit von Kindern und Jugendlichen im Netz geht.
00:36:19: Eltern, Schulen und die Polizei.
00:36:22: Laut ihm müssen die Eltern Wissen vermitteln, ähnlich wie es sie auch im Straßenverkehr tun.
00:36:27: Geh nicht bei Rot über die Ampel, schau nach links und nach rechts, bevor du über die Straße gehst und spreche nicht mit Fremden, auch nicht im Internet.
00:36:35: Wir brauchen digitale, kompetente Eltern, die dieses Wissen vermitteln können, die also wissen, dass es im Netz Leute gibt, die Nacktbilder von ihren Kindern wollen.
00:36:43: Wenn es dir unangenehm ist, deinem siebenjährigen Kind zu vermitteln, dass es im Netz Leute gibt, die Nacktbilder von ihnen wollen.
00:36:49: Dann ist es auch zu früh für ein Smartphone.
00:36:52: und dann für den freien Zugang ins Netz.
00:36:54: Aber das Wissen müssen die Eltern haben.
00:36:56: Die müssen ja erst mal wissen, dass es das gibt.
00:36:58: Sonst können sie es ja nicht vermitteln.
00:37:00: Der Cyberkriminologe kann sich verschiedene Mittel vorstellen, die zur Kompetenz der Eltern beitragen.
00:37:05: Zum Beispiel in Form von kurzen Clips, mit denen man direkt auf Social Media oder auch auf Streamingdiensten aufklärt.
00:37:12: Eine ähnliche Kampagne gab es schon vor zwanzig Jahren von der Organisation ClickSafe.
00:37:17: In dem einminütigen Video klingelt es immer wieder an der Tür eines Familienhauses.
00:37:22: Als eine Frau aufmacht, stehen vor ihr verschiedene personifizierte Gefahren aus dem Internet.
00:37:29: Radikalisierende Inhalte in Form einer Gruppe von Skinheads, sexualisierte Inhalte als ein Produktionsteam eines Pornos und Gewalt in Form einer Figur aus einem Shooterspiel.
00:37:40: Alle fragen die Frau nach ihrem Sohn Klaus.
00:37:42: Und die Frau, Klaus' Mutter, lässt alle Personen einfach zu ihrem Sohn durch.
00:37:47: Das Video endet mit einem Aufruf.
00:37:49: Im wirklichen Leben würden sie ihre Kinder schützen.
00:37:52: Dann machen sie es doch auch im Internet.
00:37:54: Thomas Gabriel Rüdiger ist es wichtig zu betonen, dass Eltern, falls sie Chats mit Nacktbildern oder anderen sexuellen Inhalten ihrer Kinder finden sollten, sie diese auf keinen Fall als Beweis screenshotten oder sich selbst schicken sollten.
00:38:08: Er rät zwar unbedingt zur Anzeige, um zukünftige oder weitere Opfer zu verhindern, mit den Screenshots aber, mache man sich selbst der Erstellung und den Besitz von kinderpornografischem Material strafbar.
00:38:19: Stattdessen solle man mit den Chats direkt zur Polizei gehen, wo Beamtinnen die Beweise fachgerecht sichern können.
00:38:26: Neben der Bildung der Eltern spielt auch die digitale Bildung in Schulen eine wichtige Rolle.
00:38:30: Die International Computer and Information Literacy Study untersucht alle fünf Jahre im internationalen Vergleich digitale Kompetenzen von acht Klasselerinnen.
00:38:47: im Umgang mit Medien und dem Internet verfügen.
00:38:50: Der Cyberkriminologe erklärt, dass digitale Bildung in deutschen Schulen in den letzten Jahren mehr als nur zu kurz gekommen sei und dass mehr Medienkompetenz in den Schulen unterrichtet werden müsse.
00:39:01: Aber auch das würde nicht reichen.
00:39:04: Das heißt nicht, dass wenn wir digitale Bildung machen und die Kinder darüber aufklären, dass es dieses Phänomen gibt, dass das bedeutet, ein Kind kann auf Augenhöhe mit einem Sexualität oder einer Sexualitäterin kommunizieren und dass sie in der Lage wäre, das zu diese Mechanismen auszugleichen.
00:39:16: Ja, dafür muss es trotzdem noch Schutzmaßnahmen geben.
00:39:19: Diese Täter müssen rausgeholt werden.
00:39:20: Digitale Bildung ist nur dafür gedacht, für die Reste, was der Staat zu an Tätern und Tätern nicht kriegt, dann damit vielleicht noch klarzukommen.
00:39:28: Und selbst das passiert nicht.
00:39:29: Ein Problem liegt für den Experten in der nicht vorhandenen Sichtbarkeit der Polizei im Netz.
00:39:35: Während die Ordnungshüter in der deutschen Öffentlichkeit auf Straßen unterwegs sind, präsent sind, ansprechbar sind oder Bürgerinnen jederzeit in eine Polizeivache gehen können, um Anzeige zu erstatten, sei das laut Thomas Gabriel Rüdiger online nicht der Fall.
00:39:49: Zwar gäbe es teilweise Social Media Accounts der Polizei, diese sind aber online nicht ansprechbar.
00:39:54: Auf dem Instagram-Profil, der Berliner Polizei beispielsweise steht, keine Notrufe, keine Anzeige.
00:40:00: Im Notfall, eins, eins, null.
00:40:02: Kein, vierundzwanzig, sieben.
00:40:04: Möglichkeiten für eine Online-Anzeige seien laut dem Cyberkriminalogen Thomas Gabriel Rüdiger meist kompliziert.
00:40:11: Besonders für Kinder und Jugendliche gibt es große Hürden dabei, sich online an die Polizei zu wenden.
00:40:17: Angebote, die auf Kinder und Jugendliche angepasst sind, seien selten.
00:40:21: Er fordert daher eine Online-Wache, die auf Kinder und Jugendliche angepasst
00:40:25: ist.
00:40:26: Während man auf der Straße im Notfall, also den Notruf wählen oder Beamten ansprechen kann, ist das Online nicht möglich.
00:40:33: Und auch die ständige Präsenz auf der Straße durch Streifenwagen, mit der die Polizei möglichen Täter innen signalisiert, dass der Staat für die Sicherheit sorgt, sei Online nicht gegeben.
00:40:43: Meine These, mit der ich in letzter Zeit auch versuche zu vertreten ist, dass die Sicherheitsbehörden im Prinzip nie ein Interesse an einer Interaktivität und Präsenz im digitalen Raum hatten, weil sie nämlich mit der Masse der Delikte, die dort stattfinden, eigentlich gar nicht klarkehnt.
00:40:58: Durch die Masse der Taten, die fehlende Präsenz und die dadurch fehlenden Konsequenzen für Straftaten, würden Täter in ihr eigenes Verhalten als zunehmend normal wahrnehmen.
00:41:08: Quasi nach dem Motto, wenn niemand anderes dafür bestraft wird, kann es so schlimm nicht sein.
00:41:14: Aus diesen Gründen sei es maßgeblich, die Präsenz der Polizei im Internet zu verstärken, um Taten wie die gegen Milena zu verhindern.
00:41:21: Thomas Gabriel Rüdiger fordert deswegen, dass es eine Online-Streife geben sollte.
00:41:26: Für ihn bedeutet das, dass die Polizei aktive Accounts auf verschiedenen Plattformen bekommt.
00:41:32: Und dort werden sie jetzt ansprechbar.
00:41:33: Und wenn sie sie jetzt ansprechen, reagieren die auch.
00:41:35: Die warten nicht darauf, dass da ein Hundert Nachrichten sind oder so, sondern die reagieren, so als wenn sie auf der Straßenpolizisten ansprechen.
00:41:41: und stellt sich mal vor, da wäre ein Chatroom, wo die Sexualtäter unterwegs sind in Massen.
00:41:46: Und auf einmal gibt es dort einen verifizierten Account der Polizei, der schreibt rein, wir sind hier auch unterwegs, wir schauen uns das alles an.
00:41:53: Was meinen Sie, wie das die Täter und Täterinnen verunsichern würde?
00:41:57: Thomas Gabriel Rüdiger kann sich außerdem vorstellen, dass Profile, die beispielsweise gesperrt werden, auch entsprechend gekennzeichnet werden und die Arbeit der Polizei so mit sichtbarer wird.
00:42:07: oder das Beamtinnen sich als Kinder ausgeben und so Täter-Innen überführen.
00:42:11: Aber auch, wenn in Deutschland alle Forderungen umgesetzt und die Online-Polizeiarbeit weiter ausgebaut werden würde, um sie auf ein ähnliches oder gleiches Level wie auf den Straßen zu bringen, würde ein Problem bestehen bleiben.
00:42:24: Da könnte es doch gut sein, dass der deutsche Täter gleichzeitig in mit einem Mausklick oder mit einem Job-Click einen Kind in Österreich anspricht, einen Kind in Australien.
00:42:32: Da haben wir doch auch ethisch gesehen, gar nichts gewonnen.
00:42:35: weil dann einfach der Täter ein anderes Kind missbraucht.
00:42:37: Eigentlich müssten wir über globale Mechanismen und Schutzmaßnahmen diskutieren.
00:43:10: Eine Zeit lang sitzen die Menschen still am Tisch, ab und zu ist ein Räuspern zu hören oder das Klicken einer Fotokamera.
00:43:17: Dann beginnt ein Mann, der rechts außen am Tisch sitzt, zu sprechen.
00:43:21: Er begrüßt die anwesenden Journalistinnen zur Pressekonferenz und stellt die Personen vor, die mit ihm am Tisch sitzen.
00:43:28: Vertreterinnen der Staatsanwaltschaft, des Polizeipräsidiums und des Landeskriminalamtes haben Platz genommen, um gemeinsam über den Ermittlungsstand zum Fall Milena zu informieren.
00:43:38: Zu Beginn
00:43:39: unserer Pressekonferenz darf ich stellvertretend
00:43:42: für uns alle hier vorne zunächst an die verstorfenen
00:43:46: Denken.
00:43:49: Unsere tiefe
00:43:50: Anteilnahme
00:43:51: gilt vor allem
00:43:52: ihren Eltern,
00:43:53: den Geschwistern, ihren Familienangehörigen und ihren
00:43:57: Freundinnen und Freunden.
00:44:01: Die Kolleginnen und Kollegen
00:44:02: der Polizei,
00:44:03: aber auch die Angehörigen
00:44:04: der Blaulichtfamilie
00:44:06: haben alles versucht.
00:44:07: Seit dem Wochenende haben wir aber die traurige Gewissheit,
00:44:11: dass wir einen
00:44:12: Todesfall aufzuklären
00:44:14: haben.
00:44:15: Die SprecherInnen beginnen die anwesenden JournalistInnen über die letzten Tage und den aktuellen Ermittlungsstand aufzuklären.
00:44:22: Milenas Leiche wurde nach intensiver Suche in einem See ca.
00:44:26: dreihundertzwanzig Kilometer von ihrem Heimatort entfernt gefunden.
00:44:30: Es gibt auch einen Tatverdächtigen, dessen Wohnung bereits durchsucht wurde, wobei Kleidung von Milena sowie sein Handy mit den Nachrichten und anderen Beweismaterial sichergestellt werden konnte.
00:44:42: Lukas G. wurde bereits einen Tag, nachdem Milenas Leiche gefunden wurde, von der Polizei festgenommen.
00:44:48: Im September, ein Jahr nach dieser Pressekonferenz muss sich Lukas G. wegen Tötung, versuchter Vergewaltigung, Entziehung minderjähriger, Nötigung und Besitzbeschaffung kinderpornografischer Inhalte vor Gericht verantworten.
00:45:02: Während des Prozesses wird klar, Milena war nicht das einzige Cyber-Grooming-Opfer von Lukas G. Und er wurde bereits mit fünfzehn Jahren wegen Kindesmissbrauchs, versuchter Vergewaltigung und gefährlicher Körperverletzung verurteilt.
00:45:16: Während als Jugendlicher seine Strafe in einer psychiatrischen Klinik absaß, fiel er unter anderem dadurch auf, dass er offen vor anderen Personen unernierte, Unterwäsche von Mitpatienten klaute oder sie beim Duschen beobachtete.
00:45:30: In dieser Zeit musste Lukas G. auch einen Sexualtrieb hemmendes Medikament einnehmen, nachdem er erneut von einem Mitpatienten der Vergewaltigung beschuldigt, dieses Mal aber nicht verurteilt wurde.
00:45:41: Nach seiner Entlassung aus der Klinik lebte Lukas G. in einer betreuten Wohnanlage und wurde seitdem von der Zentralstelle zur Überwachung rückfallgefährdeter Sexualstraftäter überwacht.
00:45:52: Diese Überwachung dauerte bis zum XXV.
00:45:54: Januar.
00:45:57: Ca.
00:45:57: drei Monate, bevor Milena die erste Nachricht von Lukas G. bekommen hat.
00:46:02: Noch in der Zeit der Aufsicht wird Lukas G. insgesamt neunmal angezeigt.
00:46:06: Alle Anzeigen beziehen sich auf Sexualdelikte.
00:46:09: Lukas G. ist seit seiner Entlassung aus dem Maß-Regelvollzug auf verschiedenen Social-Media- und Dating-Profilen unterwegs.
00:46:17: Insgesamt nutzt er laut Urteil mehr als fünfundzwanzig verschiedene Kanäle, mit dem Ziel, Kontakte mit Frauen und Mädchen zu knüpfen, um Sex mit ihnen zu haben.
00:46:26: Neben Milena schreibt Lukas G. auch mit anderen jungen Mädchen, die später als Zeugenen aussagen.
00:46:32: Auch ihn droht er und fordert sie auf, ihm Nacktbilder oder Videos zu schicken.
00:46:36: Sogar unmittelbar, nachdem er Milena getötet hat, schickt er einer siebzehnjährigen ein Video von sich, wie er masturbiert.
00:46:43: Ihr erzählt er auch, dass er das dreizehnjährige Mädchen, das vermisst wurde, mitgenommen und, in seinen Worten, weggefickt habe.
00:46:51: Professor Dr.
00:46:52: Thomas Gabriel Rüdiger, der Leiter des Instituts für Cyberkriminologie an der Polizeihochschule des Landes Brandenburgs ist, hat uns erklärt, dass es bei TäterInnen im Bereich von Cybergrooming immer auch um ein Machtgefühl geht.
00:47:05: Der Cyberkriminologe unterscheidet die TäterInnen dabei in zwei Gruppen, die Intimitäts- und die hypersexualisierten TäterInnen.
00:47:13: Die IntimitätstäterInnen setzten darauf, echte Missbrauchsbeziehungen herzustellen und Vertrauen zu ihren Opfern zu gewinnen.
00:47:21: Ihr Ziel sei es, sich mit den Betroffenen zu treffen.
00:47:24: Das Problem bei diesen Tätern ist, wenn der erfolgreich ist, dann empfinden oder dann kämpfen viele oder sind Kinder in so eine emotionale Abhängigkeit drinne, dass sie es teilweise nicht als Missbrauch für sich definieren.
00:47:36: Thomas Gabriel Rüdiger erklärt, dass dieser Täter in den Typ vergleichsweise selten vorkommt.
00:47:41: Denn das Aufbauen einer Beziehung zu den Opfern und das potenzielle Reisen, das mit den Treffen verbunden ist, würde viel Zeit und Ressourcen in Anspruch nehmen.
00:47:51: Im Gegenzug dazu stünden die hypersexualisierten TäterInnen deren primäres Zielen nicht die Treffen, sondern Bild- und Videomaterial sein.
00:47:59: Und mit diesen Bildern und Videos werden die Kinder typischerweise erpresst zu immer weiteren Handlungen.
00:48:05: Oder die machen das freiwillig und dann hat er das einfach so gesammelt und wartet nur auf den Moment, wo sie es nicht mehr machen, dann werden sie erpresst.
00:48:12: Und diese Täter haben teilweise hunderte von Opfern.
00:48:15: Obwohl Lukas G. auch zum Ziel hat, sich mit den Mädchen, die er anschreibt, zu treffen, steht bei ihm laut Gericht vor allem die sexuelle Befriedigung im Vordergrund.
00:48:25: Immer wieder fordert er ein neues sexuelles Material seiner Opfer ein, schickt Videos, auf denen er sich selbst befriedigt, sein Irrigithapenis zu sehen ist oder drängt darauf, sich mit den Mädchen zu treffen, um Sex zu haben.
00:48:37: Um eine Beziehung, in der er Vertrauen zu den Mädchen aufbaut, geht es ihm nicht.
00:48:41: Stattdessen droht er mit Gewalt oder damit Schätz und Bilder zu veröffentlichen oder den Eltern Bescheid zu geben.
00:48:49: Im September, wird Lukas G. wegen Mordes in Tat einheit mit versuchter Vergewaltigung, Entziehung minderjähriger, Nötigung und Fahren ohne Fahrerlaubnis sowie in Tat Mehrheit der Besitzbeschaffung kinderpornografischer Inhalte schuldig gesprochen und zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt.
00:49:08: Außerdem wird die besondere Schwere der Schuld festgestellt und somit eine Sicherheitsverwahrung angeordnet.
00:49:15: Lukas G.s Anwalsteam legt Berufung gegen das Urteil ein.
00:49:19: Aber der Bundesgerichtshof bestätigt das Urteil gegen Lukas G. bis auf einen Punkt, die Beschaffung kinderpornografischer Inhalte.
00:49:27: Denn seit der Verurteilung von Lukas G. wurde das Gesetz, genau gesagt, das Strafmaß angepasst.
00:49:32: Seit Anfang des Jahres-Zw.w.
00:49:35: wird die Strafe zum Tatbestand der Besitzbeschaffung kinderpornografischer Inhalte gegen Lukas G. erneut am Gericht verhandelt.
00:49:42: Das neue Strafmaß könnte auch Auswirkungen auf die angeordnete Sicherheitsverwahrung haben.
00:49:48: Zum Zeitpunkt dieser Aufnahme gibt es dazu noch kein Ergebnis.
00:50:20: Um Taten wie die gegen Milena oder Jasmin zu verhindern, müssen nicht nur Kinder und Jugendliche besser über die Gefahren im Internet aufgeklärt werden, auch die Politik muss sich dem Thema der Sicherheit im Netz mehr annehmen.
00:50:33: Um gegen Cyber-Grooming stärker vorzugehen, aber auch um andere Straftaten wie unerwünschte Dickpicks oder Revenge-Porn zu verhindern.
00:50:41: Jasmin Scholl hat es geschafft, sich aus den Manipulationen, der Drohkulisse und dem sexuellen Missbrauch zu lösen.
00:50:48: Ich habe nie aufgegeben, obwohl es oft der Gedanke war, aufzugeben, weil ich wirklich nicht mehr konnte.
00:50:56: Aber irgendwas hat gesagt, nein, du darfst nicht aufgeben.
00:50:58: Bis heute kämpft sie gegen TäterInnen
00:51:01: an,
00:51:02: indem sie SchülerInnen aufklärt und in den Medien öffentlich über das spricht, was ihr angetan
00:51:08: wurde.
00:51:27: Sie hat sich von ihrem besitz ergreifenden Ex-Partner Samia A. getrennt.
00:51:31: Sie hat ihn angezeigt, sie hat einen Ernährungsverbot erwirkt.
00:51:35: Trotzdem lauert er ihr am XXIII.
00:51:38: Juli auf.
00:51:39: Natjas Fall erzählen wir in der nächsten Folge.
00:51:41: Wir freuen uns, wenn ihr uns unter dieser Folge in der Podimo-App Feedback dalasst.
00:51:49: Oder ihr könnt uns auch gerne eine E-Mail schreiben an zwölfleben.podimo.gmail.com.
00:51:55: Die Mail findet ihr auch in unserer Folgenbeschreibung.
00:52:05: Zwölf Leben, Verbrechen an Frauen, ist ein Podcast von Podimo.
00:52:10: Wir sind Helen Schulte.
00:52:11: Und Massimo Majo.
00:52:13: Autoren dieser Folge, Katharina Frebel.
00:52:16: Schnitt und Sound, Frieda Maurer und Luca Satori.
00:52:20: Ausführende Produzentin, Madeline Petri.
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