#56 Änne: “Schwachsinnig”
Shownotes
Diese Folge ist schon vor Monaten in der Podimo App veröffentlicht worden.
In der Podimo App findet ihr schon jetzt 60 kostenlose Folgen, die ihr ganz ohne Anmeldung oder Abo hören könnt – Einfach nur die App öffnen und ‘12 Leben’ finden:
https://podimo.de/12leben
Zusätzlich zu den 60 kostenlosen Folgen findet ihr dort auch die neueste Staffel im Premium-Bereich.
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Deutschland, 1935: Anna “Änne” Lehnkering ist 19 Jahre alt, als ihr vor einem Erbgesundheitsgericht “angeborener Schwachsinn” attestiert wird. Die Folge: Zwangssterilisation – ein staatlich verordneter Eingriff, der ihr jede Chance auf Selbstbestimmung nimmt. Der erste Schritt einer Kette aus Stigmatisierung, Entrechtung und Entmündigung.
Diese Folge erzählt von Änne, von den Gewaltstrukturen hinter der NS-Zwangssterilisation und den „Euthanasie“-Morden – und vom langen Schweigen, das darauf folgte. Ihre Nichte Sigrid Falkenstein hat Ännes Geschichte recherchiert und in dieser Folge erzählt.
Außerdem spricht Historikerin Maria Fiebrandt darüber, wie Zwangssterilisationen im Nationalsozialismus als „medizinische Maßnahme“ legitimiert wurden – und welche Rolle geschlechtsspezifische Gewalt dabei spielte.
Ännes Geschichte ist auch in dem Buch “Annas Spuren - Ein Opfer der NS-”Euthanasie” zu lesen, geschrieben von ihrer Nichte Sigrid Falkenstein.
Triggerwarnung:
Diese Folge behandelt explizite Schilderungen von körperlicher Gewalt und Tötung. Bei Gewalterfahrungen findet ihr anonym und kostenfrei Unterstützung unter folgenden Nummern:
Hilfetelefon “Gewalt gegen Frauen”: 08000 116 016 (rund um die Uhr)
Telefonseelsorge: 0800 111 0 111 (rund um die Uhr)
Opfer-Telefon vom Weißen Ring: 116 006 (7-22h Uhr)
Mehr Infos bekommt Ihr auf der Homepage der Online Datenbank für Betroffene von Straftaten: www.odabs.org
Habt ihr Feedback? Dann könnt ihr uns eine E-Mail schreiben:
12leben.podimo@gmail.com
"12 Leben – Verbrechen an Frauen" ist ein Podcast von Podimo.
Hosts: Helen Schulte und Massimo Maio
Autorin dieser Folge: Kiana Lensch
Schnitt und Sound: Frieder Maurer & Luca Sartori (hipitch)
Ausführende Produzentin: Madeleine Petry
Transkript anzeigen
00:00:04: Liebe Anne, eines der schönsten Fotos von dir entsteht im Sommer, und du bist nun knapp siebzehn Jahre alt und setzt mit deiner Freundin Hedwig auf einer Bank im Hof deines Elternhauses.
00:00:19: Noch
00:00:19: liegt das Leben mit all seinen jungen Mädchenträumen vor euch.
00:00:24: Es ist herzerwärmend wie fröhlich und unbeschwert du in die Kamera lachst.
00:00:30: Vielleicht hast du gerade mit Hedwig über die Liebe getuschelt.
00:00:34: Ein schöner Gedanke, dass du vielleicht sogar verliebt bist.
00:00:38: Das Fotos strahlt nichts von der zunehmenden Gewalt aus, die sich außerhalb eures geschützten Gartens zusammenbaut.
00:00:47: Wie gut, dass du an diesem Tag nicht ahnst, wie sehr dein Leben bedroht ist.
00:00:55: Diese Folge behandelt explizite Schilderungen von körperlicher Gewalt und Tötung.
00:01:01: Wenn ihr Selbserfahrungen mit Gewalt gemacht habt oder Betroffene kennt, findet ihr Unterstützung beim Hilfe.
00:01:06: Telefon Gewalt gegen Frauen unter der Nummer one-seit-sechs-null-ein-sechs.
00:01:11: Weitere Informationen in den Shownotes.
00:01:17: Berlin, Oktober, zwei-tausend-drei.
00:01:20: Die siebenundfünfzigjährige Siegrit sitzt spät abends an ihrem Computer.
00:01:24: Sie recherchiert zu ihrer Familie, gibt den Namen ihrer Großmutter bei Google ein, Anna Lenkering.
00:01:30: Nur ein paar Sekunden später starrt sie fassungslos auf den Bildschirm.
00:01:34: Schockiert ließ Siegritt eines der Suchergebnisse.
00:01:38: Lehnkering, Anna, Ninzehundert, Fünfzehn, Null, Acht, Null, Zwei.
00:01:42: List of persons murdered by German medical doctors between Nineteen, Thirtynein und Nineteen, Forty-Eight.
00:01:51: Siegritt ist irritiert.
00:01:52: Das kann nicht ihre Großmutter sein.
00:01:54: Sie hat sie doch selbst noch kennengelernt.
00:01:56: Aber kein Zweifel.
00:01:58: Auf dieser Liste von Personen, die von deutschen Ärzten ermordet wurden, steht der gesuchte Name.
00:02:03: Anna Linkering.
00:02:05: Als Sigrid sich das Geburtsdatum anschaut, ahnt sie, dass es sich nicht um ihre Großmutter, sondern deren Tochter.
00:02:12: Also Sigrid's Tante handeln muss.
00:02:15: Sigrid hatte sie nie kennengelernt.
00:02:17: Über ihre Tante wurde nicht viel gesprochen.
00:02:19: Aber sie hatte ab und zu den Spitznamen Anne schon mal gehört.
00:02:23: Sie beginnt zu googeln, noch in dieser Nacht.
00:02:25: Siegfried liest im Internet Seite um Seite über die Krankenmorde, die sogenannten Euthanasiemorde, während des Nationalsozialismus.
00:02:34: Und je mehr sie liest, desto klarer wird, ihre Familie hat nicht nur ein Mitglied verloren, sondern ihre Tante fast völlig aus dem Gedächtnis gelöscht.
00:02:43: Zuerst ist sie unglaublich, dann wütend und schließlich traurig.
00:02:48: Er schüttert von dem, was sie dort über die Vergangenheit erfährt.
00:02:52: aber auch fassungslos über das komplette Auslöschen aller Erinnerung an ihre Tante innerhalb der eigenen Familie.
00:02:59: Sigrid begibt sich intensiver auf die Suche nach ihrer Tante und mit jeder Recherche, jeder Patientenakte krebt sie sich tiefer in die Verbrechen der Nationalsozialisten, aber auch in der Schweigen der eigenen Familie hinein.
00:03:13: Ein Gedanke begleitet sie dabei dauerhaft, dass niemand einfach so aus einer Familie verschwinden darf, auch nicht ihre tante Enne.
00:03:21: Denn genau das war das Ziel der Nationalsozialisten.
00:03:27: Diese Folge dreht sich um Enno.
00:03:29: Ihr Leben ist eines von zwölf, um die es in dieser Staffel geht.
00:04:02: Und ich bin Helen.
00:04:03: In dieser Folge blicken wir weiter zurück, als wir es bisher getan haben.
00:04:08: Es geht um ein Leben, das vor über hundert Jahren begann.
00:04:11: Und in einem der grausamsten Kapitel der deutschen Geschichte endete.
00:04:15: Wir erzählen von einem Verbrechen, dass einem Nationalsozialismus begangen wurde.
00:04:20: Ein Verbrechen, das nicht an der Front stattfand, sondern mitten in der Gesellschaft, in Ämtern, in Kliniken und in der Nachbarschaft.
00:04:28: Letzte Woche, am achtem Mai, zwei tausendfünfundzwanzig, jährte sich zum achtzigsten Mal das Ende des Zweiten Weltkriegs und mit dieser Folge wollen wir den Opfern gedenken.
00:04:38: Im speziellen denjenigen, deren Geschichten oft verschwiegen wurden und die viel zu lange wieder gesehen noch als verfolgte anerkannt waren.
00:04:46: Der Fall, den ihr heute hört, ist eine Geschichte über das Schweigen einer Familie, unterschweigen einer Öffentlichkeit.
00:04:53: Es ist die Geschichte eines Lebens, das verschwinden sollte.
00:04:56: Ganz bewusst.
00:04:57: Von einem Staat, der sich anmaßte, zu entscheiden, wer leben darf und wer nicht.
00:05:02: Diese Folge führt uns zurück in eine Zeit, in der medizinische Diagnosen Todesurteile bedeuten konnten und in eine Familie, die den Verlust jahrzehntelang nicht benennen und nicht betrauern konnte.
00:05:14: Für diese Folge haben wir mit Sekret Falkenstein gesprochen.
00:05:18: Zufällig stößt sie eines Abends auf den Namen ihrer Tante auf einer Liste der sogenannten NS-Euthanasie-Opfer.
00:05:25: Anna Lienkering.
00:05:27: Im Gespräch in Siegfried Sie-Enner, so wurde sie in der Familie genannt.
00:05:31: Mit dieser Entdeckung beginnt für Siegfried eine jahrelange Spurensuche und der Versuch, das Schweigen zu brechen.
00:05:38: Ja, ich war wirklich verwirkt, anders kann ich es gar nicht ausdrücken.
00:05:41: Aber dann war ich auch schockiert und hab als allererstes am nächsten Tag meinen Vater angerufen, der lebte damals noch, war natürlich schon hoch betagt.
00:05:52: Hab ihn gefragt, äh
00:05:53: ...
00:05:54: Kann das sein?
00:05:56: Und das war ganz merkwürdig, erschien, nicht richtig antworten zu wollen.
00:06:04: Ja, ja, das ist die Enne, das stimmt, das wird sie sein.
00:06:08: Aber wenn ich danach gefragt habe, ein bisschen noch, war er ausweichend, hatte unglaubliche Erinnerungslücken.
00:06:16: In dem Buch Anas Spuren, ein Opfer der NS-Euthanasie, hat Siegritt die Geschichte ihrer Tante in Form von Briefen an sie festgehalten.
00:06:24: Auszüge aus diesem Briefen werdet ihr auch in dieser Folge immer wieder hören.
00:06:28: Außerdem sprechen wir mit der Historikerin Maria Viehbrandt.
00:06:32: Ich bin wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Gedenkstätte Kursch-Weidnitz, die an die nationalsozialistischen Krankenmorde in der damaligen Landesanstalt Kursch-Weidnitz, also einer psychiatrischen Einrichtung, erinnert.
00:06:45: Sie ordnet ein, wie das Frauenbild des Nationalsozialismus Gewaltstrukturen begünstigt hat.
00:06:51: Und wie junge Frauen wie Anne, Opfer eines Systems, wurden das Kontrolle über Körper, Sexualität und Leben ausübte.
00:06:58: Im Namen der sogenannten Erbgesundheit.
00:07:09: Anne wird in den Ersten Weltkrieg geboren.
00:07:13: Es sind harte Jahre, nicht nur für ihre Familie.
00:07:16: Das Ruhrgebiet, wo die Familie lebt, ist geprägt von Armut, Hunger und Arbeitslosigkeit.
00:07:22: Anne wächst in einer Zeit auf, in der Leistung und Anpassung darüber entscheiden, ob jemand als wertvoll gilt.
00:07:29: oder nicht.
00:07:30: Besonders für Kinder aus Arbeiterfamilien ist der gesellschaftliche Druck hoch.
00:07:34: Und dann zeigt sich bei Anne früh etwas, das im Klima dieser Zeit zum Stigma wird.
00:07:39: Sie beginnt zu stottern, entwickelt sich langsamer als andere Kinder.
00:07:43: Anne war Hilfschülerin, also heute würde man Förderschule sagen.
00:07:47: Und das passt natürlich in diese Familie erst mal überhaupt nicht, weil Hilfschüler Ja, es war sogar die Rede von einem Sammelbecken der Minderwertigen.
00:08:00: Und bei Anna hatte sich herausgestellt, dass sie so ab dem Alter von vier Jahren auffällig wurde.
00:08:06: Sie hatte vorher scheinbar eine ganz normale Entwicklung.
00:08:11: Anna besucht die Schule gerne.
00:08:13: Doch als Hilfschülerin erfährt Anna das Erste und nicht das Letzte Mal in ihrem Leben Ausgrenzung.
00:08:20: Hilfschülerinnen wurden häufig mit Begriffen wie schwachsinnig oder minderwertig.
00:08:25: Ich zitiere hier bewusst, belegt.
00:08:27: Zum damaligen Zeitpunkt wird der sogenannte Schwachsinn meist medizinisch begründet.
00:08:33: Trotz der zahlreichen möglichen Ursachen wird die Beeinträchtigung in der Mehrzahl der Fälle als Angeboren bezeichnet.
00:08:41: Mein Vater hat gesagt, sie war ein so liebes Mädchen.
00:08:45: Und sie war sehr sanftmütig.
00:08:46: Und später hab ich dann Beschreibungen von Anne zum Beispiel aus ihrem Schulzeugnis gelesen.
00:08:53: Da kam, dass sie durchaus gerne in der Schule war, dass sie bildungswillig war.
00:09:00: In irgendeiner anderen Akte, sie war ein charakterlich wirklich sehr braves Mädchen.
00:09:08: Also am Ende bei mir hängen geblieben ist, dass sie wirklich eine ganz liebe war.
00:09:14: Und während das Leben in der Nachkriegszeit schon schwer genug ist, steuert ernes Familie auf eine Krise zu.
00:09:20: Der Vater ist alkoholkrank und seine Sucht verschlimmert sich.
00:09:24: Vielleicht ist es der Versuch, die eigenen Kriegserlebnisse als Soldat zu betäuben.
00:09:28: Anfang, und im Sommer, unter dem der letzte verzweifelte Entzugsversuche in einer damals sogenannten Trinkerheilanstalt.
00:09:38: Doch es ist zu spät.
00:09:40: Als dann der Tod des Vaters kam, war das ein wahnsinniger Einschnitt, wirklich ein Schicksalsschlag.
00:09:46: Und die Mutter war alleine mit vier Kindern und hat versucht, sich da wirklich über Wasser zu halten.
00:09:55: Für Enne, die damals sechs Jahre alt ist und den Rest der Familie, ist der Tod des Vaters ein tiefer Einschnitt.
00:10:02: Enne hängt sehr an ihrer Mutter und ihren Trauer und Verzweiflung prägen diese Zeit.
00:10:07: In dem Buch Annoß Spuren erzählt Sie Crete Falkenstein, dass Anna zehn Jahre später einem Arzt leise erzählt, dass ihr Vater zu viel getrunken habe.
00:10:17: Beschämt senkt sie den Kopf.
00:10:19: Und sie sagt, dass das Zittern, das sie vor allem in den Momenten der Aufregung begleitet, genau in jener Zeit begonnen hat, als ihr Vater gestorben
00:10:27: ist.
00:10:28: Die Umstände des Todes, des Vaters, bleiben in der Familie lange ein blinder Fleck.
00:10:33: Die Trauer darüber mischt sich immer wieder mit Scham und Verdrängung.
00:10:37: Als Anne, in einer Heil- und Pflegeanstalter nachgefragt wird, steht in den Akten nur Todesursache unbekannt.
00:10:46: Der familiäre Verdrängungsprozess ist längst in Gang gesetzt.
00:11:05: Wir springen kurz in der Zeit zurück.
00:11:08: Im Jahr nach dem Ende des Ersten Weltkrieges wird der Versaillervertrag unterzeichnet.
00:11:14: Er verpflichtet das Deutsche Reich zu hohen Reparationszahlungen an die alliierten Siegermächte.
00:11:19: Besonders das Ruhrgebiet, in dem Anne mit ihrer Familie lebt, trifft diese Last hart.
00:11:24: Die Folge ist ein erneuter Ruhekampf und die Besetzung des Ruhrgebiet durch französische und belgische
00:11:33: Truppen.
00:11:41: Die ständige Anspannung, die Angst, die Bedrohung, all das bekommt sie hautnah zu spüren.
00:11:53: Ein Jahr später beruhigt sich die Lage.
00:11:55: Doch die politischen Spannungen bleiben spürbar.
00:11:58: Die Vorboten des Nationalsozialismus sind bereits sichtbar.
00:12:02: Denn nach dem gescheiterten Putsch, und Hitlers Verhaftung, wird die NSDAP zunächst verboten.
00:12:09: Doch schon nineteenundundzwanzig gründet Hitler die Partei neu und setzt früh auf ein mächtiges Propagandanezwerk, um seine Ideologie in die Gesellschaft
00:12:17: zu tragen.
00:12:18: In den kommenden Jahren wird für Anne die evangelische Kirchengemeinde im Dorf zu einem wichtigen Rückzugsort.
00:12:24: Ein Schutzraum, in dem sie Freundinnen findet.
00:12:27: Mädchen, die wie sie selbst mit körperlichen oder geistigen Beeinträchtigungen leben.
00:12:32: Als eine sechzehn Jahre alt ist, verbringt sie über die Kirchengemeinde eine kurze Zeit bei den Diakonissen in Düsseldorf-Kaiserwert.
00:12:39: Das ist eine evangelische Schwesternschaft, die sich um Pflege, Erziehung und soziale Arbeit kümmert.
00:12:44: Dort wechseln ihr der Wunsch, dauerhaft bei ihnen zu bleiben und bei der Kinderbetreuung zu helfen.
00:12:50: Mit Einverständnis ihrer Mutter wird Anna zwischen nineteenhundertdreißig und zwahrendreißig in der Provinzialkinderanstalt für sogenannte seelisch Abnormen in Bonn untersucht.
00:13:02: Dafür bleibt sie einige Wochen dort.
00:13:04: Es geht darum, ihre Eignung für eine Aufnahme bei den Diakonissen zu testen.
00:13:08: Doch die Untersuchung wird für Anna zum Wendepunkt.
00:13:21: Liebe Anna, in Bonn wird durch die Ärzte ein ausführlicher, körperlicher, neurologischer und psychischer Befund erhoben.
00:13:32: Aus den vorliegenden Informationen kann ich mir ein gewisses Bild von dir machen.
00:13:37: Mit ein Meter dreiundsiebzig bist du für eine sechzehnjährige Hochgewachsen.
00:13:42: Du bist zweiundsechzig Kilo schwer und hast gute Körperproportionen.
00:13:48: Deine Gesichtszüge sind noch kindlich.
00:13:52: Deine Bewegungen werden als unsicher und zittrig beschrieben.
00:13:56: Vor allem bei Aufregung sind ein starkes Zittern und ein Schwanken zu beobachten.
00:14:02: Insgesamt wirkst du auf die Ärzte infantil.
00:14:06: und ängstlich.
00:14:08: Auf der Basis einer augenscheinlich gründlichen Untersuchung ergibt er befundschließlich, es handelt sich bei den Mädchen um einen Schwachsinn erheblichen Grades.
00:14:19: Im Gegensatz zu einer späteren Diagnose wird der Schwachsinn von Enne hier noch nicht als erblich eingestuft.
00:14:26: Als Grund für ihren Zustand wird in diesem Moment die Alkoholkrankheit des Vaters genannt.
00:14:31: Für Anne selbst muss diese Diagnose ein schwerer Schlag gewesen sein.
00:14:35: Sie bedeutet, keine Aufnahme bei den Diakonissen, keine Chance, den eigenen Wunsch zu erfüllen, in der Kinderbetreuung zu helfen.
00:14:42: Und damit auch keine Perspektive auf ein selbstbestimmtes Leben.
00:14:46: Als Anne wieder aus Bonn zurück in ihre Heimat kommt, freut sie sich aber wieder bei ihrer Mutter zu sein.
00:14:52: Noch immer hängt sie sehr an ihr und auch an ihren Brüdern.
00:14:55: Von da an unterstützt Anne ihre Mutter vor allem im Haushalt.
00:15:07: Liebe Enne, als am vierzehnten Juli, nineteenhundertdreiunddreißig, das Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses als erstes Rassengesetz im Nationalsozialismus erlassen wird, ist es keine Erfindung der Nationalsozialisten, sondern aus Kontinuitäten im Denken erwachsen, die in Jahrzehnte alten eugenischen und rassenhygienischen Ideen wurzeln.
00:15:34: Doch erst in der nationalsozialistischen Zeit werden die politischen Instrumente geschaffen, die eine brutale und menschenverachtende Umsetzung dieser Ideen ermöglichen.
00:15:47: Am dreißigsten Januar, nineteenhundertdrein dreißig, wird Adolf Hitler zum Reichskanzler ernannt und die Nationalsozialisten ergreifen die Macht.
00:15:55: Das von ihnen erlassene sogenannte Erbgesundheitsgesetz dient der sogenannten Rassenhygiene.
00:16:01: durch eine Zwangsterilisation von Menschen, die als Erbkrank gelten.
00:16:05: Die eugenische Zwangsterilisation, also die sogenannte Reinhaltung des Erbguts durch Zwangseingriffe, wird durch Gutachten von Erbgesundheitsgerichten legalisiert.
00:16:16: Die Sterilisation wird auf Antrag durchgeführt.
00:16:19: Ganz oben auf der Agenda steht die Unfruchtbarmachung von Menschen, denen erblicher Schwachsinn attestiert wird.
00:16:26: Neben der vermeintlichen Erblichkeit von zum Beispiel Behinderungen oder psychischen Erkrankungen zählen vor allem Leistungsfähigkeit und Brauchbarkeit.
00:16:35: Wer aus Sicht der Nationalsozialisten nicht in das Bild eines gesunden und leistungsfähigen Volkskörpers passt, soll an der Fortpflanzung gehindert werden.
00:16:44: Ärztinnen sind verpflichtet, entsprechende Verdachtsfälle zu melden, etwa bei Erbkrankheiten oder schwerem Alkolismus.
00:16:52: Bis nineteenhundertfünfundvierzig werden aufgrund dessen etwa dreihundertsechzigtausend Menschen zwangssterilisiert.
00:16:59: Zirka sechstausend von ihnen sterben an den Folgen der Eingriffe.
00:17:02: Die genaue Zahl bleibt aber bis heute unbekannt.
00:17:05: Auch einer von NS Ersten zeigt sie beim Gesundheitsamt an.
00:17:10: Sie war in die Maschinerie der nationalsozialistischen Erbpolitik.
00:17:15: geraten.
00:17:16: Sie war natürlich als Hilfschülerin sowieso schon stigmatisiert.
00:17:20: Das bedeutete, sie war eine von den Schwachsinnigen, die man bereits bürokratisch erfasst hatte.
00:17:28: Dann ging das weiter mit einer Vorladung zum Armsarzt.
00:17:34: Was sie nicht wissen konnte, die Erne war, dass sie dort einen Intelligenzprüfung machen musste.
00:17:40: Es war nämlich im Vorfeld der Zwangssterilisation von Erne wichtig, dass ein Armsarzt das bestätigte.
00:17:48: Dass da tatsächlich ein, in dem Fall wurde so gesagt, Erbkranker schwachsinniger Mensch war.
00:17:57: In mehr als vierzig Schriftstücken, die zwischen nineteenhundertvierunddreißig und neunzehundertfünfunddreißig verfasst wurden, wird die Erbgesundheitssache Anna Leinkering verhandelt.
00:18:07: Neben einem amtsärztlichen Gutachten, das den Befund angeborener Schwachsinn belegen soll, gehört auch ein Intelligenzprüfungsbogen
00:18:14: zu den Unterlagen.
00:18:16: Darin wird festgehalten, dass Enne Begriffe wie Treue, Frömmigkeit oder Bescheidenheit nicht erklären kann.
00:18:23: Ihr abgefragtes Schulwissen gilt als lückenhaft.
00:18:26: Am neunzehnten Dezemberan, hier findet die Verhandlungen vor dem Erbgesundheitsgericht in Duisburg statt.
00:18:33: Enne und ihre Mutter sind zu diesem Termin geladen.
00:18:36: Wahrscheinlich haben sie sich, wie so oft, gemeinsam mit der Straßenbahn auf den Weg in die Nachbarstadt gemacht.
00:18:42: Ennes Mutter weiß, welche Konsequenzen der Ausgang der Verhandlungen haben kann.
00:18:46: Schon im Vorfeld wurde sie über die Unfruchtbarmachung informiert.
00:18:50: Ein Merkblatt wurde ausgehendigt.
00:18:52: Es ist bereits dunkel, als die beiden Frauen in Duisburg ankommen.
00:18:56: Die Anhörung findet am Abend statt, um halb sechs, in einem Saal umgeben von amtlichen Autoritätspersonen.
00:19:03: Für die stille, zurückhaltende Enne muss diese Situation überwältigend und einschüchtern gewesen sein.
00:19:09: Die Entscheidung selbst ist oft nur Formsache.
00:19:12: Die Gutachten werden meist ungeprüft übernommen.
00:19:14: Die Vernehmung der Betroffenen und Zeuginnen bleibt oberflächlich.
00:19:25: Am Ende steht da diese Erbgesundheitssache, Anna Lenkering, muss zwangsterellisiert werden, weil sie erbminderwertig ist.
00:19:40: Und das ist mir damals erst so richtig bewusst geworden, was das bedeutet für diese Menschen und ja nicht nur für Enne.
00:19:47: Sobald das Stigma der Erbminderwertigkeit draufgestempelt wurde, war es aus und es gab sogar viele, das fand ich fürchterlich, Denunziationen.
00:19:57: Also Leute haben aus der Nachbarschaft gesagt, der ist hier bestimmt erblich belastet.
00:20:03: Das Gericht befindet also, dass die gesetzlichen Voraussetzungen der Unfruchtbarmachung gegeben sind und ist der Zitat Überzeugung, dass es sich um angeborenen Schwachsinn handelt.
00:20:14: Nachkommenschaft muss daher verhütet werden.
00:20:18: Die Diagnose beruht auf wenigen Auffälligkeiten, eines Stottern, ihr Zittern bei Aufregung, lückenhaftes Schulwissen.
00:20:26: Am Ende reichen ein paar Akteneinträge, ein standardisiertes Gutachten, ein flüchtiges Verfahren vor dem Erbgesundheitsgericht.
00:20:49: Am achtzehnten Februar, im evangelischen Krankenhaus der Stadt Mühlheim an der Ruhe, wird Anne zwangsterilisiert.
00:20:58: Im ärztlichen Bericht liest sich das so.
00:21:00: Die an Schwachsinn-Leidende Anna Lenkering ist am achtzehnten Februar, von Dr.
00:21:07: Krause, unfruchtbar gemacht worden.
00:21:09: Da steht dann, die Eileiter wurden abgequetscht und unterbunden.
00:21:16: Und wenn ich mir vorstelle, dass ich ... Nur wenige Jahre später, um die zehn Jahre später in dem selben Krankenhaus geboren wurde und der Arzt, der die Enne unfruchtbar gemacht hat, mir und meinen Geschwistern auf die Welt geholfen hat, dann hat mich das unglaublich beschäftigt.
00:21:35: Lange Zeit, weil ich weiß, dass dieser Arzt zum Beispiel, und er ist nicht der einzige, bis in die sechziger Jahre sehr angesehen war und sogar ... ja ... Ehrenvoll in den Ruhestand verabschiedet wurde.
00:21:50: Und ich habe mich danach manchmal gefragt, das muss doch mit so einem Menschen was gemacht haben, was er da über Jahre mit Menschen wie Anne und vielen anderen gemacht hat, indem er sie so unfruchtbar gemacht hat.
00:22:07: Was eine Zwangssterealisation für eine junge Frau wie Anne bedeutet haben muss.
00:22:12: Dieser massiver Eingriff in den eigenen Körper, der brutale Ausschluss von jeder Zukunft als Mutter, als selbstbestimmter Mensch, das lässt sich kaum in Worte fassen.
00:22:20: Wie genau Anne selbst diesen Moment erlebt hat, wissen wir nicht.
00:22:24: Was bleibt, ist eine Entscheidung, die über ihren Kopf hinweg getroffen wurde.
00:22:29: Und die angebliche Erblichkeit von Anne's Krankheit, die zum Anlass genommen wird, um sie zu zwangsteridisieren, wurde nie hinreichend bewiesen.
00:22:46: Um eines Geschichte besser verstehen zu können, müssen wir auf das Menschenbild blicken, das im Nationalsozialismus vorherrschte.
00:22:53: Es ging nicht darum, individuelle Schicksale zu sehen, erklärt die Historikerin Maria Fiebrand.
00:22:58: Der Nationalsozialismus hat ganz klar unterschieden, wer zur vermeintlichen Volksgemeinschaft dazugehört und wer nicht, nämlich Menschen, die sich anders verhalten haben, die psychisch krank waren, geistig behindert waren, die als asozial stigmatisiert wurden, weil sie eben nicht regelmäßig arbeiteten.
00:23:15: Und die wurden verfolgt, stigmatisiert und letztlich auch ermordet.
00:23:21: Also ist es ganz stark utilitaristisch geprägt.
00:23:23: Das heißt, wie nützlich ist der einzelne Mensch?
00:23:27: Und man erahnt es schon.
00:23:28: Ein kranker Mensch hat in dem Sinne keinen Nutzen für die Gesellschaft.
00:23:32: Er wurde als Belastung, als Ballast empfunden und das Ganze dann auch rasant hygienisch begründet.
00:23:40: Also man hat sich dann eine wissenschaftliche Begründung für die Ausgrenzung dieser Menschen gesucht, die vermeintlich keinen Wert für die Gesellschaft hatten, die es nicht mehr wert waren zu leben.
00:23:50: Also der Begriff Lebensunwert bringt es ja besonders deutlich auf den Punkt.
00:23:55: Im Nationalsozialismus wurden viele Menschen zwangsterilisiert, doch besonders oft Frauen.
00:24:00: Und das nicht, weil sie medizinisch auffälliger gewesen wären.
00:24:03: Man kann erahnen, was dann alles reingefallen ist, also auch ein Lebenswandel, der nicht dem Idealen entsprach, konnte dazu führen, bei... aus Sicht des Nationalsozialismus mangelnder Leistungsfähigkeit, dass diese Frauen ausgegrenzt wurden, wenn sie eben wechselnde Sexualpartner hatten, wenn sie nicht verheiratet waren, unehrliche Kinder
00:24:21: hatten.
00:24:21: Also gesellschaftliche Vorstellungen, Moralvorstellungen spielten diese scheinbar medizinische Gesetze hinein, scheinbar medizinisch, weil es eben auch ganz klar im Bevölkerungspolitischen Anspruch hatte.
00:24:33: Das war der Kern des Nationalsozialismus, diese Rassenideologie.
00:24:38: Die Kontrolle über den weiblichen Körper war dabei also nicht medizinisch motiviert, sondern ideologisch.
00:24:44: Der Staat entschied, wer Kinder bekommen durfte und wer nicht.
00:24:48: Die Zwangsterealisation wird zu einem Mittel, um Frauen zu entrechten und auszuschließen.
00:24:53: Im Nationalsozialismus wurde die Mutterschaft idealisiert.
00:24:57: Es gab einen regelrechten Mutterkult.
00:24:59: Frauen galten als Gebärende der Nation.
00:25:02: Ihr Wert wurde daran gemessen, ob sie gesunde, erbwerte Kinder zur Welt bringen konnten.
00:25:07: Mutterschaft war also nicht nur familiäre Aufgabe, sondern ein Beitrag zur rassistischen Bevölkerungspolitik.
00:25:14: Allerdings war dieses Mutterbild nicht universell.
00:25:17: Es galt nur für diejenigen, die in die Ideologie passten.
00:25:21: Frauen wie Änder, die als minderwertig eingestuft wurden, sollten nicht nur keine Kinder bekommen, Sie sollten aus der Zukunft der Gesellschaft systematisch entfernt werden.
00:25:30: Dazu gehörten Frauen, die nicht dem gesellschaftlichen, dem gesundheitlichen Ideal entsprachen.
00:25:35: Sie waren nicht die gute deutsche, gesunde, arische Mutter, die man sich wünschte, die gesunde, kräftige Kinder zur Welt bringen würde, sondern man erwartete, dass die Kinder, Achtung, minderwertig werden würden.
00:25:47: Und das wollte man verhindern.
00:25:48: Es sind eigentlich zwei Seiten einer Mitteil.
00:25:51: Die Förderung Erbgesunder.
00:25:53: Nachkommen erbgesunder Mütter und auf der anderen Seite die Verhinderung der Kinder, die man als minderwertig betrachtet.
00:26:00: Und damit die Reglementierung der Mütter, die man als minderwertig betrachtet, als Träger vermeintlich minderwertiger Erbanlagen.
00:26:09: Es ging nicht nur um politische Programme.
00:26:11: Oft spielten auch persönliche, patriarchale Machtverhältnisse eine Rolle.
00:26:15: Ehemänner konnten ihre Frauen in Anstalten einweisen lassen, wenn ihre Ehefrauen nicht mehr der erwarteten Rolle entsprachen.
00:26:22: In vielen Fällen reichten dafür ärztliche Gutachten und ein frauenfeindliches System.
00:26:28: Wenn eine psychiatrische Erkrankung bei einer Frau diagnostiziert wurde, konnte diese entmündigt werden, kam in Ansteigungsbehandlung.
00:26:35: Es waren eben leider auf die Männer, die die Frauen auch in die Einrichtung brachten, denen dann eine Scheidung erleichtert wurde.
00:26:43: Also mit entsprechenden psychiatrischen Gutachten konnte die Scheidung relativ unkompliziert durchgeführt werden.
00:26:49: Und die Frau hatte eigentlich keine Möglichkeiten, sich dagegen zu wehren.
00:26:52: Was daraufhin in den Anstalten geschah, lässt sich heute oft nur erahnen.
00:26:57: Fest steht, Frauen, die dort ankamen, trafen auf Strukturen, die kaum Verständnis zu lesen, aber klare Vorstellungen
00:27:04: hatten.
00:27:05: In den psychiatrischen Einrichtungen selber ist das auch ein recht patriarchalischer Blick.
00:27:10: Es sind überwiegend Anstalts Ärzte, die die Begutachtung vornehmen und die natürlich auch in der bestimmten Erwartungshaltung an die Rolle der Frau.
00:27:19: haben.
00:27:20: Und
00:27:21: in dem Moment, wo die Frauen in den psychiatrischen Einrichtungen sind, wird pathologisiert.
00:27:25: Jedes Verhalten wird quasi schon als krankhaft betrachtet.
00:27:28: Da kommt eine Frau völlig aufgelöst in so eine große psychiatrische Einrichtung.
00:27:32: Da sind Schlafsäle mit zwölf, fünfzehn anderen Frauen, die alle ihre Befindlichkeiten haben.
00:27:37: Also da ist nichts anonym.
00:27:39: Und dann ist diese Frau durcheinander, die spricht vielleicht nicht mit dem Arzt, die verweigert sich.
00:27:43: Das wird sofort pathologisiert.
00:27:46: Für viele Betroffene endete die Gewalt nicht mit der Zwangsterilisation.
00:27:50: Die Logik der Selektion setzte sich fort.
00:27:53: Viele, die als unbrauchbar und vermeintlich erbkrank abgestempelt wurden, wurden später zu Opfern der Krankenmorde oder auch der sogenannten Euthanasiemorde.
00:28:06: eine zentrale Forderung der Rassenhygieniker, die sich auch in anderen Ländern finden.
00:28:10: Die Ermordung von Menschen, die man als Erbkrank betrachtet hat, die mit Kindern begann, dann auch auf Erwachsener ausgedehnt wurde, das ist ein deutsches Phänomen.
00:28:21: Und das ist natürlich die radikalste Form der Rassenhygiene.
00:28:25: Also der Staat verhütet nicht nur.
00:28:28: dass Kinder geboren werden, die man als erbkrank, als minderwertig betrachtet, sondern man tötet diese geborenen Kinder.
00:28:34: Und im nächsten Schritt tötet man auch die Menschen, die möglicherweise diese Kinder jemals zur Welt bringen könnten.
00:28:39: Es ist also eine drastische Radikalisierung, die für den Nationalsozialismus ja auch in anderen Bereichen sichtbar wird.
00:29:06: Eineinhalb Jahre nach ihrer Zwangsterealisation ist die einundzwanzigjährige Enne erneut Patientin im Müllheimer Krankenhaus.
00:29:14: Diesmal wegen einer Nierenerkrankung.
00:29:17: Kurz nach ihrer Einlieferung spricht der behandelnde Arzt mit Ennes' Mutter.
00:29:21: Sein Urteil?
00:29:22: Ansteilspflege sei notwendig aufgrund des sogenannten Schwachsins von Enne.
00:29:27: Die Mutter könne sich nicht ausreichend um ihre Tochter kümmern.
00:29:30: Am einundzwanzigsten Dezember neunzehntsechsunddreißig, direkt nach ihrer Entlassung aus dem Krankenhaus, wird Enne in die Heil- und Pflegeanstalt Bedburg-Hau in Nordrhein-Westfalen eingewiesen.
00:29:41: Ob Ennis Mutter dieser Entscheidung aus eigener Überzeugung zugestimmt hat oder ob sie dem Druck von Ärztinnen und Behörden nachgegeben hat, lässt sich heute nicht mehr sicher sagen.
00:29:51: Vielleicht war es auch Verzweiflung, vielleicht das Gefühl, keinen anderen Ausweg mehr zu sehen.
00:29:56: Enne weiß von dem Vorhaben, sie einzubeisen nichts.
00:30:00: Was Sigrid Falkenstein auch erzählt, Ennis Einweisung ist nicht nur für sie selbst ein Einschnitt.
00:30:05: Es ist ein Bruch, der die ganze Familie trifft.
00:30:08: Und für ihre Mutter entwickelt sich diese Entscheidung zum Trauma.
00:30:12: Das Gelände der Heil- und Pflegeanstalt Bettburg-Hau wirkt auf den ersten Blick fast idyllisch.
00:30:17: Einzelstehende Gebäude, ein parkartiges Areal, hohe Bäume, Rasenflächen.
00:30:22: Mehr als dreitausend Patientinnen leben hier.
00:30:25: Das Anwesen erinnert eher an eine Gartenstadt als an eine Anstalt.
00:30:29: Doch der erste Eindruck täuscht.
00:30:31: Nach der Aufnahmeprozedur landet Anne in einem Schlafsaal mit vielen anderen Menschen, die in dicht an dicht gestellten Metallbetten schlafen sollen.
00:30:40: Für persönliche Dinge gibt es kaum Platz, keine Privatsphäre.
00:30:44: Hier soll sie die nächsten Jahre verbringen.
00:30:47: Vielleicht hätte sie sich gewährt, vielleicht hätte sie protestiert, wenn sie gewusst hätte, dass ihre Mutter ohne sie wieder nach Hause fahren würde.
00:30:55: Und das, was dann zu lesen war in der Patientenakte, war ... so erschütternd.
00:31:02: Es war eigentlich ein Dokument der Qual.
00:31:05: Ist doch klar, kurz vor Weihnachten eingeliefert, plötzlich bist du in einem riesigen Schlafsaal.
00:31:13: Du hast kein privates Meer.
00:31:14: Es gab noch nicht mal einen Schrank für die Patientinnen in dem Schlafsaal.
00:31:20: Sie hat nur geweint.
00:31:21: Und sie wollte unbedingt nach Hause.
00:31:23: Kann man doch verstehen.
00:31:25: Und es stand dann da, hat keine Einsicht.
00:31:30: will immer noch Hause.
00:31:33: Der Ton war barisch.
00:31:43: Zwei Tage nach ihrer Einweisung in Bedburg-How wird sie erneut untersucht.
00:31:47: Anne ist jetzt einundzwanzig Jahre alt.
00:31:50: Der körperliche Befund ohne Auffälligkeiten.
00:31:52: Der psychische Befund hält fest, zeitlich, örtlich und zur Person orientiert.
00:31:58: Trotzdem steht auf dem Krankenblatt die Diagnose angeborener Schwachsinn, ergänzt um den Vermerk Erbkrank Ja.
00:32:06: Ein tatsächlicher Nachweis für eine erbliche Erkrankung wird nicht erbracht.
00:32:10: Offensichtlich reicht es, dass Enne als schwachsinnig gilt.
00:32:14: Da stieg man selbst, wird zum Beweis.
00:32:16: Aus der Patientenakte der folgenden vier Jahre geht hervor, wie sehr Enne in der Anstalt leidet.
00:32:22: Der Alltag dort ist geprägt von Entmündigung und Isolation.
00:32:27: Der ständige Mangel an Privatsphäre, das ausgelacht werden durch andere Patientinnen, die Abwertung durch das Pflegepersonal.
00:32:34: All das setzt ihr zu.
00:32:36: Immer wieder wird in der Patientenakte festgehalten, dass Anne viel weint, dass sie am liebsten im Bett liegt, dass sie drängt, nach Hause gehen zu dürfen.
00:32:44: In der Akte stehen Sätze wie, ist still, ruhig, liegt den Kopf auf den Tisch, ist antriebslos und weinerlich, muss zum Essen angehalten werden.
00:32:53: Was genau diese Einträge bedeuten, lässt sich heute kaum rekonstruieren.
00:32:57: wurden Patientinnen bestraft, wenn sie nicht ordentlich genug waren?
00:33:01: Gab es Demütigung, wenn sie sich weigerten?
00:33:04: Klar ist, das Personal liest in Ennisverhalten kein Zeichen von Überforderung oder Verzweiflung, sondern wertet es als Wehleidegab.
00:33:13: Klagen über Schmerzen erscheinen in den Akten als hypochondrische Warnideen.
00:33:18: Es heißt, sie zeige keinen Gesundheitswillen.
00:33:21: Und immer wieder taucht ein Vorwurf auf.
00:33:23: Anne wollte nicht arbeiten.
00:33:26: Arbeit, das ist hier nicht Teil von Therapie oder Beschäftigung, sondern Maßstab für Wert und Daseinsberechtigung.
00:33:32: Im Februar, nach drei Jahren in Bad Burkau, vermerkten die Akten, dass Anne lernt, dass sie schreit, dass sie sich, Zitat, gerne bemerkbar macht.
00:33:43: Das Pflegepersonal scheint sich davon provoziert zu
00:33:46: fühlen.
00:33:47: Ihr Bruder hat Enne später als sanftmütig und liebevoll beschrieben.
00:33:51: Das Bild, das aus den Akten dieser Anstalt entsteht, zeigt einen Menschen, der kaum wieder zu erkennen scheint.
00:33:57: Einen Menschen, dem hier in der sogenannten Heil- und Pflegeanstalt Stück für Stück die Würde genommen wurde.
00:34:13: Während Enne in Bad Burkau lebt, bereiten die Nationalsozialisten systematisch die Ermordung von Menschen vor, die sie als Erbkrank, Geisteskrank, behindert oder sozial unerwünscht einstufen.
00:34:25: Der Begriff, unter dem dieser staatlich organisierte Massenmord getarnt wird, klingt harmlos, euthanasi, eigentlich schöner Tod.
00:34:33: Doch es geht ja nicht um Sterbehilfe oder Mitleid.
00:34:36: Es geht um das Töten von Menschen, die leben wollen, die aber nicht in das Bild einer reinen und leistungsfähigen Gesellschaft passen.
00:34:43: Und es geht um Geld.
00:34:44: Einsparungen in der Anstaltspflege, Entlastung der Sozialsysteme.
00:34:49: Im Herbst, neunzehntneununddreißig, gibt Adolf Hitler persönlich den Auftrag, Sein Begleitarzt Karl Brandt und Philipp Bula, Leiter der Kanzlei des Führers, sollen Ärztinnen ermächtigen, überleben und tot zu entscheiden.
00:35:03: Die Formulierung lautet, Gnaden tot bei unheilbar Kranken.
00:35:07: Dieser sogenannte Euthanasie-Erlass hat formal keine Rechtsgültigkeit, dennoch wird er umgesetzt.
00:35:14: Gesteuert wird das Programm im Verborgenen und zentral koordiniert aus einem Büro in der Berliner Tiergartenstraße Vier.
00:35:21: Später wird dieses Mordprogramm unter dem Namen bekannt, der bis heute für den industrialisierten Krankenmord im Nationalsozialismus steht.
00:35:51: Anne wollte weder wirklich arbeiten und sie war eben krank.
00:35:57: Es ging um diese beiden Aspekte und das war ihr Verhängnis.
00:36:00: Und
00:36:01: dann wurde eine Meldezelle einfach an Gutachter weitergegeben, sogenannte T-IV-Gutachter, das war ein Ärzte, das war ein Psychiater.
00:36:11: Die haben dann nur anhand dieses Meldebogens entschieden, wer darf weiterleben.
00:36:18: Und wer muss sterben?
00:36:19: Also bei der Enne war deutlich ein rotes Kreuz.
00:36:22: Hätte man als Gutachter den Eindruck gehabt, nee, kann leben, wäre da ein blaues Minus gemacht worden.
00:36:31: Tja, und Enne stand nun auf der Liste, die zum Tode verurteilt war.
00:36:46: Liebe Enne, du bist eine von etwa ein tausend achthundert Patientinnen und Patienten, die im März, innerhalb von vier Tagen im Rahmen einer Massendeportation verlegt werden.
00:37:01: Angeblich, um Platz für ein Marine-Latserrett in Bad Bokau zu schaffen.
00:37:06: Für Ballastexistenzen in Anführungszeichen wie dich ist in der Kosten-Nutzen-Rechnung des Staates kein Platz mehr.
00:37:23: Das war
00:37:37: übrigens auch mein Stand, als ich die Akte von einer gelesen hatte, steht unten, ganz am Ende verlegt nach.
00:37:44: Ja, wohin?
00:37:46: Eine Antwort auf diese Frage zu finden, ist für Siegritt alles andere als einfach.
00:37:50: Sie telefoniert, schreibt E-Mails, recherchiert, hartnäckig und unerbittlich.
00:37:55: Um rauszukriegen, ja, sie wurde nach Grafen Eck verlegt.
00:38:02: Grafen Eck war eine der ersten Tötungsanstalten im Nationalsozialismus, wo die Menschen wirklich industriell, fabrikmäßig mit Gas ermordelt wurden.
00:38:13: Und vielleicht muss man noch dazu sagen, Das habe ich auch erst später erfahren.
00:38:18: Man hat da gut probt, auch schon für den Holocaust.
00:38:23: Es ist der Sechste März, neunzehntvierzig, an dem die vierundzwanzigjährige Enner, gemeinsam mit dreihundert Frauen und hundertseinundfünfzig Männern, nach Grafenäck deportiert wird.
00:38:34: Am nächsten Tag, gegen acht Uhr morgens, kommt der Transport in einem kleinen Bahnhof in Marbach in der Nähe von Grafenäck an.
00:38:42: Das liegt Tor Schnee.
00:38:43: Das Ausladen der Menschen aus den Waggons in dem völlig abgesperrten Bahnhof dauert fast acht Stunden.
00:38:50: Vom Bahnhof aus werden die Patientinnen mit Kraftfahrzeugen nach Grafen
00:38:53: Eck gebracht.
00:38:55: Liebe Enne, all das kannst du nicht wissen, als du auf dem letzten Wegstück durch einen Wald steil bergauf zu dem abgelegenen Schloss Grafen Eck transportiert wirst.
00:39:07: Der Blick auf das Schloss ist dir verwehrt.
00:39:10: Vorbei an bewaffneten Männern mit Hunden gelangst du durch ein Brettertor direkt zur Mordanlage.
00:39:24: Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wird ausschwitz zum Symbol des industriellen Massenmords.
00:39:30: Doch die systematische Vernichtung beginnt früher und sie beginnt mit den hilflosesten.
00:39:35: Im Januar, statt das NS-Regime den organisierten Mord an Menschen mit Behinderungen und psychischen Erkrankungen.
00:39:43: Patientinnen aus Heil- und Pflegeranstalten.
00:39:47: Allein in Grafen-Eck werden innerhalb eines Jahres mehr als zehntausend Menschen vergaßt.
00:39:52: Weitere Opfer sterben zu der Zeit in den Tötungsanstalten von Brandenburg, Bernburg, Hadamar, Hartheim und Pyrna Sonnenstein.
00:40:01: Als die sogenannte Aktion T.IV.
00:40:03: im Sommer, und vor allem von kirchlicher Seite, offiziell beendet wird, sind bereits über siebzigtausend Menschen ermordet.
00:40:15: Und diese Morde laufen nach Plan, organisiert, getan, bürokratisch verwaltet.
00:40:21: Auch in Grafen Eck folgt alles einem festen Ablauf.
00:40:24: Die Menschen, die hier ankommen, wissen nicht, was sie erwartet.
00:40:28: Bis zuletzt wird Ihnen vorgetäuscht, es sei eine normale Verlegung.
00:40:32: Dann beginnt das, was sich in den Berichten aus Grafeneck immer wieder ähnlich liest und was so Anna widerfahren ist.
00:40:39: Sie wurden auf ein Gelände gefahren, das war ein ehemaliger Busbahnhof, den hatte man umgebaut und Gaskammern eingebaut.
00:40:48: Die Anna und die anderen wurden dann einem Arzt kurz vorgestellt, damit sie immer noch glauben sollten, dass es alles hier ganz normal.
00:40:58: Dauerte nicht länger als ein, zwei Minuten, dann hieß es geht zum Duschen.
00:41:03: Und dann sind die da in diesem bitter kalten Wetter an diesem Märztag in die Duschkammer gegangen und haben nicht gewusst, was da ist.
00:41:19: Und das, was dann noch mal wirklich ganz fürchterlich für mich war, an dem Tag, gab es aus Berlin extra angereist.
00:41:29: namhafte T-IV-Leute, die in diesem Prozess verankert waren, die haben durch ein Kuckfenster in die Gaskammer geguckt.
00:41:38: Man kann sich das nicht vorstellen.
00:41:40: Und der Leiter von Grafeneck, ein Arzt, Horst Schumann, hat dann den Gashebel betätigt.
00:41:47: Und ich kann nicht nachvollziehen, wie Menschen mit kaltem technischen Interesse durch dieses Kuckfenster gucken.
00:41:55: und was da mit den Menschen ... die da drin waren, die haben irgendwann natürlich gemerkt, was los war, was das für ein Flehen, ein Schreien gewesen sein muss, unterschauen die zu und reden von Krankenmaterial.
00:42:11: Man muss sich das vorstellen.
00:42:14: Was sind das für Menschen?
00:42:18: Ein paar Monate später erhält Ennes Familie einen sogenannten Trostbrief aus der ihr unbekannten Landespflegeranstalt Grafeneck.
00:42:26: Ein Schreiben, das über ihren Tod informieren soll.
00:42:29: Darin Todesursache, Bauchfellentzündung, ein falsches Todesdatum, kein Hinweis auf das, was wirklich geschehen ist.
00:42:37: Kein Wort über die Geschehnisse in Grafeneck, keine Erklärung.
00:42:41: Die Todesursache und der Todeszeitpunkt wurden von extra dafür eingerichteten Trostbriefabteilungen falsch eingetragen, um die Öffentlichkeit nicht misstrauisch zu machen und die Massenmorde zu verschleiern.
00:43:00: Erst am neunundzwanzigsten Januar, zwei Tausendfünfundzwanzig, achtzig Jahre nach den Verbrechen, erkennt der Deutsche Bundestag die Opfer der NS-Eutanasie und der Zwangsgerilisation endlich offiziell als Verfolgte des NS-Regimes an.
00:43:15: Es ist ein Schritt, der für viele zu spät kommt.
00:43:18: Während die Täter oftmals unbehelligt weiterleben konnten, mussten die Opfer und ihre Familien erleben, dass ihnen auch nach dem Krieg Gerechtigkeit und öffentliche Anerkennung verwehrt blieben.
00:43:29: Erster diesem Jahr, acht Jahrzehnte später, wird das Unrecht, das ihnen angetan wurde, wenigstens beim Namen genannt.
00:43:36: Erst mit diesem Beschluss fand ihr Schicksal, ihr Leiden und ihre Ermordung eine endgültige offizielle Anerkennung.
00:43:43: Und doch bleibt die Frage, warum hat es so lange gedauert?
00:43:47: Jahrzehnte lang wurde ihr Leiden verdrängt.
00:43:50: Ihre Geschichten blieben ungehört, ihre Namen ungenannt.
00:43:54: Nun fordert der Beschluss des Deutschen Bundestages, die großen Lücken in der Aufarbeitung zu schließen und stärkt vor allem die Gedenkstätten, die diese Geschichten bewahren und dem Mechanismen von Ausgrenzung und Vernichtung sichtbar machen.
00:44:11: Während viele Täter ihre Karrieren fortsetzen konnten, wurden die Opfer vergessen, verdrängt.
00:44:17: Und erst Jahrzehnte später überhaupt als verfolgter Anerkant.
00:44:21: Die Historikerin Maria Fiebrand erläutert uns den möglichen Hintergrund.
00:44:25: Die nationalsozialistische Zwangssterilisation wurde nicht als spezifisches NS-Unrecht anerkannt.
00:44:31: Anders als die Inhaftierung in Konzentrationslagern, die ohne Frage einen politischen Motiv, einem rassistischen Motiv folgten.
00:44:40: wurden die Zwangssterilisation eigentlich eher als medizinische Maßnahmen, die gar nicht so stark politisch, ideologisch durch Drungenschienen angesehen.
00:44:49: Und das Bild hält sich ganz lange.
00:44:52: Und die Betroffenen werden nicht gehört.
00:44:54: Sie werden eigentlich auch zum Schweigen gebracht, wenn man so will.
00:44:57: Sie werden nicht ernst genommen, werden nicht als Opfergruppe anerkannt, weder an der BRD noch in der DDR.
00:45:03: Also es hat was mit weiterer Stigmatisierung zu tun, mit weiterer Ausgrenzung.
00:45:08: einer fehlenden Lobby, einer fehlenden Anerkennung und vielleicht auch einer ganz anderen Bewertung des Verbrechens als solches, also es wird nicht als NS-Verbrechen anerkannt.
00:45:22: Es gibt zwar Urteile, Verbrechen gegen die Menschlichkeit, es gibt Verurteilungen von Ärzten, Schwestern, Pflegern, die sich an den Krankenmorden beteiligt haben, aber das spezifische Verfolgungsmuster, das ideologische, die Ramung Das wird eigentlich nicht sichtbar.
00:45:40: In Berlin, mitten im Regierungsviertel, steht heute ein Denkmal für die Opfer der NS Euthanasiemorde.
00:45:47: An genau dem Ort, von dem aus diese Verbrechen damals organisiert und gesteuert wurden, in der Tiergartenstraße Vier.
00:45:54: Lange gab es dort nur eine schlichte Tafel.
00:45:57: Erst durch den beharlichen Einsatz von Angehörigen, von Historikerinnen und Aktivistinnen wurde der Gedenk- und Informationsort so geschaffen, wie er heute ist.
00:46:07: Auch Sekret Falkenstein, die Nichte von Anna, hat dafür gekämpft, dass dieser Ort mehr wird als eine bloße Erinnerung an Täterstrukturen, dass er auch die Geschichten der Betroffenen selbst erzählt.
00:46:18: Ennis Name ist dort zu lesen.
00:46:20: Ihre Biografie ist Teil der Ausstellung.
00:46:23: Sie ist nicht mehr nur eine Nummer auf einer Liste, sondern ein Mensch, dem hier öffentlich ein Platz gegeben wird, ein Ort, an dem der Schweigen endet.
00:46:31: Ein Ort, an dem Erinnern möglich ist.
00:46:34: Siegfried Falkenstein ist selbst oft vor Ort.
00:46:37: Wann immer ich da vorbeigehe, bringe ich der Anna eine Rose mit und sage, guck mal Anna, aus deiner Geschichte ist das Erwachsen.
00:46:46: Und wenn irgendwas Gutes aus diesen Geschichten erwachsen könnte, dann ist es doch, dass man die Öffentlichkeit, die Bevölkerung darauf hinweist.
00:46:57: Ist mir so wichtig.
00:47:01: die Anna im Nachhinein zu würdigen, wenigstens symbolisch.
00:47:05: Ich mach die nicht mehr lebendig.
00:47:07: Aber das andere ist, man kann aus der Geschichte lernen.
00:47:12: Deswegen erzähle ich auch heute diese Geschichte wieder, weil ich hoffe, dass es Menschen erreicht.
00:47:17: Wenn das Herz berührt wird, passiert vielleicht auch was im Kopf.
00:47:21: Und wenn man Annas Geschichte und auch die, der vielen anderen sich anhört oder liest, dann ... weiß man, worauf man achten muss und wie schnell das gehen kann, dass solche Denkmuster, solche Mechanismen zu solchen Verbrechen führen.
00:47:37: Was
00:47:38: nach Kriegsende bleibt, ist nicht nur das Leid der Opfer und ihrer Angehörigen, sondern auch das Schweigen.
00:47:44: In vielen Familien wird nicht über das gesprochen, was geschehen ist.
00:47:48: Vieles bleibt unausgesprochen, wird verdrängt, versucht zu vergessen.
00:47:52: Wie schwer es war, darüber zu reden und was diese Schweigen mit den Angehörigen gemacht hat, hat auch Sigrid Falkenstein lange beschäftigt.
00:48:01: Am Anfang war ich ja schon ein bisschen wütend auch und gedacht, das kann man noch nicht einfach verheimlichen.
00:48:08: Dann habe ich gemerkt, die waren nicht die einzigen.
00:48:12: Man hat in fast allen deutschen Familien darüber nicht gesprochen.
00:48:17: Und das war so der Spiegel eines gesamtgesellschaftlichen Prozesses von verdrängen und vertuschen der Sachen.
00:48:23: Man darf nicht vergessen, dass nach dem Krieg die Täter ja weiter arbeiteten und Karrieren zum großen Teil auch machten und die Opfer überhaupt nicht wahrgenommen wurden.
00:48:39: Diese Stigma der Erbminderwertigkeit hat noch unglaublich lange nachgewirkt.
00:48:45: Und das macht sicher auch was mit den Familien.
00:48:47: Also für die Generation meines Vaters war es scheinbar einfacher zu leben, ohne das Ganze aufzuarbeiten.
00:48:59: Ich bin der Meinung, dieses Totschweigen ist ein Teil der Vernichtung.
00:49:04: Das war für die damalige Generation, da will ich gar nicht so selbstherrlich drüber urteilen, nicht so einfach.
00:49:12: Und diese Scham Die hat sie lange begleitet.
00:49:17: Und doch bleibt.
00:49:18: Wer nicht erinnert wird, ist ausgelöscht.
00:49:20: Auch das ist eine Form von Gewalt.
00:49:23: Eine, die lange Zeit nach Ende der NS-Herrschaft ungebrochen weitergewirkt hat und teilweise noch nachwirkt.
00:49:41: Endes Geschichte ist eine von vielen.
00:49:43: Und doch bleibt sie einzigartig, weil sie zeigt, was passiert, wenn Menschen von anderen Menschen entmenschlicht werden.
00:49:51: Wenn der Staat bzw.
00:49:52: die Menschen dahinter entscheiden, wer als Lebenswert gilt und wer nicht, was bleibt, ist die Verantwortung, diese Geschichten zu erzählen und zuzuhören, damit das Ziel der TäterInnen, diese Menschen auszulöschen, verhindert wird.
00:50:06: Und es bleibt auch die Frage, was es heute braucht, um wachsam zu bleiben.
00:50:11: nach Ende des Zweiten Weltkrieges, in dem die ideologisch legitimierte Entmenschlichung ganzer Bevölkerungsgruppen vorherrschte.
00:50:18: Was braucht es, um wachsam zu bleiben?
00:50:21: gegen jede Form von Ausgrenzung, gegen die Vorstellung, dass ein Leben weniger wert sein könnte als ein anderes?
00:50:27: Wenn tatsächlich Menschen nach ihrem Wert oder ihrem Unwert bemessen werden, wenn es darum geht, einzelne oder Gruppen auszugrenzen, warum auch immer?
00:50:36: Da geht es jetzt nicht nur um behinderte Menschen, das passiert.
00:50:40: Und das kann der Anfang vom Ende sein.
00:50:43: Also zeigt Haltung, erhebt eure Stimme.
00:50:47: Und leider muss ich sagen, finde ich heute die Situation, die politische Situation bedenklicher als in all den Jahren davor.
00:50:59: Weil ich hätte nicht damit gerechnet, dass Ein Politiker, in dem Fall was Björn Höcke von der AfD im letzten Jahr sagt, man muss die Schulen von den Ideologieprojekten der Inklusion befreien.
00:51:14: Das ist ein Weg zurück, das ist gefährlich.
00:51:28: Anne lebt weiter in der Familie, im Gedenken, in den kleinen Momenten, in denen ihr Name wieder ausgesprochen
00:51:35: wird.
00:51:37: Was mich sehr, sehr freut ist, dass sie heute wirklich in der Familie Verankert ist im Gedächtnis.
00:51:43: Wir reden über sie.
00:51:45: Ich bin mit meiner Enkeltochter, da war sie acht, in die Tiergartenstraße gefahren.
00:51:50: Das war so für mich unglaublich berührender Moment, als dieses kleine Mädchen da stand mit der weißen Rose.
00:51:57: Und ich ihr diese Geschichte von der Tante Anne noch mal erzählt habe.
00:52:26: Teresa beginnt einen neuen Job.
00:52:28: Schon in der ersten Woche spricht ihr Kollege sie auf ihr Sexleben an und macht anzügliche Witze.
00:52:34: Erst tut sie die Bemerkungen als dumme Sprüche ab.
00:52:37: Aber mit der Zeit bemerkt sie, dass es sich bei dem Verhalten um sexualisierte Belästigung handelt.
00:52:43: Eineinhalb Jahre lang erträgt Teresa Sprüche, Witze und auch körperliche Übergriffe ihres Kollegen, bis Teresa die Vorfälle ihrem Arbeitgeber meldet.
00:52:53: Doch der reagiert anders als erwartet.
00:52:57: Teresa's Geschichte hört ihr in zwei Wochen hier bei Zwölf Leben.
00:53:03: Falls ihr Feedback habt, Anmerkungen oder vielleicht selbst eine Geschichte habt, die ihr mit uns teilen möchtet, dann könnt ihr uns jederzeit eine Mail schreiben an zwölfleben.podimo.atgmail.com.
00:53:15: Diese Mail findet ihr auch in der Folgenbeschreibung.
00:53:24: Zwölf Leben,
00:53:25: Verbrechen an Frauen,
00:53:26: ist ein Podcast von Podimo.
00:53:28: Wir sind Helen Schulte.
00:53:30: Und Massimo Majo.
00:53:32: Autorin dieser Folge, Kiana Lynch.
00:53:35: Schnitt und Sound, Frieda Maurer und Luca Satori.
00:53:39: Ausführende Produzentin, Madeleine Petri.
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